Das Ende der Ernährungsaufklärung: Nutri-Score

Die durch Ernährungs-Agitation verunsicherten Verbraucher leben in dem Risiko, sich am Nutri-Score zu orientieren. Sie werden dann feststellen, dass der Kauf von Fertigprodukten und Konserven der scheinbar sicherste Weg ist, sich grün und damit vermeintlich gesund zu ernähren.

imago images / Reporters

Eine neue Verschwörungstheorie setzt Foodwatch am 29. April 2019 in die Welt. Eine Unterschriftenaktion wird von den privatwirtschaftlichen Kampagnen-Initiatoren mit der Behauptung gestartet: „Schluss mit der Geheimniskrämerei! Bundesernährungsministerin Julia Klöckner hält eine zentrale Studie zurück, die die Nutri-Score-Ampel offenbar positiv bewertet. Wir fordern: Her mit der Originalstudie!“

Die gemeinsam von Nahrungsmittel-Multis und Foodwatch als Transparenz für die Verbraucher deklarierte Ampel, die angeblich zu einer gesunden Ernährung beitragen soll, ist eine Irreführung der Konsumenten mit dem strategischen Ziel, Verkaufsförderung und Marktbereinigung zu perfektionieren. Die Prinzipien einer ausgewogenen Ernährung werden aufgegeben, um mit Schein-Informationen das Einkaufsverhalten und damit in der Konsequenz die Nahrungsmittel-Versorgung der Menschen zu dirigieren. Das beschneidet nicht nur Freiheiten, sondern ist auch ungesund.

Dumm, dick, Diabetes. Dieser Dreiklang, angeblich die Folge der zu einer eigenverantwortlichen Ernährung unfähigen Konsumenten, soll korrigiert werden. Endlich sollen wir lernen, was gesunde Ernährung ist. Regelmäßig Fischstäbchen mit Fertigpommes aus der Tüte. Zur kulinarischen Abwechslung gibt es dann ein in Folie verschweißtes Fertiggericht mit Schnitzel, Spaghetti und Tomatensoße. Die Menge der Köstlichkeiten ist egal. Man kann essen, bis ein leichtes Gefühl von Übelkeit einsetzt. Aber im Interesse der Gesundheit sollte der gut informierte Verbraucher schädliche Produkte wie Nüsse oder Olivenöl meiden. Risikoreich kann es auch sein, mit frischem Gemüse selbst zu kochen. Bei Pflanzen wie Kartoffeln, Porree, Möhren etc. fehlen die Aufkleber, die bei fertig zubereiteten Gerichten den Wert für Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden signalisieren. Die Verarbeitung von frischen Feldfrüchten erfolgt also auf eigenes Risiko.

Nach der Inflation fast täglich neuer Nachrichten, was aus Sicht von Ernährungs-Propheten der Mensch essen oder vermeiden sollte, welche Ernährungsformen gerade besonders modisch attraktiv sind oder mit welcher Kost gleich der ganze Globus durch weniger blähende Rinder gerettet wird, kommt jetzt endlich Sicherheit in den Speiseplan. Plakativ soll künftig auf den Verpackungen von Nahrungsmitteln der so genannte Nutri-Score prangen, der als ernährungswissenschaftlich anmutender Beipackzettel farbenfroh signalisiert, was man aus Regal und Tiefkühltruhe nehmen darf oder besser liegen lassen sollte. Grün ist die Hoffnung auf gesunde Ernährung und rot ist eine gelernte Warnfarbe. Wer dann noch das Alphabet beherrscht, kann sich auch an den Buchstaben A bis E orientieren. Niemand muss sich mehr Gedanken machen, wie eine ausgewogene Ernährung aussehen sollte. Ob Mann, Frau oder Kind ist beim Score egal. Die Ernährungsbotschaft gilt für alle Menschen unabhängig von ihren individuellen Bedürfnissen gleichermaßen. Und komplizierte Aspekte wie der Tagesbedarf an Nährstoffen oder die Kalorien zählen nicht mehr. Es darf munter gegessen werden. Hauptsache der Nutri-Score wird mit dem persönlichen Appetit in Einklang gebracht.

Foodwatch unterstützt Konzernstrategie

Das auf die Akquisition von Spendengeldern und Förderbeiträgen konzentrierte Wirtschaftsunternehmen Foodwatch, eigentlich ein erklärter Gegner der Lebensmittelwirtschaft, macht jetzt sogar gemeinsame Sache mit dem multinationalen Getränke- und Lebensmittelkonzern Danone. Es geht darum, die Verpackung von Lebensmitteln mit Kaufempfehlungen zu bedrucken. Diese Variante der Lebensmittelampel, fünf Felder im Farbverlauf von einem grünen A bis zu einem roten E, soll den Verbrauchern sinnvolle Orientierung beim Einkauf bieten. Dieses Label wird die Verbraucher erstens um den Verstand und zweitens um eine ausbalancierte Ernährung bringen.

Prof. Dr. Peter Stehle, ehemals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), hat die Ernährungs-Diktatur grundsätzlich und massiv kritisiert. Aus seiner Sicht sind Vorschriften, die dem Verbraucher signalisieren, was er angeblich essen darf und was er nicht essen sollte, unsinnige Anleitungen, weil sie keinen sachlichen Hintergrund haben. Die Ernährungswissenschaft bietet nach Worten von Stehle keine belastbaren Grundlagen, solche Aussagen zu treffen. Die mangelnde Substanz von angeblich ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen kritisiert auch Prof. Dr. John Ioannidis von der Stanford Universität. Nach seinen Forschungsergebnissen sind 85 Prozent der permanent publizierten Beobachtungsstudien, Interpretationen und Mutmaßungen lediglich für den Papierkorb geeignet. Das ist Pseudo-Wissenschaft nach dem Motto: Man muss nichts wissen, man muss es nur wollen. Das wird jetzt zur Messlatte gemacht.

Nicht verstehen – glauben und essen

Der Nutri-Score ist die willkürliche Umsetzung von scheinbar wissenschaftlichen Annahmen und Behauptungen, mit denen Konzerne wie Danone und Iglo versuchen wollen, zumindest eine Auswahl ihrer Produkte in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Das mag für das individuelle Marketing dieser Unternehmen vorteilhaft sein, für den Verbraucher ist es die pure Verwirrung. Er wird im Handel feststellen, dass ein mit C gekennzeichnetes Rapsöl offenbar besser ist als ein mit D markiertes Olivenöl. Warum soll Olivenöl, das ganz wesentlich zu der immer wieder gepriesenen mediterranen Küche gehört, jetzt eigentlich schädlich sein? Soll er sich für ein Roggenbrot mit A entscheiden, weil ein Knäckebrot nur mit C gekennzeichnet ist? Warum ist ein mit D markierter Räucherlachs ungesund während ein gefrorener Lachs als gesund mit A gekennzeichnet wird? Ohnehin scheint der Räucherlachs ein Gesundheitsrisiko zu sein, während ein Fertiggericht mit Schnitzel, Spaghetti und Tomatensauce aus der Retorte mit A geradezu den Eindruck erweckt, es sei als tägliches Nahrungsmittel für die Gesundheit besonders wertvoll.

Nüsse sind eh schlecht, weil sie nur ein D bekommen. Und ein Apfelmus mit 17 Gramm Zucker pro 100 Gramm hat ein A während man von einem Apfelsaft mit nur 10,5 Gramm Zucker pro 100  Gramm wegen des C wohl besser die Finger lassen sollte. Vor Smoothies wird mit einem E gewarnt. Da ist es doch besser, eine Diät-Cola mit B zu trinken. Auch Iglo ist fein raus. Die mit einem lindgrünen B gekennzeichneten Fischstäbchen können täglich mit den Fertigpommes, die ein sattgrünes A haben, kombiniert werden. Endlich wissen wir, was dem Körper gut tut: regelmäßig Fischstäbchen mit Pommes. Auch nicht ernährungswissenschaftlich vorgebildete Verbraucher wird das Gefühl beschleichen, dass der Nutri-Score wohl kaum der richtige Weg zur gesunden Ernährung ist.

Die Bewertung von Olivenöl und Nüssen zeigt eindrucksvoll, dass dieser Score unter dem Aspekt Gesundheit keine Relevanz hat. Seit 19 Jahren wird die so genannte Mittelmeerkost wegen ihrer protektiven Effekte hinsichtlich kardiovaskulärer Krankheiten untersucht. Solide klinische Studien, eine erst aktuell publiziert, zeigen, dass Olivenöl und Nüsse im Rahmen dieser Ernährung positive Effekte zum Schutz vor Diabetes, Bluthochdruck und nicht zuletzt im Hinblick auf das Gewicht haben. Der Score warnt davor mit einem roten D. Er basiert auf einer willkürlichen Auswahl von sieben Nährstoffen für die Bewertung und ignoriert parallel wissenschaftliche Erkenntnisse. Er ist echte Verbrauchertäuschung.

Der Irrweg des Nutri-Scores lässt sich am Beispiel von Nudeln überzeugend transparent machen. Fertigprodukte, die so genannten Ready-to-eat-Produkte, also verzehrfertig vorbereitete Nudeln in der Konserve oder der Folie, schneiden besser ab als Nudeln, die in der heimischen Küche selbst zubereitet werden müssen. Dies liegt an ihrem höheren Wassergehalt, der ihnen einen Vorteil verschafft. Herkömmliche Nudeln in der Packung, die zu Hause noch selbst im Wasser zu kochen sind, werden mit dem Trockengewicht berechnet. Das lässt sie schlechter abschneiden als die industriell gekochte Nudel in der Dose. Die fürsorgliche Hausfrau nimmt aus Sorge um die Gesundheit der Familie dann doch lieber die mit Wasser angereicherten Konservennudeln und spart zudem auch noch die Zeit, diese selbst kochen zu müssen. Dosenöffner und Mikrowelle werden damit zu Instrumenten einer gesunden Küche.

Kohlenhydrate, Eiweiß, Fett, Kalorien? Hauptsache grünes A

Die Bewertung eines isoliert betrachteten Nahrungsmittels sagt über seinen eigentlichen Wert nichts aus. Ein einzelnes Lebensmittel ist vielmehr Bestandteil einer aus der Kombination zahlreicher Lebensmittel bestehenden Ernährung. Die Summe ist dann auch verantwortlich für die Nähstoffbilanz und nicht zuletzt das Gewicht des Menschen. Im Hinblick auf Verzehrhäufigkeit und Verzehrmenge gibt der Nutri-Score keine Informationen. Kann er auch nicht, weil die Ernährung von Menschen sehr individuell durch Präferenzen, Lebensumstände, Geschmack etc. geprägt wird. Noch gravierender ist die Tatsache, dass der Nutri-Score nicht über den Kaloriengehalt informiert. Wer also eifrig mit einem grünen A gekennzeichnete Produkte kauft, in reichlicher Menge verzehrt und dabei ganz ruhig auf dem Sofa sitzen bleibt, wird zu der im Selbstversuch gewonnenen Erkenntnis gelangen, dass der Kaloriengehalt in Relation zum Kalorienverbrauch entscheidende Bedeutung für das Körpergewicht hat. Trotz der grünen As auf seinen gekauften Kartons wird er dick.

Das Wissen, wie eine individuell ausgewogene Ernährung aussehen sollte, wird durch den Nutri-Score vollends überflüssig gemacht. Wer muss sich schon mit Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett, einzelnen Nährstoffen oder Vitaminen beschäftigen, wenn die Vorderseite der Verpackung von Nahrungsmitteln signalisiert, was aus den Regalen des Handels in den Kühlschrank wandern sollte?

Foodwatch ist das egal. Um wirtschaftlichen Erfolg bei der Spendenakquisition durch Skandalisierung und Konfrontation zu erzielen, haben die selbst ernannten Essensretter seit langem schon nach einer irgendwie gearteten Ampel geschrien. Die penetrante Forderung, vor allem Zucker, Fett und Salz zu diskriminieren und die Existenz dieser Rezept-Bausteine durch ein Ampel-System transparent zu machen, zwingt die Aktivisten jetzt dazu, einige internationale Konzerne bei ihrer Marketing-Strategie zu unterstützen. Es geht um das Prinzip und nicht um eine differenzierte Beschäftigung mit der Sinnhaftigkeit des Nutri-Scores. Damit wird offenbar, dass Foodwatch kein Interesse daran hat, was die Menschen essen. Sollen doch Fischstäbchen mit Fertigpommes die beste Ernährung für eine gesunde Familie sein. Die kampagnenorientieren Essensretter werden wohl wissen, warum sie Fruchtzwerge im Vergleich zum Olivenöl als gesundes Lebensmittel promoten. Danone und Iglo werden dankbar sein, von den ewigen Kritikastern willkommene Schützenhilfe zu erhalten.

Dies ist zugleich eine Schützenhilfe bei der Konsolidierung des Marktes. So nennt man es, wenn unliebsame Wettbewerber aus dem Markt gedrängt werden. Der Nutri-Score kann dabei helfen, die Vielfalt der Konkurrenz zu eliminieren. Interessante und für viele Verbraucher attraktive Nahrungsmittel, die keinen Score oder einen schlechten haben, sind künftig im Nachteil. Die international agierenden Massen-Fabrikanten, denen Foodwatch jetzt hilft, setzen auf den Windkanal der Reformulierung, um ihre Rezepturen scoregerecht zu stylen. Kleine und mittlere Hersteller bleiben mit ihren Spezialitäten auf der Strecke.

Verbraucher-Manipulation kontra Balance

Der Nutri-Score ist Ausdruck eines Ernährungs-Diktats, das Menschen dazu verführt, Vielfalt und Balance ihrer Ernährung aufzugeben. Zu einer ausgewogenen Ernährung gehört die Kombination von vielfältigen Lebensmitteln mit unterschiedlichen Nährwertgehalten. Fleisch, Fisch, Käse, Wurst, Brot, Gemüse und viele andere Bausteine mehr machen in ihrer Summe die Ernährung aus. Genau darauf versperrt der Nutri-Score den notwendigen Blick. Der Nutri-Score ist eine perfide Form der Verbraucher-Manipulation. Er verhindert, die Ernährung ausgewogen zu gestalten. Durch die isolierte Betrachtung eines einzelnen Produkts, bei dem es weder Informationen über den Kaloriengehalt noch den Anteil von Rezeptur-Komponenten an einem durchschnittlichen Tagesbedarf gibt, wird der Verbraucher dazu verführt, das Produkt als gesund oder ungesund zu bewerten. Das stellt die Realität der Ernährung, die eine Summe der verzehrten Nahrungsmittel ist, auf den Kopf.

Alle bisherigen Bemühungen, seriös über Ernährung zu informieren, werden damit ad absurdum geführt. Ernährung soll abwechslungsreich, vielseitig und damit ausgewogen sein. Die mit der Ernährung verbundene Kalorienaufnahme soll in einer sinnvollen Balance zum Verbrauch dieser Kalorien durch die persönliche Lebensweise, speziell durch körperliche Aktivität, stehen. Frische Produkte, die allerdings keinen Score haben, sollten möglichst häufig verarbeitet werden. Diese Grundregeln werden von seriösen Ernährungswissenschaftlern anerkannt. Viel mehr richtungweisende Erkenntnisse hat die Ernährungswissenschaft auch nicht zu bieten. Zumindest nicht in einer wissenschaftlich gesicherten Form. Der Nutri-Score kann zu einer Ernährung, die diesen Grundsätzen entspricht, nicht beitragen. Er gefährdet sie sogar, weil aus der Summe vieler grün gekennzeichneter Produkte keine Ernährung resultiert, die insgesamt eine grüne Bewertung verdienen würde.

Die durch Ernährungs-Agitation verunsicherten Verbraucher leben in dem Risiko, sich am Nutri-Score zu orientieren. Sie werden dann feststellen, dass der Kauf von Fertigprodukten und Konserven der scheinbar sicherste Weg ist, sich grün und damit vermeintlich gesund zu ernähren. Sie irren. Eine Studie aus dem Jahr 2016 kommt zu dem Schluss, dass Verbraucher mit der Orientierung am Nutri-Score keineswegs gesünder einkaufen.

Eine an grünen Produkten orientierte Ernährung kann sogar eine einseitige Ernährungsweise provozieren. Der Kohlenhydratanteil eines Produkts wird ebenso unberücksichtigt gelassen wie der Anteil ungesättigter Fettsäuren und der Gehalt an Vitaminen und Mineralstoffen. Die willkürlich selektive Definition des Nutri-Scores kann die Hersteller von Nahrungsmittel dazu motivieren, die Rezepturen wie in einem Windkanal den Score-Kriterien anzupassen. Das muss dann keineswegs gut sein. Ergebnis können Produkte sein, die beispielsweise einen gleich hohen Kaloriengehalt bei allerdings stärker blutglukosesteigender Wirkung haben. Der Score belohnt Irrwege.

Der Nutri-Score diskriminiert wichtige Lebensmittelgruppen. Ein hoher Nutri-Score erweckt den Eindruck, ein Lebensmittel stelle ein Gesundheitsrisiko dar. Aber auch solche Lebensmittel, das Olivenöl ist hier ein eindrucksvolles Beispiel, können in den richtigen Maßen ein wichtiger Teil einer ausgewogenen Ernährung sein. Vielfach sollten sie es sogar sein. Ernährungsempfehlungen sollten sich auf die gesamte Ernährung beziehen und nicht auf einzelne Lebensmittel. Die isolierte Betrachtung ist kontraproduktiv.

Endlich Schluss mit Kalorienzählen

Ein völliges Versagen des Nutri-Scores lässt sich für die Bekämpfung des immer wieder beklagten Übergewichts prognostizieren. Die Kalorien sind der entscheidende Wert für das Risiko, Speckfalten zu entwickeln. Dazu liefert der Nutri-Score keine Information. Ein Logo, das den Kaloriengehalt für jeweils 100 Gramm transparent macht, drängt sich hier als einzig sinnvolle Lösung auf. Es bewertet die Produkte nicht, um Verbraucher-Präferenzen zu manipulieren, sondern signalisiert, was am Ende der individuellen Ernährung dem Körper zugeführt wird, um dann in einer ausbalancierten Lebensweise auch verbraucht zu werden.

Der zentrale Aspekt der Diskussion über Ernährung und Gesundheit ist das statistische Übergewicht der Deutschen und dessen Bedeutung für die so genannten Nichtübertragbaren Krankheiten. Exakt hier fällt die Sinnlosigkeit des Nutri-Scores besonders auf. Diese Bewertung eines einzelnen Elements aus der gesamten Ernährung gibt keine Hinweise auf die Relevanz des Produkts für eine ausgewogene Ernährung. Kalorienangaben und die Bedeutung der typischen Verzehrmenge für den Tagesbedarf eines Menschen werden nicht geliefert. Der Nutri-Score bedient lediglich die Marketing-Interessen von Herstellern, die ihre Produkte in der Konkurrenz zu anderen Produkten durch möglichst grüne Farbtöne schmücken wollen. Sie wollen im Wettbewerb mit vergleichbaren Produkten Präferenzen beim Kaufverhalten initiieren. Die Entscheidung, was gesunde Ernährung ist, wird in die Marketing-Abteilungen der Nahrungsmittel-Produzenten verlegt. Erheblich mehr Sinn macht die Anregung des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL). Bei einer Bezugsgröße von hundert Gramm oder Milliliter sollen Diagramme die Mengen an Kalorien, Fett, Zucker und Salz eines Produktes im Verhältnis zur empfohlenen Tagesmenge für einen durchschnittlichen Erwachsenen transparent machen. Während der Nutri-Score lediglich Unternehmensinteressen befriedigt, gibt dieses Modell dem Verbraucher die Chance, durch die Auswahl von Produkten dank sinnvoller Informationen selbst eine insgesamt ausgewogene Ernährung zu gestalten.

Wirkliche Wettbewerbsvorteile für den Abverkauf von Fischstäbchen, Dosenmahlzeiten und Fruchtzwergen bringt der Score allerdings erst dann, wenn alle Hersteller verbindlich zu dieser Ampel-Variante gezwungen werden. Erst dann kann er auch zu einem Instrument der Markt-Konsolidierung werden. Folgerichtig wird von der Politik gefordert, derart unqualifizierte Werbeaufdrucke zu sanktionieren. Das wäre ein durch das Marketing internationaler Konzerne gesteuerter Paternalismus durch die Hintertür. Diese Aufteilung in gute und schlechte Nahrungsmittel, die durch Farben und Buchstaben suggeriert wird, nimmt einen Einfluss auf die Ernährung, die von einem Wissenschaftler wie Prof. Dr. Peter Stehle grundsätzlich abgelehnt wird. Er kritisiert Formulierungen wie „gesund“ und „ungesund“ als falsch, weil sie den Eindruck erwecken würden, dass eine darf ich, das andere darf ich nicht. In der Ernährungsforschung, so Stehle, dürfe es kein schwarz und weiß, beim Nutri-Score also grün und rot, geben, auch wenn viele das gerne hätten.


Detlef Brendel, Wirtschaftspublizistik – Kommunikationsberatung.

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Frage an die Grün*innen: Fühlen sich die anderen Farben des Regenbogens eigentlich nicht diskriminiert, wenn auf der Gesundheitsskala von Nahrungsmittel nur grün, gelb und rot abgebildet sind?

Und ich war so erleuchtet von der postfaktischen Foodwatch-Ernärungswissenschaft. Wollte als Gläubiger mich ab morgen nur noch von Nutri-Score-Delikatessen ernähren – ehrlich! Aber da ist mir der Weltenretter-Guru Habeck, der Robert, doch gestern bei Maybrit Illner erschienen (siehe Stefan Paetow: ‚Robert-Habeck-Show‘). Da haben se gesagt, das nutze nichts, meine Zeit reiche sowieso nicht. Denn: „Die Zukunft ist kaputt, in 12 Jahren ist alles vorbei.“ sagte Grünen-Schwester Antje. Der Robert – der Meister – korrigierte jedoch seine Jünger*In, verlegte den Weltuntergang ‚vier bis acht Jahre‘ vor. Ich als Prepper fange jetzt an meine riesigen Vorräte – ohne Nutri-Score – aufzufressen, damit… Mehr

Vielleicht kommen bald wieder Lebensmittelkarten im Umlauf um uns auf die EU Mangelwirtschaft vorzubereiten? !?

Bei Foodwatch war vor langer Zeit mal der Herr Bode Präsident. Bei einer Veranstaltung über Batterielegehennen sagte er: Ob BioEi oder BatteriehennenEi, das ist doch alles das selbe. Die sehen gleich aus und schmecken auch gleich.
Man hörte damals schon die Kasse klingeln….

Die Menschen überlebten Zigtausende Jahren, suchten sie sich die Essbares. Sind wir im 2019 so dumm, dass wir unser Essen aus der Angebot selbstständig nicht zusammenstellen können?

Könnte das auch damit zusammenhängen, dass Frauen nicht mehr selber kochen?

Nur einmal so un-pc gefragt.

Dafür gibt es immer mehr Männer, die kochen.

Auf jeder Lebensmittlelverpackung steht schon seit Jahrzehnten(!), was drin ist. Das ist teils gesetzlich vorgeschrieben, teils hat es sich etabliert.

Es gibt ein Zutatenverzeichnis des Inhalts sowie eine prozentuale Nährwerttabelle aufgeschlüsselt nach Kohlenhydraten, Fett, Eiweiß sowie ggf. weiteren Komponenten und Gruppierungen (zB. gesättigte und ungesättigte Fettsäuren) wo es Sinn macht. Teils werden die Zahlen zusätzlich noch nach Verzehrsportion und/oder Tagesbedarf (zB. bei vitaminierten Produkten) in der Tabelle angegeben.

Alles schon lange da. Man muss nur hingucken.

Ja, und die Bevormundung der Verbraucher bei Nahrungsmittel wird funktionieren. Das hat insbesondere damit zu tun, was jeder tagtäglich feststellt, der viel mit Menschen zu tun hat: Die Menschen werden immer dümmer. Es gibt viele Beispiele aus allen Lebensbereichen hierzu. Kein Wunder also, dass man in Zeitungen und Zeitschriften Artikel lesen kann unter der Headline: „Wie ziehe ich mich richtig an bei Kälte.“ Und das der ADAC-Onkel im TV bei Schneefall vor Straßenglätte warnt. – Das ist kein Witz, das ist tatsächlich so. Richtige Ernährung ist doch so einfach: Einfach auf Abwechslung in der Ernährung achten. Und sich auch möglichst… Mehr
Ich konnte diese wirklich bescheuerte Bewertungsskala nicht glauben und habe deshalb auf der Foodwatch-Seite nachgeschaut. Und siehe da, die ist wirklich so gnadenlos irre wie im Artikel beschrieben. Der Grundstoff Olivenöl wird deshalb schlecht bewertet, weil er halt aus Öl, also Fett besteht. Jeder einigermaßen vernünftig denkende Mensch würde jetzt noch die gebräuchliche Verzehrmenge als Faktor mit einbeziehen, wird da aber nicht gemacht. Denen ist schlichtweg egal, ob ich von einem Grundstoff 5ml wie bei Öl oder 250ml wie bei Milch vertilge, einfach unglaublich. Die ganze wissenschaftliche Ignoranz zeigt sich auch bei der Beantwortung von folgender FAQ: „Gibt es überhaupt… Mehr

Die Menschen kauften wohl die Fertigprodukte A häufiger? Also ernährten die Konsumenten sich ‚besser‘ weil sie die vom Herstellers angepriesenen A Produkte kauften. Ist es nicht ein Paradoxon oder es dreht sich der Eigenlob um die Achse des Lebensmittel Herstellers ??

Der ganze Kram kommt aus Amerika, wo auch noch auf der letzten Mineralwasserflasche aufgedruckt ist, dass der Inhalt null Kalorien und null „Fat“ enthält. Bei denen kann ich es ja verstehen, denn die Nation hat sich ursprünglich aus Leuten zusammengesetzt, die vor Elend und Hunger aus Europa geflohen sind (z.B. Iren), und die Sklaven aus Afrika waren auch keine Spitzenköche. Dass die nicht gerade eine Gourmet-Küche in ihrer neuen Heimat begründeten, ist klar. Für die war ein dicker, fetter Fleischklops in Wabbelbrotscheiben und einem Salatblatt der Inbegriff des irdischen Paradieses. Das hat sich erfreulicherweise sehr deutlich geändert, und man kann… Mehr

Alles, womit man Geld machen kann, findet Zugang bei pfiffigen Verkäufern, die ein Geschäft wittern.
Es ist erschreckend, und wie Sie schreiben, ein „Zeichen fortschreitenden Kulturverfalls“, wenn ich ein Handy brauche, um (gesund) essen zu können.

Kapitaen Notaras: Muss Ihnen in Punkto Kochkunst der nachwachsenden Generationen recht geben. Viele können sich noch nicht mal ein Spiegelei in die Pfanne hauen oder eine Gurke von einer Möhre unter- scheiden. Sie kaufen sich ihr minderwertiges aber relativ teures Essen lieber irgendwo auf der Straße und mampfen auch dort alles in sich hinein. Bestenfalls bestellen sie sich noch irgendwas beim Lieferdienst und sitzen beim Essen vom Pappteller vor der Glotze und wissen gar nicht, ob’s und wie es ihnen geschmeckt hat. Mitten im Monat wundern sie sich aber, dass das Geld hinten und vorne nicht reicht! Wie man aus… Mehr

Sehe das genau andersherum. Ich habe in meinem ganzen Leben keine Frau kennengelernt die kochen konnte (geschweige denn wollte). Gut, fairerweise muss ich eine meiner Omas da ausnehmen. Aber sonst, komplette Fehlanzeige.
Auf der anderen Seite aber, gibt es durchaus Jugendliche die den Kochlöffel wieder selber schwingen, da war ich total erstaunt. Aber finde ich super.

Bei der Liebe und dem Magen gebe ich Ihnen recht. Nur bei Vegetarierinnen strecke ich die Waffen – da iss nix mit Fleischeslust. Ich denke, dass das auch an den Eltern liegt, wobei ich im Fall meiner Ex-Geliebten naheliegenderweise nur von alleinstehenden Frauen, nicht selten mit Kind(ern) reden kann. Die Küchen waren oft das heulende Elend. Die Damen konnten nicht mal eine Hühnersuppe kochen, wenn die Kindchen krank waren. Da musste man erstmal für die Grundausstattung sorgen, aber dann gingen einem die Kindchen nicht mehr von der Pelle, wenn man am Kochen war. Die fanden das nämlich meistens toll, und… Mehr