Streikwoche zum 100-jährigen Jubiläum – Lufthansa stellt nun Cityline ein

Kein schöner Festakt, den die Angestellten ihrem Arbeitgeber zum 100-jährigen Jubiläum da bereiten. Die Gewerkschaften innerhalb der Lufthansa wechseln sich mit ihren Streiks perfekt ab. Einer streikt immer – die ganze Woche lang. Nun reagiert das Unternehmen und stellt seine Tochter-Airline Cityline ein.

picture alliance/dpa | Hannes P Albert

Vor 100 Jahren begann die Geschichte der Lufthansa unter dem Kranich. Doch die Jubiläumswoche der Lufthansa zum 100. Jahrestag ihrer Gründung wurde zur Streikwoche. Das Management der Lufthansa-Gruppe reagiert auf die massive Streikwelle und greift nun zu einer harten Maßnahme: Der Betrieb von Lufthansa Cityline wird mit sofortiger Wirkung eingestellt, danach werden alle Beschäftigten bis auf wenige Ausnahmen freigestellt.

„Wir mussten nach umfänglicher Prüfung den Beschluss fassen, den Cityline-Flugbetrieb vorerst bis auf Weiteres temporär stillzulegen“, heißt es in einem internen Schreiben. Das bedeute, dass bis auf Weiteres keine Flüge mehr durchgeführt werden. „Alle betroffenen Mitarbeiter im Cockpit und in der Kabine werden widerruflich – bis auf wenige Ausnahmen – freigestellt.“

Die Kabinengewerkschaft UFO hatte die Flugbegleiter von Lufthansa und Cityline für Mittwoch und Donnerstag erneut zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit rief ihre Piloten von Lufthansa, Lufthansa Cargo und Cityline für Donnerstag und Freitag zu einem weiteren zweitägigen Ausstand auf, bei Eurowings am Donnerstag. Damit ist die Kernmarke der Lufthansa in dieser Woche von Montag bis Freitag von Streiks betroffen.

Schon jetzt ist der Schaden erheblich. Allein an den Drehkreuzen Frankfurt und München mussten am Dienstag mehr als 900 Starts und Landungen gestrichen werden. Hunderte Flüge fielen aus. Am Mittwoch sah es nicht anders aus, und auch am Donnerstag wurde mit massiven Einschränkungen gerechnet, weil zusätzlich die Flugbegleiter streiken. Die Tourismusbranche warnt vor Millionenschäden und einem weiteren Imageschaden für den Standort Deutschland.

Nun reagiert der Konzern, indem er das Flugangebot seiner Tochter Cityline stoppt. Hintergrund ist eine Entscheidung der Kernmarke Lufthansa Classic, wegen der ständigen Streiks auf die Dienste der Cityline zu verzichten. Die Airline übernimmt Zubringerflüge etwa nach Frankfurt und München. Als Erstes sollen laut Welt ab Samstag die 27 älteren Flugzeuge am Boden bleiben.

Die Streiktermine waren mit Absicht gewählt. Am Mittwoch fand in Frankfurt die Jubelfeier zu 100 Jahre Lufthansa statt, mit dabei auch Kanzler Friedrich Merz. Es gab gleichzeitig eine Kundgebung der UFO, der Gewerkschaft der Flugbegleiter. Joachim Vázquez Bürger, Vorsitzender der UFO: „Es gibt kaum einen passenderen Ort, um deutlich zu machen, worum es hier wirklich geht. Wenn sich das Management gemeinsam mit der Bundespolitik für 100 Jahre Lufthansa feiert, dann werden wir genau dort sichtbar machen, unter welchen Bedingungen die Arbeitgeberseite funktioniert und auf wessen Rücken aktuelle Entscheidungen ausgetragen werden.“

Daran hatte keiner der Gründerväter der Lufthansa gedacht, als sie am 6. Januar 1926 die Deutsche Luft Hansa AG aus der Taufe hoben. Sie hatten auch die Finanzen im Blick, die Technik war teuer, nur ein bis zwei Dutzend zahlende Passagiere konnten pro Flug transportiert werden. Zu den wichtigsten Flugzeugen gehörte die Junkers F 13, in der nur vier Passagiere in der Kabine sitzen konnten, die Piloten saßen eingehüllt in dicke Ledermäntel im Cockpit im Freien. So viel zum Arbeitsplatzfortschritt. Der erste Linienflug der Luft Hansa am 6. April 1926 wurde mit vier Fluggästen durchgeführt.

Bei Gründung war es so lange nicht her, dass die tollkühnen Männer in fliegenden Kisten durch die Lüfte flogen. Es war Anfang des Jahrhunderts, der Autoverkehr entfaltete sich rasch. Der Film lief noch stumm, es gab weder Radio noch Fernsehen. Die große Publikumsattraktion jener Tage waren jedoch schon Flugveranstaltungen, die Zehntausende auf die Beine brachten. Im Ersten Weltkrieg war das Flugzeug zu einer gefährlichen Waffe geworden. Nach dem verlorenen Krieg mussten in Deutschland tausende Flugzeuge vernichtet werden.

Doch zunächst fehlte das Flugzeug nicht. Die Züge der Bahn fuhren bis ins Zentrum der Stadt, sie fuhren schnell und sie fuhren auch bei Nacht. Eine kaum zu schlagende Konkurrenz für die junge Fliegerei. Die übrig gebliebenen Flugzeuge waren langsam und vom Wetter abhängig.

In Deutschland kam der Zufall den Piloten und ihren ausgedienten Maschinen zu Hilfe. 1919, die Eisenbahn streikte, in Weimar tagte die Nationalversammlung. Die deutsche Luftreederei beförderte Zeitungen und Post von Berlin nach Weimar sowie die ersten Passagiere, Politiker und Journalisten. Die zweimotorigen Doppeldecker trugen schon den Kranich am Rumpf, eines der ältesten Zeichen im Weltluftverkehr. Der „Vogel“ wurde 1918 von Otto Firle für die Deutsche Luftreederei entworfen; anfangs trugen die Flugzeuge noch die Postflagge, später setzte sich das Zeichen durch.

Die Reichsregierung, die Länder und Städte unterstützten die Fluggesellschaften. Denn das Flugzeug galt schon damals als Verkehrsmittel der Zukunft. Was der Luftverkehr damals brauchte, war ein robustes Verkehrsflugzeug. Es kam aus Dessau von Junkers und hieß F13, das erste vertrauenerweckende, maßgeschneiderte Verkehrsflugzeug der Welt, ganz aus Metall. Bequem, ja komfortabel, beheizbar und mit Korbsesseln für vier Passagiere. Seinerzeit ein Riesenschritt in die Zukunft. Von Jahr zu Jahr erweiterte sich das deutsche Luftverkehrsnetz.

Vor allem sollten aber Flugzeuge dort fliegen, wo es noch keine Straßen und Eisenbahnen gab wie in Asien und in Südamerika. Dort sah die Flugzeugindustrie ihre Exportchancen. Auch für die Weiten Russlands wurde das Flugzeug gebraucht. Deutsche und Russen gründeten Ende 1921 die Deruluft, die deutsch russische Luftverkehrsgesellschaft. Sie flog erst von Königsberg, später von Berlin nach Moskau.

Noch mussten die Passagiere vor dem Flug gewogen werden. Bei einmotorigen Flugzeugen fiel sogar die Zeitung ins Gewicht. Die Deruluft beschäftigte deutsche wie russische Piloten und Techniker. Ihr Flugbetrieb über lange Strecken galt seinerzeit als mustergültig. Luftverkehr drängte überall zur Konzentration.

Denn die beiden Gesellschaften Junkers Luftverkehr AG und die Deutsche Aero Lloyd standen kurz vor dem Ruin. Die Reichsregierung zwang sie zu einem „Merger“, würde man heute sagen, zum Zusammenschluss. Am 6. Januar 1926 wurde die deutsche Luft Hansa Aktiengesellschaft gegründet. Es entstand ein Streckennetz, das von London bis Moskau, von Stockholm bis Budapest reichte. Die damals übliche Pause des Luftverkehrs im Winter wurde zur Umorganisation genutzt.

Im Frühjahr 1926 gab Erhard Milch, Vorstandsmitglied in Berlin-Tempelhof, die erste Pressekonferenz. Er sprach über die Ziele der neuen Lufthansa, über den Ausbau des Europaverkehrs, auch über die Alpen hinweg, die Erschließung des fernen Ostens, den Brückenschlag von Europa nach Südamerika. Ein gewaltiges Programm, denn der Aktionsradius der Flugzeuge war gering, und die Flugplätze waren holperige Graspisten mit schlichten Gebäuden.

Piloten galten als Männer, denen man vertrauen kann – und schließlich auch musste. Nach einem guten Flug, so hieß es, schüttelten die Passagiere ihm dankbar die Hand. Auch sie hatten ein Abenteuer überstanden.

Im Winter wurde noch nicht nach Flugplan geflogen, und auch nachts nur versuchsweise. Eine Nachtstrecke musste beleuchtet sein. Und so wurde eine Lichterstraße von Berlin nach Königsberg in Ostpreußen gebaut. Alle 30 Kilometer ein Drehscheinwerfer, dazwischen gasbeleuchtete Baken und Neonlampen an Giebeln und Masten.

Am 1. Mai 1926, nachts um zwei Uhr, startete eine Junkers G24 von Berlin nach Königsberg. Es war die erste Flugstrecke der Welt, die auch nachts mit Passagieren beflogen wurde. In Königsberg wartete die Anschlussmaschine der Deruluft nach Moskau. Reisedauer: eine halbe Nacht und ein Tag.

Gegenüber der Bahn waren 50 Stunden gewonnen. Die Vorteile des Fliegens wurden zum ersten Mal deutlich. Doch Carl August Freiherr von Gablenz, dem fliegenden Direktor der Lufthansa, wie er genannt wurde, genügte das noch nicht. Sollte das Flugzeug als Verkehrsmittel ernst genommen werden, durfte es nicht nur bei ruhigem Wetter fliegen. Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit gehörten zum Luftverkehr. Damals jedenfalls.

Aber für den regelmäßigen Flugverkehr reichte die Erdsicht des Piloten noch nicht aus, das Flugzeug musste hinauf in die Wolken steigen, und über die Wolken hinaus. Sonst werden nämlich bei schlechtem Wetter die schönsten Flugpläne wertlos.

Also, forderte von Gablenz, mussten die Piloten so geschult werden, dass sie auch bei schlechtem Wetter fast blind fliegen können. Die meteorologische Beratung wurde verbessert, die Instrumente verfeinert. Die Funkverbindung wurde für die Streckennavigation und für die Landung unerlässlich. Der Blick auf die Instrumente musste den Blick auf die Landschaft ersetzen. Systematisch wurden die Piloten geschult. Von London, von Paris flog man über Berlin nach Moskau, Ende der 20er Jahre schon eine Selbstverständlichkeit.

Nach dem Krieg wurde die Lufthansa 1953 neu als Luftag gegründet, 1954 in Deutsche Lufthansa AG umbenannt, und 1955 wurde dann der Flugbetrieb aufgenommen. Die Lufthansa zog von ihrem Heimatflughafen Hamburg um in das geografisch günstiger gelegene Frankfurt am Main. Zunächst flogen noch viele amerikanische und britische Piloten die Maschinen, bis dann wieder genügend eigener Nachwuchs vorhanden war. Fliegen, das war zu jenen Zeiten noch Luxus für Geschäftsleute sowie Schauspiel- und Musikstars. Damals wurde auch noch viel geraucht, selbst im Cockpit beruhigten sich die Piloten mit Zigaretten.

Demokratisiert wurde das Fliegen erst, als Großraumflugzeuge wie der Jumbo-Jet, die B 747, die alten Flugzeuge von B 707 und B 727 ergänzten und die Kosten pro Passagier entscheidend senkten. Auch die Lufthansa bestellte diese Superflieger und später auch die Airbus-Konkurrenz A 380.

Heute kämpft Lufthansa nicht nur gegen streikende Mitarbeiter, sondern gegen hohe Kerosinpreise und liefert sich möglicherweise bald Schlachten um knapper gewordenen Sprit.


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Kommentare ( 10 )

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Berlindiesel
25 Minuten her

Im Grunde gibt es das Streik-Chaos nur, weil die Regierung zu feige ist, mit dem Unwesen der Spartengewerkschaften aufzuräumen. Im kaum einer anderen Branche ist die Partikularisierung der Gewerkschaften so auf die Spitze getrieben worden wie in der Luftfahrt. Wenn 100 Vorfeldfeger am Frankfurter Flughafen streiken, steht dort der ganze Betrieb still, mit 30000 Angestellten. Das Streikrecht kann nicht über alles und jedem stehen, und Firmen sind nicht dafür da, dass ihre Mitarbeiter mit Sänften durch die Gegend getragen werden. Insbesondere bei Dienstleistern und im öffentlichen Dienst wird durch den Streik zudem fast nie der Arbeitgeber, sondern nur die Kunden… Mehr

Haba Orwell
32 Minuten her

> Hintergrund ist eine Entscheidung der Kernmarke Lufthansa Classic, wegen der ständigen Streiks auf die Dienste der Cityline zu verzichten. … Als Erstes sollen laut Welt ab Samstag die 27 älteren Flugzeuge am Boden bleiben.

Der Hintergrund ist wohl vor allem, dass durch den Iran-Krieg in Westeuropa Kerosin knapp wurde.

Karl Renschu
37 Minuten her

Endlich greift mal jemand durch gegen diesen Streikirrsinn. Die Schuld dafür, dass der Lohn nicht mehr zum Leben reicht, liegt beim Politiker und nicht beim Unternehmer!

Orlando M.
39 Minuten her

Na da können sich die 2236 Mitarbeiter bei den Gewerkschaften herzlich bedanken! Die Gewerkschafter kämpfen übrigens nicht so verbissen, um die Bedingungen für die Mitarbeiter von Lufthansa zu verbessern, sondern darum ihre eigenen Arbeitsplätze zu rechtfertigen und vor allem, um innerhalb der Gewerkschaft aufzusteigen. Für den Aufstieg in einer Gewerkschaft versprechen diese Gestalten den Beschäftigten der Unternehmen alles! Wer am meisten verspricht und am lautesten herumtönt, gewinnt, siehe den Weselsky von der Bahngewerkschaft oder die Krawallo von VW.

Enrico
45 Minuten her

Ich bin wirklich gespannt wie ein Flitzebogen, was aus diesem kaputten Land so in nächster Zeit noch werden wird. Während der LH Chef letztes Jahr fast 10 Mio. € Gehalt und Boni undwasweissichnoch einstreichen durfte, geht es z.B. für Flugbegleiterinnen bei der CityLine (ich kenne eine Dame persönlich, 2 Kids, alleinerziehend) gerade einfach um ALLES, denn es gibt kein Angebot seitens der Muttergesellschaft LH zu einer garantierten Übernahme. Klar, die verdienten bisher sicher nicht schlecht (bzw. sehr gut), aber dann von vollem Schub auf Vollbremsung (stempeln sagte man in früheren Tagen), das kennen (pol.) Beamte und andere Vollversorgte so natürlich… Mehr

Johann P.
45 Minuten her

Ich kann es durchaus nachvollziehen, wenn die Lufthansa jetzt ebenso harte Bandagen auspackt, wie es die diversen Gewerkschaften so penetrant vormachen. Das gesamte fliegende Personal sollte einfach seine (gut bezahlte) Arbeit machen und nicht zigtausende Kunden, von denen sie ja schließlich bezahlt werden, verprellen und ihrer Firma einen erheblichen Imageschaden zufügen. Wenn ihnen ihr Job nicht mehr gefällt, sollen sie sich halt was besseres suchen, an Nachwuchs dürfte es eigentlich nicht mangeln.

yeager
49 Minuten her

Hauptsache der „Diversity-Ansatz“ und die Frauenquote in der Führungsebene werden umgesetzt.

MeHere
50 Minuten her

Zum 100sten Jubiläum bestreiken die Gewerkschaften die Lufthansa … aus das muss man erst mal kommen … ich nenne das „vorsätzliche und arglistige Schädigung des Unternehmens“ … evtl. sogar strafrechtlich relevant – Gewerkschaften sind die PEST – genauso wie Politik an den Schulen oder Unis, oder „Omis“ gegen rääääächts, etc pp uvm. alles LINKER DRECK, der weg kann – ohne dem funktioniert das Land besser als mit … nochwas: Sozialismus sollte man wegen Schäden für Hirn der Gläubigen und Vermögen der Anderen grundsätzlich bei Toxxstrafe verbieten.

Last edited 47 Minuten her by MeHere
heinrich hein
1 Stunde her

In Deutschland geht es allen noch viel zu gut. Hohe Krankenstände, Mindestlohnerhöhung, die Restaurants sind gerammelt voll. Ich freue mich, wenn dieses Volk schmerzhaft vom viel zu hohen Ross heruntergeholt wird. Hoffentlich haben wir bald 8 Mio Arbeitslose.

Autour
1 Stunde her

Tja mit dem Standort Deutschland kann die Lufthansa nur untergehen… auch sollten sich die super duper Manager mal mehr um den Service kümmern als sich ihre eigenen Taschen voll zu stopfen…
ich sehe eigentlich keine Zukunft für die Lufthansa… zum einen der Katastrophale Standort und dann absolut unfähiges Führungspersonal wie in fast allen DAX-Konzernen…