DER SPIEGEL Nr. 48: Experiment Tageszeitung

Bringt es im Zeitalter von Internet und Rundfunk etwas, wenn ein Wochenmagazin seinen Erscheinungstag vorverlegt? DER SPIEGEL experimentiert damit. Er wird damit zur einzigen Tageszeitung, die nur einmal in der Woche erscheint.

Vor der Erfindung von Rundfunk und Internet waren Sonderausgaben von Tageszeitungen zu wichtigen Ereignissen üblich. Aber heute? Bringt es etwas, wenn DER SPIEGEL bereits am Donnerstag in den Regalen liegt, nachdem er schon vergangene Woche – nach dem Tod von Altkanzler Helmut Schmidt – seinen Erscheinungstermin auf Freitag vorverlegt hatte? Das entscheiden die Verkaufszahlen. In Sanierungszeiten – der SPIEGEL plant laut Fachmagazin Kontakter, 200 Stellen in Verlag und Redaktion abzubauen – erhält diese Größe besonderes Gewicht. Die Terroranschläge von Paris am vergangenen Freitag sind zu diesem Wochenende ein Muss für jedes Magazin. Aber der Erfolg am Kiosk hängt auch davon ab, ob das redaktionelle Konzept überzeugt.

Der besondere Ansatz?

Da bedarf es schon eines besonderen Ansatzes. Der SPIEGEL versucht in seiner Titelgeschichte den Spagat zwischen der gelernten Redaktionstugend, die Leser über die beste und richtige Strategie gegen den Terrorismus zu informieren, und der Erzeugung von Empathie durch viele kleine Geschichten in der Geschichte. So entstand eine dem Volumen nach beachtliche 27-Seiten-Strecke zum Titelthema, für die mit Bienenfleiß interessante und beeindruckende Berichte zusammengetragen wurden.

Insgesamt lässt sie aber den Leser ratlos zurück und meidet die eigentliche Diskussion, die unsere offene Gesellschaft vor eine neue Herausforderung stellt: Wie viel Einschränkungen sind wir alle bereit hinzunehmen, um unsere Freiheit, unseren Lebensstil – so weit es geht – zu erhalten? Gutmenschentum hält keine Terroristen auf, verstärkte Sicherheitsmaßnahmen schon. Die EU-Innenminister haben dazu am Freitag Maßnahmen beschlossen, die bisher politisch nicht durchsetzbar waren, nun aber zweifellos mit großer Mehrheit im EU-Parlament beschlossen werden. Die Deutschen werden vieles schlucken, solange der Fußball in den Stadien vor Publikum weiter rollen kann.

Und die nächste Frage: Wie viel ist uns die Integration der Flüchtlinge, aber auch derjenigen, die heute schon am Rande der Gesellschaft leben, auch finanziell wert, so dass Brutstätten wie in Saint-Denis oder Molenbeek nicht erst entstehen können? „Willkommenskultur“ ist das eine, Integration durch Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Anerkennung das andere. Welche Herausforderungen auf unsere Gesellschaften zukommen, beschreibt der Essay „Theater der Sicherheit“ von Nils Minkmar. Auch wenn er die französischen Verhältnisse beschreibt, so sind doch Parallelen zu Deutschland erkennbar: das beste Stück zum Titel in der aktuellen Ausgabe.

Bemerkenswert eher das Zeitlose

Lesenswert – auch wenn man der Argumentation nicht in Gänze zustimmen mag – ist zudem der Essay „Die Macht der westlichen Moral“ von Romain Leick. Er beschreibt den absoluten Terroristen als Nihilisten, der sich über ein „Ich töte, also bin ich“ definiert. Interessant sind die Parallelen zu den Anarchisten, die Bakunin vor über 100 Jahren gegen den russischen Zaren anführte. Die Kraft für die europäischen Gesellschaften sieht Leick im Erbe der Französischen Revolution. Das hätte man aber gut erst auch am Wochenende lesen können.

Ärgerlich an der Berichterstattung zu den Anschlägen finde ich die unflektierte Berichterstattung über die Bedeutung des Internets für die Organisation, Kommunikation und Akquise neuer Mitglieder seitens des IS. Wenn das bekannt ist, dann ist kaum verständlich, wie in Zeiten von Big Data (der SPIEGEL berichtet immer wieder darüber) die Attentäter durchs Raster der Geheimdienste fallen konnten. Ausgeblendet werden zudem die möglichen politischen Folgen der Anschläge in der EU und in Deutschland.

Aber daran sieht man: Der frühere Verkaufstag allein bringt es nicht. Die guten Geschichten haben zeitlosen Charakter, wenn man heute darunter wenigstens ein paar Tage Haltbarkeit versteht. Die schnellen Sachen hat man schon anderswo gelesen; da ist der SPIEGEL auch nicht besser. Das merkt man ja schon am Titel, der eher die regierungsamtliche Parole vom „Es ist nicht so schlimm“ variiert.

Die neuen Terroranschläge in Mali, die zunehmende Härte der französischen Reaktion, das neu/alte Bündnis zwischen Frankreich und Russland zeigen, dass es so einfach eben nicht ist; dass ein paar trotzige Beruhigungspillen die Lage nicht bessern. Da hätten zwei Tage mehr eher geholfen, das zu vermitteln, wofür ein Wochenmagazin stehen könnte: Einordnung, Klarheit und Klugheit gewinnen, statt in der Aufregung der Aktualität abzusaufen.

So ist der SPIEGEL auf dem Weg zu einer Tageszeitung, die nur einmal in der Woche erscheint. Damit stört er eher Lesegewohnheiten, die auch an einen festen Tag gebunden sind – ein Fehler, der schon bei der Vorverlegung vom bisherigen Montag auf den Samstag gemacht wurde. Gute Tageszeitungen sind längst auf dem Weg, sich zum Magazin mit aktuellen Hintergrundgeschichten zu wandeln, nachdem das Internet ihnen die Domain der News entwunden haben. Für eine gute Magazingeschichte braucht man etwas Zeit – die verschenkt der SPIEGEL, statt sich auf seine Stärken zu besinnen.

… und noch mehr Zeitlosigkeit

Auch wenn die Pariser Ereignisse viele andere Themen haben in den Hintergrund treten lassen, so ist aus der aktuellen Ausgabe noch das interessante Streitgespräch der Spiegelredakteure Michael Sauga und Peter Müller mit Friedrich Merz und dem schleswig-holsteinischen Umweltminister, Robert Habeck, über das geplante transatlantische Freihandelsabkommen TTIP hervorzuheben. Wie Merz mit der Eleganz eines Florettfechters den Sticheleien seiner Gesprächspartner ausweicht und die Finten pariert, ist ein Lesevergnügen.

Ein weiteres Lesevergnügen: Das SPIEGEL-Gespräch „Ihm ist nichts zugeflogen“ der Redakteure Manfred Dworschak und Olaf Stampf mit dem Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn über Albert Einstein, der vor 100 Jahren seine Allgemeinen Relativitätstheorie entwickelte.

Und zum Schluss eine besondere Fundsache: Das „Museum der flehenden Bücher“ von Volker Weidermann über ein Frankfurter Buchantiquariat, das Bücher aus der Bibliothek von Marcel Reich-Ranicki verkauft.

Der SPIEGEL stellt in der aktuellen Ausgabe die Pariser Geschehnisse in der Breite dar, spielt aber die Stärken als Wochenmagazins nicht aus, weil er die wichtigen Fragen hinter den Fragen nicht stellt. Da bringt es auch nichts, wenn der Erscheinungstag vorgezogen wird.

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