Audi kürzt Produktion und streicht Schichten

Audi in der Krise: Das Unternehmen senkt die Kapazitäten am Standort Neckarsulm deutlich. Statt 225.000 sollen dort im Zuge einer neuerlichen Reduzierung nur noch 150.000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band laufen.

picture alliance / NurPhoto | Jakub Porzycki

Langsam wird deutlich, wie sich die dramatische Krise bei Volkswagen auf die einzelnen Tochterunternehmen und Standorte konkret auswirkt: Drastisches Schrumpfen ist angesagt. Audi hat zu hohe Überkapazitäten, es werden zu wenig Autos verkauft.

So sollen in Neckarsulm nach Informationen des Handelsblatts nur noch 150.000 Fahrzeuge im Jahr von den Bändern laufen statt derzeit 225.000. Auch diese Zahl ist bereits deutlich reduziert: Die rechnerische Gesamtkapazität belief sich ursprünglich auf 300.000 Autos. Noch in den Rekordjahren 2015/2016 produzierte Audi am Standort Neckarsulm rund 260.000 bis 275.000 Fahrzeuge, bis 2019 baute Audi in ganz Deutschland rund 900.000 Autos.

Dann kamen die Grünen, Kanzlerin Merkel und das Verbrenner-Aus.
Im Audi-Werk Neckarsulm gehen also nachts bald die Lichter aus. Die Produktion des A8 läuft aus. Während der Werksferien sollen die frei werdenden Anlagen für zusätzliche A5-Varianten umgebaut werden.

Schon länger geplant ist, dass ab November in Neckarsulm die Nachtschicht gestrichen wird. Rund 1.200 Beschäftigte sind betroffen; sie sollen auf die verbleibenden Schichten verteilt werden. Audi begründet den Schritt mit einer besseren Auslastung der Montage und niedrigeren Kosten. Der Betriebsrat unterstützt die Neuordnung, weil sie den Standort bei der künftigen Vergabe von Modellen wettbewerbsfähiger machen soll.

Im ersten Halbjahr lieferte die Marke weltweit gut 727.000 Autos aus, sieben Prozent weniger als im Vorjahr. In China brach der Absatz um rund 19 Prozent ein, in Nordamerika um etwa 17 Prozent. In Deutschland stiegen die Auslieferungen dagegen um vier Prozent; Elektroautos legten hier um 23 Prozent zu.

Der Umsatz des Audi-Konzerns sank um gut zehn Prozent von 32,6 auf 29,2 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis stieg dank strenger Kostendisziplin und geringerer Rückstellungen leicht auf 1,12 Milliarden Euro, doch eine Umsatzrendite von 3,8 Prozent ist für einen Premiumhersteller ziemlich dünn.

Für das Gesamtjahr senkte Audi die Umsatzprognose von 63 bis 68 Milliarden auf 58 bis 63 Milliarden Euro und die erwartete Rendite von sechs bis acht auf fünf bis sieben Prozent. Finanzchef Jürgen Rittersberger fordert deshalb „groß angelegte strukturelle Verbesserungen“ gemeinsam mit Volkswagen.

Hinter den Kulissen wird inzwischen ein Rettungsplan für Neckarsulm diskutiert, heißt es. Er läuft allerdings nicht auf Wachstum, sondern auf ein kontrolliertes Schrumpfen hinaus. Zusätzlich sollen Doppelstrukturen zwischen Neckarsulm und Ingolstadt verschwinden. Beide Werke besitzen beispielsweise eigene Bereiche für Personal, Buchführung und andere Verwaltungsfunktionen. Auch die rund 600 Mitarbeiter umfassende technische Entwicklung in Neckarsulm gilt als gefährdet. Durch die Zusammenlegung von Funktionen könnten nach internen Schätzungen etwa 1.000 Stellen wegfallen.

Der Neckarsulmer Betriebsrat verlangt zudem, Audi-Modelle aus anderen VW-Werken zurückzuholen. Audi besitzt in Ingolstadt, Neckarsulm und im ungarischen Györ zusammen Kapazitäten für rund 850.000 Fahrzeuge, verkauft in Europa aber nur etwa 700.000. Gleichzeitig werden der Q4 e-tron in Zwickau sowie Q7, Q8 und künftig Q9 in Bratislava gefertigt – zusammengerechnet zuletzt mehr als 160.000 Audi im Jahr. Arbeitnehmervertreter argumentieren deshalb, Audi stütze mit seinen Aufträgen Volkswagen, während die eigene Fabrik in Neckarsulm um ihre Existenz kämpfe.

Immer mehr als strukturelles Problem erweist sich das politisch gewollte Verbrenner-Aus. Neckarsulm produziert in der großen Serienmontage bisher vor allem Verbrenner und Hybride; wichtige Elektromodelle gingen in die Fabriken Zwickau, Ingolstadt oder in andere Werke.

Ab 2035 soll kein Verbrennerfahrzeug mehr in der EU verkauft werden dürfen. Ein K.o.-Schlag erster Güte für einen der wichtigsten Industriezweige.

Die nächste entscheidende VW-Aufsichtsratssitzung ist für den 4. September angesetzt, Mitte September folgt Audi. Für Neckarsulm steht somit ein heißer Herbst bevor – verbunden vermutlich mit der Entscheidung, ob aus einem der größten deutschen Autowerke ein deutlich kleinerer Reststandort wird oder ein vollständiges Aus des traditionsreichen Standortes Neckarsulm.



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