Keine Abtreibungen, dafür Milei – G7-Gipfel wartet mit zwei großen Überraschungen auf

Beim heute beginnenden G7-Gipfel in Italien wartet Gastgeberin Giorgia Meloni mit einigen faustdicken Überraschungen auf. Nicht nur, dass das Recht auf Abtreibung von der Agenda gestrichen wurde, es kündigten sich auch einige Stargäste abseits der G7 an – so Argentiniens Präsident Milei und der Papst.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Christopher Furlong

Irgendetwas scheint Giorgia Meloni richtig zu machen: Nicht nur, dass sie bei der Europawahl – im Gegensatz zu ihren Amtskollegen Emmanuel Macron und Olaf Scholz – massiv bestätigt wurde, es gelang ihr sogar beim heute beginnenden G7-Gipfel im schönen Apulien, eine Reihe von Hasen aus dem Hut zu zaubern, mit denen kaum jemand gerechnet hätte.

Noch im Vorjahr hatten die G7 in der Hiroshima-Erklärung den unbeschränkten Zugang zu Abtreibungen gefordert. Doch im Vorfeld des diesjährigen Treffens entschieden sich die Gastgeber, den entsprechenden Punkt von der Agenda zu streichen. Internationale Medien beriefen sich dabei auf Quellen aus dem G7-Umfeld, denen zufolge dieser Schritt auf ein Andringen Melonis selbst zurückgeht.

G7-Gipfel in Italien
Was Meloni von der EU will
Was vor einer Konferenz, in der es vor allem auch wieder einmal um die finanzielle Unterstützung der Ukraine gehen soll, wie ein Nebenschauplatz anmutet, ist aber ein gewichtiger Schritt in einer der Kernfragen zwischen Progressiven und Konservativen. El Pais zufolge bedauerte ein hochrangiger europäischer Diplomat, dass es „sehr ungewöhnlich“ sei, dass die Formulierung zur Abtreibung abgeschwächt wurde. „Es ist die Pflicht der G7 in diesen Fragen Führungsqualitäten zu zeigen, nicht um dabei zurückzurudern“, zitierte die spanische Tageszeitung den Diplomaten.

Vor allem Frankreich und Kanada betrachten die Formulierung zur Abtreibung als ein Kernanliegen, sodass die Entscheidung Melonis auch als Schuss vor den Bug des französischen Präsidenten gesehen werden kann, wer nun der starke Mann – oder genauer gesagt: die starke Frau – Europas ist.

Stargäste: Von Motorsägen-Milei zum BRICS-Scheich alles dabei

Doch damit nicht genug, denn der G7-Gipfel wird auch mit einer Reihe von Stargästen garniert, die den Fokus und auch die globale Bedeutung des Treffens noch einmal untermauern. Allen voran ist der Besuch des argentinischen Enfant terrible, Präsident Javier Milei, herauszustreichen, der ähnlich wie Meloni trotz Unkenrufen einiger Hardliner bereits realpolitische Erfolge für sein Land erarbeiten konnte. Dass Milei bei den G7 andocken möchte, ist dabei wenig überraschend, zumal der Doch-nicht-Eintritt Argentiniens in die BRICS mit zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte.

Dass allerdings auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Zayed, oder auch Brasiliens Präsident Lula da Silva den Weg nach Apulien fanden, ist dann doch in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, denn Brasilien und die Emirate sind beides Mitglieder der Konkurrenz der G7, der BRICS, und die Türkei hat zumindest ein vorsichtiges Beitrittsinteresse zur BRICS-Gruppe geäußert.

Ob Meloni mit diesen Einladungen die G7 von etwaigen Maximalforderungen im Hinblick auf die Ukraine-Frage abbringen möchte, oder ob damit womöglich gar der Zusammenhalt der BRICS-Gruppe geschwächt werden soll, bleibt abzuwarten. Vielleicht ist auch eher ein diplomatischer Brückenschlag das Ziel? Oder gar all diese Dinge? Zuzutrauen wäre es einer Meloni, die bereits mehrfach bewiesen hat, mit opportunistischer Flexibilität mehr für ihr Land herauszuschlagen als mit rabiaten Hau-drauf-Prinzipien.

Der Papst als Kirsche auf der Torte der G7

Zu diesen Schachzügen gehört auch, dass sie sogar Papst Franziskus dafür gewinnen konnte, im Rahmen des G7-Gipfels einen Vortrag über die Gefahren der künstlichen Intelligenz zu halten. Denn obwohl der Papst ansonsten so häufig wie ein Sprachrohr links-progressiver Agenden wirkt, teilen Meloni und Franziskus ihre Skepsis gegenüber der künstlichen Intelligenz. Der Auftritt des Papstes – nebenbei eine Premiere auf einem multilateralen Gipfeltreffen – wirkt also wie eine vorsichtige Annäherung, eingefädelt von einer Staatschefin, die eher das Gemeinsame betont als das Trennende. Und damit tatsächlich zu einer Annäherung führt, was nicht zuletzt in einer mittlerweile deutlich abgeschwächten Position des Papstes in Migrationsfragen zum Ausdruck kam.

Der Zirkus der G7 kann beginnen, die Attraktionen stehen bereit. Die womöglich größte Überraschung wäre wohl, wenn die Zirkusdirektorin Meloni vor Ablauf der Veranstaltung nicht noch mit einer weiteren Überraschung aufwarten würde. Man darf gespannt sein.

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Kommentare ( 46 )

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rainer erich
1 Monat her

Von der, vorsichtig formuliert, unter konservativen Aspekten betrachtet, fragwürdigen Dame Meloni abgesehen, scheint sie hier mit einem eher unpassenden Thema ein Signal an bestimmte Kreise in Italien gesendet zu haben. Nach dem Motto, schaut her, so bin ich politisch unterwegs. Wer auf derartige Aktionen hineinfaellt, und es sind leidet sehr viele, ist selbst schuld. Warten wir ab, wie konservativ Frau Meloni regiert, wobei ihr Start durchaus Zweifel an ihrem Kampf gegen Woke, vor allem gegen die Eliten des Wokismus, zulässt. Auf ( wirtschaftliche) Reformen groessere Art laesst sich jedenfalls noch warten und ihre Migrations – und Ukraine politik laesst Fragen… Mehr

Zuschauer
1 Monat her

Interessanterweise hat Meloni den indischen Premierminister Modi eingeladen, am G7-Gipfel teilzunehmen, und es scheint, dass sie auch mit Modi Freundschaft schließt.  Die indische und die italienische Regierung stehen kurz vor der Unterzeichnung eines sehr wichtigen Abkommens mit der Bezeichnung „Migrations- und Mobilitätsabkommen“, das für Indien von großem Nutzen sein wird. Das Abkommen zielt darauf ab, die zwischenmenschlichen Kontakte zu verbessern und die Mobilität von Studenten, Facharbeitern, Geschäftsleuten und jungen Berufstätigen aus Indien zu fördern. Schockierenderweise ist Indien laut globalen Rankings nach wie vor eines der korruptesten Länder der Welt, und viele seiner Abgeordneten haben ein schweres Vorstrafenregister.  Modis Regierung hat… Mehr

Marcel Seiler
1 Monat her

Zur Abtreibungsfrage: Abtreibung ist eine zutiefst kulturelle und religiöse Frage, die jedes Land nach seiner eigenen kulturellen und religiösen Verankerung für sich entscheiden muss. Das geht eine Gruppe, die zur Bewahrung wirtschaftlicher und finanzieller Stabilität der Industriestaaten gegründet wurde, NICHTS an.

Oder wollen wir uns demnächst von der G7 vorschreiben lassen, zu welchem Gott wir alle beten sollen oder das wir Atheisten zu sein haben?

Milton Friedman
1 Monat her

Abtreibung ist immer per Definition Mord – man beendet ein Menscheneben gegen sein Willen. Die Ausnahmen, die wir machen machen, wenn das Leben der Mutter durch eine Austragung bedroht ist, ändern daran nichts.
Eine Gesellschaft die „mutig“ genug ist, Wehrlose und Unschuldige umzubringen, aber zu feige Mörder mit der Todesstrafe zu belegen lebt im Selbstbetrug.

Mausi
1 Monat her

„Das Forum dient dem Zweck, Fragen der Weltwirtschaft zu erörtern.“, vgl. wikipedia. Mit welcher Begründung hat sich der G7 Gipfel mit Abtreibungen beschäftigt? Selbst wenn Abtreigung mit sicher und legal verbunden wird, ändert sich am Zweck von G7 nichts.
Wenn schon Überschreitung des Zwecks, wieso Abtreibung und nicht Zugang zu Verhütung verbunden mit Aufklärung über die Mittel und ihre korrekte Anwendung?

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Mausi

Gut erkannt. Auch seltsam, dass Abtreibung dort, wo sie uns als „arm“ geschildert werden, sich aber überdurchschnittlich und nicht ihren Ressourcen entsprechend vermehren, kein Mittel der Wahl zu sein scheint?
Auch die einwandernde Ideologie sieht solches nicht vor.

John Beaufort
1 Monat her

Danke für den wichtigen Kommentar. Auch ein echter Libertarismus, also wirtschaftliche Freiheit, kann es mit einem Kreditgeldsystem nicht geben. Und Milei will den Dollar als Währung, womit weiterhin eine kleine finanzielle Elite ihr Geld selbst drucken darf, auf Kosten aller anderen Marktteilnehmer, die ihr Geld erwirtschaften müssen und unter der Inflation leiden.

John Beaufort
1 Monat her

Wenn Mütter ein Recht auf Abtreibung erhalten, müssten Väter auch ein Recht darauf erhalten, während der Schwangerschaft von der rechtlichen Vaterschaft zurückzutreten. Das wäre dann Gleichberechtigung. Aber das will der Feminismus in Wahrheit ja schon lange nicht mehr. Mehr und mehr werden Frauen von jeder Verantwortung freigesprochen und Männer müssen für alles aufkommen, was schief läuft (siehe Scheidungsrecht). Kein Wunder, dass die traditionelle Familienstruktur und damit auch die psychische Gesundheit der Bevölkerung im Westen kollabiert.

Kassandra
1 Monat her

Interessant auch der Veranstaltungsort:
Laut faz wurde eine Herberge ausgesucht, die auf „alt“ getrimmt ist, aber in der sich so gut wie gar nichts wirklich von den Ahnen Überlassenes befinden soll: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/wo-das-g-7-gipfeltreffen-stattfindet-luxusresort-borgo-egnazia-19785567.html
Soll auch das zeigen, dass aus unserer bisherigen Welt kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird?
Subalterne werden hingegen wie Galeerensträflinge behandelt? https://www.welt.de/politik/ausland/article251999912/G-7-Gipfel-in-Italien-Wie-Maeuse-eingepfercht-2500-Polizisten-muessen-auf-marodem-Schiff-hausen.html
Zudem interessant, dass die paar Hansels, die sich dort angeblich in unserem Namen treffen, zusätzlich zu mitgebrachten Personenschützern wie Entourage derart hohe Kosten für ihre Sicherheit der Allgemeinheit aufbürden dürfen.

Nibelung
1 Monat her

Gipfel ja, aber als Begriff der Verkommenheit, Dummheit, Ingnoranz, Sinnlosigkeit und Hinterhältigkeit und das ist nun wirklich der Gipfel, wenn man alles mit anderen Augen betrachtet und da stellt man sich die Frage, weshalb hat man diese Politkamarilla verdient, was nur am schlechten Geschmack und des Unvermögens beim Wähler liegt, denn sonst hätten wir Verhältnisse, wo man wieder stolz und zuversichtlich sein könnte, wenn wir diese niedrigen Damen und Herren, die sich für hohe halten, entrümpeln könnten weil sie uns täglich belegen das sie es nicht können oder wollen und wir am Ende die Zeche zahlen müssen, bei dem Elend… Mehr

Robert Tiel
1 Monat her

So ganz verstehe ich den Hype um Milei nicht.
Er will doch die „Werte des Westens“ schützen und hat ein Abkommen mit den USA geschlossen?
Facebook soll die Schulbildung übernehmen?
Womöglich wollen Meloni und LePen die AfD aus ganz anderen Gründen nicht?
Womöglich sitzen sie gar nicht im selben (U-)Boot..?!

Haba Orwell
1 Monat her
Antworten an  Robert Tiel

> Facebook soll die Schulbildung übernehmen?

Jenes Facebook, wo man gesperrt wurde, wenn man nur Corona mit Grippe verglich oder Klima „leugnete“. Was auf dem „Lehrplan“ stehen wird, kann ich mir lebhaft vorstellen. In Buntschland mit weniger Digitalisierung müsste Volt das komplette Bildungswesen übernehmen.

Last edited 1 Monat her by Haba Orwell