Venedig: Tribunal der Eitelkeiten – Wenn die Biennale Kunst verspricht und Politik liefert

Die Biennale di Venezia gilt als Hochamt der Gegenwartskunst. Doch zwischen Boykotten, Moralgesten und geopolitischen Konflikten gerät die Kunst immer stärker zur Kulisse eines Betriebs, der vor allem politische Haltung ausstellt.

picture alliance / ANSA | Andrea Merola

Stellen Sie sich vor, es gibt eine großartige Kunstausstellung, und die Mehrheit der Besucher ist nur noch genervt. Die Biennale von Venedig verkauft sich gern als Hochamt der Kunst. Doch im Jahr 2026 wirkt sie eher wie ein diplomatischer Basar mit ästhetischem Beiprogramm. Wer im Regen vor den Giardini ansteht, glaubt noch an Bilder. Drinnen jedoch wird über Macht verhandelt.

Oder anders gesagt: Die Kunst hängt – die Deutungshoheit steht Schlange.

Kuratiert nach Kassenlage der Moral

Die Affäre um Russland hat die Fassade endgültig eingerissen. Wenn aus Brüssel das Signal kommt, eine Teilnahme könne sanktionsrechtliche Konsequenzen haben, dann ist das keine Geschmacksfrage mehr, sondern Staatsraison. Wenn eine Jury geschlossen zurücktritt, weil sie Länder mit international gesuchten Staatschefs nicht bewerten will, ist das kein Gewissensakt, sondern ein politischer Marker, geschniegelt als Moral.

Hinter den Kulissen geht es nicht um Ästhetik, sondern um Haftungsrisiken, um Druck und um das richtige Signal zur richtigen Zeit. Die Biennale behauptet Offenheit – und selektiert entlang geopolitischer Linien. Das ist kein Widerspruch, das ist Methode.

Aktivismus als Spektakel – und als Geschäftsmodell

Pussy Riot liefern genau das, was die Gegenwart verlangt: Bilder, Slogans, maximale Aufmerksamkeit. Pinke Sturmhauben, rosafarbener Rauch, bemalte nackte Brüste und Parolen, die wie Hämmer aus dem Nichts einschlagen, flashmobartig: „Russia kills, biennale exhibits“. Das trifft, und es kalkuliert.

Die bekannte „Pussy“ Nadya Tolokonnikowa wirft Europa vor, der russischen Propaganda Türen zu öffnen, während man die Ukraine rhetorisch zum Schutzschild erhebt. Das sitzt, weil es die Doppelmoral berührt. Aber auch dieser Protest lebt vom gleichen System: Bühne, Klicks, Reichweite. Empörung ist hier kein Störfall, sondern Währung.

Das gleiche Muster zeigt sich auch am israelischen Pavillon: Boykottaufrufe, moralische Absolutheit, Gegenbeschuldigungen der „Indoktrination“. Zwei Lager, ein Reflex und dazwischen Kunst, die zur Kulisse schrumpft. Venedig wird zum moralischen Schnellgericht, ohne Verfahrensordnung, aber mit großem, neugierigem Publikum.

Der Künstler als Sündenbock im Nationaltrikot

Die bequemste Figur in diesem Spiel ist der Künstler, weil er sichtbar, greifbar und ersetzbar ist. Also wird er zum Stellvertreter erklärt. Für Staaten, für Kriege, für Schuld.

Was kann ein russischer Künstler für den Kreml? Nichts. Was wird ihm zugerechnet? Alles. Dasselbe ließe sich spiegeln, wird aber nur selten gespiegelt. Moral gilt selektiv, je nach geopolitischem Rückenwind. Wer das bestreitet, verwechselt Haltung mit Komfort.

So wird aus Kunst Repräsentation, aus dem Atelier Außenpolitik. Wer auftreten darf, entscheidet nicht mehr primär die Qualität, sondern die Passfähigkeit zur aktuellen Empörungslage. Das ist keine Öffnung, das ist Filterblasen-Kuration.

Auf Kosten österreichischer Steuerzahler
Teure Fäkal-Performance: „Künstlerin“ schwimmt in Urin
Ein politischer Akteur, der in diesem Spannungsfeld auffällig moderat auftritt, ist Luca Zaia. Der eloquente und langjährige Präsident der Region Venetien sowie Mitglied der Lega – und nicht ganz zufällig immer wieder als möglicher Innen- oder Wirtschaftsminister einer künftigen Regierung in Rom gehandelt – verkörpert den Typus des pragmatischen Machtpolitikers, der Konflikte lieber einhegt als befeuert.

Zaia versucht gekonnt, die Balance zu halten, wo andere längst Position beziehen: „Ich denke, dass jeder demokratisch das Recht hat, seine Position zu äußern – solange dies mit Augenmaß und im Respekt gegenüber den Organisatoren geschieht.“ Mit Blick auf die Proteste rund um die Biennale ergänzt er, es sei wichtig, diesen Stimmen Raum zu geben, damit auch sie gehört werden könnten. Die Biennale müsse schließlich „ein Ort bleiben, an dem unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden“.

Das klingt nach Ausgleich, fast schon aus der Zeit gefallen in einem Betrieb, der längst von moralischer Zuspitzung lebt. Zaia setzt auf Dialog, wo andere auf Ausschluss drängen. Man kann das als politische Klugheit lesen. Oder als kalkulierte Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass in Rom nicht die Lautesten gewinnen, sondern die Standfesten.

Luca Zaia mahnt also Raum für alle Stimmen an. Das klingt banal, ist es aber längst nicht mehr. Denn dieser Raum wird enger, je lauter die moralische Lautstärke wird.

Von der politischen Kunst zur totalen Politisierung

Politische Spannungsfelder, die die Welt beschäftigten, gab es schon immer. Ebenso Bühnen für Propagandisten: 1968 Vietnam, 1974 Chile. Ja, die Biennale war immer politisch. Der Unterschied liegt heute jedoch darin, dass früher Kunst politisch war. Heute wird alles politisiert und Kunst dient nur noch als Vehikel.

Die Beschleunigung tut ihr Übriges. Jede Geste wird in Sekunden gerahmt, bewertet und skandalisiert. Kontext ersetzt Inhalt. Haltung ersetzt Urteil. Die Biennale ist nicht mehr Spiegel, sondern Verstärker – und zwar für das Lauteste, nicht für das Beste.

Viel Anspruch, wenig Autonomie

Natürlich darf Kunst politisch sein. Aber wenn sie permanent politisch sein muss, verliert sie ihre Freiheit. Wenn Künstler als nationale Avatare gelesen werden, verlieren sie ihre Stimme. Und wenn Institutionen nach geopolitischer Wetterlage entscheiden, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit.

Die Biennale – oder zumindest einige ihrer Akteure – will heute alles zugleich sein: Bühne, Tribunal, moralische Instanz. Das Ergebnis ist ein angespanntes, ächzendes Dauerrauschen, in dem die Kunst untergeht.

Die eigentliche Provokation wäre heute denkbar simpel, und gerade deshalb selten: Kunst zu zeigen, ohne sie sofort politisch zu verwerten, um andere auszuschließen. Letztlich zielt alles auf das Gewissen und die Moral der normalen Besucher und Kunstbeobachter ab: Na, und wie tickst du politisch?

Alles andere ist Inszenierung. Und davon gibt es in Venedig derzeit mehr als genug.

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