Die Moral der Unmoral. Anmerkungen zu den Epstein-Files

Wessen Marionette war Epstein? Follow the money! Die finanziellen Machenschaften sind hundert Mal interessanter als die mutmaßliche Geschlechtskrankheit von Bill Gates oder die Sexsucht eines britischen Prinzen, aber die Erregungsindustrie tickt anders.

Sodom und Gomorrha scheinen Luftkurorte gewesen zu sein im Vergleich zu Epsteins Jungferninsel. Wer hat sich dort nicht alles erfreut: Hochadel, Hochfinanz, Politik. Sechs Millionen Seiten Dokumente, Chatprotokolle, Fotos und Videos des Netzwerkers, Finanzhais und Kinderschänders Jeffrey Epstein – und erst die Hälfte veröffentlicht! Der Skandal nährt sich selbst, ist eine Art Aphrodisiakum für jeden, der es immer schon wusste. Eine toxische Weltverschwörungsbrühe schwappt in einem Kessel Unzucht. Von Bill Gates bis zum KGB.

I.

Wozu sammelte Epstein das Material? Es führt nun dazu, dass jeder wegen Kontaktschuld in Verruf gerät, der sich von Epstein geschäftliche Vorteile versprach oder sich von ihm unterstützen ließ, wie zum Beispiel ein deutscher KI-Forscher, dem nun, wenn schon sonst nichts Anrüchiges zu finden ist, rassistisches Gedankengut vorgehalten wird. Es bleibt die bisher nicht beantwortete zentrale Frage: Wozu und gegebenenfalls in wessen Auftrag knüpfte Epstein sein Netzwerk? Doch wohl nicht nur aus Geltungssucht und Wichtigtuerei. Wer hat ihn finanziert? Manche Spuren führen nach Moskau – wohin auch sonst? Russische Prostituierte tauchen in Epsteins pädophilem Sexring auf. Handelte es sich um die seit Jahrzehnten errichtete größte Honigfalle in der Geschichte der Geheimdienste? Es genügt schon der Verdacht. Den Rest erledigt die Phantasie.

Da gab es doch auch noch diesen unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommenen englischen „Medienzar“ Maxwell, dessen Tochter Ghislaine Epsteins Komplizin gewesen ist. Maxwell dealte mit der Sowjetunion, wusch Geld der Kommunistischen Partei. Wessen Marionette war Epstein? Follow the money! Die finanziellen Machenschaften sind hundert Mal interessanter als die mutmaßliche Geschlechtskrankheit von Bill Gates oder die Sexsucht eines britischen Prinzen, aber die Erregungsindustrie tickt anders. Wollte Epstein seine Freunde/Gäste/Kunden für Putin erpressbar machen? Der streitet selbstverständlich ab. Der Grat zwischen Verdacht und Verschwörungstheorie wird immer schmaler. Es fällt leicht, wenn man es darauf anlegt, ein Zerrbild des Kapitalismus und einen Beweis für die Verkommenheit des Westens zu erkennen.

II.

Die Reichen und die Mächtigen: Am Ende ist alles eine Frage des Status, selbst die Versuchung. Zeus hat mehr Sterbliche geschwängert als die Mythen fassen können. Quod licet Jovi, non licet Bovi, wussten die Lateiner. Was wäre Jupiter ohne die Ochsen? Der kleine Mann hat die Götter nie gestürzt, er hat sie immer nur bewundert, meist auch beneidet. Wie gut es sich doch anfühlt, zu den Guten zu zählen – und sei es nur mangels Gelegenheit. Ach, das gute, alte Europa! Wie recht hatte Bunga-Bunga-Berlusconi, der einst mit Blick auf Epstein sagte, bei ihm seien Wein und Essen besser gewesen, die Mädchen gern freiwillig wieder gekommen. Auch Skandale sind Volksvergnügen.

III.

Lassen wir also den Puff im Dorf! Reichtum und Unmoral sind nicht dasselbe. Aber Geld bedeutet Freiheit. Je mehr Freiheit, desto leichter kann sie missbraucht werden. Wenn sie nicht mehr missbraucht werden kann, ist es keine Freiheit mehr. Das ist schwer zu ertragen, aber so ist es nun einmal. In der Bibel werden Sodom und Gomorrha von Feuer und Schwefel begraben. Aber so wird das Laster nur im Alten Testament bestraft. Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Angelegenheit dem Rechtsstaat zu überlassen, der zwar, wie auch dieser Skandal zeigt, nicht so unabhängig ist wie es der reinen Lehre entspricht. Aber jeder aufgeflogene Skandal ist auch Beweis für die Funktionstüchtigkeit einer offenen Gesellschaft. Selbst dieser!

IV.

Ach so, Trump! Kaum leugnen lässt sich, dass er Teil jener globalen „Eliten“ ist, die glauben, Recht und Moral würden nur für Minderbemittelte und Untertanen gelten. Ob der größte Donald aller Zeiten der weiße Ritter im Spiel oder Flaneur am Kraterrand des Höllenschlunds gewesen ist – es geht ausnahmsweise nicht zuerst um ihn. Der einzige Vorwurf, der ihm zu machen ist, besteht darin, dass er sich zur Veröffentlichung des ungeprüften, weitgehend unüberprüfbaren Materials hat nötigen lassen – obwohl er doch zuerst behauptet hat, es sei von Mitgliedern der Demokratischen Partei fabriziert worden. Jetzt ist jedenfalls die Büchse der Pandora geöffnet.


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Kommentare ( 2 )

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Chrigel Brugger
2 Stunden her

Putin und Trump wunderbar im Text unter gebracht. Trotzdem bin ich enttäuscht, dass kein Hinweis zur AfD auftaucht. Herles lässt nach.

Haba Orwell
2 Stunden her

> Wessen Marionette war Epstein? Follow the money!

Gibt es Belege, dass er Money aus Russland bekommen hat? Spuren führen zum anderen Geheimdienst, mit Sitz südlich von Russland. Schauen wir mal: https://uncutnews.ch/honigfallen-geheimdienste-banken-epstein-netzwerk-reicht-laut-akten-bis-mossad-und-rothschilds/