„Vorsätzliches Staatsversagen“: Kölns Abschiebe-Skandal weitet sich aus

Das „Willkommensbehörden-Gen“ stecke längst in der „Behörden-DNA“, rühmte Kölns Ausländeramtschefin. Unter ihrer Leitung lehnte das Amt Hilfe bei 500 Abschiebungen ab und machte aus vollziehbarer Ausreisepflicht ein Bleibeprogramm. Das ist die politische Außerkraftsetzung geltenden Rechts.

picture alliance / Daniel Kalker | Daniel Kalker

Der Kölner Abschiebe-Skandal erhält eine neue Brisanz. Auf der Liste jener rund 500 vollziehbar Ausreisepflichtigen, deren Rückführung die Stadt nicht vorbereiten wollte, standen auch Angehörige einer der beiden Roma-Großfamilien, die an der blutigen Auseinandersetzung in Köln-Mülheim beteiligt gewesen sein sollen. Zwei Menschen erlitten Schussverletzungen, zwei weitere Stichwunden. Sieben Tatverdächtige wurden zunächst festgenommen und später wieder freigelassen, weil der für Haftbefehle notwendige Verdachtsgrad nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch nicht erreicht war. Die Ermittlungen dauern an. Die Familien B. und D. sollen bereits zuvor miteinander in Konflikt geraten sein.

Der Vorgang wirft ein grelles Licht auf die Entscheidung des Kölner Ausländeramtes. Die Zentrale Ausländerbehörde Coesfeld hatte der Stadt im November 2024 angeboten, für rund 500 Ausreisepflichtige aus sechs Westbalkanstaaten die fehlenden Rückreisedokumente zu beschaffen. Köln lehnte binnen einer Woche ab.

Die Begründung war politisch eindeutig: Die Papiere würden nicht benötigt, weil Sozialpädagogen den langjährig Geduldeten zu einer „dauerhaften Bleibeperspektive/Aufenthaltserlaubnis“ verhelfen sollten. Die Behörde wollte die bestehende Ausreisepflicht nicht vollziehen, sondern überwinden. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Detlef Seif spricht deshalb von einem Vorgehen, das an „vorsätzliches Staatsversagen“ grenze. Das „grenze“ hätte er sich sparen können. Der Staat wird hierbei ganz deutlich unterlaufen und eigene Regeln durchgesetzt nach Gutsherrenart. Der NRW-Fraktionsvize Gregor Golland wirft der Stadt vor, Ausreisepflichtige mit vorgeschobenen Begründungen vor der Abschiebung geschützt zu haben. Die FDP erwägt eine Dienstaufsichtsbeschwerde.

Das grün geführte NRW-Fluchtministerium zieht sich auf eine formale Position zurück. Das Land unterstütze die Kommunen bei Rückführungen, die Annahme der Hilfe liege jedoch in deren Ermessen. Damit wird der Vollzug des Aufenthaltsrechts faktisch davon abhängig, ob eine Stadtverwaltung abschieben will. Man muss leider festhalten, dass man jedes grün geführte Ministerium auf solche Fälle hin überprüfen muss.

Im Zentrum der Aufklärung steht Christina Boeck. Die 52-jährige Juristin leitet das Kölner Ausländeramt seit Dezember 2022. Als das Angebot aus Coesfeld einging und zurückgewiesen wurde, trug sie die Verantwortung für die Behörde. Bislang ist nicht belegt, dass sie die Absage persönlich verfasste oder anordnete. Umso dringlicher ist die Frage, wer entschied und auf wessen Weisung.

Boeck ist seit rund 23 Jahren bei der Stadt Köln beschäftigt und wechselte 2007 in die Ausländerbehörde. Seit 2018 leitete sie dort die Abteilung „Verwaltung und Grundsatz“ und war stellvertretende Amtschefin. Ende 2022 übernahm sie die Leitung. Ihre Berufung stand ausdrücklich im Zeichen der von der damaligen Oberbürgermeisterin Henriette Reker propagierten „Willkommensbehörde“. Boeck sollte diesen Kurs fortsetzen. Sie selbst erklärte später, die Zusammenarbeit mit privaten Migrationsorganisationen bereite ihr besondere Freude.

Auch das Kölner Bleiberechtsprogramm verteidigte sie offensiv. Zwischen 2021 und 2023 wurden nach ihren Angaben 2.108 Langzeitgeduldete betreut und 469 Aufenthaltstitel erteilt. Vier eigens eingestellte Sozialpädagoginnen arbeiteten dabei mit freien Trägern zusammen. Boeck beschrieb eine Behörde, die selbst ohne Antrag prüfe, ob sich für Ausreisepflichtige doch noch eine Grundlage zum Bleiben finden lasse. Das „Willkommensbehörden-Gen“ sei bereits Teil der „Behörden-DNA“. Der nun bekannt gewordene Vorgang zeigt, wohin dieses Selbstverständnis führen konnte: Ein konkretes Angebot zur Durchsetzung der Ausreisepflicht wurde zugunsten eines Bleibeprogramms ausgeschlagen.

Bereits 2017 nahm Boeck als stellvertretende Leiterin der Behörde an einer Veranstaltung unter dem Titel „Bleiberechte statt Duldung und Abschiebung für Roma“ teil. Eine Parteimitgliedschaft Boecks ist öffentlich nicht bekannt. Weder die Stadt Köln noch verfügbare Interviews und Veranstaltungsankündigungen weisen sie als Mitglied von Grünen, SPD oder einer anderen Partei aus. Auch zu ihrem Geburtsort, ihrer Universität und möglichen beruflichen Stationen vor dem Eintritt in die Stadtverwaltung finden sich bislang keine belastbaren öffentlichen Angaben.

Zum 1. Oktober 2026 soll Boeck auf eigenen Wunsch die Leitung des Bürgeramtes Ehrenfeld übernehmen. Der Wechsel wurde bereits Anfang Juni bekannt und damit vor Veröffentlichung des Skandals. Der zeitliche Ablauf passt allerdings zu einem in Behörden nicht seltenen Muster: Steht ein Führungswechsel an, machen verbliebene Mitarbeiter intern klar Schiff – und belastende Unterlagen finden plötzlich den Weg zu den Medien. Der Stellenwechsel darf jedoch nicht dazu führen, dass ihre Verantwortung für die Vorgänge im Ausländeramt ungeklärt bleibt.

Oberbürgermeister Torsten Burmester muss offenlegen, wer die Absage an Coesfeld veranlasste und ob die rund 500 Fälle überhaupt einzeln geprüft wurden. Ebenso ist zu klären, wie viele der Betroffenen noch in Köln leben und welche Aufenthaltstitel inzwischen erteilt wurden. Alle in dem Zusammenhang erteilen Aufenthaltstitel müssen revidiert werden. Der Fall zeigt ein Behördenverständnis, das die gesetzliche Ausreisepflicht zum politischen Verhandlungsgegenstand macht. Köln bekam Hilfe angeboten und wies sie zurück, weil die Betroffenen bleiben sollten. Das ist die bewusste Entscheidung einer Behörde, den eigenen migrationspolitischen Kurs über den Vollzug geltenden Rechts zu stellen.

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Kommentare ( 25 )

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Dr. Gregor Gaida
20 Minuten her

Zweifelt IRGENDWER daran, daß das auch in den allermeisten anderen Deutschen Behörden EXAKT so aussieht?

Siggi
21 Minuten her

Erst wenn die Politik seit 2010 seriös aufgearbeitet wurde, kann man die ganzen extremen Verbrechen der Amtsträger in vollem Ausmaß sehen.

Diese Sache ist doch nur ein Krümelchen des Gesamtschadens.

Zebra
28 Minuten her

Die massenhafte Unterhaltung und Finanzierung von ausreisepflichtigen Ausländern durch deutsche Steuerzahler ist kein Menschenrecht. Das habe ich schon immer gesagt. Grüne und Linke haben da ein Verständnisproblem. Intellektuelle Überforderung.

Markus Gerle
31 Minuten her

Mich würde in diesem Zusammenhang auch interessieren, wer denn aktuell für den Lebensunterhalt der 500 Ausreisepflichtigen aufkommt. Sind es die Steuerzahler? Das wäre insbes. im Fall Köln ein Skandal. Wer so wie ich aus beruflichen Gründen mal nach Köln muss und dazu auch noch mit dem Auto anreist (Bahn funktioniert i. d. R. ja nicht), lernt eine Stadt kennen, die in weiten Teilen vermüllt und verwahrlost ist. Autofahren ist aufgrund mangelhafter Infrastruktur und Parkgebühren, die man nur als Wucher bezeichnen kann, eine Katastrophe. Und bei Hotelübernachtungen verlangt die gierige Kommune auch noch eine Übernachtungssteuer. Es ist zwar ein anderes Thema,… Mehr

rainer erich
34 Minuten her

Na sowas. Sollten Behörden resp ihre Leitungen tatsächlich sabotieren ? Anlässlich dieses Berichtes darf ich wiederholen, dass m.E. der Ernst der Lage, konkreter die kruninelle Energie der Transformatoren und ihrer Helfer, von einer überwältigenden Mehrheit, “ Intellektuelle“ inklusive, nicht einmal ansatzweise erkannt bzw massiv verdrängt wird. Es sind eher Zufallsfunde, in denen durch glückliche Umstände das ein oder andere zu Tage befördert wird. Es gibt keinen Anlass, daran zu glauben, dass andere Behörden vor allem in anderen Grossstädten grundsätzlich anders aufgestellt wären. Wobei es immer um die Leitung geht und deren “ Verbindungen“ zu den Altparteien. Der Zustand dieses Landes… Mehr

P. Liesner
35 Minuten her

Auch die Kölner Politik kommt mir manchmal so vor wie ein Karnevalsverein.

Steuernzahlende Kartoffel
36 Minuten her

Nun ja, u.a. AKWs wurden vor dem „Atomausstieg“ bereits tot-„genehmigt“. Überall dort wo die „Richtigen“ & „Guten“, obwohl sie teilweise noch nicht einmal über einen berufsqualifizierenden Abschluss verfügen, ausgestattet mit überlegenem Wissen, überlegener Moral & unbeeinflusstem Sendungsbewußtsein schalten und walten sind Gesetze nur noch unverbindliche Vorschläge, erodiert die Verpflichtung zur Daseinsvorsorge genauso wie die dem Volk zu dienen und es – nicht: illegale Migranten aus allen Winkeln dieser Welt – vor Schaden zu bewahren. Regts jemanden auf? Die Justiz muss stattdessen Majestätsbeleidigungen mit Sondereinsatzkommandos nachspüren, und der Wähler fürchtet sich immer noch vor der Brandmauer bzw. der Partei dahinter.

NullKommaNix
40 Minuten her

Wohin man schaut: Rest-Rechtsstaat in Auflösung
Diese Leute sollten wir zukünftig gut im Auge behalten!
https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2026/das-sind-die-namen-der-richter-die-ein-afd-verbot-fordern/

Mankovsky
41 Minuten her

Kriminelle Machenschaften der Behörden wären es in einem Rechtsstaat.
Links war immer schon das Synonym für Gaunereien und Verbrechen.

Traum-Yogi
44 Minuten her

Die Einwanderungspolitik der Regierungskoalition ist verfehlt. Nötig ist eine Regierung aus AfD, BSW, DieBasis, Bündnis C und ÖDP.
https://cna343.wordpress.com

Siggi
21 Minuten her
Antworten an  Traum-Yogi

AfD allein reicht.