Friedrich Merz auf dem CDU-Bundesparteitag: Floskelfeuerwerk und politischer Fatalismus

Anhaltender Applaus für Angela Merkel, Floskel-Feuerwerk vom Bundeskanzler und gebetsmühlenartige Mittelstandsprosa, gerichtet an die Öffentlichkeit – der CDU-Bundesparteitag in Stuttgart wirkte wie eine uninspirierte Komödie des deutschen Parteienwesens. Vor allem aber bot er eine bittere Parenthese auf den Zustand der politischen Elite.

picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Parteitage dienen in erster Linie der Binnenhygiene und der Mobilisierung komplexer politischer Körper. Dies gilt in besonderem Maße zu Beginn eines Wahljahres, wenn Kampagnen geschärft, Reihen geschlossen und eherne Gewissheiten beschworen werden – Parteien sind selbstreferentielle Vereine, die ihre Anhänger mit verständlicher Sprache und Wohlfühlatmosphäre an sich binden.

Fünf Landtagswahlen stehen in diesem Jahr im politischen Kalender – fünf Urnengänge, bei denen sich die Tektonik des Parteiensystems aller Voraussicht nach weiter verschieben dürfte, ohne unmittelbare Strukturbrüche heraufzubeschwören. Dennoch steigt der Druck im Parteienkessel. Und in Berlin wächst der Schatten der letzten Oppositionspartei. Scheitert die sorgfältig inszenierte Camouflage des gewaltigen Schuldenpakets der Regierung Merz und bleibt auch das milliardenschwere Rüstungspaket ohne sichtbare, rasche Stabilisierungseffekte für die erodierende Industrie, gehen der Regierung schon bald die Argumente aus.

Wie sollte es dann gelingen, angesichts wachsender Massenarbeitslosigkeit die unleugbare Signatur der grünen Transformationsagenda mit immer neuen medialen Manövern zu überdecken? Und wie ließe sich zugleich die erstarkende Alternative für Deutschland dauerhaft in Schach halten, wenn die ökonomische Realität die politische Erzählung im Sprint überrennt?

Es war daher zu erwarten, dass auch in Stuttgart beim CDU-Bundesparteitag die letzte verbliebene Oppositionskraft in das Zentrum von Friedrich Merz’ bleischwerer Kampfrhetorik rücken würde – Deutschland kennt ja glücklicherweise keine schwerwiegenden gesellschaftlichen Probleme, kann sich also lustvoll dem persönlichen Befinden und der Karriereplanung seiner Regierungsvertreter zuwenden. Der freundschaftliche Schulterschluss mit SED-Die Linke, SPD und Grünen schließt einen grundlegenden politischen Wandel auf absehbare Zeit sowieso aus. Weshalb also der Stress?

Der lang anhaltende Beifall für die ehemalige Bundeskanzlerin und ideologische Bahnbrecherin Angela Merkel sagt uns wiederum, dass man sich in Unionskreisen längst damit arrangiert hat, mit den Ökosozialisten und dem übrigen Spektrum linker Zentralisten gemeinsame Sache zu machen – nicht zuletzt, um die gut abgesicherte Komfortzone der Macht nicht zu gefährden.

Friedrich Merz sah sich somit vor die Aufgabe gestellt, in seiner Bewerbungsrede zur Wiederwahl zum Parteivorsitz jene Kräfte wenigstens ansatzweise zu mobilisieren, die eine seit Jahren in Lethargie und inhaltlicher Monogamie erstarrte CDU noch aufzubringen vermag. Der Mann, der einst in grauer Vorzeit das Image eines rhetorisch versierten Wirtschaftsfachmanns kultivierte, zündete dabei ein regelrechtes Feuerwerk der Floskeln.

Beschränken wir uns auf einige Kostproben aus dem schmalen Arsenal zeitgenössischer Redeschreiberkunst: „Wir sind die politische Partei der Mitte in Deutschland, und wir lassen uns das von niemandem streitig machen“, dekretierte der Kanzler, bevor er die CDU im Stakkato und im treibenden Presto zur Zukunftspartei, zur Partei der Zuversicht und, beinahe selbstreferenziell, zu einer Macher-Partei prädizierte.

Der unfreiwillig-humorvolle Höhepunkt dieser inhaltlich trüben und mit Blick auf die AfD auffallend fixierten Rede war erreicht, als Merz die CDU schließlich noch zur Partei der Anpacker und Optimisten uminterpretierte – ein denkbarer Parteitags-Klimax für manchen Funktionär, sollte er diese Worte auf sich persönlich bezogen haben.

Eine Partei der Mitte soll sie also sein, diese CDU, die ohne jede Scham mit linken Kräften kooperiert und dabei den Eindruck erweckt, ihr verbliebenes Identitätsprofil leite sich ausnahmslos aus einem künstlich beatmeten AfD-Ressentiment ab.

Allerdings täte man der Union Unrecht, verkürzte man ihre gegenwärtige Identität allein auf den Abwehrkampf gegen die AfD. Dass sich die Delegierten in Stuttgart zudem für ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren aussprachen, inklusive Verifizierung über eine ID-Wallet, zeigt, dass die Partei zunehmend zu einem paternalistischen Etatisten-Club mutiert. Wahrlich kein Ruhmesblatt für eine Partei, die einmal die Mitte der Gesellschaft repräsentierte und sich nicht als repressive Erziehungsanstalt freier Bürger empfand.

Jüngere Beobachter der Union dürften es kaum glauben: Vor nicht allzu langer Zeit vertrat diese Partei noch ein christliches Menschenbild, bürgerlich-meritokratische Werte und eine erstaunlich weit reichende Souveränität des Individuums.

Das Selbstverständnis einer parteipolitischen Repräsentanz des Bürgers ist seit Angela Merkels Zeiten dem Anspruch eines typischen Parteienstaates gewichen. Gesellschaftlicher Wandel wird dekretiert und darf kein evolutorischer und natürlicher Prozess mehr sein. Und Friedrich Merz ist der oberste Repräsentant dieses neuen Selbstverständnisses.

Der Umgang mit den Folgen der grünen Transformation und deren ökonomische Konsequenzen bestimmen die strategische Hauptkampflinie des Bundeskanzlers.

Es ist der CDU gelungen, bis auf den heutigen Tag ihren Charakter eines Kanzlerwahlvereins zu bewahren – mit dem entscheidenden Unterschied, dass sich frühere CDU-Kanzler substanziell der Sozialen Marktwirtschaft, dem Mittelstand und einer christlich-zivilisatorischen Ethik verpflichtet fühlten, während die gegenwärtige Partei einen beinharten Ökosozialismus predigt. Die ökosozialistische Ideologie der Metaebene verschmilzt mit der Realpolitik der Union zu einer Einheit, die von den Delegierten des Parteitags als eine Art politisches Fluidum kaum noch wahrgenommen wird.

Merz versteht es nur zu gut, seinen Koalitionspartner ideologisch mit dem grünen Transformationsprojekt zu belasten und sich selbst zugleich als gestaltende Kraft zu inszenieren. Um diesen Widerspruch zu zerstreuen, mutiert Politik zwangsläufig zu einer medialen Designfrage. Medienstrategien gewinnen den Stellenwert, den zu früherer Zeit die Realpolitik besaß.

Medienstrategisch erweist sich Friedrich Merz als politischer Dinosaurier. Seine wiederkehrenden rhetorischen Täuschungsmanöver folgen altbekannten Mustern und dienen ausschließlich dem Zweck, Zeit zu gewinnen und den Pfad der grünen Transformation so weit zu beschreiten, dass eine Umkehr nur unter größten gesellschaftlichen Schmerzen möglich erscheint.

Diese Strategie verliert angesichts der wachsenden alternativen Medien und der vibrierenden Horte digitaler Meinungsfreiheit spürbar an Durchschlagskraft. Merz spürt, dass es Kritikern leichtfällt, Publikum zu finden und meinungsstark gegen seine Politik in Stellung zu bringen. Der Aufbau eines Zensurapparates und die Infiltration der letzten Reste des freien Internets durch Staatsakteure erscheinen aus dieser Perspektive als zwangsläufige Konsequenz – als Instrumente zur Eliminierung dissidenter Umtriebe.

Dieses Verhalten gleicht einem Crashkurs mit der gesellschaftlichen Realität im Land. Es ist politischer Fatalismus, eine Haltung der Alternativlosigkeit, wie sie einst schon Vorgängerin Merkel prägte und die nun stilbildend für diese Union geworden ist. Niemand scheint sich noch ernsthaft mit den eigentlichen Problemen dieser Gesellschaft befassen zu wollen. Die Entkernung der CDU ist vollzogen, die repressive Politik ist der Bass, der den Parteitag trägt.

Dass selbst das fundamentale Thema unserer Zeit, die anhaltende Massenmigration und zunehmende Islamisierung des Landes, in keinem einzigen Delegiertenantrag Erwähnung findet, verweist über den Parteirahmen hinaus auf eine tieferliegende Krise des europäischen Selbstverständnisses. Man lässt die Dinge geschehen, da man sich der linken These unterworfen hat, keinen eigenen Anspruch auf kulturelle Identität besitzen zu dürfen.

Das „C“ im Parteinamen dürfte in Zukunft wohl verschämt in den Hintergrund treten und eines Tages womöglich durch eine andere, inhaltsleere und nichtssagende Vokabel ersetzt werden. BlackRock-Mann Merz ist überdies alles andere als ein Identitätsstifter oder kulturpolitischer Visionär. Kanzler zu sein – existenzialistisch gesprochen und durchaus redundant gedacht – bedeutet ihm nunmehr Existenz an sich.

Ein politischer Gestaltungsanspruch lässt sich aus diesem politischen Ansatz nicht ableiten, wohl aber eine Form der Verwaltung des Status quo: die Administration einer Gesellschaft im ökonomischen Abwind und im Modus der fortschreitenden Selbstaufgabe ihrer Werte und Traditionen.

Das System, das Friedrich Merz trägt, wäre in einer tatsächlich freien Gesellschaft kaum lebensfähig. Der Ökosozialismus erscheint als historisch verformtes Derivat früherer sozialistischer Entwürfe, das sich von seinen Vorgängern vor allem durch die emotional aufgeladene Komponente des Klimakampfes unterscheidet.

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Kommentare ( 8 )

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deltacenter
1 Tag her

Ich schau das und denk nur eins „The walking Dead“….

mari
1 Tag her

In den letzten Jahren wurden doch der Parteivorsitzende und der Spitzenkandidat der CDU durch eine Wahl aller Mitglieder ernannt bzw. bestätigt. Warum diesmal nicht? Furcht vor der Abstimmung der Mitglieder? Repräsentieren eigentlich die Deligierten bei der Wahl den Mehrheitswillen von Teilen der Parteibasis, die sie zu ihrem Repräsendanten gewählt haben ? Das kann ich mir bei 91% Zustimmung für Merz nicht vorstellen. Grund: Mir sind einige CDU Mitglieder bekannt, die sich durch das Einkassieren der Wahlaussagen von Merz verschaukelt fühlen. Wofür haben wir eigentlich Wahlkampf gemacht, fragen sie sich. Und unter der Hand haben sie mir zu verstehen gegeben, dass… Mehr

November Man
2 Tage her

CDU hat Kanzler Merz mit satter Mehrheit überlegen erneut zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Die Gegenkandidaten hatten keine Chance.

Siggi
2 Tage her

Die Veranstaltung war nur peinlich. Hinter vorgehaltener Hand wurde ganz anders gesprochen, aber es hieß ja, wir müssen als Ganzes zusammenstehen. Das wurde bei der Auszählung der Briefwahl ausdrücklich berücksichtigt. Die Wahl hätte gar nicht stattfinden müssen, denn der Wert stand vorher fest. Es sollte nicht ganz nach DDR aussehen, aber deutlich über 90 %. Alles unter 90 % wurde von vornherein als katastrophal bezeichnet. So ist das Wahlergebnis erzeugt. Insgesamt habe ich den Parteitag genauso wahrgenommen, wie den 40-ten Jahres tag der SED. In zwei Woche könne wir den nächste Akt „Gewichtung“ sehen. Die Wahlergebnisse werden sicherlich nach Dringlichkeit… Mehr

November Man
2 Tage her

Hätte die CDU besser mal einen unter 14-Jährigen gefragt. Der hätte ihre technischen Probleme beim Parteitag ruck-zuck gelöst.

rainer erich
2 Tage her

So ist es, sowohl was das Parteien( un) wesen wie auch die ( Polit) elite betrifft, wobei man den Zusatz “ politisch“ durchaus streichen kanm. Es bleibt, angesichts des dramatischen Befundes, umso mehr die Frage nach dem Ausweg, wenn man nicht dem Fatalismus oder dem System zuneigt. Letzteres, weil man daraus kommt und sich ein Leben ausserhalb bzw in einem anderen nicht vorstellen kann und mag. Offenkundig ist es mit dem Ausweg, der Wende, ziemlich schwierig. Ich hörte ein Gespräch eines FDP ! – Funktionärs aus BW mit Harald Schmidt, in dem Ersterer nach der Wahl mit 5 % plus… Mehr

Logiker
2 Tage her

Das war ein einziger Offenbarungseid, der durch die Klatschhasen nur noch verstärkt wurde.

Es bleibt die Frage:

wer und warum wählt diesen Verein immer noch und immer wieder?

Was ist das für ein armeseliges Niveau – auf der Bühne, unten im Saal und bei den Wählern……

Last edited 2 Tage her by Logiker
Haba Orwell
2 Tage her

Böses Medium heute: „CDU-Generalsekretär Linneman: Ohne Migration kein Wirtschaftswunder“

Kommt er nicht darauf, dass dazu Migrierende:innen auch was arbeiten müssten?

> „… Generalsekretär Carsten Linnemann wurde mit rund 90,5 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Während seiner Rede erklärte Linnemann, dass die CDU hinter Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund stehe. … Wir brauchen diese Menschen“, schrie er regelrecht von der Bühne und erhielt tosenden Applaus. …“