Echtes Bücherschreddern für Künstliche Intelligenz

Um ihre Modelle zu füttern, kaufen KI-Konzerne ganze Antiquariatsbestände auf, scannen sie zerstörerisch und werfen die Originale weg. Was wie ein später Segen für notleidende Buchhändler aussieht, bedroht in Wahrheit seltene Werke und wirft nebenbei die Frage auf, wem ein maschinell erzeugter Text am Ende überhaupt gehört.

picture alliance / imageBROKER | Helmut Meyer zur Capellen

Si antiquarius mansissem, dives fuissem. Wäre ich Antiquar geblieben, wäre ich reich geworden. Stammleser von Tichys Einblick – und vor allem Zuseher des Redaktionsschluss – werden sich erinnern, dass der Autor dieser Zeilen einst ein Antiquariat führte. Einst, wohlgemerkt, denn trotz aller Durchhalteparolen, dass das Interesse am echten, unzensierten Wort wieder zunehmen würde, hat sich diese Realität bislang nicht eingestellt. Das Führen eines Antiquariats konnte man getrost als brotloses Hobby bezeichnen.

Bis jetzt. Denn dank des KI-Booms wittern Antiquare nun die Chance ihres Lebens, ihre Bestände statt zur Mülldeponie doch noch an den Mann zu bringen. Wobei – nicht an den „Mann“, vielmehr an die Maschine.

Denn der Trend, dass KI-Unternehmen massiv Bestände von Antiquariaten aufkaufen, um damit ihre Modelle zu trainieren, erreicht nun auch Deutschland. Neu ist das Phänomen nicht. Dass Anthropic – jene Firma, die mit ihrer KI Claude derzeit als Maß aller KI-Dinge gilt – Millionen gedruckte Bücher zerschneiden und einscannen ließ, wurde bereits 2025 durch das US-Gerichtsverfahren gegen das Unternehmen publik. Das interne Vorhaben trug Berichten zufolge den Namen „Projekt Panama“. Die Washington Post wiederum berichtete zuletzt ausführlich über den Vorstoß dieser Praxis nach Europa.

Die blaue Tonne wartet

Teil des Vorgehens war es, die Buchbestände der Welt „destruktiv“ zu scannen. Bei diesem vereinfachten Scan-Prozess werden Buchrücken abgetrennt, um die Einzelblätter schneller und unkomplizierter zu digitalisieren. Nach dem Scan wartet die blaue Tonne auf die Bücher.

Was bei manchen Autobiografien von Politikern noch wie ein verkraftbarer Verlust erscheint, wird zum Skandal, wenn man sich die volle Tragweite dieses Prozesses vor Augen führt.

Die erste Frage, die sich augenscheinlich stellt, ist jene nach dem Urheberrecht. Mindestens seit 2024 – und vermutlich schon viel länger – ist dokumentiert, dass KI-Unternehmen massiv digitale Bücher aus dem Internet auf illegalen Wegen beschafften, um damit ihre Modelle zu trainieren. Als dies öffentlich wurde, verlegte man sich auf den Ankauf gebrauchter Bücher, oft aus unterfinanzierten Büchereien.

Ermöglicht wurde diese Praxis durch ein US-Gericht, das diese Art des KI-Trainings als „Fair Use“ einstufte. Das Anlernen eines Modells sei ein transformativer Vorgang, so die Argumentation, vergleichbar damit, einem Schulkind gutes Schreiben beizubringen, und nicht die bloße Vervielfältigung geschützten Materials. Ein zweiter Richter im Parallelverfahren hielt diesen Vergleich ausdrücklich für verfehlt, weil er den möglichen Marktschaden verharmlose – ein Streit, der noch lange nicht ausgestanden ist.

Sammelklagen von Autorenverbänden und Verlagen folgten dennoch und mündeten in kostspieligen Vergleichen – im Fall Anthropic zuletzt in einer Zahlung von rund 1,5 Milliarden Dollar für rund 14.000 Werke des Harry-Potter-Verlegers Bloomsbury –, die sich die KI-Riesen aber scheinbar problemlos leisten konnten.

Jetzt auch Europa

Mittlerweile strecken die KI-Unternehmen ihre Fühler auch nach Europa aus. Die Beschaffung übernehmen eigens engagierte Zwischenhändler wie die Firma Zoom Books, die in der Branche als „Buch-Recycler“ auftreten. Denn nachdem die Weiten des Internets längst in die Modelle eingespeist wurden und auch der Großteil des englischsprachigen Marktes destruktiv gescannt ist, sucht man nun verständlicherweise nach seltenen und nie digitalisierten Werken in Fremdsprachen.

Die Notlage der Antiquare spielt dabei den KI-Unternehmen in die Hände. Schon längst stehen Händler gebrauchter Bücher regelmäßig vor der Wahl, ob sie ihren Bestand als Konvolut abstoßen oder alternativ zum Recyclinghof fahren. Im Vergleich dazu wirkt destruktives Scannen wie die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub. Immerhin, so werden Verteidiger sagen, werden die Bücher bei KI-Unternehmen noch ein letztes Mal einer Bestimmung zugeführt. Außerdem kann ein einzelner Verkauf einer Sammlung den Umsatz eines Antiquars mehrerer Jahre überschreiten.

Verhindern soll diese Praxis das europäische Urheberrecht, das hier tatsächlich als letzter, wenngleich löchriger Schutzwall wirkt. Europa kennt zwar kein Fair-Use-Prinzip, wohl aber eine Schranke fürs sogenannte Text- und Data-Mining, aus der sich kommerzielle Rechteinhaber jedoch ausdrücklich ausnehmen lassen können. Genau diesen Schutz sollen die Zwischenhändler umgehen. Sind die Bücher erst einmal in den USA, lassen sie sich nicht mehr beschützen.

Ein weiteres Problem liegt auf der Hand. Zwar handelt es sich bei den destruktiv zu scannenden Büchern meist um Massenware, doch aus der Erfahrung des Buchhändlers lässt sich sagen, dass dies bei Konvolutverkäufen nie garantiert werden kann. Schon jetzt lässt sich die Vernichtung seltener Restbestände bei Antiquariatsauflösungen nur bedingt ausschließen. Werden aber ganze Bestände dem destruktiven Scannen zugeführt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die letzten Exemplare seltener Werke endgültig vernichtet werden.

Und wer meint, diese Werke seien ja nicht vernichtet, sondern in der KI aufgehoben, der irrt: Wer kann denn ein Werk in seiner unverfälschten Gesamtheit tatsächlich aus einer KI abrufen? Die Menge an Daten, mit der KIs gefüttert werden, führt unweigerlich zu jenem von der KI so bekannten Einheitsstil, der weder Fisch noch Fleisch, aber von allem ein bisschen was ist. Das aber ist nicht die Handschrift eines Autors, und es ist auch nicht der Inhalt eines Werks. Das vernichtete Werk lebt nur noch als undefinierte Masse im Ozean der Daten fort. Als Werk selbst hat es aufgehört zu existieren.

Wem gehört ein KI-Text?

Das hat nebenbei ganz andere, weitreichende Folgen, die bei der Nutzung und Förderung von KI oft komplett außer Acht gelassen werden. Denn wenn der Autor und sein Werk im Ozean der Daten aufgehen, wem gehört dann ein von KI erstellter Text?

Die Antwort lautet, zumindest bislang: niemandem. Das ist ein kritischer Punkt für alle Autoren, Verleger und Publikationen, die KI einsetzen. Denn ein Werk, das keinen menschlichen Autor hat, das also von einer künstlichen Intelligenz erstellt wurde, unterliegt keinem urheberrechtlichen Schutz.

Das gilt, nebenbei, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, und betrifft neben Büchern auch journalistische Texte und Essays. Es handelt sich also um gemeinfreie Werke, die von jedermann folgenlos kopiert und vervielfältigt werden können. Das Bundesjustizministerium bezog dazu bereits im März 2024 in einem Papier Position:

„Maßgeblich ist nach Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs, dass das Werk eine ‚eigene geistige Schöpfung‘ eines Menschen darstellt, die die Persönlichkeit des Urhebers widerspiegelt, indem es dessen ‚freie kreative Entscheidungen‘ zum Ausdruck bringt. Ob diese Schutzschwelle erreicht ist, ist im Einzelfall zu prüfen. […] Geschützte Werke im Sinne des Urheberrechtsgesetzes sind nur persönliche geistige Schöpfungen eines Menschen. Rein KI-basierte Inhalte genießen daher keinen urheberrechtlichen Schutz, da sich die Arbeitsweise der KI der Kontrolle des Nutzers entzieht. […] Hinsichtlich KI greift das Urheberrecht also nur dann, wenn die Basis für das neu erzeugte Werk ursprünglich von einem Menschen geschaffen wurde. Es ist somit im Einzelfall abzugrenzen, ob ausreichender Einfluss auf die konkrete Formgestaltung in der Hand des Menschen verbleibt oder nicht.“

Selber lesen, selber schreiben

Zwar ist die Frage, ob ein Text von einer KI oder von einem Menschen erstellt wurde, nicht immer mit hundertprozentiger Sicherheit zu klären. Aber während die großen Sprachmodelle (Large Language Models wie ChatGPT, Claude, Grok und Gemini) sich immer mehr auf einem bestimmten Niveau einpendeln und stagnieren, haben die KI-Detektoren zuletzt massiv aufgeholt. Was jedem Leser mit ein wenig Sprachgefühl ohnehin deutlich war, können Programme wie Pangram nun mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bestätigen. Jene Grenzfälle, die zu „false positives“ führen, sind eher die Ausnahme. Meist ist schnell klar, ob ein Text primär von einer Maschine oder einem Menschen verfasst wurde.

Für alle, die aus der Produktion von KI-Texten Profit schlagen wollten, brechen damit harte Zeiten an. Denn am Ende zeigt sich, dass ihr KI-Slop nicht nur inhaltlich, sondern auch wirtschaftlich ziemlich wertlos ist.

Ist es das wert, dafür all unsere antiquarischen Buchbestände destruktiv scannen zu lassen? Wohl kaum. Nur wird sich das nicht mit Gesetzen umgehen lassen. Die einzige Lösung ist so einfach und so schwierig zugleich: selbst Bücher besitzen und bewahren. Selber lesen und selber schreiben. Und wer darauf keine Lust hat, sollte es vielleicht einfach bleiben lassen.

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Kommentare ( 31 )

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Tom Engel
2 Tage her

Wen es interessiert wie eine digitale Bibliothek aussieht bzw funktioniert, dem empfehle ich diese Seite https://www.hab.de/category/bibliothek/kataloge-und-digitale-bibliothek/kataloge/ Die Herzog Albrecht Bibliothek in Wolfenbüttel (Soll eine der grössten Biliothelen Nördlich der Alpen sein) Herzog August Bibliothek WolfenbüttelForschungs- und Studienstätte für europäische KulturgeschichteDie Herzog August Bibliothek (HAB) ist eines der weltweit führenden Zentren für kulturgeschichtliche Forschung. Die Grundlage dafür bildet die Bibliothek, die einzigartige Bestände bewahrt, erschließt, erweitert und präsentiert. Wissenschaftler*innen aus aller Welt bieten sich hier optimale Bedingungen für ihre Forschung. Quelle: https://www.hab.de/ Und dann gibt es seit Langem noch die: https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2018-02/bibliothek-palatina-digital-heidelberg.html Die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung und des Internets boten der… Mehr

Last edited 2 Tage her by Tom Engel
alter weisser Mann
2 Tage her

Unsinn, es werden keine gesamten Antiquariatsbestände voller seltener Werke gekauft. Das ist unbelegtes Gefasel!

alter weisser Mann
2 Tage her
Antworten an  alter weisser Mann

Noch ein Beleg für meine Aussage:
„…weniger Belletristik, hauptsächlich wissenschaftliche Literatur oder Sachliteratur. Und kein klassisches älteres Antiquariat, sondern das, was wir als „Modernes Antiquariat“ bezeichnen.
… bei den destruktiv eingescannten Büchern handelt es sich um Massenauflagen, mit denen antiquarisch sowieso kaum zu handeln ist, weil sie sehr, sehr geringwertig sind.“
https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus6a60a2b289ebf086fe0b78d6/ki-raubzug-in-antiquariaten-es-gab-kollegen-die-bis-zu-50-000-euro-mehr-umsatz-binnen-weniger-wochen-hatten.html?source=puerto-reco-2_ABC-V50.5.D_control

Or
2 Tage her

Herr Boos, ich verstehe Ihr Problem nicht.
Ja auch mir blutet das Herz, wenn alte, antiquarische Bücher weggeworfen werden.

Aber wenn nur die Wahl besteht, zwischen einfach wegwerfen oder vorher deren Inhalt komplett scannen, ggf. gleich ein OCR-Layer darüber legen und damit schlagwortsuchfähig zu machen, archivieren, vervielfältigen, der Nachwelt verfügbar zu machen und dann wegwerfen … ?

Was ist da die bessere Option ?

Laurenz
2 Tage her

Moin Herr Boos, Bücher sind Geschichte. Wer Bücher bewahren will, sollte sie kaufen. Wo ist das Problem? Ich wollte 2020 20 mittlere Kartons an Büchern entsorgen. Öffentliche Bücherschränke sind übervoll, Stadtbibliotheken & Verlage, Bücherhändler, wie Antaios, auch. Es will kein Schwein mehr Bücher besitzen. Ich auch nicht. Sie können bei mir weitere 8 (kleine) Kartons abholen. Schreiben Sie mir bitte eine Epost, wann Sie bei mir vorbeikommen wollen.

alter weisser Mann
2 Tage her
Antworten an  Laurenz

Geht mir ähnlich, leider sind trotz weitgehendem Ausgabenstop die Zuströme immer noch größer als die Abgänge und da zähle ich E-Books noch nicht mal mit.

LadyPink
2 Tage her

Herr Boos, ich vermisse den Redaktionsschluss. Wird es ein ähnliches Format wieder geben? Beste Grüße

D Boos
2 Tage her
Antworten an  LadyPink

Liebe LadyPink,

wie es der Zufall so will, habe ich gerade diese Woche ein Nachfolgeformat in Eigenregie begonnen. „Zwischen den Stühlen…“, zu finden auf meinem YT-Kanal.

https://www.youtube.com/@Adaham/featured

Schauen Sie mal vorbei 🙂

LG, DB

Johny
2 Tage her

Wenn die KI- Konzerne die historischen Werke aufkaufen, abspeichern und dann vernichten, gehört ihnen faktische die Wahrheit, denn das Gegenteil kann nun niemand mehr nachweisen. Manchmal kommen einem Zweifel auf, ob die Digitalisierung auf lange Sicht dem Normalbürger nicht mehr schadet, als nützt. Schließlich lief das analoge Leben vor dreißig… vierzig Jahren ziemlich entspannter ab. Auch ein dermaßen hohes Maß an Überwachung und Kontrolle des Bürgers war damals unmöglich, selbst wenn man es gewollt hätte. Die heutigen Möglichkeiten durch IT erwecken bei den großen Player Phantasien. Werden wir nicht allmählich versklavt?

Laurenz
2 Tage her
Antworten an  Johny

Kaufen Sie Sich etwas Speicher & laden Sie alles runter. Das ist auch nicht so einfach, wie Herr Boos schreibt. In Deutschen Uni-Bibliotheken warten noch Mio. von Büchern auf ihre Digitalisierung.

Deutscher
2 Tage her

Ich denke, KI wird die Menschheit noch mit ganz anderen Dingen beglücken. Ihre baldige Omnipräsenz wird dazu führen, dass nicht mehr KI den Menschen simuliert, sondern die meisten Menschen die KI nachahmen werden. Ein weiterer Schritt Richtung Totalverblödung.

Last edited 2 Tage her by Deutscher
Lucius de Geer
2 Tage her

Wer wortreich das Vorgehen der KI-Branche beklagt, kann ja selber versuchen, die angeblich so wertvollen Werke physisch zu bewahren oder zu digitalisieren und allgemein zugänglich zu halten. Macht bloß keiner, also muss man auch nicht jammern. Außerdem sind 99 % der Werke beim Antiquar Schrott, weshalb das Zeug keiner haben will. Kein Werk der Weltliteratur ist bedroht, das ist alles längst online verfügbar und die wirklich wichtigen Sachen passen physisch in eine Bücherwand. Dass KI-Modelle aus dem Input einen Einheitsstil produzieren, ist übrigens Quark. Die können jeden Stil kopieren, den man ihnen als Vorbild nennt. Hängt freilich von der Bildung… Mehr

Or
2 Tage her
Antworten an  Lucius de Geer

Danke für diesen Post.

Juergen Kempf
2 Tage her

Ich finde es gut das Bücher eingescannt werden bevor sie in den Regalen verschimmeln.Wer liest denn heute noch Bücher?Aus den Schulen kommen nur noch Deppen raus,was wollen die mit Büchern?
Wenn die Antifanten mal eine Bücherei oder Antiquariat in Brand setzen sollten,dann sind die digitalen Bücher jedenfalls an einem sicheren Ort und man kann sie immer und überall einsehen.

Or
2 Tage her
Antworten an  Juergen Kempf

Das ist leider Wahr. Während der George Floyd Gedächtnis-Plünderungen, wurden etliche Mals und Verkaufszeilen nahezu völlig ausgeräumt, ausgeraubt und verwüstet.

Nahezu … bis auf Buchläden.
Die überstanden die Krawalle alle unversehrt.

Autour
2 Tage her

Also ich verstehe nicht wirklich warum man sich jetzt hier beschwert! Viel gravierender finde ich, dass es scheinbar unmöglich ist deutsche Bücher zu digitalisieren und diese dann der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen! Lächerlich dass die zig Bibliotheken, die es in Deutschland noch gibt, dies einfach nicht gebacken bekommen so dass es sein kann dass ein buch in München verschimmelt während man es in Köln nicht vorrätig hat! Und ich spreche jetzt nicht von aktuellen Schundromanen … oder Belletristik! Es geht im Sachbücher deren copyright bereits seit Jahren verfallen ist! PS. Als wir uns ein Bücherregal kaufen wollten…wurden wir nur… Mehr