Lob der Nation

Die Alternative zu einer Gesellschaft der Stammesfehden ist der Nationalstaat. Überall auf der Welt, nur nicht in Deutschland, erfreut er sich anhaltender Beliebtheit. Die Ukraine zeigt, welche Kraft darin steckt, sich als Nation mit gemeinsamen Interessen zu begreifen.

IMAGO / CTK Photo

Gut, das Z ist derzeit ebenso verpönt wie das N oder M, und doch verliert seit dem russischen Angriff auf die Ukraine manch hitzige Debatte ihre angemaßte Bedeutung. Dafür kommen Worte wieder ins Spiel, die man einst ebenso wie das N- oder M-Wort in Acht und Bann gestellt hatte: Volk und Vaterland, Held und Kampf, Patriotismus und Vaterlandsliebe, kulturelle oder gar nationale Identität. Der Widerstand in der Ukraine gegen den russischen Angriff erlaubt offenbar, wieder von Dingen zu sprechen, die im Universum der medialen und politischen Eliten Deutschlands lange Zeit tabu waren.

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Der Politikwissenschaftler Yascha Mounk etwa erkennt im Nationalstolz zwar ein „zweischneidiges Schwert“, sieht darin aber auch das Symbol, das es „Ländern wie der Ukraine erlaubt, mit riesiger Courage und Selbstaufopferung für ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen. Patriotismus ist ein halbwildes Tier, das wir zähmen und nutzen müssen.“ Patriotismus? Opfer? Darf der das?

Doch so ist es. Während der modische Tribalismus der diversen Identitäten spaltet, erlaubt erst die Vorstellung einer weit größeren Gemeinschaft jene vielberufene „Solidarität“, die uns hierzulande ständig abgefordert wird. Ein Widerspruch, wenn es doch zugleich heißt, alles müsse noch vielfältiger und noch diverser werden. Mounk: „Die meisten diversen Gesellschaften der Geschichte sind grausam gescheitert.“

Nun: Die Alternative zu einer Gesellschaft der Stammesfehden ist längst erfunden. Das Ding heißt Nationalstaat. Überall auf der Welt, nur nicht in Deutschland, erfreut er sich anhaltender Beliebtheit: Bis 1914 hat man um die 50 souveräne Staaten weltweit gezählt, 1960 gehörten den Vereinten Nationen 82 Staaten an, 2015 bereits 193. Nicht gerade selten stellte sich das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl in kriegerischen Auseinandersetzungen her: Wofür man Opfer bringt, ist wertvoll – denn es muss es wert sein.

Kulturelle, religiöse und ethnische Nähe spielte bei den meisten Staatsbildungen der letzten Jahrzehnte eine große Rolle. Warum? Weil Ähnlichkeit das Zusammenleben erleichtert. Weil es entlastend ist, wenn man sich über die Modalitäten des ganz normalen Lebens nicht immer wieder neu verständigen muss. Zugleich aber bietet die größere nationale Einheit Wege ins Offene, über die engen Familien- und Nachbarschaftsbande und über die neuen Stämme der unendlich vielen Identitäten hinaus.

Regeln und Institutionen, Sitten und Gebräuche sind nicht nur Gefängnisse der Individuen, sie dienen vielmehr ihrer Entlastung: Nicht alles muss „ausdiskutiert“ werden, gut ist, wenn man sich auf einiges schlicht verlassen kann. Selbst Gewohnheiten können befreiend wirken.

die Ukraine zeigt, wie der Westen einmal war
Siehe da, eine Nation!
Der Nationalstaat ist die schützende Hülle für Rechts- und Sozialstaat – doch nur als „Club mit definierter Mitgliedschaft“ der eigenen Staatsbürger, er ist nicht zuständig für die halbe Menschheit. Verfechter des deutschen Sonderwegs aber bestehen darauf: no nation, no border. Lasst alle Kindlein zu uns kommen. Der große Gestus verhinderte 2015 ff., dass man hierzulande Kenntnis hatte, wer kam und wer blieb, das soll nun auch 2022 gelten: Die neue Innenministerin Faeser hat das Tor nicht nur für Flüchtlinge aus der Ukraine geöffnet, sondern auch für alle anderen, die sich verbessern wollen.

Haben deutsche Politiker womöglich den deutschen Nationalstaat längst aufgegeben? Klassische Aufgaben des Staates – für Sicherheit sorgen, die Grenzen schützen und sich um die Wohlfahrt der eigenen Bürger kümmern – sind irgendwie in Vergessenheit geraten. Dass sich das Land schon lange nicht mehr selbst verteidigen kann, hat sich herumgesprochen. Dass die Regierungen der vergangenen Jahre nicht das mindeste unternommen haben, um im Falle des Falles – Energie- oder Lebensmittelknappheit – die eigene Bevölkerung zu schützen, sondern ganz im Gegenteil für wachsende Abhängigkeit von nicht immer friedliebenden Nachbarn wie Russland gesorgt haben, ebenfalls. Während die Ukraine zeigt, welche Kraft darin steckt, sich als Nation mit gemeinsamen Interessen zu begreifen, gibt Deutschland sich auf.

„Das einst recht homogene Volk soll sich in einen Stamm unter Stämmen verwandeln“, konstatierte Rolf Peter Sieferle. Deutschland als Siedlungsgebiet für alle möglichen Identitäten und Parallelgesellschaften oder als Ort von Menschen mit einer weitgehend gemeinsamen Vergangenheit, Kultur und Sprache? Das Gefühl für das, was uns eint – oder einen könnte – schwindet. Deutschland hat sich abgeschafft.


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Kommentare ( 65 )

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65 Comments
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Manfred_Hbg
1 Monat her

Zitat: „Haben deutsche Politiker womöglich den deutschen Nationalstaat längst aufgegeben?“

> Na, ich behaupte mal ganz frech, dass Sie da Gift drauf nehmen können.
Denn würde man diese deutschen Politiker – die Übrigens auch einen Eid auf dieses Land & Volk geleistet haben, fragen ob die am Reichstagsgebäude angebrachte Aufschrift „Dem deutschen Volke“ abgemeißelt werden sollte, dann würden diese Volksverräter nicht nur bejubelnd bejaren, sondern auch noch selber mit Hand anlegen.

friedrich - wilhelm
1 Monat her

……ja, ja und nochmal ja! Sie haben ja so recht, frau stephan! danke, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben, meine verwandten und guten freunde in deutschland in der not nicht allein zu lassen! ich selbst habe schon längst meine trauer abgelegt! kein einig volk mehr und kein vaterland!
grüße aus südamerika!

GeWe
1 Monat her

Ein kluger Artikel, aber am falschen Beispiel festgemacht.
Man lese Henry Kissinger. Die Ukraine war vor 2014 ein Staat mit 2 Nationen.
Heute kämpft der Rest, überwiegend Nationalukrainer, ums Überleben.
Hätte die Ukraine kluge Staatsmänner und -Frauen gehabt statt Kleptokraten,
wäre es nicht soweit gekommen.
Der Krieg hat übrigens schon am 12. Februar begonnen mit dem Angriff auf Donbas mit Hunderten von Toten.

garfield
1 Monat her

SZ vom 28.03.22 (Deutsche Bäuche von Lenz Jacobsen) Dort ist auf einmal auffällig oft von den „Deutschen”und nicht den „hier Lebenden”die Rede. Zitat: „Die Gefahr ist, dass Habeck und andere den Deutschen am Ende doch weniger zumuten, als eigentlich möglich und nötig wäre. Dass sie die Menschen unterschätzen und ihnen gar nicht die Möglichkeit geben, zu beweisen, dass sie auch anders können. So wie Habeck und Scholz nicht wissen können, was die Deutschen alles ertragen, so wissen es die Deutschen selbst auch erst dann, wenn sie es wagen. Die Macht des Merkelschen „Wir schaffen das“ lag ja gerade darin, dass es… Mehr

garfield
1 Monat her
Antworten an  garfield

Berichtigung: zeit-online nicht SZ ; sorry

gmccar
1 Monat her

Yasha Mounk, ehemals Soze und die Frau Özoguz, immer noch Soze , sagten doch bereits vor Längerem, das wir unser Zusammenleben täglich neu aushandeln dürfen. Die Deutsche Politik arbeitet seit 1990 daran, diesen Staat aufzugeben.
Fleißige Helfer sind dabei die Medien und Stiftungen wie u.A. Heinrich Böll,- Friedrich Ebert- und Bertelsmann-Stiftung.

Hueckfried69
1 Monat her

Andererseits: Ohne ein paar „abstrakte“ Ideen, die Eingang in die Verfassung Ihres wunderschönen Landes fanden, hätten Sie möglicherweise weder Familie noch Eigentum.

Boudicca
1 Monat her

Jeden Tag wird zur Zeit neu gewürfelt. Jeden Tag verliert Deutschland ein Stück Wohlstand. Jeden Tag verliert Deutschland ein Stück seiner überheblichen Klima-Weltrettungsmoral. Jeden Tag verliert der aufgeblasene selbstgerechte deutsche, alles für den Bürger regulierende Staat, ein Stück seiner Fähigkeiten, dies auch zu leisten. Die Migranten, die gekommen sind, um hier ein besseres, umfassend alimentiertes Leben zu führen, werden in ihre Häuser in ihrer Heimat zurück kehren, wenn es nichts mehr zu holen gibt. Wir Deutsche, die länger hier leben, wir nennen uns zwar nicht mehr so, aber die anderen Nationen, wir werden hier bleiben müssen und wir werden keine… Mehr

eschenbach
1 Monat her
Antworten an  Boudicca

Es wird sich ändern, wenn die Deutschen gewahr werden, daß es etwas schwierig wird – so als Nicht-Nation, umzingelt von lauter Nationen.Das wird nicht mehr lange dauern.

Hueckfried69
1 Monat her

Vor einiger Zeit verlieh Robert Habeck einer Aufforderung nach mehr „Klimapatriotismus“ Ausdruck. Frage: Von wessen „Vaterland“ (patria) oder Geburtsland (natio) hat er da gesprochen? Deutschland kann es ja nicht gewesen sein, denn damit konnte er ja nie etwas anfangen…

Last edited 1 Monat her by Hueckfried69
Hoffnungslos
1 Monat her

Vieles läuft schief bis falsch in unserem Land. Aber ich finde, weglaufen ist keine Option. Wir müssen versuchen zu ändern, was wir ändern können. Wenn wir das nicht selber tun, tun es andere. Wer geht in diesem Land in die Politik? Es müssen sich qualifizierte Menschen mit Erfahrung und Ideen in die Politik begeben. Die Politik ist so gut, wie wir es zulassen. Wenn wir unqualifizierte Leute wählen, weil wir uns lieber aus dem politischen Geschäft heraushalten, bestimmen immer mehr Überforderte in diesem Land. Wir müssen unsere demokratischen Rechte als Bürger dieses Landes immer wieder einfordern. Demonstrationen gehören in einem… Mehr

Konservativer2
1 Monat her
Antworten an  Hoffnungslos

„Es müssen sich qualifizierte Menschen mit Erfahrung und Ideen in die Politik begeben.“ Vor x Jahren hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, der Sitzung der lokalen Jugendorganisation einer großen bayerischen Partei beizuwohnen. Nach einem Abend voller Intrigen und Postengeschachere war meine politische Karriere beendet. Meine Abscheu war zu groß.

Was glauben Sie, weshalb ist die Politik so, wie sie jetzt ist?

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  Konservativer2

Sie haben Recht, ich bin auch nicht in die Politik gegangen. Da die Parteien, sowie die Medien dieses Land gekapert haben, müssen wir an anderer Stelle ansetzen. Wir müssen Wege finden, um diese Machtstellung von Parteien und Medien zu brechen. Ich bin kein Jurist, was bietet unser Grundgesetz an Möglichkeiten der politischen Einflussnahme?

gmccar
1 Monat her
Antworten an  Hoffnungslos

Hauptproblem Medien und die Briefwahl. Beides Indoktrinations – und Manipulationsinstrumente.

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  gmccar

Richtig, aber warum gibt es keinen unabhängigen Fernsehsender? Deutschland hat doch vermögende Bürger. Oder haben die bereits alle ihren deutschen Pass abgegeben? Warum ist es für die unabhängigen Medien so schwer, finanziell über die Runden zu kommen? Zu viel Untertanengeist bei den wohlhabenden Bürgern dieses Landes?

Donald G
1 Monat her
Antworten an  Hoffnungslos

Dem ist zuzustimmen. Es ist aber kein neues Phänomen, vielleicht etwas anders, aber schon zu Schopenhauers Zeiten gab es ähnliche Gedanken:
„Wir sind nicht nur für das verantwortlich,
was wir tun, sondern auch für das,
was wir widerspruchslos hinnehmen“.
(Arthur Schopenhauer)

Manfred_Hbg
1 Monat her
Antworten an  Hoffnungslos

Zitat: „Wenn wir unqualifizierte Leute wählen“ > Mhh, Sie haben ja schon irgendwie recht. Doch was soll man/unsereins machen oder ändern wenn scheinbar der Großteil der Lütt im Land mit ihrem Wahlverhalten z.Bsp. über die Direktmandate irgendwelche Luschen ins Amt wählen u/o wenn mittlerweile selbst schon 24-jährige Quotenblagen ins Parlament gehievt werden wo sie dann ihren Geistesmüll herumposaunen dürfen. Wie ich hier grad erst an anderer Stelle gesagt hatte: dank unserer links-grün-dunkelroten Einheitsparteien wird sich zumindest die nächsten 8-12 Jahre NIX ändern. Det momentane politische Irrsinn wird weiter gehen. Es muß erst irgendeinen großen Knall geben der die Leute im… Mehr

Harry Charles
1 Monat her

NATION = UNVERZICHTBAR Eine Nation ist in gewisser Hinsicht wie ein Haus: sie bietet Schutz, nur auf einem höheren Level. So wie Obdachlosigkeit wohl kaum als Ideal gelten kann, so ist es pervers, den Begriff der Nation permanent zu pervertieren. Dies ist bei uns allerdings unerklärlicherweise Praxis geworden – und zwar auf Seiten des Mainstreams, der auch die „Regierung“ stellt. Man kann das vergleichen mit der Crew eines Schiffs, die erklärtermaßen als Ziel ausgerufen hat, Selbiges zu versenken – weil es dem Weltfrieden, der Völkerverständigung oder was auch immer dienen soll. An unseren Schulen wird ein pervertierter und völlig überzogener… Mehr

Hannibal Murkle
1 Monat her
Antworten an  Harry Charles

Das ist oft etwas komplizierter – wenn ich die Hälfte polnischer und die Hälfte deutscher Vorfahren habe, welcher der beiden Nationen gehöre ich an? Zum Teil beiden, irgendwie. Polnische Abitur und zwei technische Studiengänge, dafür 30 Berufsjahre in Schland, das ist inzwischen mehr als die Hälfte des Lebens.

Im Ruhrgebiet hat jeder gemischte Wurzel.

Harry Charles
1 Monat her
Antworten an  Hannibal Murkle

Ich bin auch nicht so naiv anzunehmen, dass man ein Land in der Moderne hermetisch gegen andere abriegeln kann. Das machen allein schon die für uns ja auch nützlichen internationalen Verflechtungen oder Dinge wie neue Transport- oder Kommunikationstechnologien unmöglich. Es geht doch nicht darum, ausländerfeindlich zu sein, sondern das Eigene nicht zu demontieren. Und da verlieren eben hierzulande immer mehr Leute den Blick auf das gesunde Maß. Auch wenn man grundsätzlich weltoffen ist, kann man die bei uns praktizierte Asylpolitik nur als Katastrophe bezeichnen. Oder wenn man aus pragmatischen Erwägungen heraus gegen den Euro ist (bringt uns nix, zieht uns… Mehr

Hannibal Murkle
1 Monat her
Antworten an  Harry Charles

Ich gebe zu, dass meine Sicht auf die Vorfahren-Länder in Wandlung ist – die letzten Jahre habe ich Deutschland immer kritischer gesehen. Die letzten Wochen verstehe ich wiederum die Begeisterung nicht, mit der Polen für die Seite des Woken Westens kämpfen will – Deutschland laviert und zögert zumindest während Ungarn offen neutral bleiben will.

Brisant dabei – der Vater Morawieckis und meiner haben eng in der Kämpfenden Solidarität zusammengearbeitet. Öfter hat Morawiecki Kränze auf den Grab meines Vaters gelegt – dafür bin ich dankbar, dich dankbarer wäre ich, würde er etwas strategischer denken.