Wie London in den Lockdown schlitterte und Kommunikation alles war

Gab es eine ‚Plandemie‘? Nicht in der Londoner Schaltzentrale. Da ging es eher drunter und drüber. Am Ende bestimmten ganz bestimmte Akteure, wo es lang ging. Kommunikationsberater und Politiker, denen ihr mediales Erscheinungsbild wichtig war, nicht „die Wissenschaft“ entschied über Lockdown, Maskenpflicht und andere Maßnahmen.

IMAGO / UIG
Matt Hancock trifft am 11.03.2022 in der Downing Street ein, mitten in der Pandemie des Coronavirus COVID-19 und zwei Tage nachdem Dominic Cummings vor dem Selektionsausschuss gesagt hat, dass Boris Johnson COVID-19 wie eine Panikmache behandelt hat und dass Gesundheitsminister Matt Hancock für seine Lügen hätte entlassen werden müssen.

Die Journalistin Carol Vorderman hat die Veröffentlichung der „Lockdown Files“ durch den britischen Telegraph begrüßt: „Es ist eine schockierende Lektüre. Die vielen tausend Todesfälle in Pflegeheimen, die leicht hätten verhindert werden können, die Schulschließungen, die Masken, die Beiläufigkeit des Ganzen.“ Das zeigt die Spannbreite der Enthüllungen und ihre Multidimensionalität: Es geht sowohl um den Zoll an Menschenleben, der vielleicht niedriger hätte ausfallen können – wobei auch nicht geklärt ist, wodurch die alten Menschen wirklich starben –, als auch um die aus wissenschaftlicher Sicht unnötigen Einschränkungen für das Leben der Briten und die Wirtschaft, die mit einem Federstrich entschieden wurden. Das Medium dieses Dialogs – beiläufig getippte Online-Nachrichten – verstärkt diesen Eindruck noch.

"The Lockdown Files"
Das komplette Chaos der Pandemiepolitik – erstmals in London enthüllt
Der hauptsächlich in die Kritik geratene Ex-Gesundheitsminister Matt Hancock wies den Vorwurf zurück, er habe willkürlich über Testbestimmungen für Pflegeheime entschieden. Hier habe der Telegraph wichtige Textnachrichten unterschlagen. Die Aufklärung dieser Frage gehöre in die Covid-19-Untersuchung des britischen Parlaments, dessen Vorsitzende, die Baroness Heather Hallet, sich entschlossen zeigt, die WhatsApp-Nachrichten zu erhalten und daneben schon bald zu Ergebnissen zur Londoner Corona-Politik zu kommen. Schon vor einem Jahr stellte der Abschlussbericht der schwedischen Coronavirus-Kommission fest, dass der Verzicht auf umfangreiche Verpflichtungen und Lockdowns die persönliche Freiheit der Bürger besser bewahrt hätte als in anderen Ländern.

Der nordirische Abgeordnete der konservativen Unionisten (DUP), Paul Frew, schreibt zu den Telegraph-Enthüllungen: „Das ist großartig & ich bin absolut begeistert, WhatsApp-Nachrichten werden nicht als offen für Freedom-of-Information-Anfragen angesehen.“ Die Whistleblowerin Isabel Oakeshott habe „diesem Land einen enormen Dienst erwiesen“. Endlich habe der Journalismus „einen Dienst im öffentlichen Interesse“ geleistet, was die Regierung an einem erneuten Lockdown hindern werde. Andere wundern sich, dass ausgerechnet der konservative Telegraph diese Enthüllung betreibt.

In Deutschland darf man sich über den Mangel an Interesse in der linken wie auch fast der gesamten Mainstream-Presse wundern. Der Nachrichtensender ntv https://www.n-tv.de/politik/Chats-enthuellen-Londoner-Corona-Ignoranz-article23956964.html findet den Umgang von Gesundheitsminister Matt Hancock mit den Risiken seines Amtes im Vorspann zu einer dpa-Meldung allen Ernstes „schnoddrig“. Tatsächlich ignorierte Hancock den Rat jener „Wissenschaft“, die damals im UK wie hierzulande in aller Munde war. Und natürlich ist es für dpa einmal mehr vor allem die britische Regierung, die für einen „eigenwilligen, riskanten, teils zögerlichen Kurs“ immer wieder kritisiert worden sei. Das galt ja, Gott sei Dank, nicht für die deutsche Corona-Politik, die nur ein gutes Drittel Ungeimpfte als gänzlich Entfremdete zurückließ. Von den anderen zu schweigen, die sich zähneknirschend „impfen“ ließen und nun vielleicht schon wieder damit hadern.

Und zur Frage konservative Zeitung gegen konservative Regierung: Natürlich verhält sich der Telegraph einfach so, wie sich jedes Medium verhalten sollte. Bei bestehendem öffentlichem Interesse muss auch dann berichtet werden, wenn es nicht ins eigene Koordinatennetz passt. Aber im Grunde passt die Kritik sogar ins Wertegerüst des Telegraph. Denn man kann die gesamte Lockdown- und Pandemie-Politik auch als eine Invasion links-etatistischen Denkens in viele Regierungen rund um den Globus, zumal in Westeuropa ansehen. Linke und Ökosozialisten halten ja mittlerweile kaum hinter dem Berg, dass sie den Lockdown der Menschen und den Shutdown der Wirtschaft als Testfall für kommende Klimaschutz-Maßnahmen sehen – und dieselben kann man getrost als den nächsten großen Schwindel, englisch „scam“ ansehen, den nächsten Fall öffentlichen und offen sichtbaren Betrugs sehen darf, der nicht erst am Horizont erscheint.

Auf der Londoner Regierungsbank gab es keine „Plandemie“

"The Lockdown Files":
Wie der Lockdown außer Kontrolle geriet
Insofern ist die Lektüre der „Lockdown Files“ des Telegraph, bei aller Unübersichtlichkeit des Geschehens, alles andere als überflüssig, legen sie doch klar, wie das autoritäre, teils totalitäre Denken sich überaus leicht einer formal demokratisch gewählten Politikerkaste bemächtigen konnte. Der unterstellte „Notstand“ entwertete zu viele Bausteine des politischen Lebens, setzte Kontrollelemente und Gleichgewichtsanordnungen (checks and balances) außer Kraft. Dem hielten nicht einmal Politiker statt, die sich kurz zuvor noch gebrüstet hatten, ein Plebiszit, das Brexit-Referendum, umzusetzen.

Die „Lockdown Files“ geben eine Ahnung davon, wie eine ebenso raumgreifende wie überforderte Regierung oftmals darüber staunte, dass sich der Bürger freiwillig in scheinbar wohltätige, dabei offenkundig repressive Vorgaben fügte. Auf der anderen Seite war Gesundheitsminister Hancock auch dort nicht verlegen, wo es um die Anwendung staatlicher Gewaltmittel ging, um die zuvor selbst aufgestellten Regeln zu überwachen. Bei alledem bleibt der Eindruck zurück, dass die konservative Regierung in diese Lockdown-Maßnahmen mehr hineingeschlittert ist, als dass sie dieselben mit Bedacht geplant und entworfen hätte. Das ist ein gar nicht so kleiner Vorwurf gegen eine Regierung und gegen ein Regelwerk, das die Lebenschancen von Millionen einschränkte, Volkswirtschaften einfror und Staatshaushalte reihenweise bis zum Bersten belasten sollte. In der Folge dürfen sich die Bürger heute zwischen hoher Schulden- oder Steuerlast entscheiden.

Die indirekten Toten durch die Lockdowns und die direkten Todesfällen und Nebenwirkungen durch die Impfkampagne spielen in dieser Zeit noch keine Rolle – sie werden erst später sichtbar werden. Zunächst einmal gilt es das Lächerliche dieses Staatstheaters einzusehen, von dem die Mächtigen schon zur Zeit des Geschehens wussten. Das Zufällige, Arbiträre so vieler Maßnahmen lag immer offen zu Tage. Nun gibt es für ein Land der westlichen Hemisphäre Schwarz-auf-Weiß-Belege, die zeigen, wie die Regierenden zwischen Wundern und Willkür schwankten, während sie „ihr Volk“ in die Gefangenschaft führten. Damit ist natürlich keine moralische oder juristische Entlastung der britischen Regierenden durch Unwissenheit oder qua „gutwilliger Naivität“ gemeint. Zufällige Ergebnisse wünscht man sich eigentlich nicht von der eigenen Regierung.

Es war insofern keine „Plandemie“ – zumindest nicht auf den britischen Regierungsbänken, wie auch der Free-Speech-Aktivist Toby Young im Spectator hervorhebt: „Es war nur die übliche Clown-Show.“ Aus den Nachrichtenverläufen rund um Gesundheitsminister Matt Hancock kann man eher ablesen, dass man in einer kollektiven Panik versuchte, Anforderungen gerecht zu werden, die vor allem in der Reaktion und den Forderungen der „Öffentlichkeit“ begründet lagen, die anfangs eher skeptisch auf das Neue reagiert hatte, aber nach einiger Zeit mehr und mehr Maßnahmen forderte. Wer diese „Öffentlichkeit“ wirklich war, wird noch zu sehen sein. Die Erfolgsziele einer normalen Regierung (Bewegungsfreiheit der Bürger, Wachstum der Wirtschaft usf.) waren außer Kraft gesetzt. Und an dieser Stelle kehren ‚Verschwörung‘ und hintegründige Kontrolle zurück.

Der erste Lockdown verfestigt sich: Nicht im Zeichen der Wissenschaft, sondern einer vorverlesenen öffentlichen Meinung

Großbritannien zwischen Brexit und Corona
Boris Johnsons Brexit-Berater im Corona-Kreuzfeuer
Nachrichten, die Hancock im Juni und Juli 2020 mit Boris Johnson austauschte, zeigen, wie es wirklich zu kritischen Entscheidungen über Lockdown oder nicht kam. Man erinnert sich: Eigentlich hatte Johnson zum 15. Juni zahlreiche Lebensbereiche wieder öffnen wollen. Doch es kam anders, die Entscheidungen wurden erst verschleppt, dann aufgeschoben und verwässert. Einwände kamen neben Hancock vor allem von Johnsons Kommunikationsberatern.

Sie berichteten, dass die Menschen zum einen die Schließung der Schulen bis September bereits geschluckt und akzeptiert hätten, zum anderen die Öffnung von Gastronomie und „nicht-essentiellen“ Geschäften anscheinend mit Misstrauen betrachteten. Waren das aber wirklich die Bürger? Nein, denn sie konnten gar nicht direkt angehört werden. Wohl aber vernahmen die Berater und Gesundheitsminister Hancock sehr genau die mediale Blase, in der die Entscheidung gewissermaßen für einen weiteren Lockdown gefallen war. Der tiefere Grund dürften Vorurteile, Ängste, auch Ideologie gewesen sein.

Das Hauptmotiv für eine Fortsetzung der Lockdown-Maßnahmen im Sommer 2020 waren also keineswegs wissenschaftlicher Natur, sondern die Trägheit der öffentlichen (besser: veröffentlichten) Meinung. Nicht zu vergessen, die Umfragen, bei denen man nie weiß, wie sie warum entstehen. So erklärte Hancock am 6. Juni 2020: „Ich denke, es ist zu früh für Außengastronomie – die Menschen erwarten das nicht bis zum nächsten Monat.“ Die Öffentlichkeit habe recht darin, und die Regierung solle sich fügen, so Hancock sinngemäß.

Derselben Öffentlichkeit sagten Hancock und Johnson aber, dass sie bei der Verlängerung der Maßnahmen in Schulen und Gastronomie stets „der Wissenschaft“ gefolgt seien. So sprach Hancock – coram publico – von „sehr schwierigen Entscheidungen, die auf der besten verfügbaren Wissenschaft basieren und immer von dieser Wissenschaft geleitet werden“. In den WhatsApp-Nachrichten mit Regierungsmitgliedern sprach er ganz anders. Da war es nicht die Wissenschaft, sondern die öffentliche Meinung, die ihn zu der verlängerten Schulschließung gebracht hatte.

Und es gab noch einen Grund für falsche Politiken: das, was Nicola Sturgeon in Schottland machte. Als Sturgeon eine Maskenpflicht in Schulen eingeführt hatte, befand Johnson, das Thema sei keinen Streit wert. Pandemiemaßnahmen erwiesen sich als ansteckender als das Virus selbst.

„Sehr falsche“ Modellierungen führten in den zweiten Lockdown

Tichys Einblick Talk vom 09.02.2023
Die Corona-Abrechnung - Kritiker behielten Recht, doch Aufarbeitung und Entschuldigung fehlen
Daneben weisen die Nachrichtenverläufe auch auf Unsicherheiten bei der Verhängung des zweiten Lockdowns im November 2020 hin, als Johnson den Versuch machte, die offiziellen Modellierungen zu Fall- und Todeszahlen in Frage zu stellen. Der Professor für evidenzbasierte Medizin in Oxford, Carl Heneghan, habe darauf hingewiesen, dass die verwendete „Todesmodellierung … schon jetzt sehr falsch“ ist. Im Schwange waren damals Horrorzahlen von bis zu 4.000 Toten pro Tag – eine Zahl, die in keinem Land der Erde je eintraf, so frei es auch mit der Viruserkrankung umging. Heute wissen wir, wie absurd diese Zahl war. Aber auch damals beliefen sich die tatsächlichen Todeszahlen auf rund 150 im ganzen Land. Zudem fehlte (wie noch immer) die Differenzierung der „an“ und „mit“ Covid Gestorbenen.

Aber die WhatsApp-Dialoge zeigen vor allem eins: Das Land, die öffentliche Meinung war einmal auf den Zug Corona und das damit verbundene Angstnarrativ aufgesprungen und nicht bereit, so schnell wieder abzusteigen. Die interessierten Kreise, die jeweils auf Beibehaltung oder Wiedereinführung eines Lockdowns hinarbeiteten, werden dabei noch nicht sichtbar. Man kann sie sich aber im Beamtenapparat denken oder in der Bequemlichkeit der Politiker, die einen Neubeginn des Schulunterrichts für wenige Wochen vielleicht auch organisatorisch, nicht nur als (de facto minimales) Gesundheitsrisiko scheuten. Interessant, dass genau dieser Matt Hancock, der aus eigener Bequemlichkeit gegen Schulöffnungen argumentierte, den Lehrern des Königreichs und ihren Gewerkschaften pauschal Faulheit vorwarf. Tatsächlich waren sie eine Stütze seiner Politik.

In einer längeren WhatsApp-Nachricht vom 9. August sagt es der Gesundheitsexperte Chris Whitts übrigens ziemlich deutlich, dass für die meiste Zeit – nämlich seit dem Höhepunkt der ersten Welle – die Briten durch Lockdown und Isolierung nicht mehr den NHS schützten, der durchaus standhielt, sondern sich selbst.

„Eines der Probleme mit dem Schutzschild bestand wahrscheinlich darin, dass einige (vielleicht viele) Leute dachten, sie würden den NHS und andere schützen, obwohl sie sich – außer auf dem Höhepunkt der ersten Welle – hauptsächlich selbst schützten. Außerhalb einer Situation, in der der NHS überfordert zu werden droht, muss es also eine persönliche Entscheidung sein. Die Menschen können rational entscheiden, ob sie ein geringfügig erhöhtes Sterberisiko in Kauf nehmen und lieber ihre Enkelkinder umarmen oder in einen Club gehen. Ich persönlich würde es mir zweimal überlegen, bevor ich einen allgemeinen Schutzschild verhänge, es sei denn, der NHS ist in Gefahr.“

[Original: „Probably one of the problems with shielding was that some (maybe many) people thought they were shielding to protect the NHS and others when, other than at the peak of the first wave, they were mainly doing it to protect themselves. So outside a situation where the NHS risks being overwhelmed it has to be a personal choice. People can rationally make an informed choice they would rather take a small increased risk of dying and hug their grandchildren / go clubbing. Personally I would think twice before shielding unless it threatened the NHS.“]

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Kommentare ( 3 )

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Dr_Dolittle
1 Jahr her

Staatliches Handeln ohne Evidenz ist Willkür und muß sich um Recht wieder herzustellen dem nachträglichen Urteil stellen.

bkkopp
1 Jahr her

Die Briten haben vorgeführt, dass sie auch ohne einen Lauterbach und seinem Panikorchester, und einer Regierung ganz ohne Wokeness, ziemlich irrational und autoritär vorgehen mußten, weil sie es schlicht nicht besser konnten. Es ist offensichtlich, dass die Konservativen, die Brexiteers, auch keine höhere politische Rationalität und Problemlösungskompetenz gepachtet haben. The proof of the pudding is in the eating.

Boris G
1 Jahr her

Es ist sehr schwer und sehr anstrengend mit Hilfe der „Wissenschaft“ der Wahrheit nahe zu kommen. Darum bleibt es in allen Politikbereichen fast immer beim Einholen von Meinungen. Dann kommt alles darauf an, wessen Meinung man einholt. Anders Tegnell war für Schweden der Richtige, Christian Drosten für Deutschland eher nicht.