Der Feminist, der seine Frau im Internet verschenkte

Er gab Interviews über Gleichberechtigung und hielt nichts von „Alphatierchen“. Jetzt steht Christian Ulmen im Verdacht, unter der Identität seiner Frau Telefonsex mit fremden Männern gehabt zu haben. Über eine Fassade, die zusammenbricht, und die Frage, was daraus folgen soll. Von Silvia Venturini

picture alliance/dpa | Carsten Koall
Christian Ulmen und Collien Ulmen-Fernandes, Berlin, 12.04.2024

Es gibt Sätze, die im Nachhinein eine andere Färbung annehmen. Christian Ulmen sagte einmal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung: „Ich sehe mich komplett als der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat.“ Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erzählte er, dass er zu Hause bleibe, wenn seine Frau Drehtermine habe, dass er sich um die Tochter kümmere, wenn das Kind Ohrenschmerzen habe. Und dass er nichts von Männern halte, die sich wie „vermeintliche Alphatierchen“ verhielten.

Ulmen und seine damalige Frau Collien Fernandes galten als eines der vorzeigbarsten Paare der deutschen Medienbranche. Progressive Arbeitsteilung, gemeinsame Werbespots mit derbem Humor, Interviews über das moderne Familienleben. Zwei Karrieren, ein Kind, eine Villa auf Mallorca.

Nun hat Fernandes ihren Ex-Mann in Spanien angezeigt. Die Vorwürfe, die sie erhebt, lesen sich wie das Gegenteil von allem, wofür er öffentlich stand.

Was Fernandes schildert

Laut der Schauspielerin hat Ulmen über Jahre hinweg auf Plattformen wie LinkedIn gefälschte Profile in ihrem Namen erstellt. Über diese Accounts soll er mit fremden Männern Kontakt aufgenommen, geflirtet und Telefonsex gehabt haben, wobei er sich als seine eigene Frau ausgab. Er soll pornografisches Material verschickt haben, das Frauen zeigte, die Fernandes täuschend ähnlich sahen.

An Weihnachten 2024, so schildert sie es, habe Ulmen ihr alles gestanden. Er habe gezittert und Angst gehabt, im Gefängnis zu landen.

Dem Spiegel liegt eine E-Mail vor, die Ulmen kurz nach diesem Geständnis an einen Strafverteidiger geschrieben haben soll. Darin beschreibt er einen „sexuellen Fetisch“, den er über zehn Jahre entwickelt habe. Er habe unter dem Namen seiner Frau mit etwa dreißig Männern gechattet und ihnen Videos geschickt, deren Protagonistinnen Fernandes ähnlich sahen, um den Eindruck zu erwecken, es handele sich um „private Sextapes“.

Dazu kommen Vorwürfe körperlicher Gewalt. Im Januar 2023 wurde Ulmen auf Mallorca vorübergehend festgenommen, nachdem Fernandes aus einem Fenster um Hilfe geschrien hatte. Eine Richterin sah „ausreichend Anhaltspunkte“, ihn für „Misshandlung“ verantwortlich zu halten. Das Verfahren wurde später eingestellt, weil Fernandes es damals nicht weiterverfolgen wollte.

Was hier eigentlich vorliegt

Bevor der Volkszorn sich in die richtige Richtung kanalisiert, lohnt ein nüchterner Blick auf die Faktenlage. Was hat Ulmen, den Vorwürfen zufolge, eigentlich getan?

Er hat in privaten Chats unter falschem Namen mit Männern kommuniziert. Er hat dabei pornografisches Material verschickt, das nicht seine Frau zeigte, sondern Frauen, die ihr ähnlich sahen. Er hat Roleplay betrieben, fiktive Szenarien inszeniert, Fantasien ausgelebt. Das ist moralisch widerwärtig, ein massiver Vertrauensbruch, menschlich erbärmlich. Aber ist es „virtuelle Vergewaltigung“, wie Fernandes es nennt?

Die Deepfakes, die im Internet kursieren, zeigen nicht ihren Körper. Es sind Pixelfantasien, kreiert von Algorithmen, die ihr Gesicht auf fremde Körper montieren. Es ist ihr Antlitz, aber nicht ihr Fleisch. Wäre der Täter nicht der eigene Ehemann und das Opfer nicht prominent, würde kein Hahn danach krähen. In manchem Rosenkrieg fliegen schlimmere Dinge durch die Luft.

Identitätsklau bleibt. Rufschädigung vielleicht, wobei dafür falsche Tatsachen verbreitet werden müssten. Anmaßung des Personenstands, ja. Aber Vergewaltigung? Das Wort trägt ein Gewicht, das hier nicht passt. Wer es inflationär verwendet, entwertet es für jene Fälle, in denen tatsächlich Körper verletzt werden.

Das soll Ulmens Verhalten nicht entschuldigen. Aber es soll einordnen, was hier geschieht: Ein Skandal wird mit der maximalen emotionalen Wucht aufgeladen, die der Zeitgeist hergibt.

Die Satire, die keine war

Im Licht dieser Vorwürfe lohnt trotzdem ein Blick zurück auf Ulmens Karriere. 2013 erfand er eine Gameshow namens „Who Wants To Fuck My Girlfriend?“. Das Konzept: Zwei Männer traten mit ihren Freundinnen gegeneinander an. Die Frauen mussten Aufgaben erfüllen, in Imbissen Blicke auf sich ziehen, in Sexshops Männer ansprechen. Ulmen moderierte als Kunstfigur mit schiefem Gebiss und ließ frauenverachtende Sprüche los.

Auf die Frage, was das solle, antwortete er der Süddeutschen Zeitung, man müsse „die Doppelbödigkeit“ verstehen. Es gehe darum, Männern, die Frauen zum Objekt machten, „den Spiegel vorzuhalten“.

Die Ironie ist bitter. Unter dem Deckmantel der Satire normalisierte Ulmen genau jene Praktiken, derer er nun beschuldigt wird: Frauen zur Schau stellen, sie verfügbar machen, ihre Körper zum Spieleinsatz erklären. War der Spiegel, den er anderen vorhalten wollte, in Wahrheit ein Fenster in sein eigenes Inneres?

Das Muster der Fassade

Der Fall Ulmen ist kein Einzelfall. In Promi-Kreisen, in der Kulturbranche, in den sogenannten progressiven Milieus häufen sich die Geschichten von Männern, die nach außen hin alle richtigen Sätze sagten und hinter verschlossenen Türen das Gegenteil lebten. Die laut ihre Sensibilität verkündeten und leise ihre Macht missbrauchten.

Es gibt in Italien ein Sprichwort: „Chi troppo si scusa, si accusa.“ Wer sich zu viel entschuldigt, klagt sich selbst an. Man könnte es erweitern: Wer zu laut seine Tugend verkündet, verbirgt vielleicht etwas.

Die echten „Alphatierchen“, jene Männer also, die Ulmen so verächtlich betrachtete, mögen ihre Fehler haben. Doch interessanterweise sind es selten sie, die in solchen Skandalen auftauchen. Die Täter in den MeToo-Fällen, in den Missbrauchsskandalen der Kulturbranche, waren auffällig oft Männer, die sich als Verbündete inszenierten. Männer, die ihre eigene Fragilität hinter progressiven Bekenntnissen versteckten. Männer, die andere für ihr Verhalten kritisierten, während sie selbst weit Schlimmeres taten.

Das Timing und die Gesetze

Es fällt weiters auf, dass dieser Fall zu einem Zeitpunkt hochkocht, an dem die Debatte über Anonymität im Internet neu entflammt ist. Die Klarnamenpflicht, jahrelang ein Randthema, wird plötzlich wieder diskutiert. Und wie praktisch: Hier ist ein Skandal, der zeigt, was passiert, wenn Menschen unter falscher Identität im Netz agieren.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein medienwirksamer Fall dazu genutzt wird, Gesetze durchzudrücken, die weit über den Anlass hinausreichen. Der Mechanismus ist bekannt: Ein empörender Einzelfall, maximale Emotionalisierung, und dann die Forderung nach „Schließung von Gesetzeslücken“. Dass solche Lücken oft aus guten Gründen existieren, dass Anonymität im Netz auch Whistleblower und Dissidenten schützt, gerät in der Empörungswelle unter die Räder.

In Spanien hat Fernandes zumindest eine Chance auf Gehör. Dort gibt es spezialisierte Gerichte für Gewalt gegen Frauen, dort können auch Deepfakes strafrechtlich verfolgt werden. In Deutschland existiert bis heute kein eigener Straftatbestand für gefälschte Pornografie. Ob das eine „Lücke“ ist, die geschlossen werden muss, oder ob bestehende Gesetze ausreichen, ist eine Frage, die nüchtern diskutiert werden sollte. Nicht im Windschatten eines Promi-Skandals, nicht unter dem Druck von Schlagzeilen.

Die Scham wechselt die Seiten

Collien Fernandes hat sich entschieden, öffentlich zu sprechen. Sie beruft sich auf Gisèle Pelicot, jene Französin, deren Fall die Welt erschütterte: Die Scham müsse die Seiten wechseln, weg von den Opfern, hin zu den Tätern. Fernandes sagt, sie wolle, dass Ulmen anerkennt, was er getan habe. Das ist verständlich.

Aber man sollte unterscheiden: zwischen dem, was moralisch verwerflich ist, und dem, was juristisch bestraft gehört. Zwischen dem persönlichen Drama eines Paares und der Frage, welche Gesetze eine Gesellschaft braucht. Zwischen der berechtigten Empörung über einen Heuchler und der Instrumentalisierung dieser Empörung für politische Zwecke.

Christian Ulmen mag der Feminist gewesen sein, der seine Frau im Internet verschenkte. Das sagt viel über ihn, über die Hohlheit öffentlicher Bekenntnisse, über die Abgründe hinter polierten Fassaden. Was daraus für das Recht folgen soll, ist eine andere Frage. Und die sollte man nicht beantworten, solange der Volkszorn noch rollt.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 32 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

32 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
GP
16 Minuten her

Ich weiß nicht, das liest sich wie der Trailer einer neuen Netflix-Serie… Bei Schauspielern frage ich mich generell ob die immer unterscheiden können was das richtige Leben und was eine Filmrolle ist. Wenn man die abseits ihrer Rollen reden hört hat man oft den Eindruck die wissen gar nicht was sie sagen sollen wenn es kein Drehbuch gibt.

Ulrich
20 Minuten her

 Sie beruft sich auf Gisèle Pelicot, jene Französin, deren Fall die Welt erschütterte.“ das ist das andere Widerwärtige an diesem Fall. Frau Ulmen benutzt diese Frau, um in die Schlagzeilen zu kommen bzw. dort zu verbleiben. Beides ist nicht vergleichbar, bzw. jeder Vergleich verharmlost diese konkreten Vergewaltigungen. Sie ist moralisch nicht besser als ihr Ex.

Malte
23 Minuten her

„Genau der Typ Mann, den sich Feministinnen wünschen!“ Die Aussage dürfte rein objektiv zutreffen: Weichei-Ausstrahlung, irgendwie „hintenrum“, die eigenen Wünsche und Ansprüche nicht offen kommunizierend, ein bisschen homophil, perfekte Fassade nach außen repräsentierend. Mit solchen „Qualitäten“ kannst du als Silberrücken und straight-Ansagen einfach nicht mithalten. Ich krieg‘ das Grinsen heute nicht mehr aus dem Gesicht.

MartinKienzle
33 Minuten her

Der sogenannte „Fall Ulmen“ gründet dahingehend wesentlich tiefer, dass er aufzeigt, dass der sogenannte „Feminismus“ dessen gewünschte Wirkung insofern entfaltet, dass er die Beziehung zwischen Männern und Frauen vergiftet (https://www.youtube.com/watch?v=iuvyivgRa1I ab Minute 23:00), dass er Frauen alltäglich erklärt, dass es machbar sei, Männern deren Sexualtrieb zu nehmen, das wiederum die Grundlage lege, dass Frauen in der männlich dominierten Gesellschaft Wertschätzung erführen, das allerdings deswegen eine Fehlannahme bildet, da der männliche Sexualtrieb danach strebt, befriedigt zu werden (Männer verfügen über die zehnfache Menge des Sexualhormons Testosteron als Frauen), das bedeutet, dass je mehr er unbefriedigt bleibt, desto mehr bricht er sich… Mehr

Last edited 20 Minuten her by MartinKienzle
Or
34 Minuten her

Ich kenne weder den Einen, noch die Andere.

Alla hopp. Ab zu allwissenden Müllhalde.
Die Filmografie, Rubrik: „Schauspiel“ und „Moderation“ ist bei Beiden ellenlang.
Und wieder. Ich habe weder einen (Kino-/Fernseh-)Film von einem von Denen, noch eine von einen von Beiden moderierte/kreierte Sendung gesehen.

Gut, ich habe meinen Fernsehkonsum seit mittlerweile Jahrzehnten komplett eingestellt, mein Kinogehen sehr runtergefahren und spare mir die Sneak Previews seit der Jahrtausendwende, aber dennoch.

Ich bin nun etwas ratlos.

Last edited 25 Minuten her by Or
Ben Clirsek
53 Minuten her

Ich weiß nicht, was in diesem Fall wahr oder unwahr ist, aber seit Ulmen, ebenso wie viele andere Schauspielkollegen mit der Aussage „ „Heute bisschen für Kollegen schämen. #allesschlichtmachen“ gegen coronakritische Kollegen gekeilt hat, kann ich mir ein gehöriges Maß an Schadenfreude nicht verkneifen. Dieser ganzen verwoketen und sozialistischen Medien-/ Filmindustrie gehört die Förderung gestrichen. Dann dürften Ulmen, Tschirner und Konsorten in ihrer grandiosen Mittelmäßigkeit keinen Blumentopf mehr gewinnen.

Last edited 44 Minuten her by Ben Clirsek
tbrey
1 Stunde her

Wer eine sexuelle Obsession hat, die ausserhalb der „akzeptierten Normen“ liegt, hat es nicht leicht, auch dann nicht, wenn diese Obsession strafrechtlich nicht relevant ist. Man kann das nicht abschalten, aber man muss es unter Kontrolle halten, damit kein Kollateralschaden wie der hier vorliegende entsteht.

Werner Geiselhart
1 Stunde her

Sehr guter, unaufgeregter Beitrag zum Thema.
Es ist halt immer wieder dasselbe, diejenigen, die ihr Gutmenschentum wie eine Monstranz vor sich her tragen, haben sehr oft Dreck am Stecken, ob strafbar oder nicht.
Wenn ich sehe, wie die Grünen sich über die Epstein-Mitläufer empören, aber selbst in den Achtzigern drauf und dran waren, Pädophilie zu legalisieren und mit Cohn-Bendit einen prominenten Vertreter dieser Spezies immer noch hoch verehren, dann wird mir klar, warum ich bei dieser Partei immer einen Würgereflex bekomme.

luxlimbus
1 Stunde her

Manchmal stellt sich der eigene Partner („in guten wie in schlechten Tagen“) als teilweise fehlender Mensch heraus. Es gibt im Leben kein Abonnement auf Glück! Die ganze Solidarität resultiert dann hier in Trennung und einer Anzeige.

Jens Frisch
1 Stunde her

Da Herr Ulmen in einem Tatort mitwirkt, würde es mich nicht wundern, wenn das alles nur eine Show ist, um dem Klarnamen Gesetz Nachdruck zu verleihen.