Erst ein PR-Tafeltermin für die Kameras, dann den Chauffeur zum Pasteten-Einkauf zum guten Metzger nach Frankreich schicken: Andreas Stoch liefert der SPD im Südwesten mit der Entenpastete DAS Symbol ihrer Schieflage. Dahinter steht eine Partei ohne Profil, ohne Debatten, ohne Kurs.
Screenprint SWR
Andreas Stoch ist das Gesicht dieser Südwest-SPD: Jurist aus Heidenheim, Vater von vier Kindern, Ex-Kultusminister, seit Jahren Landes- und Fraktionschef. Ein Mann, der Ministerpräsident werden will oder wenigstens mitregieren. Notfalls als Küchenhilfe, Hauptsache immer gegen die AfD, die bei ihm gern als „verbota ghört“ durchklingt. Eine andere Programmatik bleibt oft Nebengeräusch.
Im Wahlkampf lächelt er von Plakaten, glatt, faltenfrei, geschniegelt im Casual-Look. „Weil es um Dich geht“, verspricht er. Man fragt zurück: Um wen genau? Etwa um den Autor dieser Zeilen, der selbst einmal sechs Jahre lang aktiver Genosse auf Kreisebene war?
Und dann kommt diese Szene, die man sich nicht ausdenken kann. Ein SWR-Team begleitet Stoch für ein Filmporträt, unter anderem zum Besuch einer Tafel. Dort spricht er über Bedürftige, lobt das Engagement der Helfer, erzählt, er habe als Student bei Aldi statt bei Rewe eingekauft, „da war der Wagen einfach voller mit dem gleichen Geld“. Schwingt sich hinter die Kasse, wo er mehr schlecht als recht unbeholfen umher tippt.
Kurz darauf, noch im selben Dreh, flüstert Stoch seinem Chauffeur einen Einkaufsauftrag zu. Er solle „ein Bild von der Auslage“ schicken, dann sage er ihm, was mitzubringen sei. Im Auto erklärt Stoch auf SWR-Nachfrage freimütig, was der Fahrer im nahen Frankreich besorgen soll: Paté de Campagne, „ne schöne Entenpastete“, „gute Wurstwaren“, Baguette. In Deutschland bekomme man das nicht in dieser Qualität und zu diesem Preis, der Abstecher lohne sich immer.
Obwohl direkt und ungeschnitten in die Kameras vom SWR geplappert, braucht es ganze zwei Wochen, bis das Thema über die sozialen und neuen Medien wie NIUS explodiert. Der SWR kann den Skandal mit dem überalterten und sedierten Publikum vor den linearen TV-Bildschirmen nicht entfalten, obwohl sie ihn in voller Pracht unverstellt aufzeichnen. Das Team erkennt die Brisanz ganz genau. Fragt nach. Kann es dann aber nicht zur Eruption auf den Punkt entfalten. Tragisch.
Vielerlei daran ist zudem interessant. Man wundert sich mit welcher Selbstverständlichkeit Stoch frank und frei von seinen länderübergreifenden Shoppingtouren in die laufende Kamera berichtet – das SWR-Team wird hier klar als „seinesgleichen“ betrachtet. Ein Phänomen, das man auch recht häufig bei Tilo Jung erleben kann: linke Politiker plappern sich bei einem linken Podcaster in mokeliger Wohnzimmeratmosphäre um Kopf und Kragen. Vielleicht hat Stoch auch angenommen, dass der Teil mit Einkaufstour und Shoppingliste im Rahmen von Friends und Family schon nicht den Weg in die Veröffentlichung findet.
Die Reaktion auf Stoch und „Chauffeur holt Pasteten in Frankreich“-Gate ist absehbar. Auf den Film hagelt es Kommentare, der Tenor lautet „Wasser predigen und Wein trinken“, geheucheltes Mitgefühl, Abgehobenheit. Stoch muss sich rechtfertigen. Seine Partei betont, der Dienstwagen werde kilometergenau zwischen Fraktion und Partei abgerechnet, private Fahrten versteuere er als geldwerten Vorteil. Stoch selbst räumt ein, die Passage müsse „irritierend wirken“, und erklärt, zu dem Einkauf sei es am Ende gar nicht gekommen. (Dran denken: der Abstecher lohne sich immer.) Das übliche Politiker-Blah. Man erkennt sehr genau die feudale Selbstverständlichkeit, mit der Stoch seinen Chauffeur auf die Reise schickt.
Die Entenpastete ist nicht der Skandal an sich. Sie ist das Bild, an dem man nun vieles festmachen kann. Erst Armutsfolklore für die Kamera, dann Delikatessenlogik fürs eigene Leben. Es ist genau diese SPD, die sich gern als Partei der kleinen Leute inszeniert und im entscheidenden Moment nicht merkt, was sie gerade vorführt.
Wer jetzt meint, das sei nur ein PR-Patzer, sollte auf die Statik dahinter schauen. Diese Partei sitzt in einer Falle, die sie selbst gezimmert hat. Der Notausgang führt ins Nichts, hinter der Tür steht die Wand. Und Stoch wirkt, als hätte er die Bauanleitung selbst geschrieben. Im „Zufriedenheitsranking“ wirkt es ohnehin trostlos. Und in einer fiktiven Direktwahl, so wird es berichtet, würden sogar SPD-Sympathisanten mehrheitlich lieber einem grünen Ex-Landwirtschaftsminister ihre Stimme geben als dem eigenen Kandidaten.
Profillosigkeit als System
Der SPD macht nicht nur die Umklammerung durch stärkere Partner zu schaffen. Sie taucht ab. Sie verliert Profil. Die Debatten werden nicht geführt, sondern vertagt. Die Basis murrt, aber sie bleibt brav. Kadavergehorsam als DNA. Die Partei wäre gern Volkspartei, geblieben ist Nostalgie.
Stoch steht mittendrin. Er wirkt nicht wie ein Underdog, der den Großen mit einem bürgerlichen Thema ein paar Prozente abjagt. Seine Auftritte wirken oft hölzern, abgelesen. Vor der Kamera jedermanns Freund, im inneren Zirkel, so wird es aus dem Landtag und aus Stuttgart, Wilhelmsplatz 10, zugeflüstert, gern der Besserwisser mit schneidendem Ton. Und während man nach außen das „Regieren wollen“ betont, bleibt innen das große Schweigen: Koalitionsaussagen gelten als „out“. Die Wähler fragen trotzdem, wohin ihre Stimme am 8. März wandert. Infratest dimap liefert Trends und Details, die Nervosität erzeugen dürften.
Flügelkämpfe, Funkstille und der Gang vors Gericht
Die zentrale Frage lautet deshalb: Hat Stoch seinen Laden überhaupt im Griff? Ausgerechnet im Wahlkampf eskaliert ein Streit, der wie ein Lehrstück über den Zustand dieser SPD wirkt. „Mehr Diplomatie wagen“ heißt die Initiative, die parteiintern diskutieren, Mitglieder informieren, Termine bekannt machen wollte. Die Parteiführung verweigerte dafür die Mitgliederdaten. Ergebnis: Gericht. Die SPD unterliegt – und reagiert nicht mit Öffnung, sondern mit Berufung. Begründung: Datenschutz. Gleichzeitig betont man, man stehe für offenen Diskurs. Satire, aber ohne Witz.
Hilde Mattheis, 71, früher Bundestagsabgeordnete, und ihre Mitstreiter mussten sich die Grundlagen parteiinterner Kommunikation erstreiten. Nicht, weil sie die SPD „spalten“ wollten, sondern weil sie überhaupt sprechen wollten – innerhalb der Partei. Das ist der Punkt: Wo Debatte gefährlich erscheint, wird nicht gestritten, sondern abgesperrt.
Der Landesverband kennt diese Reflexe. Die Traditionslinie ist alt, die Muster sind hart. Erhard Eppler verlor einst Ämter trotz 32,5 Prozent. Leni Breymaier wurde 2018 von einer Männerriege aus dem Amt gedrängt – Stoch inklusive, wie damals berichtet wurde. Aufräumen gehört zur DNA. Und oft beginnt es, bevor sich der Staub gelegt hat.
Dann war da der Fall Daniel Born: Hakenkreuz auf einem Stimmzettel im Landtag. Stoch sprach anschließend versöhnliche Sätze, „Es muss einen Weg zurück geben“, während der Schaden groß war und die Partei wieder einmal den Balanceakt zwischen Härte und Versöhnung inszenierte.
Und wenn es am Ende trotzdem schiefgeht, greift das SPD-Naturgesetz: Verlierer fallen weich. Man erinnere sich an Nils Schmid: krachend verloren im Land, später Bundestagsabgeordneter und parlamentarischer Staatssekretär. In der SPD ist Scheitern kein Karrierehindernis, manchmal nur eine Versetzung.
Barfußsymbolik und die Leerstelle dahinter
Stoch liefert gern Symbolik. Der barfüßige Marsch von Heidenheim nach Ulm, 40 Kilometer wegen einer verlorenen Wette: Bodenhaftung, aufgeriebene Füße, ein Bild, das hängen bleibt. Authentischer wird es nicht. Nur löst Symbolik keine Fragen, wenn in Berlin Minister Milliarden und Prioritäten setzen und der klassische Arbeitnehmer sich fragt, was vom Markenkern bleibt.
Und damit sind wir wieder beim Anfang, beim SWR-Bild, das keiner mehr aus dem Kopf bekommt: erst Tafelladen, dann der Chauffeur nach Frankreich, Pastete, Wurst, Baguette. Nicht als Privatmacke, sondern als Verdichtung eines Milieus, das sich selbst nicht mehr spürt.
Stoch lächelt weiter: „Weil es um Dich geht.“ Nach der Entenpastete klingt das wie ein Hohn. Am Ende bleibt eine Partei, die Debatten fürchtet, Kritiker verklagt, Personal abräumt und sich im Wahlkampf selbst entlarvt. Wer so Politik macht, verliert nicht nur sehr verdient alle kommenden Wahlen – er hat den den letzten Rest Glaubwürdigkeit verloren.


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