Die neue niederländische Minderheitsregierung will EU-Gelder streichen und das Stimmrecht unliebsamer Staaten beschneiden. Ungarn und die Slowakei stehen hierbei namentlich am Pranger. Was als „Verteidigung europäischer Werte“ verkauft wird, ist ein Frontalangriff auf das Vetorecht und die nationale Souveränität.
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Die Niederlande schlagen einen Kurs ein, der es in sich hat. Im Koalitionsvertrag der neuen progressiven Minderheitsregierung findet sich eine Passage, die unmissverständlich formuliert ist: Länder, die als euroskeptisch gelten, sollen künftig mit dem Entzug von Mitteln und Stimmrechten rechnen. Ungarn und die Slowakei werden ausdrücklich genannt.
Im Kapitel zu den internationalen Beziehungen bekennt sich die Koalition pathetisch zur Europäischen Union. Frieden und Sicherheit seien nur gemeinsam mit den europäischen Partnern zu erreichen, die EU bringe Wohlstand und Stabilität. Zugleich fordert sie ein „Erwachsenwerden“ der Union als geopolitische Macht mit intensiverer Zusammenarbeit auf allen Ebenen.
Was das konkret heißt, steht ebenfalls im Vertrag. Die Regierung plädiert für ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten, also für eine vertiefte Integration einzelner Staaten bei gleichzeitiger maximaler Erweiterung des Blocks. Wer nicht mitzieht, gerät unter Druck. „Wir gehen hart gegen Länder vor, die Europa aktiv untergraben, wie Ungarn und die Slowakei“, heißt es wörtlich. Das Verfahren nach Artikel 7 solle vereinfacht werden, damit es leichter werde, Staaten ihr EU-Stimmrecht zu entziehen. Für Ungarn wird explizit der Verlust des Zugangs zu europäischen Mitteln in Aussicht gestellt. Zudem setzt sich die Koalition für das Ende der Einstimmigkeit in der Außen- und Sicherheitspolitik ein.
Damit zielt Den Haag auf einen der Grundpfeiler der EU. Das Vetorecht in sensiblen Bereichen wie der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik sollte sicherstellen, dass kein Mitgliedstaat zu Entscheidungen gezwungen wird, die seiner Souveränität, Sicherheit oder seinen Kerninteressen widersprechen. Genau dieses Schutzinstrument steht nun zur Disposition.
Hintergrund ist der anhaltende Widerstand der ungarischen Regierung gegen zentrale Projekte aus Brüssel – von Migration und Asyl über Klima- und Energiepolitik bis hin zu Fragen rund um den Ukraine-Krieg oder LGBTQ+-Themen. Ungarn nutzte sein Vetorecht wiederholt, um EU-Vorhaben zu blockieren. Die EU reagierte mit eingefrorenen Geldern und der Drohung, Stimmrechte zu entziehen. Der frühere Europaabgeordnete Derk Jan Eppink nennt die Passage im Koalitionsvertrag „lächerlich“. Die Haltung der nach dem liberalen Koalitionsführer Rob Jetten benannten Regierung sei „arrogant und völlig kontraproduktiv“. Eppink erinnert daran, dass für eine Änderung der EU-Verträge und die Abschaffung des Vetos Einstimmigkeit erforderlich ist. „Wer den Vertrag jetzt aufbricht, wird ihn nicht wieder schließen können“, warnt er. Viele mittel- und osteuropäische Staaten würden sich dieser zentralistischen Mentalität widersetzen.
Beifall kommt hingegen von Daniel Freund, Europaabgeordneter der Grünen und scharfer Kritiker Viktor Orbáns. Er spricht von seiner „Lieblingsstelle im neuen niederländischen Koalitionsvertrag“. Auch die euroföderalistische Partei Volt begrüßt das Vorhaben ausdrücklich und fordert, Verstöße gegen EU-Kernwerte wirksamer zu sanktionieren.
Bemerkenswert ist die Radikalität des Kurses auch deshalb, weil die Niederlande selbst eine Geschichte EU-kritischer Volksentscheide haben. 2005 lehnten 61,5 Prozent der Wähler die EU-Verfassung ab. 2016 sprach sich eine ähnliche Mehrheit gegen das EU-Ukraine-Assoziierungsabkommen aus.
Nun tritt ausgerechnet eine niederländische Regierung an, um anderen Staaten die Stimme zu entziehen, wenn sie sich Brüsseler Mehrheitsentscheidungen widersetzen. Das Signal ist eindeutig: Wer sich der Integrationslogik nicht beugt, soll politisch kaltgestellt werden. Aus dem Projekt europäischer Zusammenarbeit droht so ein Projekt disziplinierender Machtpolitik zu werden.

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Da kann man sich nur noch wünschen das es bis Ende März kalt bleibt, damit in Schland und bei den Käsköppen die Lichter ausgehen, anders lernen diese Verrückten nicht, was Demokratie bedeutet.
> Die Haltung der nach dem liberalen Koalitionsführer Rob Jetten benannten Regierung sei „arrogant und völlig kontraproduktiv“. Die Niederländenden:innen haben sich selber diese totalitäre Satrapie erwählt, in fortgeschrittener Dekadenz. Ich verstehe das hiesige Gejaule nicht, sollte künftig weniger bescheuerte Bevölkerung die grenzenlos bekloppte ersetzen. Aus den „Progressiven“ wird nie mehr was. Gleichwohl hat Wilders gegen die falschen Bevölkerungsteile gehetzt – er sollte nicht pauschal die Muslime remigrieren wollen, sondern schon eher die wokisierten Einheimischen, welche eine „protestantische“ „Kirche“ besuchen, die sicherlich ähnliche Gehirnwäsche verpasst wie die ergrünte Luther-NGO in Buntschland. Bei großen Teilen der Gesellschaften Westeuropas wird nie mehr Vernunft… Mehr
Man verkennt offenbar, dass sich die osteuropäischen Staaten (Ungarn, Tschechien, Slowakei, Polen u.a.) sowie Ostdeutschland vor 35 Jahren vom Joch der Diktatur befreit haben, sowohl intern von den kommunistischen Machthabern und extern vom Diktat der Sowjetunion. Glaubt man allen ernstes, diese Länder haben Lust, sich der nächsten Diktatur zu unterwerfen? Man kann es sicher auf die Spitze treiben. Vielleicht will man den Osten auch wieder los werden, zu unbequem. Eine Abspaltung ist gar nicht mal soweit hergeholt. Es gibt anderen Partner, man ist auf den niedergehenden, dekadenten Westen nicht auf Gedeih und Verderb sklavisch verbunden. Das muss diesen sogenannten oder… Mehr
> von Migration und Asyl über Klima- und Energiepolitik bis hin zu Fragen rund um den Ukraine-Krieg oder LGBTQ+-Themen. Wie ich gerade lese, sogar Seine Macronigkeit verliert langsam den Glauben an die offizielle EUdSSR-Energiepolitik: „Blackout in Spanien – Macron kritisiert Abhängigkeit von Solar und Wind“ > „… „Das Problem in Spanien ist eine falsche Debatte. Das Problem ist, dass es ein zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien basierendes Modell hat, das sein eigenes inländisches Netz nicht unterstützen kann“, sagte der französische Präsident. … „Der Stromausfall in Spanien hat nichts mit Verbindungsleitungen zu tun, sondern mit der Tatsache, dass kein System,… Mehr