Neue Normalität und alte Duftnoten

Sollten Sonntagszeitungen die Zeit und ihre Läufte spiegeln, gleiten wir unmerklich (ja, eine Anspielung) hinüber in eine neue Normalität, die uns in vieler Hinsicht nicht gefallen kann. Roland Tichy und Fritz Goergen lasen für Sie.

Wie Journalismus gut beschreiben kann und doch nicht unbedingt richtig, zeigt die FAS in dieser Woche an einigen Stücken.

Das Ressort Politik der FAS überrascht seine Leser mit einer langen, buchstäblich quälend langen Geschichte über einen 17-Jährigen, der fast in den Tod, und lebenslang zum Krüppel geschlagen wurde. Er hatte dem Bruder, so steht es am Anfang, den traditionellen Handkuss angeboten, um so um die Hand der Schwester zu bitten. Es folgt eine Gewaltorgie, von der sich der 17-Jährige Zeit seines Lebens nicht erholen können wird. Er wird vom Vater und den Brüdern unfassbar grässlich zugerichtet. Ganz weit hinten, gewissermaßen im quälenden Ende versteckt, steht, dass man sich den Gewaltausbruch nicht erklären könne, denn bei Roma-Familien müsste eigentlich ein jahrelanger Konflikt vorausgehen, ehe es zu solchen Gewalttätigkeiten komme.

Neue Normalität Gewalt

Es ist wohl die neue Normalität einer Gesellschaft: Harmlos beginnt es in einem Gartenrestaurant, so ganz friedlich, endet so entsetzlich, und die sozialen Ursachen werden so ganz nebenbei eingestreut. Es ist eine extrem detailgenaue Story, die gerade zu pornographisch die Verletzungen schildert, und doch am Thema vorbei schreibt, weil sie politisch korrekt sein will: Parallelgesellschaften mit eigenen Riten und besonderen Grausamkeiten sind die neue Normalität, die nicht in Frage gestellt wird.

Keine Gründerszene in D

Brav dafür der Geldteil. Er ist eine Erlösung, denn es geht um Einhörner; also Unternehmen aus den USA, die mindestens eine Milliarde wert sind und nicht an die Börse gehen. 150 davon soll es in den USA geben. Gerne würde man sich bei ihnen als Aktionär einkaufen, weil ohne die Unicorns nur die Technologie von gestern gehandelt wird. Aber die Zukünftigen wollen sich nicht in die Karten schauen lassen oder scheuen die Überregulierung der Börsen. Eine lesenswerte Story: Sie zeigt, dass Deutschland trotz seiner hochgelobten Berliner Gründerszene eben abgehängt ist und die Googles und Apples und Microsofts im Silicon Valley schon mit den Hufen scharren – und dass Regulierung eben negative Konsequenzen haben kann.

Milchmädchenrechnung Immobilien?

Im Geldteil darf die Warnung nicht fehlen, sich nicht zu hoch für Immobilien zu verschulden. Denn wenn die Zinsen irgendwann, nach Auslauf der ersten Billigszinsphase, dann doch steigen, wird das traute Heim schnell nicht mehr finanzierbar und sein Preis sinkt ohnehin, weil die geldgetriebene Nachfrage der Nullzinsphase fehlt. Es ist eine schöne Rechnung, die Nadine Oberhuber aufstellt. Allerdings – vielleicht ist es nur eine Milchmädchenrechnung? Wenn nämlich die Zinsen wieder steigen, könnte auch die Inflation galoppieren. Dann hat der Schlaumeier wenigstens eine Wohnung; wer seine Euros gebunkert hat, nur Papier oder Nullen auf dem Konto der bargeldlosen Gesellschaft.

Gabriel und Luther

Um Aufklärung des Unaufklärlichen zeigt sich dagegen die Wirtschaftsredaktion bemüht. Wie weit ist Bosch in den Dieselskandal verwickelt? Ein Interview mit Sigmar Gabriel, das man aber eigentlich nicht lesen will, weil seine Positionen ja nie so wirklich dauerhaft sind, sondern eher, nunja: tagespragmatisch – da liest man lieber das Stück über Martin Luther. Er trug zur Staatsgläubigkeit der Deutschen bei, dazu, dass öffentlicher Dienst allemal geachteter ist als progressives Unternehmertum, Luthers Geschimpfe auf Geld, Kredit und sozialen Aufstieg – es kommt einem so bekannt vor. Hier bleiben keine Fragen offen. Nicht nur das Offensichtliche sollte beschrieben werden – es darf schon eine Etage tiefer gehen.

In Duftweite

Soweit die FAS und nun zur WamS. Beugen sich journalistische Auguren über Personalien, erscheint vor manchem Auge die Szene aus Historienfilmen, wo nur die Erlauchtesten unter den bei Hofe Zugelassenen den König umstehen, der auf einem damaligen Komfortmöbel sein Geschäft verrichtet. Es sind auch heute nur die in Duftweite, welche hören, was das Merkel von Delphi (Stephan Paetow) raunt über Kanzler- und Präsidenten-Kandidaten. Torsten Krauel braucht eine Zweidrittelseite, um die üblichen Verdächtigen für das Kanzlergeschäft zu erriechen, die alle schon genannt wurden. Für den Fall, wie überraschend: „Geht Merkel? Nur wenn ein völlig außergewöhnlicher Umstand auftaucht.“ Also, wer hätte das außerhalb der Duftweite bei Hofe gedacht? Robin Alexander braucht wesentlich weniger, aber auch viel zu viel Platz, um vom Merkel von Delphi zu berichten, dass „die absprachewidrige Festlegung Gabriels“ erst einmal ignoriert wird um abzuwarten, „ob sich Steinmeier von Gabriel tatsächlich zu einem rot-rot-grünen Kandidaten machen lasse.“

Ilse Aigner will im Bundestagswahlkampf eine Auseinandersetzung zwischen Rot-Rot-Grün „und dem konservativen Lager“. Die muss die CSU allein führen. Insofern ist es konsequent, das Merkel von Delphi dortselbst zu lassen – wenn’s klappen soll, nicht nur während des CSU-Parteitags.

EU à la carte

Thomas Schmid war schon revolutionärer, aber immerhin: „Es sollte erprobt werden, ob nicht Ausnahmen von der Regel der EU insgesamt helfen und sie am Ende sogar geschlossener machen würden. Das Verbot der Ausnahme, das derzeit gilt, ist letztlich illiberal. Vielleicht braucht die EU so viel à la carte wie möglich und so viel Menü wie nötig.“

Obama ade

RichardHerzinger sagt: „Obama war wohl stets mehr ein Inspirator als ein Politiker – in mancher Hinsicht könnte man ihn gar als Anti-Politiker bezeichnen.“ Das erstere wird er eines Tages in seiner Würdigung von Angela Merkel nicht nachsagen können, das zweite hingegen sehr wohl.

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