Macron versucht noch immer, die Realität der französischen Unruhen auszublenden. Derweil fordert die größte Gewerkschaft des Landes, dass Journalistenköpfe rollen. Es geht um KI-Bilder, aber auch um die Unterdrückung der Realität. Derweil betreibt die Pariser Polizei Sicherheits-Outsourcing.
picture alliance / abaca | Urman Lionel/ABACA
Der Publizist und Parteigründer Eric Zemmour hat in diesen Tagen eine Erklärung gegeben, warum die linksextreme und die migrantische Gewalt in Frankreich in diesem Maße geduldet wird. Er verwies dazu auf die Person von Malik Oussekine, einem Studenten algerischer Abstammung, der – angeblich ohne etwas getan zu haben – am 6. Dezember 1986 im Laufe von Studentenprotesten gegen einen Gesetzentwurf zur Universitätsreform ums Leben kam. Weder Innenminister Charles Pasqua noch der Sicherheitsminister verurteilten damals die Polizei.
Das Verdikt der Zeitgeschichte ist dennoch eindeutig: Es war Polizeigewalt. Tatsächlich starb Oussekine an einem Herzinfarkt. Ein Mitarbeiter des Finanzministeriums soll die Polizeiaktion als Augenzeuge beobachtet haben. Der Heiligenschein um Oussekine strahlte stärker, seit bekannt wurde, dass er zum Christentum konvertieren, sogar Priester werden wollte. Inzwischen gibt es neben einem Kinofilm auch eine Streaming-Serie zu den Geschehnissen.
Die direkten Folgen: Das Gesetz von Bildungsminister Alain Devaquet, das den Zugang zu den Hochschulen durch Studiengebühren und andere Maßnahmen begrenzt hätte, wurde gekippt. Die Universitäten blieben Zentren linker Umtriebe, die ja meist nicht von fleißigen Studenten ausgehen. Das ist eine Episode aus dem französischen Kulturkampf, die heute schon fast ganz in der Vergangenheit versunken ist. Aber sie führt dazu, dass die französische Polizei bis heute sehr viel vorsichtiger im Umgang mit Unruhestiftern geworden ist. Laut einem Journalisten hatte die Affäre Oussekine „einen sehr starken und bis heute anhaltenden Einfluss darauf, wie die französische Öffentlichkeit Polizeigewalt wahrnimmt und anprangert“ – natürlich vor allem in Bezug auf Immigranten und ihre Nachkommen.
Zemmour fordert die Wiederbelebung eines „Gesetzes gegen Randalierer“ und die Zahlung der Schäden durch die Missetäter. Außerdem fordert er den Entzug der französischen Staatsbürgerschaft für die Verurteilten mit doppelter Staatsbürgerschaft und deren folgende Ausweisung.
Le Pen: Macron wird zum Verschwörungstheoretiker
Für Macron scheint am vergangenen Samstag gar nichts Gravierendes passiert zu sein. Das geht offenbar aus einem Videoclip hervor, in dem der französische Staatspräsident einen erneuten Angriff auf die sozialen Medien ausführte. Befragt nach ausländischer Einmischung im Fall der Unruhen in dutzenden Städten des Hexagons, sagt Macron zunächst, es habe keine ausländische Einmischung in das eigentliche Geschehen gegeben. Im nächsten Satz behauptet Macron aber, das mediale Bild dieses für Frankreich katastrophalen 17. Oktobers sei dann doch „durch ausländische Kräfte“ manipuliert worden. KI-generierte Bilder hätten Dinge gezeigt, die sich niemals in Frankreich abgespielt haben. Das mag in manchen Fällen so sein. Einige Beiträge gelten heute als KI-erzeugt. Dazu zählt auch das Bild von einem Ehepaar um die 80, das angeblich von maskierten Kriminellen bis auf die Unterwäsche ausgeraubt wurde. Mehrere Faktenchecker haben es als KI-generiert gebrandmarkt, darauf wiesen Wasserzeichen und Fehler im Bild hin. Der gemäßigt konservative Figaro diskutiert das Bild unter der Überschrift „Gewalttaten vom 17. Oktober“.
Marine Le Pen kritisiert ihrerseits das Macron-Video scharf: „Die verschwörungstheoretischen Äußerungen des Staatspräsidenten sind schwerwiegend. Er leugnet die Realität und versucht, sich seiner Verantwortung für die Lage unseres Landes zu entziehen.“
Wenn Frankreich heute am Rande eines Bürgerkriegs und zugleich kurz vor der Zahlungsunfähigkeit stehe, dann liege die Hauptverantwortung dafür bei Macron. „Die Bilder, die wir am vergangenen Samstag gesehen haben, sind nicht durch künstliche Intelligenz erzeugt: Sie zeigen die traurige Realität dessen, was aus Frankreich nach zehn Jahren Macron-Regierung geworden ist.“ Und weiter: „Die Franzosen sind zutiefst erschüttert, ihr Land gespalten und ruiniert zu sehen. Ein Regierungswechsel wird die Wiedergeburt eines Frankreichs ermöglichen, das heute mehr denn je zerrissen ist.“
Großgewerkschaft fordert Rauswurf von Journalisten
Derweil fordert die größte Gewerkschaft des Landes, die Confédération Générale du Travail (CGT), den Rücktritt eines gesamten Fernsehteams um den Journalisten Laurent Delahousse, weil sie im staatlichen Sender France TV das ganze Elend des Polizei- und Feuerwehreinsatzes vom Sonnabend gezeigt haben. Kurz kommt auch Jean-Luc Mélenchon auf der noch friedlichen Demo vor. Von Unausgewogenheit kann also keine Rede sein. Die Reaktionen der Gewerkschaft und Emmanuel Macron zeigen, in welche Richtung sich Frankreich zu entwickeln droht: Die Bilder von weiteren Aufständen könnten unterdrückt werden. Schon für den 24. Oktober ruft die CGT erneut alle „Militanten“ zum Anlegen der roten Weste auf.
Ab dem 5. November soll dann ein Generalstreik beginnen: „Der Streik muss nun die Führung übernehmen“, sagt eine Funktionärin. Zielgruppen: Arbeiter, Oberschüler, Studenten, Rentner, Arbeitslose. Wer dann auf den Straßen erneut die ‚Führung‘ übernimmt, bleibt kaum offen, ist vielmehr weitgehend klar.
— Enzo Morel (@mtwit75) October 21, 2026
Für aus Paris berichtende Reporter wird es an diesem Wochenende wohl ratsam sein, sich in der Nähe von Polizei oder anderen Ordnungskräften aufzuhalten. In vielen Stadtvierteln könnten sie sich sonst vermutlich nicht sicher bewegen.
Derweil sind die Banlieue-Perlen noch dabei, das Diebesgut aus dem ersten Raubzug auf den Straßen von Paris zu verkaufen, so wie es ganzjährig in Paris und andernorts die Regel ist. Nur wenn die Polizei vorbeikommt, werden die Schwarzmärkte rasch zusammengeräumt. Aber auch das Internet leistet den Vorstadtjugendlichen hier seine Dienste.
Polizei an Händler: Beauftragt private Sicherheitsfirmen!
Und die Polizeipräfektur von Paris empfiehlt Einzelhändlern in der Stadt, für die kommenden Samstage auf private Sicherheitsfirmen zurückzugreifen. „Man sagt uns: ‚Passt eure Öffnungszeiten an, beauftragt private Sicherheitsfirmen, verbarrikadiert euch‘“, berichtet Solenn Amiel, Vorsitzende des Einzelhandelsverbands „Village Popincourt“ aus dem 11. Arrondissement von Paris.
Doch auch Macron musste am Donnerstag zugeben: „Am vergangenen Samstag sind in mehreren Städten des Landes inakzeptable Vorfälle geschehen, die uns alle schockiert und verletzt haben.“ Am kommenden Sonnabend will Macron jede „Fieberhaftigkeit“ vermeiden. Das heißt natürlich: Tempo herausnehmen. Nicht hitzköpfig auf die heiße Gewalt reagieren. Im Klartext: erneut vieles laufen lassen, ohne dass es doch erneut zur ganz großen Unordnung in den Stadtzentren kommt.
Erinnerung: Es war Macron, der vor wenigen Tagen von zu wenig „Empathie“ und „Pädagogik“ bei den Polizeieinsätzen gesprochen hatte. Jetzt soll die Armee dabei helfen, konkret die Anti-Terror-Einheit „Sentinelle“. Man wird sehen, wie das aussehen wird.



Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein