Es war einmal das antike chinesische Fürstentum Lu im Osten des Reichs der Mitte. Im jenem Staat Lu existierte ein Gesetz, welches jeden mit Gold belohnte, der einen Staatsangehörigen von Lu im Ausland aus der Sklaverei erlöste.
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So ging Wu Sangui in die Geschichte ein als der größte Verräter der Chinesen und wurde im Chinesischen ein Synonym für „Verräter der Han“. Seine tragische Liebesgeschichte mit Chen Yuanyuan lieferte den nachfolgenden Generationen Phantasien für zahlreiche Romanen und Erzählungen.
Es sollte sich jetzt zeigen, dass die Nicht-Verlegung der Hauptstadt in den Süden des Reichs eine fatale Auswirkung auf die Widerstandsfähigkeit der restlichen der Ming loyal gebliebenen Teile des Imperiums zur Folge hatte. Nicht nur fielen mit Peking auch der rechtmäßige Kronprinz und der Rest der Kaiserfamilie den Rebellen bzw. den Mandschu in die Hände, sondern auch die gesamte Zentralregierung der Ming-Dynastie. Mit Hilfe der kapitulierten Beamten der frühen Zentralregierung der Ming-Dynastie konnten die Mandschu nun ihre Herrschaft in den eroberten Gebieten rasch konsolidieren und festigen. Auf der anderen Seite konnten die Anhänger der Ming zwar rasch einen Prinzen in Nanking (Chin: Hauptstadt des Südens) zum Kaiser krönen. Jedoch konnte keine stabile Regierung gebildet werden, da die Rechtmäßigkeit des neuen Kaisers aufgrund seiner entfernten Verwandtschaft zur Kaiserfamilie stark umstritten war.
Eine letzte Chance hatte die chinesische Ming-Dynastie übrigens dennoch, wenn sich die kaiserlichen Ming im Süden des Reichs mit dem Rest der Bauernarmee gegen die Invasion der Mandschu verbündet hätten. Doch dieses Bündnis wurde wieder von den moralisierenden Mandarinen kategorisch abgelehnt, die an dem Prinzip festhielten, dass sich die Kaiserlichen niemals mit „Banditen“ zusammenschließen durften. Stattdessen verfielen die Ming schnell in innere Konflikte um die Rechtmäßigkeit der Thronerben und bekämpften sich gar gegenseitig. Ein Bündnis zwischen den Kaiserlichen und den Bauernheeresführern kamen erst dann zustande, als die Lage bereits aussichtslos war.
Hier zeigte sich erneut die fatale Wirkung einer moralisierenden Politik der Mandarine, die ihre Dogmen und ihre partikularen Interessen über das Wohl des Landes stellten. Der Hohe Regierungsaal der Verbotenen Stadt war voller Selbstdarsteller, die sich gegenseitig mit moralischen Maßstäben zu überbieten versuchten und die Augen vor der täglich verschlimmernden Lage verschlossen, jedoch für die dringenden Krisen des Reichs keine Lösungen anbieten konnten. Stattdessen fehlt es an den Schalthebeln der Macht an politischen Pragmatikern, die den Mut gehabt hätten, mit unbeliebten, aber notwendigen politischen Lösungen das Ruder doch noch zugunsten der Ming-Dynastie herumzureißen. Der Untergang des letzten Reichs der Han-Chinesen war besiegelt.
So konnten die berittenen Heere der Mandschu mit Hilfe von ehemals kaiserlich-chinesischen Generälen, denen sie Reichtum und Prinzentitel versprochen hatten, in nur zwanzig Jahre das gesamte chinesische Imperium unterwerfen.
Das letzte Kaiserreich der Han-Chinesen erlosch im Jahre 1662, als der letzte Kaiser Zhu Youlang und sein zum Christentum konvertierter Kronprinz Constantine (nach dem Römischen Kaiser Constantinus benannt) von den Mandschu gefangen genommen und hingerichtet wurden. Die verzweifelten Hilferufe der ebenfalls zum Christentum konvertierten Kaiserinmutter Helena (Kaiserin Xiaozheng) in einem an den Papst gerichteten Brief verhallten in den Hallen des Vatikan.
Der „feuerrote Drache“ des Hauses Zhu wurde endgültig durch den „wasserblauen Drachen“ des Hauses Aisin Gioro ersetzt.
Zopf oder Kopf – Bruch der chinesischen Zivilisation
Kurz nach der Eroberung des chinesischen Kernlandes erließ der Qing-Regent Dorgon unter Androhung der Todesstrafe einen Erlass, wonach alle chinesischen Männer die Zopf-Tracht (wobei ein Großteil des Kopfs kahl rasiert werden musste) und Kleidungen der Mandschu zu tragen hatten. Die bis dato seit mehr als zweitausend Jahren von Han-Chinesen und anderen sinisierten Völkern getragenen traditionellen Gewänder und Kleidungen stellten aber eine der zentralen Elemente der han-chinesischen Zivilisation und Identität dar. Zudem symbolisierte die „Unversehrtheit der Kopfhaare und des Körpers“ laut konfuzianischer Tradition die Kindliche Pietät, weshalb Haareschneiden und Tätowierungen zu den Tabus der Han-Chinesen gehörten. Dementsprechend wurde der Erlass der Mandschu zur Übernahme mandschurischer Kleidungen und Zopftracht mit erbitterter Widerstände seitens der han-chinesischen Bevölkerung begegnet, die nur mit äußerster Brutalität niedergeschlagen werden konnten.
Dem Motto des Erlasses „Behaltet den Kopf, so verliert die Kopfhaare. Behaltet aber die Kopfhaare, so verliert den Kopf“ entsprechend, patrollierten vielerorts Friseure auf Befehl von Mandschu-Generälen durch die Straßen und schlugen denjenigen Passanten den Kopf ab, die die alte Kopftracht trugen und beim sofortigen Haarschneiden Widerstand leisteten (Man Qing Bai Shi, 1914). So wurde die Zopf-Tracht und die Annahme mandschurischer Kleidungen zum Symbol der chinesischen Unterwerfung unter die Mandschu-Herrschaft. Das äußere Erscheinungsbild der Chinesen wurde innerhalb kürzester Zeit für immer verändert. Zeitgenossen der frühen Qing-Zeit berichteten von han-chinesischen Besuchern in Korea und Japan, dass sie beim Anblick der dortigen Menschen und deren Bekleidungen in tiefe Scham versanken, da die Koreaner und Japaner, die mehr als ein Jahrtausend zuvor chinesisch geprägte Gewänder übernommen hatten, offensichtlich von ihrem Äußeren „chinesischer“ aussahen als die Qing-Chinesen selbst: Allein von ihren Kostümen und Haartracht her sahen die Chinesen nun eher wie die nomadischen Mandschu oder Mongolen aus. Dies nahmen die konfuzianischen Gelehrten in Japan und Korea zum Anlass, um ihre Länder fortan jeweils als die wahren Erben der chinesischen Zivilisation zu betrachten.
Rückkehr der Chinesischen Nation und des Roten Drachens
Obgleich sich die große Mehrheit der chinesischen Oberschicht mit der Herrschaft der Mandschu abfand und sich als Teil des Staatsapparates ansah, existierten über die gesamte Qing-Dynastie hinweg Geheimgesellschaften im Süden des Reiches, die von den ehemaligen Anhängern der Ming-Dynastie gegründet zum Ziel hatten, einen der Nachkommen der Prinzen des ehemaligen Kaiserhauses Zhu wieder auf die Kaiserthron zu verhelfen, um so den „chinesischen Staat“ wiedererstehen zu lassen. Die größte dieser Geheimgesellschaften war bekannt als „Hongmen“ (Hong war ein Codewort für Zhu: Hong-> Rot->Zhu).
242 Jahre nach dem Untergang des letzten Kaisers der Ming trat ein chinesischer Arzt am amerikanischen Boden in Honolulu der Hongmen bei und schwor, die Qing-Herrschaft in China niederzuringen und den chinesischen Staat wiederherzustellen. Sein Name war Sun Wen, im Westen auch bekannt Sun Yat-Sen.
Acht Jahre später sollte seine revolutionäre Bewegung die Herrschaft der Mandschu in China beenden und die erste republikanische Staatsordnung in Ostasien ausrufen. Der wasserblaue Drache der Qing wurde daraufhin durch den feuerroten Drachen der Republik gestürzt.
Die Chinesen schnitten ihre Zöpfe ab und gewannen wieder ihre Freiheit.
Die gelähmte Bundesrepublik
Mehr als dreihundert Jahre nach dem Untergang der chinesischen Ming-Dynastie steht die Bundesrepublik Deutschland am anderen Ende des Eurasischen Kontinents erneut vor dem gleichem Grundsatzproblem wie einst das Imperium Sinica. Über fast sämtliche relevante politische Felder hat sich ein moralisierender Politikstil in Form von Political Correctness ausbreitet, der den Diskurs und die Entscheidungsfindungen des Politikbetriebs lähmt. Besonders fatal wirkt die Moralisierung in der Innen- und Außenpolitik auf die Zukunftsfähigkeit Deutschlands aus.
Überholte werteorientierte Politik
In der deutschen Außenpolitik zeigt sich dies vor allem in der sogenannten werteorientierten Außenpolitik und in dem mangelnden Selbstbehauptungswillen zur Durchsetzung der deutschen nationalen Interessen.
Bei der werteorientierten Außenpolitik bilden Menschenrechte die Grundlage und Richtlinie der außenpolitischen Beziehungen. Im Sinne dieser Politik nehmen die Menschenrechtsfragen noch eine höheren Stellenwert ein als die Verfolgung nationaler Interessen. Zugleich wird die Annahme zugrunde gelegt, dass den Interessen Deutschlands am besten gedient sei, wenn Deutschland die Übertragung des westlichen politischen Modells der Gewaltenteilung und der Demokratie in der übrigen Welt aktiv fördert und als elementaren Teil seiner Außenpolitik betrachtet.
Es wird dabei übersehen, dass Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und weitreichende Bürgerrechte ein Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung, des durch Aufklärung und Industrialisierung ermöglichten Wohlstandzuwachses und des damit verbundenen gesellschaftlichen Fortschritts im Westen sind. Verschiedene sozio-historische Faktoren wie die griechisch-römischen Traditionen, die Begrenzung der königlichen Macht durch Adel und Kirche oder die Herausbildung eines gesellschaftlich dominierenden Bürgertums durch die wirtschaftliche Entwicklung haben die Bildung des modernen demokratischen Staatswesens im Westen begünstigt.
Gleichwohl kann sich eine funktionierende rechtsstaatlich-demokratische Staatsordnung in nicht-westlichen Ländern etablieren, wenn diese über eine breite Mittelschicht und einen wirtschaftlich dominierenden Privatsektor verfügen, weitgehend säkular geprägt sind, gesellschaftlich stabil und ideologisch einer Demokratie nicht grundsätzlich entgegenstehen. Dies trifft etwa auf stabile ostasiatische Demokratien wie Japan, Taiwan und Südkorea zu, deren politische Systeme maßgeblich durch den Einfluss ihrer amerikanischen Schutzmacht geprägt wurden und bei denen eine stabile Demokratie durch den enormen wirtschaftlichen Erfolg und die Herausbildung eines dominierenden Privatsektors ermöglicht wurde.
Eine vorausschauende Politik würde deshalb genau abwägen, ob eine westliche Intervention zur Errichtung eines demokratischen Systems in einem nicht-westlichen Land in der dort vorzufindenden Entwicklungsphase den Interessen des Westens dient oder eher zuwiderläuft.
Ohnehin kann der Westen gegenwärtig nur gegenüber kleineren und schwachen Ländern eine wirksame werteorientierte Politik durchsetzen. Kritik in Menschenrechtsfragen gegenüber Großmächten der Welt wie Russland oder China bleibt hingegen eher symbolischer Natur. Es wird dabei geflissentlich vergessen, dass die werteorientierte Außenpolitik ein Ergebnis des Kalten Kriegs war, als sich zwei ideologisch verschiedene Machtblöcke entgegenstanden und jeweils ihr Staatsmodell in der übrigen Welt zu verbreiten versuchten. Im 21. Jahrhundert sind Ideologien bei den nicht-westlichen Großmächten in den Hintergrund getreten. Weder China, noch Russland sieht heute noch die Verbreitung seines Staatsmodell als vorrangiges Ziel seiner Außenpolitik. Vielmehr verfolgen sie eine knallharte Interessenpolitik zur Stärkung ihrer nationalen Interessen und zur Aufrechterhaltung ihrer inneren politischen Machtverhältnisse.
Eine werteorientierte Außenpolitik mag in der kurzen Phase der nahezu erreichten westlichen Hegemonie nach dem Ende des Kalten Kriegs in begrenztem Maße funktionieren, als Russland aufgrund der Wirren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schwächelte und vor allem mit sich beschäftigt war, und die VR China aufgrund ihrer Umstellung von der Planwirtschaft auf den Staatskapitalismus dringend auf westliches Kapital und Know-how angewiesen war. In der heutigen Zeit eines wieder erstarkten Russlands und eines zur Weltmacht aufstrebenden Chinas ist eine solche Politik des Westens bzw. Deutschlands, die Werte zum obersten Richtwert des politischen Handelns erkoren hat, gemessen am Ergebnis nicht nur wirkungslos, sondern den Interessen des Westens und Deutschlands eher nachteilig, wenn Menschenrechtsfragen von diesen immer stärker werdenden Großmächten als Druckmittel bei wirtschaftlichen oder geopolitischen Verhandlungen, z.B. in Form von formalen oder symbolischen Zugeständnissen, ausgespielt werden.

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