Botschaft in der Neujahrsansprache: Tritt Merkel 2021 noch mal an?

Ob sie darüber nachdenke, angesichts der noch nicht bewältigten Corona-Krise für eine nächste Kanzlerkandidatur zur Verfügung zu stehen: „Nein. Wirklich nicht.” Ihr Nein zu dieser Frage stehe “ganz fest”. Merkel hat jedoch schon viel erklärt, was sie nicht gehalten hat.

imago Images/Star-Media

In ihrer Neujahrsansprache hat Angela Merkel noch eine „persönliche“ Anmerkung hinzugefügt: Sie erklärte, dies sei „aller Voraussicht nach“ (!!) ihre letzte Neujahrsansprache. Was heißt das?

Merkel wählt ihre Worte bewusst. Was soll der Zusatz „aller Voraussicht nach“? Sie will uns damit sagen, es sei durchaus möglich, dass wir nächstes Jahr wieder eine Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel hören. Ist dieses Szenario völlig absurd? Der einzige Grund, der dagegen spricht, ist, dass Merkel mehrfach erklärt hat, sie werde nicht mehr kandidieren. Im Juni erklärte sie in einem ZDF-Fernsehinterview („Was nun, Frau Merkel?“) auf die Frage, ob sie darüber nachdenke, angesichts der noch nicht bewältigten Corona-Krise für eine nächste Kanzlerkandidatur zur Verfügung zu stehen: „Nein. Wirklich nicht.” Ihr Nein zu dieser Frage stehe “ganz fest”.

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Merkel hat jedoch schon viel erklärt, was sie nicht gehalten hat: Sie hat schon vor einem Jahrzehnt versprochen, Deutschland werde ganz vorne bei der Digitalisierung sein, sie hat mehrfach versprochen, dass abgelehnte Asylbewerber konsequent abgeschoben würden, sie hatte versprochen, dass die Laufzeit von Kernkraftwerken verlängert werde (und sie dann noch früher abgeschaltet) usw.usf.

Was spricht dafür, dass Merkel noch einmal antritt und wie könnte sie von ihrer alten Zusage wegkommen?

Die erste Frage, die sich stellt: Will Merkel überhaupt noch einmal antreten? Niemand kann in sie hineinschauen, aber ich denke, sie hält sich für unersetzlich (was sie mit vielen Politikern gemein hat). Und sie hat nichts außer der Politik: Keine Familie, keine Hobbys, nichts. Was soll Merkel ohne Politik machen?

Und so könnte es laufen …

Die zweite Frage lautet: Wenn sie es will, wie kann sie es durchsetzen? Merkel hat keine inneren Überzeugungen und keine besonderen Fähigkeiten, außer einer einzigen: Machtpolitik. Sie ist die unumstrittene Meisterin im Fach „Macht“. Sie hat stets alle Konkurrenten ausgeschaltet, jeden, der ihr hätte gefährlich werden können. Und sie hat es sogar fertig gebracht, die mit Abstand unfähigste Ministerin in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Ursula von der Leyen, zur Präsidentin der Europäischen Kommission zu machen. Wie keine anderer beherrscht sie dieses Spiel. Und das könnte so ablaufen:

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Die anderen potenziellen Kanzlerkandidaten verschleißen sich oder werden von den Medien fertig gemacht. Norbert Röttgen hat ohnehin keine ernsthafte Chance. Armin Laschet, dem einst große Chancen zugesprochen wurden und der als Merkels Kandidat gilt, hat sich durch sein offensichtliches Versagen in der Corona-Krise immer mehr ins Abseits begeben, das Gleiche steht Spahn bevor, obwohl er derzeit in den Umfragen weit vorne liegt. Friedrich Merz, der aus meiner Sicht einzig Akzeptable von allen, hat sich teilweise ungeschickt verhalten, Merkel und die Medien werden alles tun, um ihn zu verhindern.

Und Söder? Söder hat sich Merkel immer mehr angeglichen. Der gleiche prinzipienlose Opportunismus. Die gleiche Anbiederung an die Grünen. Und Söder biedert sich seit Monaten bei Merkel an, weil er glaubt, dass letztlich sie entscheidet, wer Kanzlerkandidat wird.

Wenn Merkel noch mal antritt, wird dies so ablaufen: Medien werden beginnen, darüber zu spekulieren. Sie wird dies dementieren, allerdings halbherzig und mit einer Hintertür – so wie in der Neujahrsansprache. Merkel wird sich bitten lassen. Diejenigen, die sie bitten, stehen schon bereit, die CDU-Ministerpräsidenten Daniel Günther, Volker Bouffier, Tobias Hans. Ich würde es ihr sogar zutrauen, dass es ihr gelingt, Wolfgang Schäuble für eine entsprechende Initiative zu gewinnen. Das Argument wird sein: „Nur mit Merkel können wir wieder die Bundestagswahlen gewinnen“. Umfragen werden belegen, dass Merkel eine bessere Chance hat als alle anderen – Söder, Laschet, Merz, Röttgen oder Spahn. Damit wird sie viele in der CDU überzeugen. Sie kann auf ihre Umfragewerte hinweisen und muss nur zuschauen, wie sich potentielle Mitbewerber – etwa Spahn oder Laschet – in der Corona-Krisenbekämpfung verschleißen und offensichtlich versagen.

Die „Hättet ihr mal auf Mutti gehört“-Strategie

Und sie hat früh vorgebaut. Ich habe an dieser Stelle schon Anfang Mai gezeigt, wie Merkels Strategie lauten könnte. Damals sagte ich voraus: „Mit ziemlicher Sicherheit kann erwartet werden, dass nach den Lockerungen die Zahl der Neuinfektionen wieder steigt. Sollte es zum Schlimmsten kommen und eine zweite Welle die Kapazitäten in den Krankenhäusern überfordern, dann kann sich Angela Merkel als die Warnerin positionieren, auf die die unvernünftigen Ministerpräsidenten leider nicht hören wollten. ‚Das kommt davon, hättet ihr mal auf Mutti gehört.’ Dann stehen alle anderen (vor allem Armin Laschet) schlecht da und sie verbleibt als einzige erfolgversprechende Kanzlerkandidatin für die Union.“

Wird das alles so kommen? Ich weiß es nicht, aber es ist ein denkbares Szenario. Aber, Vorsicht: Wer heute Vorhersagen darüber macht, was morgen passieren könnte, muss sich daran messen lassen, ob er gestern richtig vorhergesagt hat, was heute passiert. So, und jetzt erschrecken Sie bitte nicht, wenn Sie vergleichen, was ich 1994 (!) vorhergesagt habe und was später eingetreten ist. Damals habe ich – leider – Recht behalten. Und ich hoffe, dass ich diesmal Unrecht behalte und Deutschland eine weitere Amtszeit von Merkel erspart bleibt.


Rainer Zitelmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Soziologe. Soeben ist die Neuauflage seines Buches „Wohin treibt unsere Republik?“ erschienen: „https://wohin-treibt-unsere-republik.de/“

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Kommentare ( 110 )

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Jack Black
9 Monate her

Wer sogar Wahlen korrigieren und rückgängig machen kann, für den ist es nur eine Kleinigkeit auch seine Meinung rückgängig zu machen und zu korrigieren!

Damon71
9 Monate her
Antworten an  Jack Black

Genau das hat Merkel seit 1990 doch schon oft genug praktiziert.

Wolfgang M
9 Monate her

Nach der Bundestagswahl im September 2017 wurde Fr. Merkel im März 2018 zur Bundeskanzlerin gewählt. Wenn die Koalitionsverhandlungen nach der Wahl September 2021 wieder so lange dauern, dann muss Fr. Merkel als geschäftsführende Kanzlerin auch die nächste Neujahrsansprache halten. Fr. Merkel meint, dass sie die nächste Neujahrsansprache aller Voraussicht nach nicht halten muss. Das heißt nur, dass sie unterstellt, dass beim nächsten Mal die Einigung auf einen Koalitionsvertrag nicht noch einmal so lange dauern wird. Für Schwarz-Grün wird es voraussichtlich reichen. Beim letzten Mal dauerte es so lange, weil Merkel eine schwarz-grüne Regierung wollte. Da die Stimmen nicht reichten, sollte… Mehr

Last edited 9 Monate her by Wolfgang M
Jack Black
9 Monate her
Antworten an  Wolfgang M

Da bin ich mir nicht so sicher.

Fulbert
9 Monate her

Es geht auch wesentlich einfacher: die Wahlen werden verschoben.

Klaus H. Richardt
9 Monate her
Antworten an  Fulbert

Natürlich ‚coronabedingt‘. Ein Schelm wer böses dabei denkt.

Meykel
9 Monate her

Aus sicherer Quelle in Berlin eben erfahren, Merkel macht weiter. Ihr ist im Traum Helmut Kohl erschienen. Der hat sie ultimativ aufgefordert durchzuhalten. Sein Lebenswerk, das mit der Einführung des EURO begonnen wurde und das in der endgültigen Zerstörung Deutschland’s enden sollte, ist noch nicht ganz beendet. Sie, Angela hätte schlechterdings die dringende Pflicht zu erfüllen, als „Sein Mädchen“ sein Werk zu einem positiven Ende zu führen. Es sei dringend erforderlich in dieser schwierigen Phase nicht nachzulassen. Sonst könnten sich vielleicht doch noch, alle Versuche der Zerstörung dieses Landes als unvollständig erweisen. Noch haben die Energiewende, die Massenzuwanderung, die Islamisierung,… Mehr

Jean B.
9 Monate her

Diese Frau hat sich immer so verhalten, dass nichts an ihr hängen bleibt, d.h. sie wird abwarten, wie die Dinge sich entwickeln und dann entscheiden.
Entgleitet die Situation iim Lande, wird sie abgesprungen sein um anderen den Dreck zu hinterlassen und selbst gut dazustehen.
Kann ein Desaster abgewendet werden, bleibt sie selbstverständlich, und kandidiert ein weiteres Mal, um ihre Unersetzlichkeit herauszustellen.
Ich verstehe auch nicht, dass die Politiker und Parteien immer noch nicht gelernt haben, sich dieser Dame fernzuhalten. Alles andere hat doch stets den Weg in die Bedeutungslosigkeit geebnet und jegliche Handlungsfreiheit zermalmt.

K.Behrens
9 Monate her

der deutsche Bundestag in Berlin ist eine reine Verwaltungsbehörde, von der man sicher besser fern hält. In 2015 wurde kein „Misstrauenvotum“ ausgesprochen, ganz zu schweigen von der „Vertrauensfrage“?
Berlin wird sich noch einiges einfallen lassen, um das „Infektionsschutzgesetz“ über den März 2021 zu gestalten.
Der Hochadel in Deutschland führt seine Titel nur als Bestandteil seines Namens, eigentlich schade. Im Gegensatz zu „einer Merkel“ unterscheidet er und führt nicht irgendwelches Personal in Massen aus irgendwelchen Ländern ein.

Sumpfdotterblume
9 Monate her

Deutschland ist noch nicht restlos am Boden. Ihr Werk ist noch nicht vollendet, deshalb – so fürchte ich – wird sie noch einmal antreten.

Caprivi
9 Monate her

Dass Merkel sich fast alles erlauben kann, liegt meiner Meinung nach auch am kompletten Ausfall der Presse/Medien, die sich im wesentlichen als Lautsprecher der Regierung verstehen. Offenbar dominiert von grünen Schreibern und arrivierten ehemaligen Linksradikalen vom Schlag Posener oder Schmidt lassen ihre spießigen und angepassten, stromlinienförmigen Attitüden keine abweichende Meinung zu, erst recht natürlich keine eigenen kritischen Analysen. Statt dessen bestimmt ein obskurer Presserat, was der Bürger erfahren darf und was nicht. Welch eine Unverschämtheit. Heute muss man froh sein, wenn Bürger nicht beschimpft werden oder Kritik mit absurden Schlagwörtern, etwa „Coronaleugner“ zum Schweigen gebracht werden. Selbst im Kaiserreich der… Mehr

Kalmus
9 Monate her

Ich bin sicher. Sie will mit Harris die Weltherrschaft. „Aller Voraussicht nach“ ist so ernst gemeint wie “ Wir stehen am Anfang der Pandemie“ Ende Mai 2020.

Amerikaner
9 Monate her

Es ist doch so: Man kann mit erheblicher Sicherheit davon ausgehen, daß was die Kanzlerin verspricht nicht passieren wird. Mit immerhin noch großer Wahrscheinlichkeit kann davon ausgegangen werden, daß das genaue Gegenteil dessen Eintritt. Frau Merkel ist eine Gewohnheitslügnerin.