Ein neuer Typus Linker begeht den Terroranschlag von Berlin

Die Terroristen von Berlin können keine Linken sein. Es muss sich um russische Agenten handeln. So lautet die Reaktion vieler Linker. Die einen heucheln da bewusst, andere glauben das wirklich. Sie leiden unter der Kluft zwischen Selbstbild und einem Typus, der die extreme Linke heute immer stärker dominiert.

picture alliance/dpa | Michael Kappeler

In jeder WG lebte früher dieser eine Typ: klein. Ein gewisser Hang zur Schwindsucht. Die Haut gelb vom Rauchen, die Haare nur mittellang, aber maximal ungepflegt. Er saß immer ruhig rum, oft mit den Händen um die Knie. Meist in der Küche. Aber sogar auf Partys. Starteten dort Diskussionen, erwachte er zum Leben. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Dann zog er sich in sein Zimmer zurück – um die Klassiker zu lesen und darin die korrekte Antwort auf die Streitfrage zu finden.

Der Typ war seltsam. Die Wahrheit in den Klassikern zu suchen, war indes lange ein konstituierender Moment der deutschen Linken: in den 68ern, aber auch in den K-Gruppen der 1970er und frühen 80er Jahre. Seinen Marx hatte man gelesen zu haben. Und seinen Lenin, seinen Engels, seinen Mao und manche sogar ihren Ho Chi Minh.

Nun muss wahrlich keiner die besagten Klassiker wertschätzen. Aber buchstäblich konnte keiner mitreden, der sie nicht gelesen hatte. Das zwang zur Lektüre, zu Gedächtnisfleiß und gab dem Spiel Regeln. Absurde zwar, gewiss, aber auch absurde Regeln sind Regeln.

Wer die heutige Linke verstehen will, ihr eigentliches Selbstbild und ihren real existierenden Zustand, der muss an dem Punkt ansetzen, dass heute keiner mehr von ihnen die Klassiker gelesen hat. Das ist bedauernswerter, als es klingt. Die Lektüre der Klassiker zwang die Linken zum beschriebenen Mindestmaß an Disziplin.

Doch mit dem Wandel der Linken seit 1978, weg von der proletarischen Arbeiterbewegung hin zur akademischen Bewegung der Woken und Klimaschützer, ging auch dieses Mindestmaß an Disziplin verloren.

Das ermöglicht einen anderen Typus an Linken. Einen, der einem den seltsamen Schweiger von damals richtig vermissen lässt. Kein Typ, der in einer proletarischen Arbeiterfamilie mit vielen Geschwistern gesellschaftliche Regeln kennen und verinnerlichen gelernt hat. Sondern das einzige Kind einer über 30 Jahre alten Akademikerin, die nun den Nachwuchs zum Lebenszweck macht. Die fortan am Sandkasten darüber wacht, dass kein anderes Kind ihren Schatz auch nur schief anschaut. Die Lehrer und Dozenten heimsucht, um ihnen zu erklären, dass ihr kleiner Depp nicht dumm, sondern sonderbegabt ist. Und die sich erfolgreich für das Ende der Bundesjugendspiele eingesetzt hat, weil diese Leistungen verlangen und Leistungen ihrem Wonneproppen so gar nicht liegen.

Die Helikopterelternkinder bilden den Kern der heutigen Linken. Die Vorstellung, sich durch hunderte Seiten Marx zu quälen, ist für sie unvorstellbar. Sie müssen ihr Recht nicht mühsam aus einem Klassiker ableiten. Sie haben Recht, wenn einer sich gestört fühlt. Praktischerweise sind der eine immer sie – und das auslegbare Fühlen ist für sie so viel besser als die faktische Welt der Buchstaben in den Klassikern, der Sieger- und Ehrenurkunden in den Bundesjugendspielen oder der Noten an der Schule. Hier darf Mensch sonderbegabt sein und keiner darf ihm darin widersprechen.

Das war – zugegeben – eine recht lange Brücke. Aber wer die Gefühlslage der linken Terroristen von Berlin verstehen will, muss über diese Brücke gehen. Denn der Konflikt, der ihrem Anschlag voranging, ist nicht neu in der Linken.

Die heutigen Linken beantworten ihn nur anders als früher. Der entscheidende Unterschied ist die emotionale Disposition, die keine Disziplin mehr kennt – etwa die Lektüre der Klassiker – sondern die nur noch der narzisstischen Selbstverwirklichung, Selbstverherrlichung und Selbstvergötterung der identitären Politik folgt.

Der Konflikt um das Proletariat als Opfer war entscheidend für die RAF. Deren erste terroristische Tat nach dem Ausbruch ihres Führers Andreas Baader war am 29. September 1970 der „Dreierschlag“. Auf einen Schlag überfielen sie in West-Berlin drei Banken. Die Taktik, dass dieses Vorgehen die Polizei überfordern würde, ging auf. Eigentlich hätten es vier Banken sein sollen. Doch in der vierten vorgesehenen Filiale wurden an dem Tag Bauarbeiten durchgeführt. Also verzichtete die RAF auf einen Überfall dort. Sie wollten die Arbeiter nicht gefährden. Weil diese Proletarier waren. Das wäre mit den Klassikern nicht vereinbar gewesen.

Nach dem „Dreierschlag“ gab es durchaus Sympathien in Teilen der Bevölkerung. 20 bis 30 Prozent fanden die Banküberfälle laut Umfragen gar nicht schlecht. Also immerhin um die 15 Millionen Bürger. Doch die RAF konnte mit dem Konflikt, Proletarier zu schonen, nicht lange umgehen. Als erstes war da der Umgang mit Polizisten. Immerhin auch Arbeiter.

Ulrike Meinhof, 1970 noch die geistige Führerin der RAF, schrieb früh ein Pamphlet, in dem sie Polizisten zu „Bullen“ machte, die keine Proletarier, sondern Teil des faschistischen Unterdrückungsapparats seien. „Und natürlich kann geschossen werden.“ Entmenschlichung des Feindes, um den Feind vernichten zu können. In dieser Strategie finden sich alle Linken letztlich über alle Generationen und Grenzen vereint.

Als die ersten „Bullen“ tatsächlich erschossen waren, gingen die Sympathien für den Terror rasch zurück. Je mehr Opfer in diesem Terror starben, desto stärker wurde der „Kampf“ der RAF einer von „Sechs gegen 60 Millionen“, wie es der Schriftsteller Heinrich Böll seinerzeit beschrieb. Die allerletzte Chance auf eine tragfähige Basis in der Bevölkerung schwand für die linken „Befreiungskämpfer“ im „Deutschen Herbst“ 1977.

Eine palästinensische Mörderbande – schon damals der Verbündete deutscher Linker – bot der RAF an, sie könnten eine Botschaft besetzen oder ein Flugzeug entführen, um den Führer der deutschen Genossen, Andreas Baader, aus dem Knast von Stuttgart-Stammheim zu erpressen. Die deutschen Genossen entschieden sich für die Entführung der „Landshut“.

Mallorca-Touristen als Opfer. Eine Friseurgesellin, der ein Terrorist am Beginn der Nacht sagte, morgen früh werde sie sterben. Der sie dann an die Tür zwang und ihr die Pistole an den Kopf hielt, um das Auftanken des Flugzeugs zu erzwingen.

Das war von den Klassikern nicht mehr gedeckt. So konnte die Befreiung der Unterdrückten unmöglich aussehen. Das waren nur noch arabische Nationalisten und Sozialisten aus Deutschland im Machtrausch. Nach den Bildern von der Landshut hatte die „Befreiung der Massen“ in Deutschland nie wieder eine Chance auf Anerkennung in den besagten Massen. Nicht mal in Teilen davon. Wenige Monate später fand in West-Berlin der „Tunix-Kongress“ statt, auf dem die Linken die Massen aufgaben, und sich der identitären Politik zuwandten.

Auch die Linken, die ein Bekennerschreiben zum Terror von Berlin über Indymedia verbreitet haben, haben sich diesem Konflikt gestellt. Auf ihre Weise: dumm, faul und oberflächlich. Von jemandem, der aggressiv und ein Leistungsverweigerer ist. Einer, der von seiner Helikoptermutter gelernt hat, dass an seinem Scheitern alle, wirklich alle, schuld sind, nur er nicht. Einer, für den es dann nur noch ein kleiner Schritt ist, sich an allen anderen zu rächen. Egal wie.

Natürlich heißt es in dem Bekennerschreiben nicht, dass die Gruppe andere bestrafen will, weil es denen mutmaßlich besser geht als ihnen. Kein mieser, neidischer Drecksack würde sich selbst einen miesen, neidischen Drecksack nennen.

Also macht er, was schon seine Mutter getan hat: Er erfindet eine Sonderbegabung. Einen höheren Zweck, dem er dient, was ihn zum höheren Wesen macht. Man wollte mit der Tat die Reichen treffen – des alten Sounds wegen. Und gegen die Zerstörung des Klimas ein Zeichen setzen – des Zeitgeistes wegen. Zwar ist der Klimahype vorbei. Aber bis solch eine Erkenntnis bei Linken ankommt, dauert es ein wenig.

Wären Linke auf der Höhe der Zeit, müssten sie keine miesen, neidischen Drecksäcke sein, die sich an anderen fürs eigene Versagen rächen.

Russische Geheimdienstleute sollen den Terroranschlag auf die Berliner Stromversorgung durchgeführt haben. Bei grün-linken Berufspolitikern ist das eine pragmatische Zwecklüge. Doch bei vielen Linken, vor allem bei älteren Linken, ist das ein ehrlich gefühlter Zweifel. Einer, der auf dem Unterschied zwischen dem Selbstbild beruht, das sie von der Linken haben – und der linken Realität. Einem Selbstbild, in dem Linke die Reichen bestehlen und das Geld den Armen schenken. Und keine sind, die aus miesen, dummen Drecksäcken besteht, die Familien, Alten und Armen Strom und Heizung nehmen, während draußen Minustemperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit herrschen.

Dass Russland die deutschen Extremen unterwandert hat und Agenten in die extrem linke wie in die extrem rechte Szene eingeschleust hat, ist durchaus wahrscheinlich. Umso verwerflicher, wie wenig BND, Verfassungsschutz, BKA und LKA Berlin nach nunmehr 15 Jahren über die „Vulkangruppe“ wissen, die sich zu dem Berliner Terroranschlag bekannt hat. Doch auch ganz ohne russische Agenten finden solche Gruppen genug Zulauf. Vom Typus dummer, aggressiver Leistungsverweigerer mit dem Bedürfnis, sich über die eigene Existenz zu belügen, gibt es in Berlin mehr als genug.

Wären die Folgen des linken Terroranschlags nicht so bitter, gäbe es noch etwas Lustiges. Das Hilfsargument, hinter der „Vulkangruppe“ müssten russische Agenten stecken. Denn deutsche Linke würden niemals so viele Rechtschreibfehler begehen. Da ist es noch. Das alte Selbstbild – das des kundigen Lesers der Klassiker. Und nicht von dem kleinen Schulversager, der das Diktat verhauen hat. Aber nur, weil er sonderbegabt ist und sich gegen die kapitalistische Unterdrückung durch die Rechtschreibung wehrt. Der Typus, der den Terror von Berlin verantwortet, ist der des verzogenen Helikopterelternkindes, das zu dumm und zu asozial ist, um die Folgen seiner Tat vorher einschätzen zu können.

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Kommentare ( 76 )

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76 Comments
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Haba Orwell
1 Tag her

> Und gegen die Zerstörung des Klimas ein Zeichen setzen – des Zeitgeistes wegen. Zwar ist der Klimahype vorbei.

Die CO2-Tribute sind zum 1. Januar erneut gestiegen, soweit ich mich entsinne. Vorbei ist es, wenn sie ersatzlos abgeschafft werden – wie es die AfD fordert.

Privat
12 Stunden her
Antworten an  Haba Orwell

Die dummen Deutschen werden von den Systemparteien ausgequetscht wie eine Zitrone. Irgendwo muss neues Geld aufgetrieben werden zur Finanzierung fremder Kriege. Übrigens wurde die neue Luftsteuer CO2 von der CDU/CSU installiert. Sie haben damit auch die Wünsche der elenden grünen bedient. Und die Energiepreise Benzin, Diesel und Heizöl – der Merz findet diese Co2 Steuer auch sehr gut, er meint, „das ist ein „Instrument, um die Bürger zum sparen zu – -erziehen“ !!! Ich dachte immer, das eine Regierung ist dafür da, um das Beste für die Bürger zu erreichen. Für die eigenen Bürger zu arbeiten. Der Merz macht genau… Mehr

Jens Frisch
7 Stunden her

„Denn deutsche Linke würden niemals so viele Rechtschreibfehler begehen.“
Nun gut – vielleicht hatten sie in der Grundschule ja „Schreiben nach Gehör“, denn Leistungsverweigerung fängt heute in der (Schul-) Politik an.

Blauracke
7 Stunden her

Großes Kino! Oder: Mikromillimetergenau ins Schwarze getroffen. Ich kann mich noch wie heute an eine Diskussionsrunde mit Jugendlichen einer DKP- Reisegruppe 1978 in Dresden an der TU erinnern😂
Da hatte man sogar als Ossi- Student Null Chancen, der nur den M/L- Unterricht hatte. Und das wollte was heißen. Mein Fazit damals (und heute wieder): Die waren schon immer die besseren Kommunisten👌

Privat
8 Stunden her

Eine ehrliche Regierung würde die links/grünen Verbrecher aufspüren und inhaftieren lassen. In anderen Staaten würden solche Terroristen 15 Jahre in einem schmutzigen Knast schmoren.
Wir haben keine Regierung sondern nur eine Ansammlung von Unfähigkeit, Lügnern und Betrügern.
Deshalb wird sich so schnell nichts ändern im Land der dummen Deutschen.

x11
8 Stunden her

Es ist kein neuer Typus, es ist der Kommunist der 1920 und 1930er Jahre.

Riffelblech
8 Stunden her

Die USAmerikanischen Geheimdienste wissen erfahrungsgemäß sehr detailliert über Deutschland Bescheid . Die Daten werden mit den deutschen Diensten ausgetauscht . Also ,demzufolge dürften die Mitglieder dieser Vulkanbande nicht unbekannt sein . Man dürfte sie in diesen Kreisen mit Namen und Adressen beziffern können . Und jetzt kommt der springende Punkt : Die Daten werden weitergegeben und die Nachfolgeorganisation von Nancy Feasers Gnaden lässt die Daten verschwinden ,versickern ,nicht mehr auffindbar – so oder ähnlich . Und schon breitet sich „ Unkenntnis „ bei den deutschen Behörden aus . Ist es nicht verwunderlich das diese Machart bei den nun mittlerweile seit… Mehr

Joe X
9 Stunden her

Einen „Klassiker“ hat Herr Thurnes nicht aufgezählt: Pol Pot.
Ok, der kam erst später und hat nicht so viel geschrieben, aber dem „Steinzeitkommunismus“ der Roten Khmer, bei dem die Stadtbevölkerung aufs Land vertrieben wurde (und innerhalb von 4 Jahren in den „Killing Fields“ ein Viertel der Bevölkerung umgebracht wurde), ähneln die Ziele der Vulkan-Gruppe.

Nibelung
10 Stunden her

Die RAF war nichts anderes als ein grünradikaler linker Extremistenhaufen und sie haben sich vordergründig über wichtige Personen in Politik und Wirtschaft hergemacht, mit zum Teil mörderischen Auswirkungen und das ganze linke Pack, nach eigener Lesart unterscheidet sich allenfalls in den Ausführungen, wobei der linke Geist beiden gemein ist und keinerlei Unterschiede aufweist. Auch die Verschmelzungen untereinander sind nicht genau auf die Reihe zu bringen und wenn sich die Spitze der Politik im sozialistischen Geist vereinigt, ist es nicht ausgeschlossen, daß man in untergeordneten Chargen ähnlich verfährt und auch der Segen von oben in einigen Fälle nicht auszuschließen ist, wenn… Mehr

Minusmann
10 Stunden her

Der neue Typus Linker lebt bequem im Kapitalismus. Auf das Bürgergeld kann man sich immer verlassen. Da ist einem ja fast der Andreas Baader sympathischer, der war noch überzeugter Porschefahrer.

Waehler 21
10 Stunden her

Lobe selten bis gar nicht, aber das ist einer der besten Artikel zu dem Thema!
Das Resümee würde ich dennoch dahingehend abrunden, dass die „neuen Linken“ ihren intellektuellen Boden aufgegeben haben und durch narzisstische Selbstliebe ersetzt haben, was auch einfacher zu begreifen ist.

Martin Mueller
11 Stunden her

Der Terror gegen die Art, wie wie wir leben, kommt von ganz Links und ganz Grün. Aber die Politiker zeigen mit dem Finger auf die AfD…. Die Trump-Administration hat recht: Das Problem sind die heutigen verantwortlichen Politiker in Deutschland und in Westeuropa. Sie lösen so gut wie keine keine Probleme, schaffen aber ständig welche. Und wer das kritisiert wird sozial, moralisch, politisch und juristisch stigmatisiert und auch schon kriminalisiert. Natürlich werden die linksgrünen Hilfstruppen dabei sozusagen unter Schutz gestellt, finanzielle und logistische Unterstützung ist sowieso gegeben. Die Terroranschläge fallen dabei wahrscheinlich unter linksgrünen ideologischen Kollateralschaden. Mit solchen Bagatellen beschäftigt man… Mehr