Das ZDF feuert den nächsten kritischen Journalisten

Weil er Fragen an den Fernsehrat stellte, hat die Mainzer Anstalt einem Journalisten fristlos gekündigt. Unter Intendant Norbert Himmler muss jeder Angst um seinen Job haben, der noch eine eigene Meinung hat.

picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Normalerweise sind Prozesse ja eher langweilig, erst recht am Arbeitsgericht. Doch dieser Fall ist alles andere als normal, und er ist auch kein bisschen langweilig.

Denn hier entblößt das Zweite Deutsche Fernsehen gerade sein Selbstverständnis.

Vor dem Arbeitsgericht Mainz wird der Fall von Joachim Sperling verhandelt, den alle seit Urzeiten nur Joe nennen. Mehr als 30 Jahre ist der Mann beim Sender – seit 1994 als freier Mitarbeiter, seit 1998 mit einem Vollzeitvertrag, die meiste Zeit davon beim Polit-Magazin „Frontal“. Jetzt wirft ihm die öffentlich-rechtliche Anstalt vor, dem Ansehen des ZDF zu schaden.

Den Namen Joe Sperling werden die meisten nicht kennen. Ganz sicher nicht im Zusammenhang mit Kritik am ZDF. Das liegt daran, dass der Journalist noch nie öffentlich mit Kritik an seinem Arbeitgeber aufgefallen ist. Selbst jetzt, da der Sender ihn rausgeschmissen hat, will er sich zu seinem Fall nicht äußern.

Intern hat Sperling durchaus Kritik geäußert, aber stets nur auf dem Dienstweg. Zum Beispiel hatte er Zweifel an der Überprüfbarkeit der Bilder in einem Bericht über den Ukraine-Krieg. Und er stellte Fragen zu einem langjährigen und inzwischen verstorbenen Mitarbeiter in der „Frontal“-Redaktion. Der Mann wurde kurz nach seinem Ruhestand als Verbindungsmann zweier Geheimdienste enttarnt.

Sperling wollte wissen, ob und wie diese dubiose Verbindung die journalistischen Quellen gefährdet und zum Beispiel die Themenauswahl beeinflusst haben könnte. Wenn über Jahre ein Agent irgendeines Geheimdienstes bei den Redaktionskonferenzen mit am Tisch saß, sind das eher nachvollziehbare Fragen.

Das „Vergehen“, das die Anstalt ihm jetzt vorwirft: Weil seine Vorgesetzten und deren Vorgesetzten seine Kritik abgebügelt hatten, wandte er sich an den Fernsehrat. Doch der, so argumentieren die ZDF-Anwälte, sei ein externes Gremium und im Prinzip ausschließlich für Zuschauerbeschwerden zuständig. Mit der Information dieses Gremiums habe Sperling Interna nach außen getragen. Das sei rufschädigend und rechtfertige die fristlose Kündigung.

Man wundert sich.

Der Fernsehrat ist nicht nur das oberste Aufsichtsgremium des ZDF, sondern er wählt auch den Intendanten. Der Sender stellt sich jetzt auf den Standpunkt, dass zwar jedermann außerhalb des ZDF sich mit Beschwerden und Bedenken an den Fernsehrat wenden könne – aber Kritik und Fragen von Mitarbeitern im Sender dürften da nicht landen.

Joe Sperling hat seine Bedenken wegen der Kriegsberichterstattung und der Geheimdienstverbindung des früheren Kollegen erst dem ZDF-Vertrauensanwalt vorgetragen, dann der Chefredaktion, dann der Intendanz. Er hat also stets sozusagen die Befehlskette eingehalten.

Im Ergebnis ist er überall abgeblitzt. Und nicht nur das: Nach vielen Jahren am Standort Berlin wurde er plötzlich nach Mainz versetzt. Sachlich gibt es dafür überhaupt keinen nachvollziehbaren Grund, zudem hat Sperling Frau und Kind und Wohnung in Berlin. Das ZDF, Überraschung, bestreitet eine „Strafversetzung“.

Trotzdem ging er nicht an die Öffentlichkeit, sondern wandte sich an die letzte Instanz im Sender: an das oberste Aufsichtsgremium, den Fernsehrat. Daraufhin flatterte ihm die fristlose Kündigung ins Haus – nach über 30 Jahren.

Was wäre passiert, wenn ein ZDF-Mitarbeiter den KI-Fake-News-Skandal dem Fernsehrat gemeldet hätte?

Wäre der auch fristlos gekündigt worden? Wie geht die Anstalt mit interner Kritik um? Wird sie als Teil institutioneller Selbstkontrolle verstanden – oder nur als Rufschädigung? Und was für eine Unternehmenskultur pflegt Intendant Norbert Himmler da? Für jeden halbwegs unbefangenen Beobachter entsteht der Eindruck, dass Sender Kritiker mundtot machen will.

Beispielhaft dafür ist nicht nur Joe Sperling, sondern auch Andreas Halbach. Der berichtete bei einer Anhörung im Landtag von Nordrhein-Westfalen von Missständen beim ZDF – und wurde danach kaltgestellt.

So läuft das in Mainz, sagen Mitarbeiter, die – aus nachvollziehbaren Gründen – lieber nicht namentlich genannt werden wollen: Kritiker würden versetzt, Projekte verschwänden in der Schublade, man bekomme keine Teams mehr. Beiträge würden auf Eis gelegt, man habe keinen Zugriff mehr auf Produktionsmittel.

Das sei keine funktionierende innere Pressefreiheit, sondern interne Zensur durch Entzug von Arbeitsmöglichkeiten. In einem Zeitungsinterview lässt sich ein Mitarbeiter mit diesem Satz zitieren:

„Wer intern Fragen stellt, riskiert seine Karriere.“

Nach Ansicht des ZDF ist das alles Quatsch. Die Argumentation geht ungefähr so: Natürlich kann man interne Kritik äußern. Die letzte interne Instanz ist aber der Intendant. Wenn der die Kritik abweist, ist eben Schluss.

Als Zuschauer und Zwangsgebührenzahler stellt man sich da schon die Frage: Wozu braucht es dann überhaupt noch diesen Fernsehrat?

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Kommentare ( 49 )

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49 Comments
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horrex
12 Stunden her

Mir scheint recht deutlich, dass erstens Einigen dort inzwischen erkennbar die … geht. Zweitens, dass man denkbare „Verräter“ aussortiert. Und drittens von irgendeinem Reformwillen oder Wollen in dem „link-woken Apparat“ nix zu sehen ist. –

CanTrucker
14 Stunden her

[“ Hier bedarf es eine grundlegende a de facto de jure Klarstellung, WARUM die GESCHÄFTSLEITUNG der pivaten kommerziellen Fam.GmbHs Unternehmensgruppe „ZDF“ u.a.FIRMENBEZEICHNUNGEN, dies prozessieren können. Simple und einfach: Es gibt KEINE freien souveränen“Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunkanstalten“ die im Namen und freiem Willen des Volkes, als „4.Gewalt“ hier wirken. Denn es gibt auch KEINEN „RUNDFUNK-STAATSVERTRAG“ und auch die „GEZ“ (SUB-GmbH-UNTERNEHMENSGUPPE) ist ein LUG&TRUG-TÄUSCHUNGSPROZESS at its worst….. Alles ist NGOisch unter HANDELSRECHT-VERTRAGSRECHT und somit alles in int. reg.HANDELSREGISTERN eingetragene FIRMEN, like ltd.GmbHs, Corp.Incorp. Orgs.Foundations, e.V`s die irgendwelchen Familien-EINGTHÜMERN gehören, die in bestimmten freimaurerischen Kreisen eingeschworen sind, damit die gemeinsamen GESCHÄFTE und übereinstimmenden MÄRCHENWELT nicht beschädigt… Mehr

Unglaeubiger
15 Stunden her

Himmler, ist der irgendwie verwandt mit …..? Der Name sagt mir etwas, war da nicht jemand in dunklen Zeiten als Propagandaleiter?

Evero
16 Stunden her

Das mit dem Geheimdienstverbindungsmann im Staatssender ZDF ist eine Riesensauerei. Man fragt sich unmittelbar, welchen Einfluß das Ausland auf unsere öffentlich-rechtliche Berichterstattung nimmt. Es ist, glaube ich, auch nicht schwer zu erraten, mit welchen eng befreundeten Geheimdiensten der ZDF-Mann zusammengearbeitet haben dürfte. Es sind unsere engsten Verbündeten in Süd-Süd und West-West. Damit ja die üblichen Narrative abgesichert werden und keine Kritiker in den Sender kommen. So schafft man Deutschland als Resonanzraum eines riesigen Lügengebäudes. Der NSU-Fall gehört ganz sicher auch in diese Monsterlügengeschichte, um Deutschland unten zu halten. Da tun sich mit den Epstein-Files neue Abgründe auf, die Anlaß geben,… Mehr

Michael W.
17 Stunden her

Wozu braucht es dann überhaupt noch diesen Fernsehrat?

Na, um dutzenden Politikern und allen Parteien Zugriff auf die Programmgestaltung und einen möglicherweise gut bezahlten Job zu verschaffen. Angeblich gibt es 520 Euro pro Monat als Aufwandsentschädigung und 150 Euro pro Sitzung. Zuzüglich aller Spesen.
Und dann einfach mal diese Liste angucken:
https://de.wikipedia.org/wiki/ZDF-Fernsehrat#37_weitere_Vertreter
Da dürfte eigentlich keine Partei vertreten sein. Die haben nämlich ihre eigenen Vertreter.
Vetreter der Zuschauer und Zwangsgebührenzahler gibt es natürlich keine.

Kassandra
20 Stunden her

Die Berliner Zeitung schreibt am 22.12.2025, dass das „politische“ Kontrollgremium gar nicht geeignet ist, für „Ordnung“ zu sorgen: In den Aufsichtsgremien des ÖRR sind teilweise so viele Politiker, dass sich das Bundesverfassungsgericht vor elf Jahren in einem Urteil zu einer Klarstellung veranlasst sah: Die Staatsferne werde bei dieser Dichte der politischen Kaste kaum gewährleistet, sie sollte auf ein Drittel der Mitglieder begrenzt werden. Seitdem hat sich kaum etwas verändert. Beim Fernsehrat des ZDF liegt die Politikerdichte bei über 50 Prozent.“ https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/tv-medien/wie-man-dreifach-abkassiert-li.10011053 . Weshalb klagt denn eigentlich da keiner weiter – denn das Urteil scheint ja gar nicht umgesetzt zu werden?… Mehr

Axel Fachtan
21 Stunden her

Hallo Fernsehrat
die Zentrale Deutsche Fälscherwerkstatt
gehört ausgeräuchert.
Dazu müssen folgende Personen vor die Tür gesetzt werden:

1) Himmler
2) Theveßen
3) Hayali
4) Böhmermann
5) alle, die den Whistleblower Sperling rausgeworfen haben

Wenn ihr ein demokratisches Fernsehen mit Qualität wollt, dann muss Sperling sofort wieder eingestellt werden und die Kündigung wird zurückgenommen.
Verlasst Euch drauf, dass er Wesentliches zur Verbesserung des Senders beitragen kann. Er wäre, gerade wegen seiner Unerschrockenheit, ein guter Kandidat für die Nachfolge in der Intendanz unabhängig vom Parteienklüngel.

Haba Orwell
16 Stunden her
Antworten an  Axel Fachtan

> Dazu müssen folgende Personen vor die Tür gesetzt werden

Wieso nicht einfach alle komplett bei Gebührenanpassung auf 0,00?

Sonny
21 Stunden her

Es ist müßig, über dieses Medienkartell auch nur noch ein einziges Wort zu verlieren.
Außer:
Das Bundesverfassungsgericht müsste endlich tätig werden ob dieser ganzen Fakten: Dreht diesen Intriganten endlich den Saft ab – entzieht ihnen die zwangseingetriebenen Mittel!

Realist48
21 Stunden her

Bitte diesen Laden zumachen oder privatisieren, also dem ehrlichen Wettbewerb stellen.

Freiheit fuer Argumente
22 Stunden her

Das erinnert eher an die Strukturen eine kriminellen Vereinigung als einer öffentlich-rechtlichen. In der Industtie gibt externe Beschwerdesten für Whistleblower. Gibt es so etwas nicht beim ZDF?