„Die EU ist ein deutsch-französisches Imperium”

Der britische Ökonom Bernard Connolly wurde aus der Europäischen Kommission entlassen, nachdem er 1995 beschrieben hatte, wie gefährlich der Euro ist. Er ging in die Vereinigten Staaten. Nach dem Brexit-Referendum kehrte er nach England zurück: "Ich wollte nicht in einer Kolonie der Europäischen Union leben.’’

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Bernard Connolly (68) hatte für ein Feuerwerk in Brüssel gesorgt. Damals, Mitte der 1990er Jahre. Heute empfängt er mich in einem kleinen Raum neben der römisch-katholischen St. Peterskirche in Winchester, unweit von Southampton an der englischen Südküste. Die schöne Stadt (40.000 Einwohner) war die Hauptstadt von England im frühen Mittelalter, bevor Wilhelm der Eroberer 1066 das Land eroberte.  Kein unfreundlicher Rahmen für ein Gespräch über die britische Unabhängigkeit und den Brexit. Connolly, ein schlanker Sechzigjähriger in einem grauen Anzug, schenkt Tee mit Milch ein.

Damals arbeitete er für die Europäische Kommission als Leiter der Abteilung Europäisches Währungssystem und Geldpolitik. Im Jahr 1995 nahm er drei Monate unbezahlten Urlaub, um ein Buch zu schreiben: The Rotten Heart of Europe. Darin beschrieb Connolly, dass eine europäische Einheitswährung keine wirtschaftliche Logik hat, undemokratisch durchgesetzt wurde und lebensbedrohlich ist. „Ich bin Wirtschaftswissenschaftler und die Währungsunion war und ist wirtschaftlicher Unsinn. Es stand im Widerspruch zu allem, was ich gelernt und woran ich geglaubt hatte. Und das Ziel war eindeutig ein anderes. Es ging nicht um Wirtschaft, sondern um die Schaffung eines europäischen Imperiums.“ 

Bernard Connolly
Der heutige britische Premierminister Boris Johnson war seinerzeit Journalist und schrieb in der Wochenzeitung The Spectator darüber: „Wenn man Passagen in Connollys neuem Buch liest, möchte man auf dem Schreibtisch stehen und jubeln“. Connolly war so klug, in seinem Buch nur öffentliche Quellen zu verwenden, aber er wurde trotzdem entlassen. Bis zum EU-Gerichtshof kämpfte Connolly gegen die Entlassung. Der Generalstaatsanwalt sagte, dass Connolly „blasphemisch“ gewesen sei. Die Kritik an der weiteren Machtausweitung der EU-Institutionen sei daher Blasphemie. „Das zeigt, dass die EU eine Art Religion ist.“ 

Connolly verlor den Prozess. „Ich war sehr verängstigt“, sagt Connolly über die Jahre nach 1995. „Eines Nachts, als ich weg war, ist die doppelt verschlossene Eingangstür zu unserem Haus mit einem Schlüssel geöffnet und angelehnt worden. An diesem Tag hatte meine Frau einen Anruf von der Kommission erhalten, damit sie wusste, dass ich in dieser Nacht weg sein würde.“

Bernard Connolly war nie ein EU-Gläubiger, wie die meisten Menschen in Brüssel. „Ich heiratete 1976, nachdem ich in Oxford studiert hatte, und es gab eine linke Labour-Regierung und wenig Karriereaussichten. Zu dieser Zeit arbeitete ich für den Berater der Wirtschaftsregierung, Sir Donald MacDougall. Sein Sohn war ein guter Freund eines Generaldirektors in Brüssel und sagte: „Warum versuchen Sie es nicht bei der Kommission?“ Ich wurde eingestellt und mein Gehalt war auf Anhieb 300 Prozent höher.“

Während seiner sechzehnjährigen Tätigkeit als Kommissionsbeamter realisierte Connolly das Wesen der Europäischen Union. „Es ist ein deutsch-französisches Imperium, das antikapitalistisch und antidemokratisch ist. Die Regeln der EU sollen Neuankömmlinge vom Markteintritt abhalten und bestehende Unternehmen schützen. Dies schafft eine perverse Form des Kapitalismus, in der bestehende Unternehmen geschützt werden und die Reichen immer reicher werden. Es ist ein Vetternkapitalismus. Der wirtschaftliche Niedergang der europäischen Länder läuft nichts umsonst parallel zur Einführung des EU-Binnenmarktes.“ 

Connolly arbeitet an einem neuen Buch, das im September diesen Jahres erscheinen soll und in dem er analysiert, warum der Kapitalismus in den entwickelten Ländern und damit das Wirtschaftswachstum behindert wird. „Der Kapitalismus funktioniert. Er hat in den letzten Jahrzehnten Milliarden von Menschen aus der Armut geholt. Aber wegen des wirtschaftlichen Versagens in den entwickelten Ländern scheint des Kapitalismus für die Menschen nichts zu tun, und sie laufen Marxisten wie ex-Labour-Führer Jeremy Corbyn hinterher. Donald Trump hat viele schlechte Seiten, aber was er in Amerika gut macht, ist die Deregulierung. Im Großen und Ganzen ist die Deregulierung gut für neue Unternehmen und die Wirtschaft und schlecht für den Vetternkapitalismus“. 

Wie ist es in der EU zu diesem Punkt gekommen?  „Der rheinische Kapitalismus dominiert die EU, aber das ist ganz und gar nicht Kapitalismus. Wir sind in einer katholischen Kirche und ich bin katholisch. Aber Korporatismus wie im rheinischen Modell ist Teil des katholischen Sozialdenkens. Das steckt sehr tief in Europa, in der europäischen Psyche, und es ist antiindividualistisch. In den katholischen Ländern herrscht ein Misstrauen gegenüber der Unordnung und eine Liebe zum Besitzstand, zu etablierten Positionen. Mehr kollektivistisch statt mehr individualistisch zu sein; dafür spricht in vielen Bereichen viel. Aber nicht in der Wirtschaft”.

„Die Länder, die unterschiedlich sind, sind auf unterschiedliche Weise aufgeblüht. Natürlich die Niederländische Republik im 17. Jahrhundert, das Vereinigte Königreich im 18. Jahrhundert, die Schweiz in jüngerer Zeit. Das Establishment in diesen Ländern ist protestantisch.“

Für Connolly war der Brexit der Grund, nach England zurückzukehren. Nach seinem Rücktritt aus der Kommission hatte er sich als unabhängiger Berater in London niedergelassen. Im Jahr 2010 zogen er und seine Frau nach New York, wo er sieben Jahre lang eine Beratungsfirma in Manhattan leitete. Seine wirtschaftlichen Analysen erwiesen sich oft als Gold wert. Nicht ganz überraschend sagte er die unvermeidliche Euro-Krise voraus. Lachend: „Ich hoffe, dass meine Klienten ein gutes Auskommen hatten, das höre ich nie von ihnen. Aber sie kamen immer wieder zurück.“ Im Jahr 2018 stieg Connolly aus und ließ sich in Winchester nieder. „Als ich noch arbeitete, kochte meine Frau immer das Abendessen. Ich habe ihr versprochen, dass ich kochen werde, wenn ich in Rente gehe“, sagt er und lächelt. „Das tue ich jetzt, und es dauert ziemlich lange“.

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Kommentare ( 36 )

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36 Kommentare auf "„Die EU ist ein deutsch-französisches Imperium”"

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Das Frappierende ist, daß das wirtschaftlich schwächere Frankreich das stärkere Deutschland ausnimmt wie eine Weihnachtsgans – und dabei den Starken (Durchsetzungsfähigen) spielt.
Verständlich wohl nur, weil einer Kanzlerin Merkel genau dieses Spiel paßt: Deutschland zu schwächen, wo und wie immer es geht. Außerdem ist sie so dumm wie Macron gerissen.
Denn sie ist angetreten, dieses Land, das nicht das ihre ist, zu ruinieren.

Eine schmutzige Hand wäscht die andere, wie das Sprichwort sagt.

Die Frage ist nur noch, welches von zwei konfligierenden Endzielen für die Franzosen Vorrang hat: Einrichtung einer Dauerverpflegung mit abschlagsfreier Rente ab 45 und 17 Monatsgehältern für sich selber und die übrigen Failed States der Mittelmeerzone – oder endgültige und irreparable wirtschaftliche und politische Zerstörung Deutschlands? Oder ist denen gar nicht klar, dass es da einen Widerspruch gibt? Wobei unsere deutschen Volkszertreter wohl beide Ziele mit Enthusiasmus unterstützen würden.

Noch ein letztesmal die Tüchtigen auszusaugen, dürfte das vorrangige Ziel sein. Deutschland wird nach „Corona“ so schwach sein, daß es für die Ausbeuter nicht mehr interessant sein wird.
Allerdings könnte es doch wieder gefährlich werden infolge sich abzeichnener politischer Radikalisierung.

Das Wort „deutsch“ in der Überschrift können Sie getrost weglassen, dann kommen Sie der Wahrheit näher.

Frau v.d.Leyen spricht in Brüssel nur noch englisch und französisch. Wo kommen bei uns nur die vielen peinlichen Gestalten her?!

Die WELT titelt heute: „Die Corona-Pandemie stürzt Europa so tief in die roten Zahlen wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Nun haben Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron eine Initiative vorgestellt, die den Kontinent durch die Wirtschaftskrise bringen soll…“
Kein Amtsblatt und kein „Vorwärts“ könnte das besser.

Da die einstigen Erkenntnisse des Kommissionsbeamten der EU Connolly laut Generalstaatsanwalt „blasphemisch“ gewesen sein sollen, darf das durch den Gerichtshof der EU ergangene Urteil dem eines in Zeiten der Inquisition ergangenen gleichgestellt werden, als die Kirche seine Ketzer verfolgte.
Für den Gerichtshof war der Autor Connolly demnach ein politischer Ketzer, der zwar nicht mit Feuer und Schwert bekämpft werden konnte, sondern für seine abweichende Meinung zeitgemäß mit dem Entzug seiner sozialen Existenz büßen musste.
Auch heute sorgt dieser Gerichtshof noch dafür, dass die arg schlingernde EU schön die einmal gewählte Spur beibehalten kann.

@“… Das steckt sehr tief in Europa, in der europäischen Psyche, und es ist antiindividualistisch. In den katholischen Ländern herrscht ein Misstrauen gegenüber der Unordnung und eine Liebe zum Besitzstand, zu etablierten Positionen…“ Es ist kein Naturgesetz, dass katholische Länder alles regeln wollen – Polen oder Ungarn nicht, dort entfaltet sich die Wirtschaft viel freier als es Macron lieb wäre. Das sieht man u.a. an der Flexibilität in der Corona-Zeit – mit 4% BIP-Rückgang übersteht kein EU-Land die jetzige Krise so robust wie Polen. Wie Merz angedeutete, aber nicht deutlich genug sagte – jetzt ist Zeit für eine Richtungsentscheidung –… Mehr

Solange Deutschland weiter die geforderten „Reparationen“ zahlt, ist der Frieden zwischen den EU-Staaten ziemlich gesichert.

„Dies schafft eine perverse Form des Kapitalismus, in der bestehende Unternehmen geschützt werden und die Reichen immer reicher werden.“ Stafan Blankertz nennt das „Sozialismus der Eigentümer“. Es gibt noch andere Begriffe dafür: Faschismus und Kooperatismus. Da die Vertragsfreiheit durch Regulierungen praktisch aufgehoben ist, hat dies mit Kapitalismus nichts zu tun.

Kapitalismus ist ein auf Privateigentum an den Produktionsmitteln, Vertragsfreiheit und freiem Geld, z. B. Gold, beruhender dynamischer Prozess der Koordination, in dem stillschweigendes, praktisches und verstreutes Wissen von allen Akteuren (Unternehmer, Arbeiter, Konsument) kontinuierlich geschaffen, entdeckt und zwischen Menschen übertragen wird.

Über den erbärmlichen Zustand der EU viele Worte zu verlieren erübrigt sich. Allerdings finde ich nicht, das die EU ein deutsch-französisches Imperium ist, dafür ist die EU viel zu schwach um diesen Begriff zu bemühen. Was allerdings Tatsache ist, Frankreich bestimmt über, insbesondere Deutschland, die EU und Deutschland folgt brav und gibt den Zahlmeister, jämmerlich. Aber, laut Civey aktuell, wir wissen um die Manipulation der Befragungsergebnisse, trotzdem, ca. 50 % der Befragungsteilnehmer finden den 500 Mrd. Vorschlag Macrons, dem sich Merkel eilfertig und unterwürfig angeschlossen hat, gut und richtig. Auch das sollten wir nicht außer acht lassen.

Sie haben Recht.
In diesem Zusammenhang ist die Bezeichnung „Imperium“ für die EU als ein in jeder Beziehung fallierendes Aggregat unzutreffend.
So zutreffend die französisch-deutsche Dominanz ist.
(Vereinfacht runtergebrochen: Der Eine dominiert in verblichener Gloire, der Andere zahlt, koste es was es an Substanz kostet.)

„Corona“ und die wirtschaftlichen Folgen werden die EU schwächen, möglicherweise sogar sprengen. Einfach weil der bisher größte und stärkste Finanzier ausfällt.
Hoffnungsvoll stimmt einen, daß da vier kleine Mitgliedstaaten beim Endspiel á la Macron-Merkel nicht mitmachen werden.

Werden sie nicht mitmachen?
Was ich mich frage ist, wie groß der „Keil“ (noch) sein muss der den „Saftladen“ endlich sprengt. Ich sehe leider nur, dass (leider) höchst geschickt, Salamischeibchen für Salamischeibchen demontiert, bzw. „rumgeschnibbelt“ wird, ohne dass LEIDER Nennenswertes passiert. –