Direktbericht vom Aufstand an der CDU-Basis: Im Thüringer Wald hat Berlin die Macht verloren

TE direkt aus Suhl: Spektakulär an diesem Freitagabend ist nicht, dass Hans-Georg Maaßen gewonnen hat, sondern wie er gewonnen hat. Die versammelte Presse und das politische Berlin haben keinen einzigen Delegierten umstimmen können - nicht einen.

Das kleine Städtchen Suhl, gelegen in einem Tal des Thüringer Waldes, umgeben von diesigen, dicht bewaldeten Bergen, kämpft mit dem stärksten Bevölkerungsrückgang aller deutschen Kreise und kreisfreien Städte. Doch inmitten des Lockdowns sind auf einmal die Hotels des Städtchens fast vollständig ausgebucht. Denn an diesem Freitag ist alles angereist, was die deutsche Presselandschaft zu bieten hat: Regionalzeitungen aus ganz Deutschland, alle großen Fernsehsender, die überregionale Presse sowieso. Hier in Südthüringen wird darüber entschieden, ob Hans-Georg Maaßen Bundestagskandidat der CDU wird.

Als die Sitzungsleitung sichtlich glücklich um 20:06 im Congress Centrum Suhl im Saal Simson das Ergebnis verkündet, ist ein mittleres politisches Wunder vollendet: 43 abgegebene Stimmen, 43 gültige Stimmen, 37 Stimmen für Hans-Georg Maaßen, der ist jetzt Direktkandidat der CDU im Wahlkreis 196. Das Ergebnis übertrifft selbst die kühnsten Erwartungen der Kreisvorsitzenden aus Schmalkalden-Meiningen, Hildburghausen und Sonneberg, die dieses spektakuläre Manöver vor sechs Wochen initiiert haben.

Nur sechs Delegierte stimmen nicht für Maaßen – weniger ging nicht. Nach TE-Informationen waren es genau sechs Delegierte, die von Anfang an intern signalisierten, gegen Maaßen stimmen zu wollen. Alle anderen stimmten geschlossen ab, kein einziger hat sich von der versammelten Presse oder den etlichen Äußerungen aus der Spitzenpolitik einschüchtern lassen. Die Kreisvorsitzenden sind stolz auf ihre Truppe.

Hans-Georg Maaßen und Ralf Liebaug, Vorsitzender des CDU Stadtverbandes Schmalkalden

Extra vorsichtig hatte die Sitzungsleitung zunächst noch im Programm angesetzt, die Presse während Abstimmungen und Aussprachen aus dem Raum zu bitten, wohl um jede Einschüchterung der Delegierten zu vermeiden. Doch nach Zwischenrufen beschließt der Saal kurzerhand: Die Presse darf bleiben. Man will es hier nicht heimlich und still vollenden; es soll den Journalisten schon unter die Nase gerieben werden. 

Als die geplante Kandidatur von Maaßen am 1. April öffentlich wurde und sich die Bundesöffentlichkeit auf die kleinen Ortsverbände einschoss, da ging einem schon der „Arsch auf Grundeis“, erzählt einer. Was hat man in Berlin alles in der Hinterhand, was kann man tun, um die Delegierten unter Druck zu setzen? Was sollen wir schon gegen das Konrad-Adenauer-Haus ausrichten? Versucht wurde es schon mit der Einschüchterung, nur ist es nicht gelungen. Nach TE-Informationen versuchte die CDU-Landesspitze mehrere Delegierte davon zu überzeugen, die Kandidatur von Maaßen nicht zu unterstützen, dazu kamen merkwürdige Anrufe und die verzweifelte Suche nach aussichtsreichen Gegenkandidaten.

Was an diesem Freitag gegen Maaßen ins Feld geführt wird, ist am Ende sehr bescheiden. Suhls Oberbürgermeister schlägt einen Anwalt aus der Region als Gegenkandidaten vor, der erklärt seine Bewunderung für Friedrich Merz und will vor allem mit „Ich bin vor hier“-Sprüchen punkten. Der dritte Kandidat nimmt seine Kandidatur am Pult zurück und nutzt seine Redezeit zu relativ deplatziertem Rumgestänkere gegen Maaßen. Und dann geht es 37 zu sechs aus. Maaßen sagt, er sei „überwältigt“ von diesem „unglaublichen Rückenwind“.

Die Vorsitzenden der Kreisverbände können es selbst nicht so recht fassen. Maaßen verkündet, er sei bereit für einen harten Wahlkampf, zum „rumkuscheln“ neige er nicht. Und er verkündet die Botschaft des Tages: Diese Wahl habe gezeigt, dass die CDU eine Partei ist, in der die Basis herrsche, nicht das Establishment. Jetzt müsse alles daran gesetzt werden, eine Grün-Rot-Dunkelrote Regierung zu verhindern. Er grenzt sich hart von der AfD ab – da ist er ganz auf Parteilinie. Ist es Überzeugung oder will er die totale Konfrontation vermeiden? In jedem Fall ist es eine Kriegserklärung an die Merkel-CDU, die ihn aus seinem Amt vertrieben hat. Durch die Wälder über die Felder ist er wieder da.

Nach der Nominierung schimpft das politische Berlin weiter – ein ehemaliger Staatssekretär tritt demonstrativ aus der CDU aus, NRW-Integrationsstaatssekretärin  und Laschet-Vertraute Serap Güler twittert: „An die 37 Parteikollegen in Südthüringen: Ihr habt echt den Knall nicht gehört! Wie kann man so irre sein und die christdemokratischen Werte mal eben über Bord schmeißen?“. Was soll man sagen. In Suhl interessiert das keine Sau. Aber es markiert den Riß, der durch die CDU geht. Man wird sehen, ob Maaßen das Direktmandat gewinnt – oder Serap Güler, die in Köln antritt.  

Die ganze Drohkulisse der Bundespolitik und ihre riesige Welle, sie zerfällt an diesem Abend hier zu Staub. Die Macht des angeblich unentrinnbaren Imperiums lässt sich hier im fernen, fränkisch geprägten Teil Thüringens ziemlich präzise beziffern: Null. Null Delegiertenstimmen umgedreht. Suhl zeigt, dass es geht. Es waren einfach ein paar Lokalpolitiker, die sich zusammengetan haben, die Ohnmacht dieses kolossalen Machtapparats namens CDU-Spitze vorzuführen. Es könnte   Nachahmungstäter geben.

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Kommentare ( 269 )

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Sonny
2 Tage her

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.
Aber wenn das Schule (in allen Kreisverbänden) macht, könnte sich daraus durchaus ein Jahrhundertsommer entwickeln.
Es muss sich halt nur ein integerer und rechtschaffener Mensch zur Wahl stellen.

Kappes
4 Tage her

Der stärkste SED Hotspot unter den Bundesländern ist Thüringen. Wenn aus Thüringen ein zusätzlicher Direktkandidat der CDU in den BT einzieht, kann das nur gut sein. Überdies schätze ich Herrn Maaßen und glaube nicht, dass er in Berlin eine Merkelpolitik betreiben wird.

Last edited 4 Tage her by Kappes
R.Baehr
4 Tage her

Maaßen ändert in der CDU weder personell noch inhaltlich irgendetwas. Und wie Merkel mit ihm umgesprungen ist in der Vergangenheit scheint ihn nicht besonders getroffen zu haben, denn wie kann man sonst noch für diese Partei und ihre oberste Statthalterin antreten? Scheinbar war die Demütigung noch nicht groß genug um sich jetzt erneut in den Dienst einer Partei zu stellen, die scheinbar nur noch ein Interesse hat, nämlich in Zukunft an der Seite der Grünen am weiteren Untergang Deutschlands mitzuarbeiten. 16 Jahre Merkel scheinen dem Herr Maaßen noch nicht genug zu sein oder er will genau ein weiter so. Konsequent… Mehr

AlterDemokrat
4 Tage her

Ich verstehe nicht so ganz, warum man um diese Nominierung eine so große Geschichte macht, betone aber, daß ich Herrn Maaßen für einen Politiker mit Rückgrat halte, letzteres vermisse ich oft in Politik und Verwaltung, aber auch bei Verbänden und der Wirtschaft, ich wünsche ihm daher viel Erfolg und freue mich für ihn persönlich – nicht für die CDU als Partei. Mir persönlich fehlt in diesem Land eine starke Opposition und ich halte eine solche unverzichtbar für eine echte Demokratie – wie in vergangenen Jahrzehnten sollte wieder öffentlich im TV übertragen im Bundestag diskuttiert und gestritten, und nicht mehr nur… Mehr

Regina Lange
4 Tage her

Amüsant zuzusehen und zuzuhören wie Politiker und MSM, angesichts der Wahl Maaßen’s zum Direktkandidaten, Gift und Galle spucken!
Da wird geschimpft, gehetzt und gezetert!
Man merkt dass sie sich in ihrer sozialistischen Agenda gestört fühlen!
Ich fürchte nur Merkel wird sich noch was einfallen lassen, um alles rückgängig zu machen. Wäre ja nicht das erste Mal, dass ein rechtmäßiger Vorgang von ihr einkassiert wird! Die beugt das Recht, unter tosendem Beifall der rotgrünen Journaille, nach ihrem Gutdünken! Wird Zeit für eine Hausdurchsuchung!

Sonny
2 Tage her
Antworten an  Regina Lange

Die fangen wohl eher jetzt damit an, unter dem Tisch Maaßen derart zu diskreditieren, dass er bis zur Wahl im September vernichtet ist. Das ist die übliche Vorgehensweise.

bkkopp
4 Tage her

Eigentlich hätte Berlin im Thüringer Wald, und auch anderswo, nie Macht auf die Nominierung von Kandidaten haben sollen. Es war, obwohl es allgemein üblich und deshalb als Gegebenheit gesehen wurde, immer eine Pervertierung des innerparteilichen Auswahlverfahrens. Die lokale Parteiorganisation ist für ihre hartnäckige Eigenständigkeit zu beglückwünschen. Herrn Maassen möge es gelingen ein sehr gutes Ergebnis im Wahlkreis und Aufwind für seine Partei in Thüringen zu erzielen.

one out of the basket of deplorables
4 Tage her

Zu spät und zu wenig… die CDU-Basis hätte schon vor Jahren den Aufstand proben sollen gegen die schleichende inhaltliche Entkernung durch Merkel und ihre Entourage. Aber wer weiß, vielleicht geht es in Deutschland bald auch so wie bei der GOP in Amerika. Dort schicken sich viele MAGA und Trump-Unterstützer an, durch die Besetzung von Ämtern auf niedriger, lokaler Ebene die Partei von unten nach oben umzustülpen. Diese grassroots- Bewegung hat nicht das Geringste zu tun mit Figuren wie McConnell, McCarthy oder Liz Cheney, Funktionären aus der Romney und McCain-Ära. Die Republikaner wurden unter Trump die Partei der Arbeiter und unteren… Mehr

holuschi
4 Tage her

Frau Güler demonstriert sehr anschaulich, was sie unter christdemokratischen Werten versteht: drohen, einschüchtern und demokratische Enscheidungen „rückgängig“ machen wollen.

Fredi
4 Tage her

Die Schwalbe Maaßen macht noch keinen Sommer! Die Union als Ganzes ist inzwischen eine Vereinigung links gebürsteter Opportunisten, deren Apparatschiks in vorderster Front bei Wahlen über Listenlätze abgesichert sind. In Ihrer Anpassung an den linken Zeitgeist geht es ihnen nur noch um den eigenen Machterhalt. Dabei stört selbst ein zweistelliger Verlust an Stimmen nicht im Geringsten, solange man als Koalitionspartnern linker Parteien, und sei es nur als Juniorpartner, nützlich ist. Wie schnell man diese Rolle angenommen und sich damit abgefunden hat, zeigt ein Blick auf BW und in Hessen wird ein Rollentausch noch folgen. Geht die Erosion der Union im bisherigen Tempo weiter,… Mehr

horrex
4 Tage her

Bei allem Für und Wieder, bei allem Wenn und Wenn nicht das in den bisherigen Kommentaren erhofft bzw. auch bezweifelt wird, eine kleine Hofnung bleibt noch denn: Geschichte verläuft längst nicht immer so gleichmässig wie wir es in unserer gesamten Lebensspanne gewohnt waren. Wer hätte noch Anfang 89 gedacht … Historisch betrachtet macht sie – auch zumindest – immer wieder Sprünge. Dann zumindest, wenn „das Maß“ voll ist. Ich wage es provozierend zu fragen: Ist es voll genug? Ist diese Gesellschaft für einen „Kipppunkt“, den „Tropfen der das Maß“ überlaufen lässt bereit? Ich denke, leider nicht! Zwar spüren viele Menschen… Mehr

Sabine
4 Tage her
Antworten an  horrex

EXAKT! Wir müssen GANZ am Boden liegen. Nur befürchte ich, dass bis dahin die Neubürger in Deutschland das Sagen haben und wir niemals mehr wieder nach oben kommen!