Die Vereinigten Staaten der Peinlichkeit

Beim Super Bowl 2026 hatte Amerika die Wahl zwischen einer Geografie-Vorlesung und Karaoke für Wütende. Gewonnen hat, wer rechtzeitig auf die Toilette ging. Von Silvia Venturini

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Charles Baus

Es gibt Momente, in denen man als Europäerin mit einer gewissen Grundsympathie für die amerikanische Kultur an seine Grenzen stößt. Der Super Bowl 2026 war so ein Moment. Nicht wegen des Spiels – das war, soweit ich das beurteilen kann, Football, und Football ist für Italiener ungefähr so verständlich wie Cricket, nur mit mehr Werbepausen. Nein, es war die Halbzeit, die mich an den Rand der Verzweiflung trieb. Und zwar auf beiden Kanälen.

Denn Amerika hatte in diesem Jahr die Wahl. Option A: Die offizielle NFL-Show, eine Moralpredigt in Stadiongröße, finanziert von Milliardären, die dem Publikum erklären wollten, dass es moralisch unzureichend ist – während sie ihm gezuckerte Limonade verkauften. Option B: Eine „patriotische Gegenveranstaltung“ von Turning Point USA, die die Produktionsqualität eines Offenen Kanals aus den Neunzigerjahren hatte und bewies, dass Vaterlandsliebe allein kein Ersatz für funktionierende Tontechnik ist.

Ich schaltete zwischen beiden hin und her, in der Hoffnung, irgendwo Entertainment zu finden. Was ich fand, war Fremdscham in Stereo.

Der Dozent im Designer-Anzug

Die offizielle Halbzeitshow bestritt ein gewisser Bad Bunny, ein puerto-ricanischer Künstler, dessen Name mich an ein Plüschtier denken lässt, dessen Auftreten jedoch eher an einen Gigolo mit Sendungsbewusstsein erinnerte. In seinem kantig-modernen weißen Anzug vollführte er das, was der republikanische Abgeordnete Andy Ogles als „Schmutz“ bezeichnete – „Trockensex mit der Luft“, um das treffende Bild eines Kommentators zu borgen. So ungern ich einem amerikanischen Konservativen in ästhetischen Fragen Recht gebe: Er hatte einen Punkt.

Nun bin ich Italienerin. Wir hatten (und mochten) Berlusconi. Wir sind wirklich nicht prüde. Aber wenn jemand auf einer Bühne anzügliche Bewegungen vollführt, erwarte ich zumindest, dass er dabei nicht so tut, als würde er mir gleichzeitig eine Vorlesung über postkoloniale Theorie halten.

Denn das war das eigentlich Bemerkenswerte: Die Show war fast vollständig auf Spanisch. Nun ist das an sich kein Skandal – 2020 haben Jennifer Lopez und Shakira beim Super Bowl ebenfalls spanische Nummern gesungen, gemeinsam mit eben jenem Bad Bunny. Damals störte sich niemand daran. Aber damals war es auch weniger als Konfrontation gemeint. Und, seien wir ehrlich: J Lo und Shakira haben gewisse… Vorzüge, die das Publikum gnädig stimmen. Bei Bad Bunny hingegen wirkte das Spanische nicht wie eine Geste der Inklusion, sondern wie eine der Provokation. „Ihr versteht mich nicht? Euer Problem.“

Der Höhepunkt kam, als Bad Bunny „God Bless America“ sagte. Konservative Kommentatoren atmeten auf. Endlich! Ein versöhnlicher Moment! Dann begann er, jedes einzelne Land in Nord-, Mittel- und Südamerika aufzuzählen. Chile. Argentinien. Venezuela. Kolumbien. Eine geografische Belehrung, verpackt als patriotischer Gruß. Die Botschaft war klar: Ihr Amerikaner habt den Namen „Amerika“ nicht für euch gepachtet. Eine interessante These für ein akademisches Seminar – der Florentiner Amerigo Vespucci würde ihm vermutlich sogar Recht geben. Aber für eine Halbzeitshow beim größten Sportereignis des Landes ist es, mit Verlaub, das Äquivalent dazu, auf einer Hochzeit eine Rede über die Scheidungsstatistik zu halten.

Dazu Zuckerrohrfelder auf der Bühne, Anspielungen auf die Einwanderungsbehörde, und ein Publikum, das gekommen war, um Football zu sehen, und stattdessen eine Lektion über Kolonialismus bekam.

Karaoke für Patrioten

Also schaltete ich um. Turning Point USA, die konservative Jugendorganisation von Charlie Kirks Witwe Erica, hatte eine Gegenveranstaltung angekündigt. „Echter amerikanischer Geist“, frei von „woker Propaganda“. Ich war skeptisch, aber neugierig. Vielleicht, dachte ich, finde ich dort zumindest solides Entertainment.

Was ich fand, war Kid Rock.

Genauer gesagt: Kid Rock, wie er seinen 25 Jahre alten Hit „Bawitdaba“ „performte“. Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil in einer Einstellung das Mikrofon lässig an seiner Hüfte hing, während seine Stimme perfekt aus den Lautsprechern schrie. Nun ist Playback bei Großveranstaltungen ein bekanntes Phänomen, aber man erwartet doch zumindest, dass der Künstler sich die Mühe macht, so zu tun, als würde er singen. Kid Rock bemühte sich nicht einmal.

Wer die sonstigen Veranstaltungen von Turning Point USA kennt, weiß, dass die Organisation durchaus Hochglanzproduktionen beherrscht. Wenn Erica Kirk auf der Bühne mal wieder Tränen wegwischt, ist das großes Kino mit Feuerwerk und allem Drum und Dran. Diese Halbzeitshow hingegen wirkte wie die traurigen Reste der Küche, die man vor die Tür stellt, damit sich die Streuner bedienen können. Eine kleine Bühne, ein paar Heuballen als Dekoration, ein Publikum, das wirkte, als sei es dort, weil jemand ihm gesagt hatte, dort zu sein.

Zwischen den Songs liefen Werbespots für das „Department of War“ und Kurse darüber, wie man „den Himmel bevölkert“. Sollte das bedeuten, das Kriegsministerium schickt Menschen in den Himmel? Durch Krieg? Ich bin überfragt. Amerikanischer Humor, nehme ich an.

Der eigentliche Skandal war jedoch die Plattform. Turning Point hatte groß angekündigt, die Show auf X zu streamen – Elon Musks Twitter-Nachfolger, das neue Zuhause der Meinungsfreiheit. Minuten vor dem Start stellte man fest, dass man keine Musiklizenzen für X hatte. Die Lösung? Man bat die Zuschauer panisch, auf YouTube umzuschalten, also auf genau jene Plattform, die man eigentlich boykottieren wollte. Es war, als würde ein Veganer seine Gäste bitten, kurz bei McDonald’s vorbeizufahren, weil das Tofu nicht aufgetaut ist.

Die Hufeisen-Theorie der Peinlichkeit

Was mich an diesem Abend am meisten beschäftigte, war nicht die politische Botschaft beider Shows. Die unendliche Politisierung von allem – vom Frühstücksmüsli bis zur Sportveranstaltung – ist ohnehin so ermüdend, dass man kaum noch die Energie aufbringt, sich darüber zu ärgern. Was mich beschäftigte, war die strukturelle Ähnlichkeit im Versagen.

Bad Bunny hielt sein Publikum für moralisch unterlegen und glaubte, es belehren zu müssen. Kid Rock hielt sein Publikum für so anspruchslos, dass er sich nicht einmal die Mühe machte, seine Verachtung zu verbergen. Beide Seiten behandelten ihre Zuschauer wie Idioten – nur auf unterschiedliche Weise. Der eine sagte: „Ihr seid zu dumm, um meine Botschaft zu verstehen, also schreie ich lauter.“ Der andere sagte: „Ihr seid zu dumm, um zu merken, dass ich nicht einmal so tue, als würde ich singen.“

Das Hufeisen der politischen Theorie – die Idee, dass die Extreme sich berühren – fand hier seine kulturelle Entsprechung. Links und Rechts trafen sich in der Peinlichkeit. Der einzige Unterschied war die Ästhetik: glatte Millionenproduktion versus Amateur-Patriotismus. Das Ergebnis war dasselbe: Niemand wurde unterhalten. Alle wurden beleidigt.

Ein Appell aus der Alten Welt

Ich erwarte nicht viel von einer Halbzeitshow. Ich erwarte keinen Verdi, kein Orchester, keine kulturelle Tiefe. Es ist der Super Bowl, nicht die Mailänder Scala. Aber ich erwarte zumindest Kompetenz. Ich erwarte, dass jemand, der auf einer Bühne steht, zumindest so tut, als würde er singen. Ich erwarte, dass jemand, der mich unterhalten will, mich nicht gleichzeitig belehrt. Ich erwarte das, was man früher als „professionelles Entertainment“ bezeichnete – etwas, das Spaß macht, ohne dass man sich danach duschen möchte.

Und wenn es denn schon unbedingt ein Künstler mit politischer Botschaft sein muss: Wäre es zu viel verlangt, jemanden wie Jamiroquai zu buchen? Einen Künstler, der tanzen kann, der singen kann, dessen Texte durchaus politisch sind – aber der dabei so viel Freude verströmt, dass man ihm gerne zuhört? Offenbar ja.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass der amerikanische Kulturkampf mittlerweile nur noch aus zwei Formen von schlechtem Entertainment besteht. Man kann wählen zwischen einer Seite, die einen beschimpft, und einer Seite, die einen betrügt. Es ist wie die Wahl zwischen Ananas auf der Pizza und Ketchup auf der Pasta – technisch möglich, kulturell ein Verbrechen, und am Ende fragt man sich nur noch, warum man überhaupt Hunger hatte.

Der wahre Gewinner des Abends war derjenige, der den Fernseher in der Halbzeit ausschaltete und auf die Toilette ging. Er verpasste nichts. Er behielt seine Würde. Und er musste sich nicht entscheiden, von welcher Seite er sich bevormunden lassen wollte.

Das ist, wenn man so will, auch eine Form von Freiheit.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 1 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

1 Kommentar
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Berlindiesel
49 Minuten her

Ersetzt europäische Überheblichkeit echtes Urteilsvermögen? Wenn wir schon mal beim kulturchauvinistischem Austeilen sind, wann seit, vielleicht Adriano Celentano und „Azurro“, haben italienische Musiker jemals wieder Musik hervorgebracht, die für so eine Massenveranstaltung taugte? Italo Disco aus den 1990ern vielleicht, aber obacht, das Lied eines bestimmten DJs vom Appenin kann in Deutschland zur Verhaftung führen. Kid Rock ist immerhin Amerikaner, Bad Bunny als Puertoricaner nur hineinkolonialisierter und wenns den Boriquen in den Kram passt, (zum Beispiel wenn Trump der korrupten Verwaltung in San Juan Mittel streicht) sind sie auch gar keine. Egal wie geschmack-und kulturvoll der Auftritt von Bad Bunny war… Mehr

Last edited 47 Minuten her by Berlindiesel