Altmaier will Stromverbrauch rationieren

Vom Tisch ist der Plan »Spitzenglättung« nach dem Rückpfiff nicht. Zu kritisch wird mittlerweile die Lage in den Stromnetzen. Da helfen nur noch abstruse Vorstellungen wie: ‚Sie dürfen täglich von 10 bis 20 Uhr ihr Auto nicht betanken!‘

picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Rein in die Kartoffeln – raus aus den Kartoffeln. So schnell wurde wohl selten ein Entwurf eines Ministeriums zurückgepfiffen. »Es handelt sich um einen Entwurf der Arbeitsebene, der nicht die Billigung des Ministers gefunden hat und deshalb bereits am vergangenen Freitag zurückgezogen und von der Homepage des BMWi heruntergenommen wurde.« So die Erklärung einer Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums zu einem Bericht der Welt am Sonntag über einen neuen Gesetzentwurf in Sachen Elektroautos, der es in sich hat.

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Nach diesem Entwurf sollten Stromversorger zeitweilig Ladestrom für E-Autos abschalten dürfen, wenn wieder einmal zu wenig Strom vorhanden ist. Als »Spitzenglättung« steht diese Vorstellung schon länger im Raum. Praktiziert werden Abschaltungen aufgrund von Strommangel schon seit längerem. So müssen Aluminiumhütten erdulden, dass ihnen für begrenzte Zeit der Strom abgeschaltet wird. Die verschlingen ebenso wie Kühlhäuser erhebliche Mengen. Ein gefährliches Spiel, denn nach drei Stunden ist die Schmelze erstarrt, die Fabrik ruiniert.

Doch das reicht nicht mehr, und vom Tisch ist der Plan »Spitzenglättung« nach dem Rückpfiff nicht. Zu kritisch wird mittlerweile die Lage in den Stromnetzen. Da helfen nur noch abstruse Vorstellungen wie: ‚Sie dürfen täglich von 10 bis 20 Uhr ihr Auto nicht betanken!‘

Beim normalen Auto befremdlich, zu gravierend wären die Folgen für Verkehrsflüsse und Wirtschaft. Genau das aber steht hinter den Plänen für Besitzer von Elektroautos. Die sollen nicht mehr laden dürfen, wenn zu wenig Strom in den Netzen vorhanden ist. Schon länger zerbrechen sich Altmaiers Leute den Kopf darüber, wie das Desaster »Energiewende« einigermaßen zu lösen ist. »Spitzenglättung« ist nur ein jüngerer Einfall und zeigt, wie die Energiewende neue Wortkreationen hervorbringt. »Strom abschalten, weil wir keinen haben« klingt nicht so schön fortschrittlich.

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Die Stromversorger drängen schon länger auf ein Gesetz zur »Spitzenglättung«, nach dem sie den Strom für einen Teil der Verbraucher einfach abschalten können, wenn nicht genug für alle da ist – aber dummerweise zusätzlich viele Autofahrer gleichzeitig laden, weil sie fahren müssen.

Diese Lösung favorisierte offenbar auch das Altmaier-Ministerium und plante eilig einen entsprechenden Vorschlag zur Reform des $ 14 a des Energiewirtschaftsgesetzes. Der liegt oder besser lag jetzt vor, wie die Welt berichtete. »Steuerbare Verbrauchseinrichtungen« sollen für bis zu zwei Stunden pro Tag keinen Strom bekommen können, wenn andernfalls eine Überlastung des Netzes drohen würde. Dazu gehören sowohl Ladestationen für E-Autos als auch Wärmepumpen, die bereits jetzt zeitweilig von der Stromversorgung abgeschaltet werden können.«

Zunächst bis zu zwei Stunden, hieß es im Entwurf, solle kein Strom fließen. Doch wenn die Sache grundsätzlich durch ist, lassen sich die Zeiten leicht weiter ausdehnen. Die Stromversorger glätten ihre Spitzen, die E-Autofahrer haben leere Akkus.

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Der Hintergrund der Unruhe bei Altmaier: Die unheilvollen Folgen der Energiewende machen sich allmählich für jedermann bemerkbar. Was vorher Fachleuten von Anfang an klar war, macht langsam auch in breiteren Kreisen die Runde: Das Stromnetz beginnt bedenklich zu wackeln. Kohle- und Kernkraftwerke, die allein eine sichere und preiswerte Stromversorgung gewährleisten können, werden reihenweise abgeschaltet. Bis Ende 2022 sollen Kraftwerke mit rund 20 GW Leistung abgeschaltet werden. Die lieferten etwa ein Viertel des Strombedarfes. Das letzte Kraftwerk soll nach bisherigen Planungen 2038 vom Netz gehen. Hardcore-Energiewender träumen sogar schon von einem früheren Zeitpunkt.

Damit wird es enger in den Stromnetzen. Blackouts drohen wie vor zwei Wochen. Doch solche düsteren Ankündigungen passen nicht ganz zu den hehren politischen Zielen. 2021 soll das Jahr der Stromer werden, denn noch immer fahren nicht jene eine Million Elektrofahrzeug auf den Straßen, wie Kanzlerin Merkel das einst angeordnet hatte. So gelobte Bundesverkehrsminister Scheuer im Dezember: »2021 soll das Jahr der Elektromobilität werden!«

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Beim letzten Spitzengespräch »Ladeinfrastruktur« mit Altmaier, Scheuer und Vertretern der Energie- sowie der Autowirtschaft wurde beschlossen, dass das Ladenetz für Elektroautos »kundenfreundlicher« werden solle. Altmaier: »Realisieren der Verkehrswende ist eine große Gemeinschaftsanstrengung«. Dazu soll eine weitere Verordnung vorbereitet werden, eine Novelle zur Ladesäulenverordnung, mit der eine bessere Ladeinfrastruktur angestrebt wird. Bis 2030 sollen eine Million Ladepunkte errichtet werden. Um das Ziel zu erreichen, müsste das Ausbautempo drastisch erhöht werden. Rein rechnerisch sollten laut Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), 2000 neue pro Woche stehen, es sind allerdings nur 200.

Derzeit stehen Elektroautomobilisten erst 33.000 Ladepunkte in Deutschland zur Verfügung. Nicht besonders viel, vor allem, da Elektroautos je nach Ladeleistung teilweise mehrere Stunden die Ladepunkte blockieren. Deswegen soll auch mit reichlich Steuergeld nachgeholfen werden. 400 Millionen Euro winken für eine öffentliche, 350 Millionen Euro eine gewerbliche Ladeinfrastruktur. Für jede private Wallbox gibt es seit November zudem 900 Euro; diese Anschlussgeräte erlauben mit Drehstrom etwas höhere Ladeleistungen für e-Autos in der heimischen Garage. Doch Altmaier kann nicht die Frage beantworten, was die schönste Ladeinfrastruktur nutzt, für die auch ein neues Leitungsnetz notwendig ist, wenn kein Strom vorhanden ist?

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Überdies hatte die Bundesregierung vor mehr als zehn Jahren festgelegt, dass der Bruttostromverbrauch von 2008 bis 2050 um rund 25 Prozent vermindert werden soll. Wenn nicht genügend Strom generiert werden kann, muss er eben rationiert werden. Das klingt für eine „Zukunftstechnik“ nicht sonderlich elegant und wird deswegen mit Begriffen wie »intelligent« verbrämt. »Intelligente« Stromnetze sollen ausgleichen, was nicht vorhanden ist.

Hildegard Müller: »Was Spitzenglättung genannt wird, bedeutet für die Kunden leider Abschalten.« Das wäre, so Müller, sehr schlecht für alle Besitzer von E-Autos und die Unternehmen, die jetzt E-Autos auf den Markt bringen wollten.

Der aufgeschreckte Altmaier ließ gestern erklären, dass er größten Wert darauf lege, »dass der Hochlauf der Elektromobilität schnell und für alle Beteiligten verlässlich erfolgt«, so am Sonntag die Sprecherin in der Erklärung weiter. »Er wird in den kommenden Tagen diesbezüglich sowohl mit den Fahrzeugherstellern als auch mit den Netzbetreibern Gespräche führen und danach einen neuen Vorschlag vorlegen, der für alle Beteiligten akzeptabel ist.«

Die Bundesregierung hat erkannt, dass es im künftigen Stromsystem nicht mehr möglich sein wird, jeden Bedarf zu jeder Zeit zu befriedigen. Deshalb sollte die Steuerung der Verbraucherseite auf gesetzliche Füße gestellt werden. Das »Steuerbare-Verbrauchseinrichtungen-Gesetz (SteuVerG)« befand sich schon in der Abstimmungsrunde. Steuerbare Verbraucher wie Wärmepumpen, Elektroheizungen und Wallboxen, also Ladestationen für E-Mobile, würden dann zeitweise variabel abgeschaltet werden. Das Echo aus dem öffentlichen Raum und den Branchen war deutlich.

Die Energieversorger stellten fest, ohne eine solche Regelung wäre die Versorgungssicherheit nicht zu gewährleisten, die Automobilbranche sagte, sie würde den Ausbau der Elektromobilität behindern. Beide haben Recht. Nun ist es an Wirtschaftsminister Altmaier, die Quadratur des Kreises herzustellen. Er könnte die Ladestationen für die E-Mobile von der Regelung ausnehmen, aber zu wessen Lasten? Weniger Wärmepumpenstrom zugunsten der Mobilität oder sogar Haushalte abschalten, damit gut betuchte Tesla-Fahrer ihren Boliden unterbrechungsfrei laden können? Zu erwarten ist eine halbgare und komplizierte Lösung, mit der wieder versucht werden wird, alle Ansprüche zu erfüllen.

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Kommentare ( 155 )

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Schwabenwilli
27 Tage her

Gehen wir rein hypothetisch einmal davon aus dass die Regierung irgendwann den Stromverbrauch rationieren würde. Glaubt irgendjemand das in Deutschland die Leute dann auf die Barrikaden gehen würden? Ich nicht.

Kappes
1 Monat her

Wenn Altmaier in seiner Funktion als Minister für Wirtschaft und Energie ein Mensch mit Charakter und Rückgrat wäre, müsste er darum kämpfen, dass Deutschland ein stabiles Stromnetz behält. Schon dass er sich als Minister über geregelte Abschaltungen Gedanken macht, zeigt, wes‘ Geistes Kind er ist.

rolf
1 Monat her

Ehrlich, mit diesem Problem konnte doch keiner rechnen, oder?
Das gute an dieser Story ist, das ausgerechnet die „umweltfreundlichen“ Stromer die A…karte haben!
Bis zur Wahl im September werden noch weitere tolle Nachrichten folgen.

Ch. Timme
1 Monat her

Es ist bereits überfällig: Die sofortige Entfernung aller durch Merkel im Amt platzierten Helfer die unsere „Demokratie“ destabilieren bis der Zusammenbruch erfolgt…

Ronaldo
1 Monat her

Wenn Altmaier mit Engpässen im Stromnetz rechnet, müsste er sich eigentlich gegen die Abschaltungen stemmen. Da er das nicht macht, zeigt das, dass er nur ein charakterloser und armseliger Befehlsempfänger von Merkel ist.

K. Sander
1 Monat her

… viel Spaß in unserer Zukunft:
Ein Haus brennt und die Feuerwehr wird angerufen. Die antworten genauso: „Wir können jetzt nicht kommen. Die Akkus von unseren Fahrzeugen sind gerade alle leer. Wir kommen morgen vorbei“.
Da hat jemand einen Herzinfarkt und ruft den Notruf an. Es wird ihm gesagt: „Wir können Sie nicht abholen. Die Akkus von den Krankenwagen sind alle leer. Fahren Sie mal mit dem Taxi in die Notaufnahme.“ Darauf antwortet der: “ Das geht nicht, bei den Taxis sind die Akkus gerade leer“. Die vom Notruf antworten: „Da nehmen Sie sich doch mal ein Fahrrad.“

beccon
1 Monat her
Antworten an  K. Sander

. Sander: In welcher Welt leben sie. Die RRG- Regierungen werden selbstverständlich Norärzte und die Feuerwehr mit Lastenfahrrädern ausstatten. Davor tanzt ein Genderstudent mit einer Tröte und einer blau-roten Lichterkette um den Hals. Tatüüü huii Tataaahhhh 🙂

Kampfkater1969
1 Monat her
Antworten an  K. Sander

Wenn der Strom fehlt, wird niemand die Feuerwehr oder den Notarzt rufen können! Ohne Strom ist die Kommunikation tot! Ohne Strom ist der individualisierte Mensch der Neuzeit so alleine, wie noch nie in seinem Entwicklungsgeschichte. Die meisten können nicht einmal mehr ihr Haus und ihre Garage verlassen oder betreten können, wenn der Strom fehlt. Es fährt kein Fahrstuhl mehr, es werden keine fensterlosen Flure mehr beleuchtet, es öffnen sich keine Automatiktüren mehr. Es funktoiniert kein Festnetztelefon mehr, es funktioniert kein Händinetz mehr, es funktioniert keine Lüftung, keine Heizung, keine Kasse. In vielen Häusern versagt das Trinkwassersystem. Hab ich alles vor… Mehr

alter weisser Mann
1 Monat her

Vorab: Der Herr Minster kann sich gern selbst was rationieren. Das ergibt dann keine Spitzenglättung, sondern Rundungsverlust.

Die feuchten Reglementierungsträume von heute sind nur das Wetterleuchten der heraufziehenden schönen Zukunft.
Was Corona an Kosten & Regelwut schafft, das wird die ökologische Weltrettung leicht noch vervielfachen.

Last edited 1 Monat her by alter weisser Mann
bfwied
1 Monat her

Ein Redakteur einer Radiostation erlaubte sich einmal einen Scherz, als an einem schönen Tag sich zu viele an den Bodensee aufmachten und die Straßen verstopften: Bodensee – Idiotensee! Es war ein Witz, kein Witz hingegen ist: Deutschland – Idiotenland! Man sieht es an der hirnlosen Aufnahme von Millionen von völlig Anderskultivierten und nicht nur entsprechend ihres Könnens nahezu durchweg nicht Benötigten, man sieht es an den nicht an Dummheit zu überbietenden Sprüchen von der Energiewende und auch noch, als I-Tüpfelchen, der gleichzeitigen E-Mobilität. Man musst kein Energieingenieur sein, um von Vornherein zu wissen, dass das nicht funktionieren kann. Aber sollen… Mehr

Niklas
1 Monat her

In zehn Jahren steht dann an der Ladesäule auf dem Bildschirm:

„Ihr Social Score ist durch Ihren mehrmaligen Aufruf der gelisteten Website http://www.tichyseinblick.de/ auf einen Stand gesunken, auf dem wir Ihr Auto nicht laden konnten und Ihr Fahrzeug-Akku zur Spitzenglättung freigegeben wurde. Ihre neue Reichweite beträgt: 0km. Melden Sie sich bei ihrem zuständigen Demokratiezentrum, um Ihren Social Score zu bereinigen.“

Robert Tiel
1 Monat her
Antworten an  Niklas

Deswegen werde ich nie ein e.Auto kaufen.
Genau deswegen.

beccon
1 Monat her
Antworten an  Niklas

Da wird nicht stehen, warum der Score nach unten geht. Dafür werden im Fernsehen Diskussionen darüber erscheinen und geziehlt Mythen verbreitet. Dann entwickeln die Leute von selbst eine Schere im Kopf.

Tee Al
1 Monat her

Zu erwarten ist eine halbgare und komplizierte Lösung, mit der wieder versucht werden wird, alle Ansprüche zu erfüllen.

Na, dann mal her mit dem vielversprechenden Schlangenöl, das Wunder wirkt und alles heilt.
Je weniger davon funktioniert, desto fanatischer wird die andere Lösung — wie immer.