Auch eine „Dritte Welle“ ändert nichts: Es ist genug, macht endlich auf!

Am Mittwoch ist der nächste Corona-Gipfel. Europa lockert, die Mehrheit der Deutschen will lockern, selbst wenn die dritte Welle kommt, ist der Lockdown nicht die zielführende Maßnahme. Was spricht für wen also überhaupt noch dagegen, jetzt einfach zu öffnen?

IMAGO / Chris Emil Janßen

Europa lockert: Die Schweiz beendet den harten Lockdown, in den Niederlanden und in Österreich dürfen die Geschäfte öffnen, in Italien sind auch Restaurants wieder offen, Polen hat schon gelockert, in Frankreich und Schweden ist ohnehin das Meiste geöffnet. Deutschland steht mit seiner vehementen Lockdown-Politik zunehmend alleine da. Nach neuesten Umfragen sind auch über 75% der Bundesbürger dafür, den Einzelhandel zu öffnen. Eine Kampagne mehrerer großer Einzelhändler fordert zeitnahe Lockerungen. Heinrich Deichmann, Verwaltungsratschef des gleichnamigen europäischen Marktführers im Schuheinzelhandel, sagte im Interview mit dem Handelsblatt: „Der Handel muss am 8. März wieder öffnen.“

Am Mittwoch treten die Ministerpräsidenten zusammen und entscheiden, es gibt berechtigten Grund zur Hoffnung. Eigentlich schien die Sache schon klar: Deutschland ist auf dem Weg der Lockerung, wenn auch im Schneckentempo. Merkels letzter Trumpf: Die Dritte Welle. Diese „Welle“ sieht zur Zeit so aus:

Dazu kommt: In der vergangenen Woche ist die Anzahl der Tests überproportional angestiegen, das relativiert die Ereignisse nochmal. Denn: Da Deutschland im internationalen Vergleich immer sehr wenig getestet hat (etwa nur ein Drittel so häufig wie Italien), hatten wir immer eine hohe Dunkelziffer – das bedeutet, dass die gemeldeten Infektionszahlen immer auch von der Testzahl abhängen.

Auch die Daten über die Verbreitung der britischen B117-Variante zeigen zunächst keinen dramatischen Anstieg. Die Zahl der neuen Fälle mit Verdacht oder Nachweis der Variante ging in der letzten Woche von 3.629 auf 3.066 zurück, die ermittelten B117-Verdachtsfälle unter den Tests stieg nur minimal von 6.993 auf 7.418 in einer Woche. Während Länder wie das Vereinigte Königreich bereits 100.000 Corona-Fälle sequenzierten und damit genau auf die Mutationen untersuchen können, verfügt das RKI aber über eine weiterhin extrem geringe Datengrundlage. Diese Zahlen lassen zwei Schlüsse zu: Erstens, wir leben eben nicht in einer von der Mutation erzeugten dritten Welle, zweitens die vom RKI bereitgestellten Zahlen sind ziemlich wertlos. Oder beides. 

Es ist natürlich dennoch möglich, dass jetzt eine neue Welle kommt. Wir haben in vielen Ländern (bspw. den Niederlanden) erlebt, dass auf eine Welle direkt die nächste folgen kann, ohne dass es eine erkennbare neue Ursache dafür gibt. In den letzten Wochen sanken die weltweiten Corona-Zahlen auf unerklärliche Weise, sie können genauso wieder steigen. Die entscheidende Frage ist: Wie reagieren wir darauf? Doch anstatt sich Gedanken über die beste Lösung zu machen, ist man starr darauf verfallen, nur auf die Kurve als Neuansteckungen ausgegebenen Positiv-Getesteten zu schauen, so als ob es selbstverständlich sei, dass man einen Lockdown verhängen muss, sobald diese Zahlen einen minimalen Ausschlag nach oben andeuten.  

Der Lockdown: Nicht nur brachial, sondern auch sinnlos

Wenn man Kosten und Nutzen abwägt, ist das Bild nach einem Jahr Corona sehr klar. Die kurze Bilanz des Lockdowns: Das offizielle Infektionsgeschehen in Altersheimen konnte nie mit dem Lockdown gebrochen werden. Über 80-Jährige wurden fast drei mal so häufig infiziert wie der Rest der Bevölkerung. Daraus resultiert der Großteil der Toten und Intensivpatienten – ganz unabhängig von Lockdown oder nicht Lockdown.

Die Wirksamkeit restriktiver Kontaktbeschränkungen zeigte sich auch im internationalen Vergleich nie. Verschiedene renommierte Forscher zeigten in Datenanalysen, dass es kaum einen Unterschied macht, ob ein Lockdown verhängt wurde oder nicht. Auch das lockdownfreie Schweden bewies in der zweiten Welle, dass der deutsche Lockdown im Kern nicht erfolgreich war:

Das (in den Altersheimen ungebremste) Infektionsgeschehen kostete nach offiziellen Daten rund 40.000 Menschen im vergangenen Jahr das Leben, wobei selbst vorsichtige Schätzungen nun davon ausgehen, dass mindestens ein Viertel davon nicht ursächlich an Corona gestorben ist. Eine Untersuchung von RKI-Mitarbeitern, die im Ärzteblatt nun publiziert wurde, kommt zu dem Schluss: „Die Analyse […] legt aber nahe, dass die COVID-19-Pandemie am Ende des Jahres 2020 etwa das Niveau schwerer Influenzawellen erreicht hat.“ Auch die Zahl der Toten und der belegten Intensivbetten im Vergleich zu den Grippewellen der Vorjahre zeigt, dass wir es nie mit einer besonderen Extremsituation zu tun hatten, sondern nur mit den durchaus ernsten Problemen, mit denen wir jedes Jahr und mit alternder Bevölkerung zunehmend zu kämpfen haben.

Die Folgen des Lockdowns: Neben den katastrophalen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen und insbesondere den wohl nicht mehr aufzuholenden Bildungslücken bei Kindern ist die Lage auch rein gesundheitlich dramatisch. Neben einem drastischen Anstieg der Suizide und Depressionen ist die Behandlung von Krebserkrankungen in Deutschland je nach Typ um bis zu 23% zurückgegangen, nur noch ein Viertel der Vorsorgeuntersuchungen wurden durchgeführt, im Vereinigten Königreich ist die Zahl der durchgeführten Chemotherapien um über 50% zurückgegangen. Das alles bedeutet wohl Zehntausende zusätzliche Tote in den kommenden Jahren.

Lange konnten die Bürger vieles ertragen, aber nach einem Jahr ist das Maß voll, die Folgen dürften sich zuspitzen mit jeder weiteren Woche im Lockdown.

Die Corona-Folgen hingegen sind immer besser in den Griff zu bekommen. Die Altersheime werden zunehmend durch Schnelltests geschützt, über 80% der Bewohner sind das erste mal geimpft worden – auch wenn die Wirksamkeit unter Hochrisikopatienten noch nicht restlos geklärt ist, macht das Hoffnung. Die Krankenhäuser haben Erfahrung mit dem Virus gesammelt und die Fallsterblichkeit sinkt immer weiter. Noch schneller als die Infektionen in der Gesamtbevölkerung sind die bei den Hochrisikogruppen zurückgegangen. Da rund zwei Drittel der Corona-Toten über 80 sind, dürfte dieser Effekt alleine die Folgen der dritten Welle deutlich unter die einer harten Grippewelle drücken.

Wir haben genug Probleme, das Land braucht jetzt alle Kräfte um die Lockdownfolgen in den Griff zu bekommen. Der Lockdown wurde als Maßnahme zur Zeitgewinnung eingeführt. Doch nach einem Jahr müssen wir keine Zeit mehr schinden, sondern endlich in eine langfristige Strategie umschwenken. Längst widerlegte Relikte aus dem Mittelalter müssen fallen – dafür brauchen wir keine Öffnungsperspektive, sondern Öffnungen.

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Kommentare ( 61 )

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sven69
1 Monat her

Auf gut deutsch: es war alles für die Katz. Hätte man ganz normal weitergelebt wären auch nicht mehr gestorben und noch viele weitere gerettet worden. Wir alle haben ein Lebensjahr verloren wegen dieser Frau und ihren Helfershelfern. Bedenkt das wenn ihr das nächste Kreuzchen macht. Ich finde das sind wir den Toten und unseren Kindern schuldig.

thinkSelf
1 Monat her

Warum sollte gelockert werden? Der Great Reset ist noch nicht durch, das Ziel der Maßnahmen also nicht erreicht.

Und da auch hier auf Tichy immer noch viele an den Pandemie Hoax glauben, die Gehirnwäsche also perfekt funktioniert hat, gibt es überhaupt keinen Grund die Nummer nicht fortzusetzen.

Und das Schöne: Die europäische Bevölkerung ist jetzt so konditioniert und hat sich als so grenzenlos dämlich erwiesen das man die Nummer jederzeit wiederholen kann. Und beim nächsten mal muss man nicht mal mehr einen Grund erfinden.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  thinkSelf

Blaupause war ja H1N1 aus 2009. DIAGNOSE: FEHLALARM Experten: Schweinegrippe wurde unnötig zur Pandemie erklärt Damals wurde das Ganze noch auf Dr. Wodargs Anregung im Europarat untersucht und in der Presse vielschichtig betrachtet, denn damals gab es noch kritische Medien – diesmal sind alle „gleich geschaltet“: https://flutrackers.com/forum/forum/forum-in-deutscher-sprache/nationale-und-internationale-vorbereitung-und-antworten/80701-europarat-%C3%B6ffentliche-anh%C3%B6rung-vom-26-januar-2010-%C3%BCber-den-umgang-von-who-und-impfstoffherstellern-mit-der-h1n1-pandemie-ist-mehr-transparenz-notwendig Wie viele Geschädigte durch den zweierlei Impfstoff mit wie vielen Millionen wohl abgefunden worden sind? Auf Rubikon stellt einer sein Buch über Drosten und den nichtnutzen Test vor. Untertitel: „Vom Tod der Aufklärung unter Laborbedingungen“. Der „Doktor“ ist seit ca. 20 Jahren mit solchen Kapriolen unterwegs – und diesmal hat es das dreamteam… Mehr

Last edited 1 Monat her by Kassandra
Peter Mueller
1 Monat her

„Es ist natürlich dennoch möglich, dass jetzt eine neue Welle kommt.“ Letalität laut WHO 0,14 % bis 0,23 %. Das ist Influenza-Niveau. Mindestens 50% der positiven PCR-Testergebnisse sind auch laut PCR-Hersteller TIB Molbiol falsch positiv: https://www.nordkurier.de/politik-und-wirtschaft/die-haelfte-aller-corona-positiven-ist-nicht-ansteckend-2241827212.html Eine angebliche „Übersterblichkeit“ existiert nicht: https://www.focus.de/gesundheit/news/massive-kritik-an-pandemie-behoerde-statistiker-holt-zur-rki-schelte-aus-corona-daten-eine-einzige-katastrophe_id_12927819.html Krankenhäuser und Ärzte erhalten laut KBV Extraprämien, wenn sie Patienten und Verstorbene als Covid-19-Erkrankte deklarieren. Interessanterweise gibt es auf den Intensivstationen keine Influenzakranken mehr. Toll, daß man mit C-19 endlich die Influenza ausgerottet hat! Hier werden also vorsätzlich mit bis zu 1,5 Millionen Tests pro Woche (RKI) an weitgehend SYMPTOMLOSEN angebliche „Wellen“ HERBEIGETESTET. Das alles weiß man im… Mehr

Last edited 1 Monat her by Peter Mueller
frechdachs
1 Monat her

Aufmachen alleine reicht nicht mehr. Hört endlich auf und beendet den Ir***!

Horst
1 Monat her

Warum noch diese willkürlichen Zahlenangaben interpretieren? Als ob sich Rechtsbrecher sich rationalen Argumenten stellen würden…

lollorosso
1 Monat her

Staatliche Hygienemaßnahmen? Artikel gelesen?

gast
1 Monat her

Gibt es eine dritte Welle? Ich habe noch nicht mal eine erste gesehen. Man muss einen Betrug auch mal erkennen können.

R.J.
1 Monat her

Danke, Herr Türkis, wie immer sehr gut. Es gibt viele Absurditäten, aber in meinen Augen gehört zu den ganz besonderen die Fixierung auf die „Inzidenz Z“, die epidemiologisch gesehen überhaupt keine Inzidenz ist. Vor einer Reihe von Tagen habe ich in einem Kommentar explizit vorgerechnet, wie Z von der Spezifität der Tests, der An- oder Abreicherung der Probe mit tatsächlich positiv Getesteten, vor allem aber dem Ausschöpfungsgrad (Test- zu Populationsumfang) abhängt und letzterem proportional ist. Man kann also ceteris paribus Z ad libitum anheben oder absenken, indem man den Umfang und die Zielpopulation der Tests variiert. Da sich das unter… Mehr

Alfonso
1 Monat her

Weshalb glaubt der Artikelschreiber immer noch mit Daten über die Entwicklung der Corona-Epidemie belegen zu können, dass für die Fortführung des Lockdowns und für die Käfighaltung der Untertanen keine Notwendigkeit besteht?

Diese Daten sind doch ohne jegliche Bedeutung. Lockdown und Käfighaltung werden doch nicht aus Gesundheitsschutzgründen durchgeführt. Das müsste doch zwischenzeitlich hinlänglich bekannt sein.

pcn
1 Monat her

…und wir brauchen vor allem eine neue Regierung, die die Fähigkeit hat, das Land wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das wird angesichts einer völlig gespaltenen und in die Irre geleiteten Gesellschaft ohnehin sehr schwer werden. Hier müssen die wirklich intellektuellen Kräfte gebündelt werden, um noch zu retten, was Merkel in Grund und Boden regiert hat.

Alfonso
1 Monat her
Antworten an  pcn

Und die neue Regierung soll von Personen aus der links-grünen Partei CDUCSUSPDGRÜNEFDPLINKE gebildet werden? Was ist dann daran neu? Es werden dann doch nur ein paar Personen ausgewechselt (Jobrotation). Die Politik ändert sich dann doch nicht.

LadyGrilka55
1 Monat her
Antworten an  pcn

Ein ganz andere Regierung brauchen wir sicher, frei von jeglichem Merkelismus. Aber was verstehen Sie unter den „wirklich intellektuellen Kräfte[n]“? Gerade in den Geisteswissenschaften tummelt sich vorrangig Linksgrün. Davon brauchen wir ja nun wirklich nicht noch mehr, sondern eher extrem wenig. Was wir brauchen ist eine Regierung und ein Parlament, die ihre Pflichten gegenüber dem Bürger kennen und achten. Das kann m.E. nur eine Regierung „rechts“ von allem sein, was in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten hier an die Macht gespült wurde. Eine Regierung also, die Vernunft, Augenmaß, Rechtsbewusstsein und Pflichtbewusstsein bündelt. Leider hat man davon bei den letzten Regierungen… Mehr

Last edited 1 Monat her by LadyGrilka55
Kassandra
1 Monat her
Antworten an  pcn

Nicht nur in der Resümee-Sitzung 40 des Corona-Ausschusses haben sich Menschen bereits mit einer Revision unserer politischen Grundlagen beschäftigt und Vorschläge gemacht, wie die Demokratie künftig besser aufgestellt werden kann.
Nach Merkel und all den Abnickern, versteht sich.

awilson
1 Monat her
Antworten an  Kassandra

Könnten sie da mal ein paar Hinweise geben? Mir fallen dazu erst mal nur die visionären Vordenker des „Great Reset“ einerseits und der libertären „Atlas Initiative“ andererseits ein.

Last edited 1 Monat her by awilson