Die Politik träumt von Kriegstüchtigkeit, doch Kasernen fehlen, Soldaten fehlen – und nicht unwichtig, vor allem der Grund, wofür junge Männer kämpfen sollen. Zwischen Vaterlandsverlust, Identitätskrise und Führerscheinprämie wird klar, dass die Wehrpflicht Probleme lösen soll, die viel tiefer liegen.
picture alliance/dpa | Hannes P. Albert
Es ist keine neue Erkenntnis: Ein Land, das sich nicht selbst verteidigen kann, ist nicht souverän. Dass unsere Politiker jetzt erst auf die Idee kommen, man müsse verteidigungs- oder gar kriegsfähig sein, falls der Russe kommt, ist allerdings schlechterdings lächerlich. Dazu ist es längst zu spät.
Woran liegt es? Ich hielt die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 für richtig. Die Mobilisierung der männlichen Zivilbevölkerung im amerikanischen Bürgerkrieg und dann im Ersten Weltkrieg hat die Opferzahlen hochgetrieben, ganz im Unterschied zu den Kabinetts- oder Manöverkriegen nach dem 30-jährigen Krieg, in denen gut ausgebildete Armeen kunstvoll versuchten, sich und dem Gegner möglichst wenig Schaden zuzufügen. So ein ausgebildeter Soldat war ja wertvoll – weit wertvoller als Schütze Arsch aus Itzehoe.
Die Verteidiger der Wehrpflicht priesen stets die durch die allgemeine Wehrpflicht gegebene enge Anbindung an die Gesellschaft. Doch war das nicht durchaus zwiespältig? Konnte das nicht auch Militarisierung der Gesellschaft bedeuten? Warum also nicht eine Armee von hochausgebildeten Spezialisten?
Tja. Irgendwer hat da irgendwas versäumt. Eine ausreichend große Berufsarmee gibt es in Deutschland bis heute nicht, jedenfalls nicht in einem Maß, das „kriegstüchtig“ bedeutet. Der Krieg in der Ukraine deutet darauf hin, dass ein konventioneller Krieg in Europa länger dauern kann und zu einem Abnutzungskrieg wird. Außerdem wird die Bundeswehr in den kommenden Jahren militärische Fähigkeiten ersetzen müssen, die derzeit von den USA gestellt werden, sagt Joachim Krause, der ehemalige Direktor des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel und Herausgeber von „SIRIUS“, Zeitschrift für strategische Analysen. Es braucht also genügend Reservisten, sprich: eine Wehrpflicht.
Doch die Wehrpflicht ist ja gar nicht abgeschafft, der damalige Verteidigungsminister Guttenberg hat sie lediglich ausgesetzt. Aber nun fehlt alles, was für eine Rückkehr zum Wehrdienst nötig wäre: etwa die Kreiswehrersatzämter und Kasernen.
Vor allem aber fehlt die Bereitschaft junger Männer, sich auf den Umgang mit dem Militärischen einzulassen. Und vor allem stellt sich ihnen die Frage, wofür sie denn womöglich nicht nur in die Kasernen, sondern sogar in den Krieg ziehen sollten? Fürs Vaterland? Für Schland? Für ein Siedlungsgebiet? Für eine immer größer werdende Bevölkerungsgruppe, die sich mit „Deutschland“ so gar nicht identifiziert und „die Deutschen“ eher verachtet?
Doch das tun sie schon lange selbst, mit stetigem Erfolg. In Deutschland glaubt man weit fester an die britische Propaganda (nicht nur) im Ersten Weltkrieg als die Briten selbst. Wie soll man sich mit einem Gemeinwesen identifizieren, das vor allem als eines von Kriegstreibern und Massenmördern begriffen wird, wie sie in der Schule gelernt haben? Wer will schon dafür sein junges Blut auf dem Schlachtfeld vergießen? Und nein: auch nicht für die Ukraine. „And the Russians love their children too“, wissen wir dank Sting.
Im Übrigen ist eine Armee von Wehrpflichtigen deutlich teurer als eine Berufsarmee, haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und das ifo Institut ermittelt. Die Bundeswehr mit mehr Personal auszustatten, sei über eine Marktlösung gesamtwirtschaftlich deutlich günstiger als über die Wehrpflicht.
Warum also sind unsere Politiker so verliebt in ein Modell, das einigermaßen aussichtslos erscheint? Träumt man von der „Nation in Waffen“?
Immerhin hat man sich Gedanken darüber gemacht, wie man den Wehrdienst attraktiver gestalten kann: „Er kann künftig mit einer Dauer von sechs bis elf Monaten geleistet werden, wobei die ersten sechs Monate als Probezeit gelten. Die Vergütung wird auf einen Wehrsoldgrundbetrag von mindestens 2.600 Euro brutto für die niedrigsten Dienstgrade angehoben und steigt mit dem Dienstgrad. Wer sich für mindestens ein Jahr verpflichtet, kann zudem einen Zuschuss für den erstmaligen Erwerb einer Fahrerlaubnis beantragen. Dieser beträgt bis zu 3.500 Euro für die Klasse B (Pkw) und bis zu 5.000 Euro für die Klassen C oder C1 (Lkw).“
Na bitte!
Im Übrigen, möchte ich hinzufügen und dieses Argument allen ans Herz legen: Ein durch den Wehrdienst disziplinierter junger Mann hat alle möglichen Vorzüge, die ihn auf dem Heiratsmarkt attraktiv machen. Soldaten können nähen, kochen und bügeln. Sie können schwere Lasten tragen, zur Not ihr Essen selbst schießen und ihre Familie beschützen. Nicht nur vorm Russen.
Wer weiß, wann die Debatte auf diesem Niveau enden wird.


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Frau Stephan hat eines vergessen. Soldaten wählen nach dem Ende der Wehrpflicht im Durchschnitt konservativer. Und das ist das wirklich positive daran, aus verwöhnten Bengeln, denen die Mama das Essen kocht und die Wäsche wäscht, Männer mit Eigenverantwortung zu machen. Nicht, dass es nicht auch ohne Wehrpflicht ginge. Aber mit Wehrpflicht geht es deutlich schneller.
Wehrpflicht war definitiv das Ritual vom Söhnchen zum Mann. Religiöse Rituale waren niemals ein Ersatz zu einem vollwertigen Mitglied in einer Männergesellschaft. In Uniform schon. Da war man plötzlich eine Respektsperson. Man hatte quasi bewiesen, dass man das Schwert einsetzen kann. Als Abiturient und Student ohne W15 war man zwar definitiv qua Gesetz Vollbürger aber eben nicht voll ernst zu nehmen. Muttis Geruch klebte noch an diesem Männchen. W15 hat diesen Geruch beseitigt.
Zum letzten Absatz einen Kommentar von meiner Seite. Auch ich (habe gedient) war für ein Aussetzen der Wehrpflicht. Dies vor allem, weil es keine Wehrgerechtigkeit gab und der Staat seine Fürsorgepflicht gegenüber Wehrdienstleistenden massiv vernachlässigt hat. Wehrgerechtigkeit wäre leicht herzustellen. Man müsste einfach nur einen Zuschlag zur EK-Steuer von jedem und jeder, der / die nicht gedient hat, verlangen, wobei Ersatzdienst natürlich auch von diesem Zuschlag befreien. Bei so einer Regelung benötigt man vermutlich noch nicht einmal eine Pflicht. Aber der Staat hat kein Interesse an Wehrgerechtigkeit. Im Gegenteil, zukünftige Wehrdienstleistende werden sicherlich wie damals von links-grünen Gruppierungen diffamiert werden.… Mehr
Ein Grundproblem Deutschlands ist die Selbstverachtung. Da hat Autorin Stephan recht. Sie hat alle Politikbereiche befallen und führt konsequent in die Selbstzerstörung. Die Selbstverachtung ist inzwischen seelisch so tief in den Deutschen verankert, dass ich zweifle, ob es noch eine Umkehr gibt.
Diejenigen die sich nicht selbst verachten, auf Grund dessen, daß sie Urdeutsche sind und zum Angestammten Deutschland stehen werden zwischenzeitlich ja auch nicht nur als Nazis diffamiert sondern von Staatlicher Seite bereits verfolgt
Einfach das Geschlecht wechseln und die Partei wählen, die auch einen Übergang zu einer nicht weißen Rasse ermöglichen will.
Wenn die so weiter machen, ist bald auch der Selbsthass verboten🥳
Dann bleibt nur noch das vor-sich-hin-Kompostieren übrig.
Der Krieg in der Ukraine deutet darauf hin, dass ein konventioneller Krieg in Europa länger dauern kann und zu einem Abnutzungskrieg wird. Dem muß ich widersprechen. Herr Putin sagte, auf die Frage wie Russland auf einen „Präventivschlag“, wie ein Italiener es vorschlug, reagieren würde sinngemäß: Wir würden mit Macht zurückschlangen und das wäre dann nicht wie der Ukrainekrieg, wo wir mit chirurgischer Präzision arbeiten, sondern es wäre schnell vorbei. Also, sollte irgend ein Wahnsinniger es wagen Russland anzugreifen dürften wir uns auf eine lange Zeit des Wiederaufbaus freuen. Die Wehrpflicht, kann man machen, muß man aber nicht. Eine in großen… Mehr
Liebe/r Priess,
Wie recht Sie nur haben! Bezeichnend, dass Sie auch in diesem Forum eine Clickzahl von -1 haben, wenigsten das habe ich für’s Erste korrigiert. Aber es zeigt, wie wenig die Leute selbst hier begriffen haben.
Keiner versteht hier, was ein russischer „war of attrition“ bedeutet, eine spetsialnaya voyennaya operatsiya – was diese von einem echten Krieg nach russischem Verständnis unterscheidet.
Diesen Krieg würden wir mit der ganzen Sesselfurz-NATO keine Woche überstehen.
Es wäre heilsam, das zu wissen und zu beherzigen.
Habe neulich im TV etwas darüber gesehen, wie man Weihnachtsplätzchen dekoriert. An sich eine nette Idee. Schlimm war nur, daß das Kamerateam dabei keinem Konditor lauschte, sondern einer „Keks-Influencerin“ über die Schultern schaute.
Würden Sie dieser Tik-Toker*in m/w/d auch eine Postkarte schicken?
Das kommt heraus wenn Frauen über das Militärwesen ihre Ansichten äussern. – das sie weder dem Sinne nach und der Praxis nicht verstehen können. Belegt die Geschichte der Menschheit. Was denken sie warum Wehrpflicht nur für Männer im GG steht? „Ich hielt die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 für richtig“ – sagen sie Ja, sehr geehrte Frau Stephan, ihre gutes Recht der Meinungsfreihit. Nur, das was sie für richtig halten, muss jedoch nicht richtig sein. Um es knallhart zu sagen, sie haben bei diesem Thema keine Ahnung wovon sie sprechen. Die Wehrpflicht wurde nicht als Spassveranstaltung erfunden, sondern weil die Menschen… Mehr
Sorry, dass ich Ihnen widerspreche, werter Peter,
Frau Stephan hat, selbst als Frau und gerade als Frau hier doch recht! In einem Land, in dem Frauen, Mütter, Schwestern und Töchter auf den eigenen Straßen und Plätzen gefährdet sind, dort sind es nur gewissenlose Halunken, die in einen Krieg im Donbas ziehen, ohne überhaupt zu wissen, wofür bzw wogegen sie kämpfen.
Die ganze Diskussion ist m.E. “ wenig hilfreich“, um einmal die Worte einer einstmals großen Führerin zu bemühen. Deutschland ist im Arsch, Verzeihung bitte. Zuallererst muß sich der Rechtsstaat in diesem unseren Lande wieder durchsetzen. Danach kann man beginnen, das Land kulturell -moralisch-ethisch vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ohne Nationalbewußtsein, Tradition, Normen, ja Schweiß und Tränen gar, wird keine Verteidigungsfähigkeit, schon gar kein Verteidigungswillen hergestellt werden können. Der Vernichtungsfeldzug des Kulturmarxismus währt bereits ein halbes Jahrhundert, also wird man für die Rückkehr zu alten Verhältnissen mindestens genau so lange benötigen. Falls es überhaupt gelingen sollte. Materiell-technisch und ökonomisch… Mehr
Sie haben ja so recht, werter Andreas, aber es geht eben nicht darum, „dass es wieder klappt mit der Wehrpflicht“, sondern darum dass junge Männer und Frauen wieder gemeinsame Werte teilen, shared values, die für sie es wert sind, für D Alles zu geben. Aber nicht einmal das zu sagen, ist erlaubt in Lotterland.
Wundäbah! Danke, man kann es nicht besser formulieren.
Verteidigungsfähig würde man Deutschland mit ganz anderen Massnahmen als mit Wehrdienst machen.
Es gab/gibt in Deutschland jedoch Kreise, die sich durch Wehrdienst disziplinierte junge Männer wünschen. Nur darum ging/geht es.
Korangläubige junge Männer würde man aber weder disziplinieren noch integrieren sondern lediglich noch kampffähiger für einen Bürgerkrieg machen.
„Verteidigungsfähig würde man Deutschland mit ganz anderen Massnahmen als mit Wehrdienst machen.“ ?
Wau, was für eine „Expertenmeinung“ 😉
Was den eigentlichen Krieg im Innern anbelangt, hat der LiKoDe durchaus recht!
Man wird immer Leute finden die in den Krieg ziehen, kann man doch heutzutage in Echtzeit beobachten:
– als Söldner für Geld
– nicht selten kombiniert mit ungewöhnlichem Geltungsdrang
– aus Überzeugung, egal wie dumm
– oder einfach weil man Krieg überleben kann, nicht aber standrechtlich erschossen zu werden als verweigerer.
Konnte wenigstens ihre Clickzahl -1 zeitweise korrigieren!
Selbst bei der früher üblichen, geringen Aufwandsentschädigung waren die Opportunitätskosten enorm und das Kostenargument war auch damals bei der Aussetzung gewichtig. Wenn man es ganz nüchtern wirtschaftlich betrachtet, entzieht der Staat dabei der freien Wirtschaft die Ressource Arbeit. Staatliche Allokation wirtschaftlicher Ressourcen ist Sozialismus pur und jener endet bekanntlich immer teuer und mit Schrecken.