Der Fall Büttner: Recherchen bringen Brandenburgs Antisemitismusbeauftragten in Erklärungsnot

Was als mutmaßlich antisemitischer Anschlag auf Andreas Büttner begann, bekommt durch neue Recherchen eine immer groteskere Wendung. Neue Details zu Übernachtung im Romantikhotel, Blitzüberweisung und Fördergeldfragen bringen Büttner in große Erklärungsnot.

picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt
Andreas Büttner (Die Linke), Antisemitismusbeauftragter für Brandenburg, spricht auf dem Bundesparteitag der Partei Die Linke in Halle/Saale, 2024 - 2026 trat er aus der Partei aus

In der Nacht zum 4. Januar brannte auf dem privaten Wohngrundstück des Brandenburger Antisemitismusbeauftragten Andreas Büttner bei Templin in der Uckermark ein Schuppen neben dem Wohnhaus. An die Haustür wurde ein rotes Dreieck gesprüht, das als Symbol der Hamas gilt. Zuvor soll ein Brief mit Morddrohungen und Beschimpfungen wie „Zionsschwein“ an Büttners Büro im Landtag geschickt worden sein. Der Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Solidaritätsbekundungen kamen unter anderem vom israelischen Botschafter Ron Prosor und vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein.

Inzwischen aber hat die Geschichte eine Wendung genommen, die der Tagesspiegel recherchiert hat und die sich zunehmend wie ein schlechter Benny-Hill-Sketch mit der berühmten Sounduntermalung liest, wäre der Vorgang nicht politisch und strafrechtlich bitterster Ernst: Zwei Freunde und Geschäftspartner Büttners, Daniel R. und Lucas S., stehen nach Ermittlungen des Landeskriminalamts im Verdacht, den Anschlag verübt zu haben.

Die Generalstaatsanwaltschaft ließ in der vergangenen Woche Geschäfts- und Wohnräume der beiden Tatverdächtigen in drei Bundesländern durchsuchen. Büttner selbst wird von den Ermittlern bislang als Zeuge geführt. Er bestreitet jede Verwicklung in den Anschlag und jede vorherige Kenntnis. Doch die Verbindungen zwischen dem Antisemitismusbeauftragten und den beiden 25-Jährigen waren nach den Recherchen des Tagesspiegels enger, als bislang bekannt war.

Romantikhotel für eine tote Hülle

Mitte Dezember 2025, zweieinhalb Wochen vor dem Brandanschlag, verbrachte Büttner mit Daniel R. und Lucas S. eine Nacht in einem Romantikhotel im Südharz unweit von Göttingen. Büttner bestätigt den Aufenthalt. Anlass sei eine „Gesellschafterversammlung“ der gemeinsamen Firma gewesen, die 2023 gegründet wurde und im Handelsregister als Zweck „Unternehmensberatung“ angibt. Büttner hält 51 Prozent der Anteile, Daniel R. und Lucas S. jeweils 24,5 Prozent. Daniel R., bei Gründung 22 Jahre alt, wurde Geschäftsführer.

Ursprünglich, so Büttner, habe man Solaranlagen auf Flächen des Vaters von Daniel R. errichten wollen. Dazu sei es nie gekommen. Trotzdem traf man sich nach seiner Darstellung jährlich zur „Gesellschafterversammlung“. Die Firma beschreibt Büttner heute als „tote Hülle“ ohne Geschäfte. Für diese tote Hülle fuhr er also vier Stunden aus Templin in ein Romantikhotel, in dem Daniel R. die Übernachtung gebucht und bezahlt haben soll. Büttner spricht von einem „netten Abend“ und betont, die drei hätten ein Zimmer „mit zwei getrennten Schlafräumen“ genutzt.

Das ist einer dieser Punkte, an denen die Geschichte ins Groteske kippt. Eine Firma ohne Geschäft, eine Gesellschafterversammlung im Romantikhotel, drei Männer in einem Zimmer mit erklärungsbedürftiger Schlafraumordnung, danach wenige Tage bis zum mutmaßlichen Kauf der Anschlagsutensilien und zum Drohbrief. Wer das als Drehbuch einreichte, bekäme wohl den Hinweis, es sei als Klischee etwas zu dick aufgetragen.

Opernbesuch nach dem Anschlag

Knapp vier Wochen nach dem Anschlag trafen sich die drei erneut. Diesmal ging es nach Leipzig in die Oper, zum „Fliegenden Holländer“. Nach Büttners Darstellung war es eine Einladung der beiden jungen Männer, eine Art Geschenk zur Erholung, weil er Schweres durchgemacht habe. Die Hotelrechnung in Leipzig habe dieses Mal er bezahlt.

Büttner hatte Daniel R. und Lucas S. 2019 kennengelernt, damals waren sie 18 Jahre alt. Der Kontakt entstand über seinen damaligen Praktikanten, als Büttner für die Linke Staatssekretär im Brandenburger Sozialministerium war. Aus dem Umfeld der beiden heißt es laut Tagesspiegel, sie hätten ihn gern „Andy“ genannt. Büttner sagt, sie hätten ihn „Andreas“ genannt. Man beißt sich beim Lesen unfreiwillig auf die Faust über solche Zeilen, es erinnert spontan zu sehr an solche Glanzpunkte deutscher Unterhaltung. In den Corona-Jahren hätten die beiden bei ihm in Templin auf dem Gehöft gezeltet, einfach so, weil sie „Wildcampen“ liebten. Natürlich. Auch die Eltern von Daniel R. in Mecklenburg-Vorpommern kannte Büttner aus der Zeit der Solarpläne.

Blitzüberweisung kurz vor dem Brand

Die gemeinsame WhatsApp-Gruppe von Büttner, Daniel R. und Lucas S. hieß „Gedenkprojekte“. Aha. Kurz vor dem Jahreswechsel, wenige Tage vor dem Anschlag, überwies Büttner Daniel R. per Blitzüberweisung 3000 Euro. Auch das bestätigt er. Daniel R. habe um 20.000 Euro gebeten und Liquiditätsprobleme seiner Firma, eines Betreuungsdienstes, geltend gemacht. Später habe Büttner bemerkt, dass das Geld nicht an ein Firmenkonto, sondern privat an Daniel R. ging. Zurückbekommen habe er es trotz Nachfrage bislang nicht.

Büttner sagt, er frage sich jeden Tag, was die beiden Beschuldigten zu einem solchen Anschlag getrieben haben könnte. Der Tagesspiegel stellt angesichts der Nähe der drei auch die Frage nach einer möglichen Liebesbeziehung. Büttner weist das strikt zurück: „Nein!“ Gegen jeden, der so etwas behaupte, werde er vorgehen. Sein Verhältnis zu den beiden beschreibt er so: „Wir waren gut bekannt. Man kann auch Freunde sagen – je nachdem, wie man solche Dinge definiert.“ Besser passe aber „gute Bekannte“. Es habe kein Vertrauensverhältnis gegeben, in dem man sich alles erzähle oder ständig telefoniere. Man habe sich getroffen, „es hat gepasst“. Es ist alles ganz normal. Gehen Sie weiter. Es gibt nichts zu sehen. Jeder, der etwas anderes behauptet, ist… Füllen Sie betreffende Stelle bitte selbst aus.

Auch das gehört zu dieser bizarren Gemengelage: gute Bekannte, vielleicht Freunde, gemeinsame Firma, Romantikhotel, Opernbesuch, WhatsApp-Gruppe, Blitzüberweisung, Fördergeldumfeld, dann ein mutmaßlicher Anschlag, der dem Antisemitismusbeauftragten enorme öffentliche Aufmerksamkeit verschaffte.

Fördergeld, Ruhm und Ehre

Büttner selbst schließt inzwischen nicht mehr aus, dass die beiden jungen Männer sich Fördergeld für ihre Projekte erhofft haben könnten. Sie hätten womöglich ein Interesse daran gehabt, ihm Aufmerksamkeit zu verschaffen, „Ruhm und Ehre“, und dadurch leichteren Zugang zu Fördermitteln zu bekommen. Er beschreibt sie als früh gesellschaftlich engagierte junge Menschen, die man in der Politik brauchen würde. Einer habe einen bundesweiten Preis erhalten, der andere sei Jugendbeirat in einer deutschen UNO-Gliederung gewesen. Beide seien zielstrebig und umtriebig gewesen, mit immer neuen Ideen. Manchmal habe er sie regelrecht bremsen müssen. Was wiederum immer neue Fragen aufwirft, was für fragwürdige Gemüter sich sonst noch so in dem mit unzähligen Steuermilliarden gemästeten tiefen Sumpf Deutschlands tummelt. Man beginnt, die Dimensionen besser zu erahnen.

Der Tagesspiegel hatte bereits öffentlich gemacht, dass eine gemeinnützige Firma von Daniel R. und Lucas S., aktiv in politischer Bildungs- und Gedenkstättenarbeit, mit Büttner als Schirmherr in seiner Funktion als Antisemitismusbeauftragter nach außen auftrat. Auf der Webseite wurde um Spenden für Brandenburger Gedenkorte geworben, etwa für den Jüdischen Friedhof in Kremmen sowie den Jüdischen Friedhof und die Synagoge in Prenzlau.

Falsche Förderer auf der Homepage

Als Förderer wurden dort auch die Bundeszentrale für politische Bildung sowie die Landeszentralen für politische Bildung in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern angegeben. Alle drei Institutionen erklärten auf Anfrage des Tagesspiegels, die Firma nicht gefördert zu haben. Erfolgreich war sie allerdings beim Bundesfamilienministerium: Im Rahmen des Programms „Das Zukunftspaket für Bewegung, Kultur und Gesundheit“ wurden 2023 und 2024 Fördergelder für drei Projekte bewilligt, insgesamt rund 152.000 Euro.

Büttner sagt, davon habe er nichts gewusst. (Die Titelmelodie von Benny Hill kommt wieder nach oben.) Seine Tochter habe ihm erst kürzlich erzählt, dass die beiden an ihrer Schule ein Projekt verwirklicht hätten. Auch bleibe er dabei, ohne sein Wissen zum Schirmherrn der Initiative gemacht worden zu sein. Seine Bitte, ihn im vergangenen Jahr von der Homepage zu entfernen, sei von den beiden ignoriert worden. Gibt es das schriftlich? Von Daniel R. und Lucas S. gibt es bislang keine Aussagen zu den Vorwürfen und zu Büttners Darstellungen.

Karrieregerücht nach bundesweiter Aufmerksamkeit

Nach dem Anschlag profilierte sich Büttner, damals noch Mitglied der Linkspartei, in bundesweiten Medien als entschiedener Kämpfer auch gegen linken und palästinensischen Antisemitismus. Genau diesen Antisemitismus führte er im März 2026 als Grund für seinen deutschlandweit beachteten Austritt aus der Linkspartei an.

Und dann kommt der nächste Punkt, bei dem diese Affäre endgültig den Charakter einer politischen Groteske annimmt: Nach Tagesspiegel-Informationen gibt es Indizien und Erzählungen aus Regierungskreisen, dass Büttner sich Chancen auf die Nachfolge von Felix Klein als Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung ausgerechnet haben soll. Klein wird ab Sommer 2026 deutscher Botschafter bei der OECD in Paris. Bekannt wurde das am 12. Februar, nachdem das Bundeskabinett am Vortag die Personalie beschlossen hatte. Wie lange Kleins bevorstehender Abgang zuvor in der jüdischen Community kursierte, ist unklar.

Büttner bestreitet Ambitionen auf diesen Posten. Allerdings räumt er ein, dass die mögliche Klein-Nachfolge in der Kommunikation mit Daniel R. und Lucas S. Thema war. Bitte gehen Sie weiter. Es gibt nichts zu sehen. Am 13. Februar 2026 schickte Büttner den beiden per WhatsApp einen Link zu einem Tagesspiegel-Beitrag, in dem über die Nachfolge spekuliert wurde. Die beiden Freunde wiederum sandten ihm eine Pressemeldung der Jusos aus Baden-Württemberg vom 4. März, nach der angeblich auch der Name Andreas Büttner „kursiert“. Bei einem Treffen Anfang März in einem Potsdamer Café sei die Nachfolge ebenfalls Thema gewesen. „Wäre geil für dich“, soll Lucas S. gesagt haben.

Ein Fall, der nach weiterer Aufklärung schreit

So steht am Ende vorerst eine Geschichte, die sich Satz für Satz immer und immer absurder liest: Ein Antisemitismusbeauftragter wird mutmaßlich Opfer eines mutmaßlich antisemitisch inszenierten Anschlags. Verdächtigt werden ausgerechnet zwei junge Männer aus seinem engsten Projekt-, Firmen- und Bekanntenumfeld. Dazwischen liegen Romantikhotel, Opernbesuch, Blitzüberweisung, Fördermittel, falsche Fördererangaben und Karrieregerüchte. Das wäre als Komödie selbst für Nackte Kanone Filmserien zu plump. Als Realität ist es ein politischer Fall, der nach Aufklärung schreit.

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