Über Legenden. Und deren Fall.

Ludger K. stellt einen frühen Vorläufer von „Autobahn geht gar nicht“ vor und erzählt von Tadel, Ruhm und „Race“.

Haben Sie Bilder der olympischen Eröffnungsfeier gesehen? Ne, ich meine nicht die aktuell in Rio stattfindenden Spiele (dafür interessiert sich eh keiner, oder?), ich meine diejenigen, die dieser Tage rundes Jubiläum … oje, darf ich im Zusammenhang mit den Nazi-Spielen in Berlin überhaupt „feiern“ sagen? Und schon sind wir mittendrin in der Geschichte …

Der große Berliner Schauspieler Günter Pfitzmann (das Folgende entnehme ich meinem Gedächtnis) saß mal irgendwann in den 80ern in irgendeiner deutschen Talkshow und erkühnte sich, in hohen Tönen zu schwärmen von Olympia 1936 in seiner Heimatstadt. Er gab sich vor laufenden Kameras offenherzig überwältigt vom beispiellosen inszenatorischen Gelingen der Eröffnungsfeier und vom friedlichen Miteinander während der Spiele, an das er sich auch nach 50 Jahren gerne zurück erinnere. Ein Sturm der Entrüstung in Politik und Medien war die Folge, Pfitzmann brauchte ein Weilchen, dieses „Missverständnis“ gerade zu rücken. Man verzieh ihm.

Damit war besagter TV-Auftritt quasi ein früher Vorläufer von „Autobahn geht gar nicht“, nur ohne Rausschmiss. Pfitzmann hatte die Sünde begangen, seine Eindrücke losgelöst vom politischen Kontext frei Schnauze in positive Worte zu fassen, ohne in seinem euphorischen Statement zwischendrin genügend „furchtbar, furchtbar“ in die andere Berichtswaagschale zu werfen – das genügte schon damals, um sich angreifbar zu machen. Die als Knirps erlebten Spiele einfach nur toll finden, und gut is? Oh nein, wo kommen wir denn da hin! Doch man kann sich leicht noch erheblich tiefer in die Nesseln setzen, wie ich jüngst erfahren musste …

Hitler, Jesse Owens und kein Handschlag

Zwei neue (historisch aber wenig Erhellendes bringende) Spielfilme gibt‘s über Berlin 1936: „Der Traum von Olympia“ kommt aus Deutschland und läuft auf arte (ich verwende das Präsens, weil die Mediathek diese TV-Produktion noch bis Mitte August bereit hält), der Film „Race“ kommt aus den USA, ist frisch in unseren Kinos gestartet und richtet sein Hauptaugenmerk auf Sprint-Star Jesse Owens. Daneben halten Zeitungen, Magazine und der Buchmarkt etliche Jubiläumsbeiträge bereit. Natürlich. (Runder Jahrestag = gutes Geschäft.) Ich unterhielt mich am vorletzten Wochenende mit einem Freund über das Thema, und es dauerte nicht lange, bis dieser Freund auf die „berühmte Szene“ verwies, als Hitler Jesse Owens im Olympiastadion den Handschlag verweigerte. Eine altbekannte Geschichte, die auch ich lange Zeit für bare Münze nahm und nie hinterfragte – bis mich während meines Studiums ein Kommilitone um das Folgende bereichert hat:

Hitler hatte zu Beginn der Spiele jedem deutschen Sieger persönlich gratuliert. Das zog den Unmut der Olympia-Funktionäre nach sich, die Hitler daraufhin im Sinne einer fairen Gleichbehandlung vor die Wahl stellten: Entweder allen gratulieren oder keinem! Hitler entschied sich für letzteres. Von einem „verweigerten Handschlag“ im Sinne einer angebotenen, aber nicht erwiderten Handreichung (und an nichts anderes denkt man ja bei solch einer Darstellung) kann also keine Rede sein.

Irgendwie leuchtet das ja auch ein: Wenn ein gastgebender Staats- und Regierungschef das wirklich wie kolportiert gemacht hätte, so hätte das gewiss einige kritische internationale Pressestimmen nach sich gezogen, die auch heute noch leicht verfügbar wären. Derlei gibt’s aber nicht. Bleibt man dennoch bei der Geschichte, so ließe ein FEHLEN kritischer Pressestimmen in solch einem Fall unweigerlich nur die Schlussfolgerung zu, dass ein derartiges Verhalten länderübergreifend goutiert worden und somit kein ideologischer Alleingang gewesen wäre. Und vom menschlichen Faktor mal ganz zu schweigen, wäre eine Aktion wie diese allein aus taktischen Gründen ziemlich dämlich gewesen – und damit wiederum nicht passend zum berechtigten Vorwurf, dass die Spiele akribisch bis ins Detail als Propaganda missbraucht wurden, um Deutschland in der Welt gut dastehen zu lassen. Soweit korrekt? Gibt es irgendwelche belastbaren Belege für die Verweigerungs-Geschichte? Fotos? Zumindest Zeugenaussagen? Nein. Es ist nur folgerichtig, diese besser im Reich der Legenden zu verorten, und das sagte ich auch meinem Freund. Mit aller Behutsamkeit. Ohne damit was anders, als die pure Informationsweitergabe zu beabsichtigen. Ich erzählte einfach von meinem eigenen, jahrelangen Nicht-Hinterfragen, von den Infos meines Kommilitonen und davon, wie hartnäckig sich generell falsche Überlieferungen halten können. Sonst nix. Na ja, vielleicht hätte ich ihm gegenüber mein abschließendes Fazit reiflicher überlegen und nicht in die folgenden Worte fassen sollen:

„Man muss Hitler von den Vorwürfen frei sprechen!“ Ja, ja, war doof gesagt, weiß ich! Sie können sich sicher denken, was diese Formulierung im Gesicht meines Freundes angerichtet hat. (Falls nicht: Stellen Sie sich einfach Volker Beck als Zuschauer auf dem AfD-Parteitag vor.) Ich hatte gewissermaßen den OBER-Pfitzmann hoch2 gemacht und steckte mit einem Satz in der Revisionistenfalle. „Sag mal, bist du irre?“, echauffierte sich mein Freund. Meine Aussage habe eindeutig eine apologetische Tendenz. (Das Adjektiv benutzt er öfter – ich vermute, weil‘s einfach schlau klingt.) Wie hätte ich es richtig machen sollen? Darf man das überhaupt, Hitler von irgendwas „frei sprechen“? Ich wollte doch nur ganz gönnerhaft mein Gegenüber in meinen Kenntnisstand einweihen. Glücklicherweise räumte mein Kumpel nicht gleich das Schlachtfeld, sondern hakte nach: „Dein Kommilitone kann viel erzählen, auf welche Fakten stützt sich seine These? Womit lässt sie sich untermauern?“ Ich versprach, daheim und unterwegs ein bisschen zu forschen.

Was man glauben will, ist unkaputtbar

Auf meiner folgenden Reise durch Netz und Blätterwelt staunte ich nicht schlecht:

1. Weil aktuell noch immer die alte Geschichte unverändert verbreitet wird.

2. Weil Jesse Owens (das verrät seine Biographie) höchstselbst mit markigen Worten die Darstellung des schändlich ignorierten Superstars zu Fall bringen wollte:

„Als ich am Kanzler vorbeikam, stand er auf, winkte mir zu und ich winkte zurück. Ich denke, die Journalisten zeigten schlechten Geschmack, als sie den Mann der Stunde in Deutschland kritisierten.“ (Jesse Owens: The Jesse Owens Story, 1970) Weiter:
„Hitler hat mich nicht brüskiert, sondern Franklin D. Roosevelt. Der Präsident hat mir nicht einmal ein Telegramm geschickt.“ (ebenda)

NATÜRLICH wird sich schwerlich prüfen lassen, ob diese Worte wirklich 1:1 so von Jesse Owens gekommen sind, aber es hat bis heute zumindest keiner geklagt.

Früher als erwartet ergab sich bereits am nächsten Wochenende ein Treffen mit meinem Freund, der sich aber ob meiner Fundstücke noch immer nicht bekehrt und unverändert skeptisch zeigte: „Woher weißt du das alles? Wer von Rang kann das bestätigen?“ Ich hätte viele, auch „anfassbare“ Quellen nennen können, doch eine innere Stimme riet mir zu folgender Antwort: „Na ja, alles wird bestätigt bei wikipedia.de.“ DAS stellte ihn dann zufrieden. Tja, wenn’s bei wikipedia steht, dann muss es halt stimmen! Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich es mir nicht besser gefallen hätte, wenn er bei seinem Glauben geblieben wäre.

Wollen wir wetten? Auch beim nächsten Jubiläum wird der verweigerte Handschlag noch immer quietschvergnügt durch die Berichte schwingen. Damit hat dieser Vorfall definitiv eine längere Legendengeschichte als Jesse Owens. Dieser nämlich durfte sich nach den Triumphen in Berlin seine heimischen Brötchen u.a. bei zwielichtigen Wettrennen mit Tieren verdienen. Einen Empfang beim Präsidenten gab es nie. Der Filmtitel „Race“ ist übrigens eine gelungene Doppeldeutigkeit, die so aber nur im Englischen möglich ist. In Deutschland heißt der Film „Zeit für Legenden“.

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Kommentare ( 14 )

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