Ein kaputter Regierungschef einer kaputten Metropole: Kai Wegner verkörpert die Hauptstadt perfekt. Er verspricht viel, tut wenig – und wenn, dann etwas ganz Anderes. Er scheitert an der Verwaltung, vor allem der Wahrheit.
picture alliance / Metodi Popow
Berlin ist eine „Failed City“ – eine gescheiterte Stadt. Wenn man eine Liste schreibt, was im „Bundeshauptslum“ (Don Alphonso) alles nicht klappt, dann läuft das Internet über.
- Ein Flughafen, der gefühlt nie fertig wird – und als er dann doch fertig ist, wünschen sich die Passagiere, er wäre tatsächlich nie fertig geworden.
- Wahlen, die so dilettantisch organisiert sind, dass sie wiederholt werden müssen.
- Bürgerämter, für die kein Bürger zu Lebzeiten einen Termin bekommt.
- Ein öffentlicher Nahverkehr, dessen Fahrpläne im Wortsinn Pläne sind – weil sie nie Wirklichkeit werden.
- Eine Verwaltung, die als Sumpf zu bezeichnen eine Beleidigung ist – für den Sumpf.
Dit is Berlin.
Irgendwie folgerichtig hat die Hauptstadt ein Stadtoberhaupt, das Probleme hat. Vor allem mit der Wahrheit. Kai Wegner, Regierender Bürgermeister und nebenbei auch Vorsitzender der Berliner CDU, hat gelogen. Gleich mehrfach. Deshalb fordern jetzt die Sozialdemokraten seinen Rücktritt.
Gut, in Berlin wird im September ein neues Parlament gewählt. Da schreit die politische Konkurrenz gerne. Trotzdem sind das ungekannte Töne. Denn im Moment bildet Wegners CDU noch mit der SPD ein Regierungsbündnis. Und Wahlkampf hin, Wahlkampf her: Dass ein Koalitionspartner den Regierungschef und Vorsitzenden des anderen Koalitionspartners zum Rücktritt auffordert, ist neu. Selbst für die berüchtigt ruppigen Berliner Verhältnisse.
Und wenn man sich ansieht, was Kai Wegner so treibt, kann man die Sozis ausnahmsweise sogar verstehen.
Totalausfall von Strom und Politik
Linksextremistische Terroristen verübten im Januar einen Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz. Zehntausende Haushalte und Tausende Betriebe im Südwesten der Stadt saßen im Dunkeln und in der Kälte. Ein Rentner starb in seiner unbeheizten Wohnung.
In solchen Momenten sind Politiker schon zu großer Form aufgelaufen. Helmut Schmidt bei der legendären Sturmflut in Hamburg 1962. Matthias Platzeck bei der Oderflut 1997. Gerhard Schröder bei der „Jahrhundertflut“ 2002. In solchen Momenten kann ein Politiker zeigen, ob er führt – oder ob er nur ein Amt hat.
Kai Wegner war – nun ja: weg.
„Wo ist Wegner?“, fragte sich die ganze Stadt. Erst 33 Stunden nach dem Anschlag zeigte sich der Regierende Bürgermeister in der Öffentlichkeit. Da war die Krise im Prinzip schon wieder vorbei. Wo war der Mann, als es darauf ankam?
3. Januar 2026
Um 06.00 Uhr morgens fällt der Strom aus. Um 20.41 Uhr (!) lässt er seinen Sprecher behaupten:
„Kai Wegner ist in Berlin und aktuell im Krisenstab mit allen zuständigen Stellen.“
4. Januar 2026
Erst am späten Mittag ist Wegner erstmals wieder zu sehen und sagt:
„Ich war den ganzen Tag am Telefon und habe versucht zu koordinieren. (…) Ich war zuhause, habe mich in meinem Büro zuhause eingeschlossen, im wahrsten Sinne, und habe dann koordiniert.“
Das war gelogen.
7. Januar 2026
Um 16.34 Uhr meldet der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb): „Wegner spielte während des Stromausfalls am Samstag Tennis.“ Und zwar mit Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch. Die Dame ist nicht nur Wegners Parteifreundin, sondern auch privat seine Freundin. „Lebensgefährtin“ sagt man wohl. Berliner Verhältnisse eben.
Um 17.00 Uhr bestätigt Wegner die Meldung und rechtfertigt sich:
„Ich habe in der Tat um 08.08 Uhr begonnen, die Telefonate zu führen. Ich habe mit den Krisenstäben telefoniert, mit Stromnetz. Ich habe vor allem auch mit der Bundesregierung gesprochen, mit dem Bundeskanzleramt, mit dem Bundesinnenminister. Ich habe die Voraussetzungen geschaffen, dass wir die Bundeswehr auch mit in diese Krisenbewältigung bekommen. Und ja, dann habe ich von 13.00 bis 14.00 Uhr Tennis gespielt, weil ich einfach den Kopf freikriegen wollte. Ich war die ganze Zeit erreichbar – auch, als ich Tennis gespielt habe; das Handy war auf laut gestellt. Ich bin danach sofort zurückgefahren und habe weitergearbeitet.“
Das war gelogen. Und zwar gleich doppelt, wie sich bald zeigt.
17. März 2026
Um 05.00 Uhr veröffentlicht die Zeitung „Tagesspiegel“ eine neue Recherche: Vor seinem Tennis-Termin hatte Wegner gar keine Kontakte zur Bundesregierung. Auch die Zeitung „Welt“ berichtet: Vor dem Tennisspiel gab es keine nachweisbaren Gespräche mit Kanzleramt oder Innenministerium.
Anfragen der Zeitung hatte Wegners Senatskanzlei beharrlich nicht beantworten wollen. Es bedurfte einer Eilentscheidung des Verwaltungsgerichts, damit diese Informationen freigegeben wurden.
7. Juli 2026
Um 15.00 Uhr lässt der „Tagesspiegel“ die bisher größte Bombe platzen: Wegner führte am Morgen des Stromausfalls gar keine dienstlichen Telefonate. Also nicht nur nicht mit der Bundesregierung, sondern: überhaupt keine.
Das zeigen behördliche Protokolle, die Wegner und seine Leute zurückhalten wollten und die die Zeitung auch wieder erst gerichtlich freiklagen musste.
Der Regierende Bürgermeister und seine Senatskanzlei versuchen jetzt zu retten, was beim allerbesten Willen nicht mehr zu retten ist. Er habe „Fehler in der Kommunikation“ gemacht. Aha. Das kann man ja demnächst vielleicht auch mal vor Gericht probieren, wenn man einen Meineid leistet: nur ein „Fehler in der Kommunikation“.
Der „Bild“-Zeitung sagt Wegner dann noch allen Ernstes, er habe nicht bewusst getäuscht. Aber wie nennt man das, wenn man etwas behauptet, das gar nicht passiert ist?
Rechts geblinkt, scharf links abgebogen
Es ist nicht das erste Mal, dass Kai Wegner die Berliner täuscht.
Der Mann kam 2023 durch einen harten Law-and-Order-Wahlkampf ins Amt. Nach den Silvesterkrawallen verteidigte die Berliner CDU die Abfrage der Vornamen von Tatverdächtigen. Man müsse „Wahrheiten benennen“, auch wenn sie wehtun, schimpfte der damalige Spitzenkandidat Wegner. Die CDU trat als Gegenmodell zu Rot-Grün-Rot auf: mehr Sicherheit, mehr Ordnung, weniger ideologische Stadtpolitik.
Nach dem Wahlsieg machte Wegner den Merz: Er tat ziemlich überall das exakte Gegenteil dessen, was er vorher versprochen hatte.
Die CDU regiert mit der SPD und macht fast alles mit, was sie noch im Wahlkampf vehement bekämpft hat: extremer Mieterschutz, LGBTQ-Besessenheit, Drag-Queen-Lesungen in Kindergärten. Die groß angekündigte Schließung des berüchtigten Görlitzer Parks scheiterte kläglich.
Nicht zu vergessen: Unter Kai Wegner bleibt Berlin das El Dorado für alle Wirtschaftsflüchtlinge dieser Welt.
Pinocchio und sein Papierdenkmal
Was für ein miserabler Politiker Kai Wegner ist, zeigt sich daran, was er als wichtigstes Projekt seiner Amtszeit auserkoren hat: die Verwaltungsreform. Wie sexy ist das denn?
Überall in der Stadt brennt es: auf der Straße, in den Schulen, bei der Sicherheit, beim Wohnen, im Verkehr und bei der Infrastruktur. Und Wegner steckt seine Hauptenergie in einen Aufgabenkatalog, der später in einer durchsuchbaren Datenbank erscheinen soll. Es ist ein Verwaltungsakt über Verwaltungsakte.
Mit Martina Klement vertrieb Wegner ausgerechnet die Staatssekretärin für Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung. Sie war die zentrale Figur der Verwaltungsreform, wechselte aber relativ entnervt als Wirtschaftsministerin nach Brandenburg. Ihren Nachfolger Matthias Hundt wählte Wegner persönlich aus. Er kam im März 2026 – und war nach gut zwei Monaten wieder weg. Der schillernde Mann hatte es in wenigen Wochen geschafft, es sich mit praktisch jedermann in Berlin zu verscherzen. Wegner musste Hundt schließlich entlassen. Der Kurzzeit-Staatssekretär erhält nach übereinstimmenden Medienberichten rund 50.700 Euro Übergangsgeld.
So modernisiert Berlin seine Verwaltung: Erst vergrault man die erfolgreiche Verantwortliche, dann holt man einen windigen Nachfolger, dann feuert man ihn, dann zahlt der Steuerzahler die Ausstiegspauschale.
Degenerierte CDU, degeneriertes Berlin
Kai Wegner ist kein Betriebsunfall. Er ist das zwangsläufige Produkt einer Berliner CDU, die ihren Daseinszweck allein noch im Machterhalt findet.
Die Berliner CDU will nicht mehr Politik machen. Sie will nur noch regieren.
Wegner ist das Geschöpf dieser ideologiefreien Ideologie. Er ist kein Reformer. Er ist kein Krisenmanager. Er ist ein Machtpolitiker ohne erkennbaren Machtzweck. Sein politisches Programm lautet: im Amt bleiben. Seine Bilanz lautet: viel angekündigt, manches umbenannt, nichts gelöst.
Da spielt es schon fast keine Rolle mehr, dass er eine intime Beziehung mit seiner Bildungssenatorin hat. Das wäre in jedem anständigen Unternehmen mit einer auch nur halbwegs funktionierenden Compliance-Abteilung völlig undenkbar.
Aber wer würde Berlin als anständiges Unternehmen bezeichnen?
Natürlich wäre Wegner in einer funktionierenden Stadt undenkbar. Zu Berlin passt er erstaunlich gut. Die Hauptstadt hat eine fast poetische Begabung, Versagen als Lebensgefühl misszuverstehen. Wenn die Verwaltung nicht funktioniert, heißt es: Berliner Schnauze. Wenn die Bahn nicht fährt, heißt es: Großstadt eben. Wenn Wahlen wiederholt werden müssen, heißt es: Fehlerkultur.
Die Berliner verzeihen sich selbst alles. Darum haben sie auch Wegner so lange so viel verziehen. Der Mann ist nicht die Ursache der Probleme. Dafür ist diese Stadt zu kaputt und zu stolz auf ihre eigene Unfähigkeit.
Berlin und Kai Wegner haben sich verdient.


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