Social Media: Altersverifikation tötet freie Rede

Vielleicht sind die Vorschläge zur Alterskontrolle bei Social Media gut gemeint. Sie wäre keine offene Abschaffung der Meinungsfreiheit - aber der Aufbau von Infrastruktur, die genau das ermöglicht.

IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Es beginnt fast immer harmlos. Mit guten Absichten und mit der Versicherung, dass man eigentlich kein Freund von Verboten sei, aber die Zeiten eben besondere Maßnahmen erforderten. Wer sich ein wenig mit Geschichte beschäftigt hat, kennt dieses Muster. Gesellschaften, die sich auf Krieg vorbereiten oder sich bereits im Kriegsmodus befinden, verändern sich nicht zuerst militärisch, sondern mental. Und sehr zuverlässig gehört dazu die Einschränkung von Meinungsfreiheit – selten offen, fast immer indirekt.

Deutschland ist dabei, genau diesen Weg zu beschreiten.

Als Friedrich Merz diese Woche Sympathie für ein Social-Media-Verbot für Minderjährige äußerte, klang das zunächst nach Fürsorge. Kinder verbrächten zu viel Zeit vor Bildschirmen, ihre Sozialisation leide, man müsse sie schützen. Verbote seien eigentlich nicht sein Stil, sagte er, aber hier gehe es um Verantwortung. Es ist ein Argument, das kaum Widerspruch zulässt. Wer widerspricht, wirkt sofort verantwortungslos, kalt, zynisch. Genau deshalb ist es politisch so wirksam.

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Was dabei fast vollständig ausgeblendet wird, ist die technische Realität: Ein Social-Media-Verbot für Minderjährige lässt sich nur durchsetzen, wenn Plattformen das Alter aller Nutzer überprüfen. Und Altersüberprüfung bedeutet Identitätsprüfung. Ausweis, Verifikation, Verknüpfung von Online-Identität und realer Person. Der Schritt von „Jugendschutz“ zu flächendeckender Entanonymisierung ist kein Missbrauch, sondern logische Konsequenz.

Preston Byrne hat es kürzlich nüchtern formuliert: Altersverifikation tötet pseudonyme Rede. Und damit nicht nur Trolle oder Hetzer, sondern genau jene Formen von Kommunikation, die in angespannten Zeiten besonders wichtig sind – Whistleblower, Dissidenten, kritische Journalisten, unbequeme Bürger. Wer mit Klarnamen, Ausweisnummer und digitaler Identität spricht, spricht anders. Vorsichtiger. Angepasster. Leiser. Man kann das gut auf LinkedIn beobachten, wo die Kommunikation irgendwo zwischen Kollegen-Lobhudelei und Selbstbeweihräucherung mäandert.

Historisch ist das kein neues Phänomen. Im Ersten Weltkrieg führten nahezu alle kriegführenden Staaten Zensurgesetze ein. Zeitungen wurden kontrolliert, Post überwacht, „defätistische“ Äußerungen kriminalisiert. In den USA verabschiedete man 1917 den Espionage Act, der Kritik am Krieg unter Strafe stellte. Im Zweiten Weltkrieg war Zensur ohnehin selbstverständlich. Aber auch in demokratischen Gesellschaften galt: Je existenzieller die Krise, desto geringer die Toleranz für abweichende Meinungen.

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Dazu passt auch der ständige Kampf der EU gegen die Plattform X. Jemand schrieb dort, X sei heute wie Westfernsehen früher in der DDR. Ich kann nur jedem nahelegen, sich einen X-Account zuzulegen, und sich in dieses Kuddelmuddel aus Meinungen, Perspektiven, Karrikaturen und Statistiken zu werfen. Jede Äußerung von Politikern wird dort sofort geprüft, untersucht, kommentiert und ja, ziemlich oft auch der Lüge überführt. Das ist Kontrolle der Regierenden durch das Volk. Und ja, es gibt dort auch pro-russische Accounts und manche von ihnen sind Bots. Und ja, es gibt dort auch Pro-NATO-Accounts und manche von ihnen sind Bots. Mit etwas Medienkompetenz sind sie aber leicht zu erkennen.

Vor einigen Monaten tauchte dort ein Video von Peter Hahne auf, dem ehemaligen ZDF-Heute-Moderators. Hahne sprach darin von der Umstellung deutscher Autokonzerne auf Kriegswirtschaft. Drei Quellen hätten ihm bestätigt, dass dies im Frühjahr 2026 geschehen würde. Auf X wurde das Video geteilt und kommentiert. Auf den allermeisten Medien erfuhr man davon nichts.

Vor zwei Wochen dann sagte Ursula von der Leyen auf der Münchener Sicherheitskonferenz: „Wir müssen die Mauer zwischen der zivilen Wirtschaft und der Verteidigungsindustrie einreißen. Europa ist ein Kraftzentrum des Autobaus, der Luftfahrt und des Maschinenbaus. Wir sollten diese Industrien nicht nur kommerziell betrachten, sondern auch als Herz der Verteidigungswertschöpfungskette“.

Es war Kim Dotcom, der das Video postete. Man mag dessen Tonfall für überzogen halten, seine Motive hinterfragen, seine Biografie problematisch finden. In dem Fall aber hatte er schlicht Recht. Denn kurz darauf sagte Ex-Nato-Chef Anders Fogh Rasmussen in einem Interview mit der Zeitung die WELT genau dasselbe: „Wir werden die europäischen Volkswirtschaften auf Kriegswirtschaft umstellen müssen.“

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Kriegswirtschaft bedeutet in diesem Sinne nicht nur mehr Rüstungsproduktion oder höhere Verteidigungsausgaben. Sie bedeutet Zentralisierung, Mobilisierung, Disziplinierung. Sie bedeutet, dass individuelle Freiräume zugunsten eines höheren Ziels eingeschränkt werden. Pseudonyme, schwer kontrollierbare Kommunikation ist in solchen Phasen kein erwünschtes Gut, sondern ein Störfaktor.

Die neue Form der Zensur kommt dabei ohne Zensor aus. Niemand verbietet eine Meinung explizit. Stattdessen werden die Kosten des Meinens erhöht. Wer weiß, dass jede Äußerung eindeutig einer Person zugeordnet ist, überlegt es sich zweimal. Selbstzensur ersetzt das Verbot. Effizienter, leiser, politisch eleganter. Auch das wird mittlerweile ziemlich offen auch so gesagt.

Als der Journalist Florian Warweg auf der Bundespressekonferenz nach den harten Saktionen gegen Kritiker wie Jacques Baud ansprach, antwortete ein Sprecher des Auswärtigen Amts zynisch: „Ich bin übrigens auch Ihnen Herr Warweg dankbar dafür, dass Sie immer wieder bekannt machen, dass es diese Sanktionen gibt und dass es dieses Sanktionsregime gibt. Denn klar ist: Denjenigen, die das unterlaufen, muss bekannt sein, dass das Ganze mit Kosten verbunden ist und womit dann zu rechnen ist.”

Vielleicht geht es wirklich um Kinder. Vielleicht geht es um Gesundheit. Vielleicht ist alles gut gemeint. Aber Geschichte lehrt, dass gute Absichten kein verlässlicher Schutz vor schlechten Ergebnissen sind. Was wir derzeit beobachten, ist keine offene Abschaffung der Meinungsfreiheit. Es ist der Aufbau von Infrastruktur. Und Infrastruktur ist niemals neutral. Sie wartet nur auf ihren Einsatz. Oder weiß noch jemand, dass man vor dem 11. September 2001 fliegen konnte, ohne dass man sich und Gepäck durchleuchten lassen musste?

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob diese Mittel missbraucht werden. Sondern wann. Und in welchem Kontext. Wer das für alarmistisch hält, sollte weniger auf politische Versprechen hören – und mehr auf historische Erfahrung. Und sich einen X-Account zulegen, so lange das noch möglich ist.

Philipp Mattheis auf x: https://x.com/PhilippMattheis

Dieser Artikel erschien zuerst auf meinem Newsletter. blingbling.substack.com ist der größte deutschsprachige Newsletter über #Bitcoin, Geld und Geopolitik

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Kommentare ( 22 )

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hansgunther
3 Stunden her

Keinesweg naiv sollte man sein.Hier geht es ausschließlich um den Machterhalt um jeden Preis! Die Politik bzw. Parteien und „deren“ Regierungen in Bund und Land haben jedes Maß an Anstand, Integrität und Charakter aufgegeben, nicht verloren, um der einzig verbliebenen Opposition und ihren Protagonisten das Blut fast sprichwörtlich am Halse abzudrücken. So hart es klingt, so hart ist es für die, die in ehrlicher Absicht eine andere, bessere Politik für Land und Leute anbieten wollen. Die grenzenlosen Diffamierungsversuche, das ständige Skandalisieren und die Rufschädigungen jeder Art, seien sie noch so mies und an den Haaren herbeigezogen, haben längst jedes normale… Mehr

Dunkelsachse
3 Stunden her

Einen Punkt in der Debatte um Zensur und Klarnamenpflicht vermisse ich: In gleicher Tendenz gibt es offenbar rund um den Globus Bestrebungen. Es heißt zwar nicht überall so, aber es geht immer: Um die zwingende Benutzung einer digitalen ID.

Da die Vorgänge nicht nur in „befreundeten“ Ländern spielen dürfte wieder mal jemand im Hintergund die Fäden ziehen, wie bei C. Ich rede jetzt aber nicht vom Deep State. Solche VT weise ich von mir.

Michael Palusch
4 Stunden her

Glaubt es der Autor wirklich oder passt er sich nur den bereits in Startlöchern stehenden Maßnahmen an, wenn er hinter der Altersverifikation eine ehrbare Absicht zum Schutze der Kinder vermutet?
Spätestens Merz‘ „Ich will im Internet Klarnamen sehen“ sollte ihm doch die Augen geöffnet haben!?

Last edited 4 Stunden her by Michael Palusch
AmitO
4 Stunden her

Was übrigens nicht per Altersverifikation geprüft wird /werden soll: Pornoseiten. Insbesondere auch die „guten“ mit (fake-) Snuff und Necro.
Soviel zum Thema „Kindeswohl“.

Johny
4 Stunden her

Nein, es ist nicht „gut gemeint“, sondern ein Misstrauensantrag an die heranwachsende Generation. Und was möglich ist, wird man früher oder später trotz aller Schwüre auch tun, war schon immer so. Die Meinungsfreiheit wird heute schon beschnitten, in dem schon jetzt mit Steuergeld gepamperte „Greifer- NGO`s“ die Drecksarbeit stellvertretend machen. Wehret den Anfängen – nie wieder ist heute.

OJ
4 Stunden her

PERFEKTE ALTERSKONTROLLE :
Social Media; sperren bis 16 Jahren
Wahlberechtigung; sperren ab 70 Jahren❗

Last edited 4 Stunden her by OJ
hansgunther
1 Stunde her
Antworten an  OJ

Ihre Obsession gegen die Alten sollten Sie nochmals überdenken. Denn in unserem Lande gibt es genug „senile“ weit unter dieser genannten oberen Altersschwelle für betagte Bürger. Die meisten stehen noch mitten im Leben und spüren nicht den geringsten Schmerz ob der täglichen gewollten Katastrophen an uns und unserem Staat. Ausschließlich verursacht von einer Machtclique, die uns niederringen will, ohne uns je den Krieg erklärt zu haben. Feiglinge sind sie auch noch!

OJ
51 Minuten her
Antworten an  hansgunther

Lediglich eine Recherche über das Wahlverhalten der Mehrheit der Rentner seit Gründung der Bundesrepublik, keine Obsession❗

Tesla
4 Stunden her

Der Volksmund sagt: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ Wobei ich in Bezug auf „Social Media“ der Meinung bin, dass diese Vorsätze nur vorgeschoben sind, um früher oder später eine Klarnamenpflicht aller durchzusetzen. Was musste Kohl einst alles an Kritik und Spott ertragen – u.a. die „Birne“ – und er hat das alles ertragen. Aufrecht als Demokrat. Die Schranzen von heute sind dagegen so dünnhäutig und mimosenhaft geworden, dass sie weder Kritik noch Spott o.ä. ertragen können. Deshalb gebt es bereits den „Majestätsbeleidigungsparagraphen“, und genau deshalb wollen die Schranzen auch die Klarnamenpflicht. Damit sie noch mehr einfache… Mehr

KFischer
4 Stunden her

Unsinn, gemengefährliche Absichten bewusst hinter vorgeschobenen Argumenten versteck. Das Muster ist doch nun wirklich leicht zu erkennen.

Brauner Bodensatz
4 Stunden her

Ich sehe es kritischer. Kommunikation und Meinungsäußerung dürfen nicht von einer wie auch immer gestalteten „Altersverifikation“ abhängig sein. Bereits damit würde unter dem Deckmantel eines angeblichen Jugendschutzes nur an weiteren Stellen Opposition gegenüber und Kritik an den miesesten Regierungen der letzten Jahrzehnte eingeschränkt. Das haben sich die Väter des GG ganz bestimmt genauso wenig vorgestellt wie die „billigen“ Grundrechte-Einschränkungen während der Corona-Zeit. Es sollte klar geworden sein, dass selbst die besten (Grund-) Rechte letztlich abhängig sind von der Interpretation und Anwendung durch erstinstanzliche, inzwischen leider politisierte und wenig unabhängige „Richter“. Deshalb wäre es unter freiheitlichen Gesichtspunkten sinnvoller, erst gar keine… Mehr

Last edited 4 Stunden her by Brauner Bodensatz
Inana
5 Stunden her

Natürlich geht es nicht um Kinder und natürlich ist es nicht gut gemeint. Es geht eben darum, Meinungen zu kontrollieren und die Gesellschaft mental „kriegsfähig“ zu machen. Das Ziel wurde ja hier sogar in der Bundespressekonferenz offenbar ganz klar ausgesprochen: Den Leuten soll klargemacht werden, dass abweichende Meinungsäußerungen mit hohen Kosten verbunden sind.