Arbeitszeitordnung: Digital statt analog

Früher, in dem Stahlwerk, in dem ich aufgewachsen bin, hat die Werksirene dreimal geheult: Um 7 Uhr zum Arbeitsbeginn, dann sind die Arbeiter durchs Fabriktor gelaufen. Um 13 Uhr, da wurden die Butterbrote aus dem Papier gewickelt und der Henkelmann aufgeschraubt. Und um 17 Uhr, dann schlurften die Männer (ja, es waren nur Männer) wieder durch das Fabriktor, diesmal in die andere Richtung; langsamer und müde. Der streng geregelte Acht-Stunden-Tag galt damals als Fortschritt. Aber heute? 

Heute heult nicht mehr die Sirene zum Schichtbeginn, sondern dein Smartphone bimmelt oder brummt. Immer dann, wenn ein Problem aufpoppt oder ein Kunde mit Auftrag droht. Dummerweise ist das nie während der Kernarbeitszeit und meist auch noch am Feiertag. In der globalisierten Welt, wenn irgendwo eine Fabrik steht und du das Ersatzteil hast, wissen die anderen gar nicht, was für einen komischen Feiertag die Deutschen gerade haben und außerdem ist es denen gleichgültig, und zwar total; schließlich geht die Sonne im Osten auf und da ist der Sonntag schon längst Montag.

Abends noch ein paar dienstliche Mails schreiben, Homeoffice auch mal unter der Woche – das ist nicht nur elektronische Sklaverei oder Fußfessel. Es ist der moderne Arbeitsalltag, und schlecht ist das auch nicht immer: Dann kann man auch mal zu Hause bleiben, den Betrieb trotzdem aufrechterhalten, wenn die Kinder krank sind.

Wir stehen nicht mehr alle gleichzeitig am Fließband, fahren nicht mehr gemeinsam im Aufzugskorb in den Schacht ein. Arbeit ist unregelmäßig wie der Auftragseingang. Da hilft es wenig, wenn jetzt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit seiner Arbeitsministerin Andrea Nahles jede Öffnung der bislang starren Regelungen ablehnt. Es geht ja nicht um längere Arbeit; es geht um Flexibilität.

Vielleicht ist die neue Arbeitswelt nicht immer besser, aber sie ist anders, den Weg zurück gibt es nicht. Schutz brauchen wir trotzdem. Es ist der moderne Arbeitsalltag, und  schlecht ist das auch nicht immer:  Da hilft es wenig, wenn jetzt Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit seiner Arbeitsministerin Andrea Nahles jede Öffnung  der bislang starren Regelungen ablehnt. Es geht ja nicht um längere Arbeit; es geht um Regeln für das digitale Zeitalter, seit wir nicht mehr im Korsett des 8-Stundentags, getrieben von der Sirene, gelocht an der Stechuhr und getaktet vom Fließband arbeiten, sondern vernetzt und vom Küchentisch aus oder vom Fußballplatz. Stress hat die alten Verschleißerkrankungen ersetzt; Burn-out statt Bandscheibe.

Arbeitszeitordnung ist nicht überflüssig; Ausgleichs- und Ruhezeiten müssen sein und wahre Erholung ist, wenn das Smartphone tot ist. Es ist ja nicht so, dass wir nicht flexibel arbeiten – viele machen das, oftmals unbezahlt und unkontrollliert. NUR: Die Regeln der alten, analogen Welt passen nicht in die digitale, und wer die Regeln nicht zeitgemäß anpasst, fällt in die wilde Regellosigkeit.

Vielleicht kann man sich in den Amtstuben der Berliner Bürokratien gar nicht vorstellen, wie draußen gearbeitet wird. Dort heult die Fabriksirene nicht, wenn der Auftrag futsch ist, weil keiner ans Smartphone geht.

Dieser Beitrag ist bei Bild am Sonntag erschienen.

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