Neue Schulstudie: Ideologie statt Fakten

Karin Prien bedauert, dass Jungen durch das Bildungssystem benachteiligt seien. Allerdings darf man die Aussagekraft entsprechender Studien bezweifeln. Kriterien und Methodik folgen teils ideologischen, teils unsinnigen Maßgaben.

IMAGO, Collage: TE

„Studien“ über Benachteiligungen im Bildungswesen sind stets mit äußerster Vorsicht zu genießen. Erstens, weil hier für unterschiedliche Bildungserfolge durchweg Gesellschaft und Staat verantwortlich gemacht werden, nie aber das Individuum, das eigenverantwortlich handelt. Zweitens, weil als ausschlaggebendes Kriterium für den Bildungserfolg immer noch das Abitur gilt, das mittlerweile bei stetig sinkenden Anforderungen derart inflationär vergeben wird, dass es schlicht kaum noch aussagekräftig ist.

Nun legt einmal mehr das „ifo“-Institut (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.) einen neuen „Chancenmonitor – Ein Herz für Kinder“ vor. Kernaussagen dieses „Monitors“: Kinder reicher Eltern mit Abitur hätten eine deutlich bessere Ausgangsposition. Und: Jungen seien benachteiligt; sie würden in der Schule deutlich schlechter abschneiden als Mädchen. So würden im Durchschnitt 36,9 Prozent der Jungen ein Gymnasium besuchen, aber 43,5 Prozent der Mädchen. „Gender Gap“ heißt das heute.

Wir fragen mal nicht genau nach, was „Kinder reicher Eltern“ sind. Die Presse, die über diese „Studie“ berichtet, versteht als solche Kinder, deren Eltern Abitur haben und über ein monatliches Nettoeinkommen von 6.000 Euro verfügen.

Die Leiter der „Studie“ werteten in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Ein Herz für Kinder“ Daten von knapp 68.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren aus dem Mikrozensus 2022 aus. Einbezogen wurden der Bildungsstand der Eltern, Haushaltseinkommen, Migrationshintergrund und die Frage, ob ein Elternteil allein erzieht.

Diese „Studie“ ist saurer Wein in neuen Schläuchen. Längst weiß man, dass Mädchen in der Schule fleißiger und anpassungsfähiger sind. Gendersensibel interpretiert: Sie haben ja das toxische Testosteron nicht in sich. Gleichzeitig weiß man, dass Mädchen und Frauen beim IQ seltener als Jungen und Männer Extremwerte nach unten und nach oben aufweisen. Aber das ist ja, igittigitt, eine biologistische Betrachtung.

Spielen beim Bildungserfolg die Bildungsaspiration der Eltern und das eigenverantwortliche Lernen der Kinder keine Rolle? Offenbar nicht. Wiewohl es doch hinsichtlich Kosten des Schulbesuchs bis zum Abitur keinerlei finanzielle Hürden gibt. Der Besuch eines staatlichen/kommunalen Gymnasium kostet nichts außer den Preis der eigenen Anstrengung. Dennoch gibt es genug bodenständige Eltern, die sich nicht vom Abitur-Hype infizieren lassen und nicht zu Unrecht die Frage stellen: Ist es für unseren Sohn nicht besser, eine Ausbildung zum Fliesenleger zu machen als einen Bachelor in Genderstudies? Denken Eltern so, leisten sie bereits einen Betrag zu einem sozial ungerechten Bildungswesen. So einfach ist das in den Augen der „Forscher“.

All das hält die für Schule übrigens völlig unzuständige Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) nicht davon ab, ins Horn der „Benachteiligung“ zu stoßen. Wörtlich nichtssagend: „Wir haben seit Jahrzehnten zu Recht versucht, uns besonders anzustrengen, um die Bildungschancen für Mädchen zu verbessern, da ist einiges gelungen, wenn auch da noch Luft nach oben ist … Aber die Jungs haben wir aus dem Blick verloren.“ Für sie müsse mehr getan werden. Was die Gründe für die Unterschiede betrifft, scheint allerdings auch Prien ratlos. Aber wenigstens hat sie salbungsvolle Worte parat: Die 16 Bundesländer fordert sie auf, trotz der geringeren Anzahl von Kindern die Ausgaben für Bildung gleich zu halten. „Das Geld, das jetzt im System ist, muss im System bleiben, um die Qualität im System zu verbessern“, sagte sie und sprach von einer „demografischen Rendite“.

Die „Studien“-Forscher selbst indes meinen zu wissen, was notwendig sei: unter anderem die frühe Förderung von Lesekompetenz und emotionaler Kompetenz bei Jungen; Mentoren für die Stärkung des „Selbstvertrauens in Bildungsfragen“; Familienhilfen speziell für benachteiligte Kinder; die Entscheidung, welche weiterführende Schule für das Kind in Frage kommt, soll später fallen. Womit wir wieder bei der verirrten sozialistischen Vision einer möglichst langen Schulzeit für alle angekommen sind.

Eines freilich ist des Nachdenkens in puncto „Gender Gap“ wert, wenn auch nicht binnen einer Schülergeneration umsetzbar: Es gibt zu wenig männliche Lehrer. Die weit fortgeschrittene und nach wie vor stattfindende Feminisierung des Lehrerberufes (im Grundschulbereich 90 Prozent; sonst zwischen 58 und 65 Prozent) hat vielen Jungen, zumal mit Migrationshintergrund, nicht gutgetan.

Ansonsten wäre das „ifo“ gut beraten, sich um das zu kümmern, was sein Beritt ist: Wirtschaftsforschung. Aber auch hier erschöpfte sich das „ifo“ schon des öfteren im Reich der Träume. Im November 2009 etwa verbreitete der auch für die aktuelle Studie verantwortliche Ludger Wößmann für das „ifo“ eine Studie mit folgender Kernaussage: »Die Tatsache, dass in Deutschland etwa jeder fünfte Jugendliche eine nur unzureichende Bildung erhält, zieht volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von rund 2,8 Billionen Euro nach sich …“ Mit zureichender Bildung ist Grundschulniveau mit einem Pisa-Wert von 420 gemeint. Aber es kommt noch besser – übrigens mit Blick auf das Jahr 2090 (ja, tatsächlich): »Würde es hingegen gelingen, die deutschen Schüler im Durchschnitt auf das finnische Durchschnittsniveau an zu heben, so beliefen sich die Erträge dieser Reform sogar auf 9,6 Billionen Euro.

Lassen wir einmal den Absturz Finnlands im Pisa-Test beiseite: Wer soll ein solches “Traum“-Institut noch ernstnehmen?

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Kommentare ( 5 )

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alter weisser Mann
17 Minuten her

Auf den kostenlosen Schulbesuch abzustellen, um die Binsenweisheit zu bezweifeln, das ausreichend materieller Spielraum (aka Reichtum) bessere Chancen eröffnet Geld mithin bessere Bildungsmöglichkeiten eröffnet, ist etwas schwach. Es geht ja nicht um mögliches oder unmögliches Abitur, sondern um bessere materielle Rahmenbedingungen, vielfältigere (auch kostenpflichtige) Betätigungsmöglichkeiten und andere Chancen eines „bessergestellten“ Elternhauses. Natürlich muss das Kind dann schon selbst all die Vorteile wahrnehmen, aber auch das heißt ja nicht, dass es sie nicht gibt. Und ich hab auch überhaupt kein schlechtes Gewissen, dass wir den Bemühungen meines Sohnes jederzeit nicht nur selbst zur Seite stehen konnten, mit ihm durch halb Europa… Mehr

MartinKienzle
25 Minuten her

Bildung im wahrsten Sinne des Wortes verwehrt Schule respektive Universität der BRD uns Deutschen, indem sie uns den Zugang zu jener verwehrt, das bedeutet, dass wir im Rahmen der sogenannten „schulischen/universitären Ausbildung“ dressiert werden – um das zu erkennen, muss der Geist gemäß der Definition Humboldts ausgereift sein!

AlNamrood
44 Minuten her

Man kann seit mehreren Generationen vom Kindergarten bis zur Uni im Bildungssystem stecken ohne jemals eine männlichen Autoritätsperson zu treffen. Natürlich schneiden Jungen dann schlechter ab. Bildung ist durchgehend feminisiert worden und das ist das Ergebnis.

Guzzi_Cali_2
45 Minuten her

Wenn die Dame im Kopf nur halb so krank ist, wie sie äußerlich erscheint, gehört sie ganz dringend in professionelle Behandlung. Der sieht man doch vom südlichsten Zipfel der Republik an, daß sie seelische Probleme hat.

Soistes
47 Minuten her

Was wirklich notwendig wäre ist Geschlechtertrennung ab Eintritt in die Pubertät. Mädchen und Buben brauchen einfach unterschiedliche Erziehungsstile. Das wäre für beide Geschlechter ein Segen. Gleichzeitig natürlich außerschulische Angebote zum Kennenlernen des anderen Geschlechts in der Freizeit. Früher gab’s dazu die Tanzschule.