Duden irritiert mit abstruser Sprachempfehlung

Der Dudenverlag hat in seiner Online-Ausgabe vor dem Gebrauch des Wortes "Jude" gewarnt. Das werde als diskriminierend empfunden. Man sollte stattdessen "jüdische Menschen" sagen oder ähnliche Formulierungen wählen. Der Zentralrat der Juden weist diese Empfehlung zurück.

IMAGO / Manfred Segerer

Das Wort „Jude“ sei problematisch, meint der Dudenverlag. Auf seinen Internetseiten versieht es diesen Begriff mit einem „besonderen Hinweis“: Man solle es meiden und stattdessen ausweichende Formulierungen verwenden wie jüdische Menschen, jüdische Mitbürger oder Menschen jüdischen Glaubens. Das Wort „Jude“ könne aufgrund des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs als diskriminierend empfunden werden – so Deutschlands Sprachhüter vom Duden.

Der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, Daniel Botmann, erteilt diesem Ratschlag des Dudens eine Abfuhr: Auf Twitter fragt er rhetorisch, ob man Jude sagen dürfe und beantwortet das mit Ja. „Bitte keine „jüdischen Mitbürger“ oder „Menschen jüdischen Glaubens““, empfiehlt Botmann. Ayala Goldmann kommentiert in der Jüdischen Allgemeinen: „Ich kenne keinen einzigen Juden – weder gläubig noch ungläubig –, der sich ungerecht behandelt fühlt, wenn er als Jude bezeichnet wird.“ Als diskriminierend würden den Begriff nur Nichtjuden empfinden, die sich genierten, das Wort auszusprechen.

Die Duden-Affäre zeigt erneut: Diskussionen um tatsächliche oder vermeintlich diskriminierende Wörter beherrschen den Diskurs, seit sich die Linke enttäuscht von der Sozialen Frage abgewandt hat – und sich stattdessen mit Identitätspolitik beschäftigt: Der Mohrenkopf heißt seitdem Schokokuss. Apotheken, die den Begriff „Mohr“ seit über hundert Jahren im Namen führen, werden politisch unter Druck gesetzt, diesen zu ändern. In Mainz gab es eine Kampagne gegen die Firma Neger – dabei hieß der Gründer des Dachdeckerbetriebs so – genauso wie die Erben des Familienbetriebs.

Wobei es oft nicht bei einer Änderung eines Begriffs bleibt. So hießen Afroamerikaner schon Schwarze, Farbige und aktuell „People of Colour“. Wobei solche Wortkarrieren die Absurdität des Kampfs um den korrekten Begriff aufzeigen: So haben die gleichen Meinungsmacher für die Bezeichnung „Menschen mit Beeinträchtigung“ gekämpft und dabei das Wort „Menschen mit Behinderung“ als diskriminiert bezeichnet, die zuvor für eben dieses Wort gekämpft haben, weil es das seinerzeit angeblich diskriminierende „Behinderte“ ablösen sollte.

Gilt ein Begriff als nicht sagbar, steckt ein ungelöster Konflikt dahinter. Selten geht es darum, wie im Fall „Führer“, sich von etwas oder jemand Schlechtem zu distanzieren. Meistens drückt es ein schlechtes Gewissen der Gesellschaft gegenüber einer Gruppe aus. Und dieses schlechte Gewissen drückt sich dann in einer begrifflichen Unsicherheit aus – mitunter in einer begrifflichen Unfähigkeit. Angesichts von Gebieten in Deutschland, in denen Juden sich als solche nicht zu erkennen geben dürfen. Angesichts einer durch Zuwanderung an Bedeutung gewinnenden Bewegung, die in Deutschland gegen das Existenzrecht Israels argumentiert, ist es entlarvend, dass der Gebrauch des Wortes „Jude“ hierzulande wieder als problematisch gilt.

Der Dudenverlag „Bibliographisches Institut“ wurde 2009 von Cornelsen gekauft. Drei Jahre später kam es zur Umstrukturierung: 140 Mitarbeiter erhielten eine Kündigung, die Produktion des gedruckten Dudens wechselte nach Berlin. Dort fusionierte das Duden-Team mit der Sparte Schulbuchproduktion bei Cornelsen.

Der Dudenverlag zeigt sich als überfordert mit der Situation. Eine Anfrage von Bild hat das Haus bisher nicht beantwortet. Über seinen Twitter-Account hat sich der Verlag bis Sonntagabend auch nicht geäußert. Der einzige Tweet des Tages stellt das Wort des Tages vor. Es lautet „gemach“. Zumindest damit scheint das Duden-Team kein Problem zu haben.

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Kommentare ( 30 )

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Deutscher
9 Monate her

Alle naselang ein neuer Begriff für den selben Sachverhalt. Typisch linksintellektuelles Verblödungssymptom.

1950: „Neger“
1970: „Neger“ rassistisch, also „Schwarzer“
1990: „Schwarzer“ rassistisch, also „Farbiger“
2010: „Farbiger“ rassistisch, also „Person of Color“
2030: „Person of Color“ rassistisch, also…????

Und weil´s so viel Spaß macht, fangen sie jetzt das selbe Spiel mit den Juden an. Ob letztere das wollen, wird gar nicht gefragt, denn der Linksintellektuelle weiß am besten, was für andere gut ist. Als Linksintellektueller muß man sich eben eine Beschäftigung erfinden, weil es von Natur aus keinen Bedarf gibt.

Magdalena
9 Monate her

Es wird immer irrer mit den „woken“, geschichtsvergessenen Ahnungslosen. Das Wort „Juden“ soll es laut Duden also nicht mehr geben. Ist das die „Endlösung“ a la Duden-Redaktion? Die Juden in Deutschland sollten sich das nicht bieten lassen.

Hans Nase
9 Monate her

Mit dem Umzug von Karlsruhe nach Berlin vollzog sich in der Duden Redaktion ein großer Austausch. Es wurden im Prinzip nur noch billige aber marxistisch-genderistisch-intersektionell trainierte Absolventen (z.B. Humboldt-Uni) eingestellt. Mit entsprechende Resultaten.
Fazit: Das Logo ist das selbe. Der Inhalt aber ist heute vor allem Klassenkampf und Genderkrampf. Man muß leider von Duden-Publikationen vor und nach 2009 unterscheiden.

moorwald
9 Monate her

Der DUDEN hat sich selbst überflüssig gemacht, als er sich den Sprachbarbaren der sog. Rechtschreibreform unterworfen hat.
Seither nahm der Abstieg seinen Lauf. Da helfen auch immer neue Marketing-Versuche („Jugendsprache“ – wer kauft so etwas? Jugendliche bestimmt nicht) nicht weiter.

T. Ruebsal
9 Monate her

Das erinnert mich sofort wieder an die penetrante Babbel-Werbung im TV, wo die „Sprachexpert:Innen“ in gefühlter Endlossschleife versuchen, einem den diversen Zeitgeist ins Hirn zu hämmern.

flo
9 Monate her

Der Duden wirbt mit dem Slogan: „Duden – mehr als ein Wörterbuch“. Wann ist man bitte mehr als ein Wörterbuch? Wenn man politische Begrifflichkeiten bewertet? Der Duden ist, wie im Text schon ausgeführt wurde, keine staatliche Institution, sondern ein banales kommerzielles Produkt, Teil der Unternehmensgruppe Cornelsen. Ja, ja, der Duden war wohl für Generationen von Schülern  (m/w/d!) d a s  Wörterbuch schlechthin (wie „Tempo“ fürs Papiertaschentuch). Damals gab es aber auch nicht die moderne Identitäts- und Genderpolitik, die die Bevölkerung spaltet. Der Duden bekennt sich inzwischen auch klar zu sogenannten geschlechtergerechten „Optionen“ und hat ein Buch „GENDER-leicht“ herausgebracht. Laut Website… Mehr

Mausi
9 Monate her

Alles, was einen guten Ruf hat, wird inzwischen missbraucht für politische Zwecke.

Der gute Ruf ist nur noch ein Deckmantel.

GWR
9 Monate her

Wer mit offenen Ohren durch unsere Gesellschaft wandelt, der sollte doch wissen in welchen Kreisen das Wort Jude als Schimpfwort gebraucht wird.
Mehr muss man dazu nicht sagen.

puke_on_IM-ERIKA
9 Monate her
Antworten an  GWR

Schon klar, und auf dem christlichen Kreuz steht INRI- und Jesus ist nun mal „König der Juden“und nicht der jüdischen Menschen.
Und wer hier Probleme mit Juden hat, der darf gerne raus aus GerMONEY und pronto zurück in sein Shithole und zwar postwendend und darf gerne Asyl bei seinen Glaubensbrüdern beantragen.

Last edited 9 Monate her by puke_on_IM-ERIKA
Hannibal Murkle
9 Monate her

„Der Zentralrat der Juden weist diese Empfehlung zurück.“

Sonst müsste er sich ja in „Zentralrat der jüdischen Menschen“ umtaufen. Darf man im Neusprech noch Indianer, Russen, Deutsche sagen? (Erstes war letztes Jahr bei den Berliner Grünen das größte Problem derer Gegenwart… Und es ging nur um Kindheitsträume.)

Last edited 9 Monate her by Hannibal Murkle
Lars Baecker
9 Monate her

ich wusste ja schon immer, dass ich ein „christlicher Mensch“ bin…