„Abschaltparty“: Philippsburg geht vom Netz

Dass der Strom künftig teilweise aus den nur ein paar Kilometer entfernten französischen Kernkraftwerken jenseits des Rheins kommt, scheinen die Partygäste nicht zu bemerken.

imago images / Jannis Große
Na denn ma Stößchen! Am 31.12.2019 wird Philippsburg abgeschaltet. Willkommener Anlass für eine "Abschaltparty" von "Aktivisten" vor Ort.
Ein letztes Stelldichein vor dem Kernkraftwerk Philippsburg am Sonntag. Damit wird eines der modernsten Kernkraftwerke zum Jahresende abgeschaltet. Es könnte technisch gesehen noch viele Jahre zuverlässig Strom liefern. Laut Polizei feierten rund 180 Kernkraftgegner eine «Abschaltparty». Sie sprachen von einem «historischen Moment» und verkündeten stolz: Baden sei nun frei von Atomkraft. Dass der Strom künftig teilweise aus den nur ein paar Kilometer entfernten französischen Kernkraftwerken jenseits des Rheins kommt, scheinen sie nicht zu bemerken. Der BUND lobte den «Erfolg für den jahrelangen Kampf gegen die gefährliche Atomkraft».

Politischer Blindflug
Aus für Philippsburg - Ausstieg und Sicherheit der Stromversorgung
Zu einer Protestaktion gegen die Abschaltung hatten der Verein Nuklearia, der sich in Deutschland für die Kernenergie einsetzt, und die polnische Umweltorganisation FOTA4Climate für den Nachmittag aufgerufen. Sie erklärten, der Ausstieg sei ein großer Fehler und argumentieren vor allem mit der günstigen CO2-Bilanz des Atomstroms. Physiker Björn Peters vom Verein Nuklearia: »Wir fordern die Bundesregierung auf, den Atomausstieg zu stoppen und mit einer Bestandsgarantie für mindestens 20 Jahre die Laufzeit verlängern.« Simeon Preuß, 38-jähriger Physiklehrer, ebenfalls vom Verein Nuklearia:

»Kernkraft steht für gewaltige Mengen CO2-armen Stroms. Mit jedem Kernkraftwerk, das wegen des Atomausstiegs stillgelegt wird, gehen rund 1.400 Megawatt wetterunabhängige elektrische Leistung verloren. Jede Schließung eines Kernreaktors ist so, als ob wir 2.800 Durchschnittswindräder oder rund 14.000 Fußballfelder voller Solarmodule verschrotteten. Der Atomausstieg ist für den Klimaschutz ein reines Nullsummenspiel. Die sieben jetzt noch laufenden AKWs könnten bis Ende 2022 zwei Drittel der Braunkohlekraftwerke in Rente schicken. Dadurch könnte Deutschland quasi sofort ca. 56 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich einsparen – jedes Jahr.

Allein die Schließung von Philippsburg 2 erhöht den CO2-Ausstoß wie zusätzliche 2,6 Millionen PKW auf unseren Straßen«, rechnet Preuß vor und ergänzt: »Wir müssen endlich anfangen, in relevanten Größenordnungen denken. Fahrradfahren, Energiesparen, Tempolimit – alles schön und gut, aber leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn wir wirklich große Mengen CO2 einsparen wollen, dann müssen wir den Atomausstieg rückgängig machen.«

1.400 Megawatt an elektrischer Leistung fehlen jetzt im Südwesten. Das sind 1,903.000 PS.

Experten rechnen eher mit einem »Brownout« statt mit einem vollständigen »Blackout«. Denn die Übertragungsnetzbetreiber haben mit großen Stromverbrauchern Vereinbarungen getroffen, dass die bei Strommangel abgeschaltet werden dürfen. So soll das Netz entlastet werden. Aluminiumschmelzen oder Glashütten zum Beispiel mit ihrem sehr hohen Energieverbrauch können vom Netz kurzerhand abgeschaltet werden. Für diese Pufferrolle erhalten sie zwar eine Vergütung, doch sie müssen ihre Produktion herunterfahren. Das erinnert immer mehr an die Mangelverwaltung des Stroms in der verflossenen DDR. Effektive Produktion geht anders.

Die Beschäftigten in der Aluminiumindustrie äußerten bereits im vergangenen Sommer ihre zunehmende Unruhe über die mangelnde Versorgungssicherheit mit elektrischer Energie. Doch die einzige Antwort aus der Politik: die fehlende Energie in Deutschland werde von »europäischen Partnern« kommen.

Genau dieselben Sprüche kommen von der grünschwarzen Landesregierung in Stuttgart, die mit dem Hinweis auf »Europa« den künstlich herbeigeführten Strommangel im Südwesten kleinreden will.

Dafür ist Deutschland in dieser Kategorie »führend« und hat sogar Dänemark überholt: bei den Strompreisen. Die sind europaweit in Deutschland am höchsten. Nirgendwo sonst bezahlen Millionen von Haushalten mehr für ihren Strom als hierzulande. 2020 steigen sie um durchschnittlichen weitere 6 Prozent.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 108 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

108 Kommentare auf "„Abschaltparty“: Philippsburg geht vom Netz"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Das Bild ganz oben: „Abschaltparty Kernkraftwerk“ kann man auch als

„Abschaltparty Deutschland“ verstehen und wäre ebenso für manch anderen Beitrag

hier als Einleitung zutreffend, wenn man sieht wie sie ihre Sackgassenpolitik oft

bewundern und beklatschen.

Die neue Strategie paßt in Bild. BlackOutvermeidung durch Stromabschaltungen bei der Industrie, um die Wähler nicht zu erschrecken. Vor einem Jahr wurde bei Tichy berichtet, dass es im November und Dezember über 70 Versorgungseingriffe bei der Industrie gegeben hat. Das werden nun also noch viel mehr. Warum machen die Eigentümer da mit? Die Kompensation muss wohl sehr gut ausfallen. Und die Aluminiumwerke fahren längst auf Verschleiß. Es gibt also ein echtes Interesse die Industrie aus dem Land zu vertreiben. Wegen dem Klimawandel? Wachet auf!

Mein Seher hat mir gerade erklärt, dass der grüne Haushalt aus hybriden Energiequellen gespeist werden, mit Diesel-Gas-Combo-Dynamo im Garten. Damit werden Schwankungen INTELLIGENT abgefangen. Man setzt auf moderne, innovative Lösungen. Nur die abgehängten Ewiggestrigen haben die Zukunft natürlich verschlafen.

Schluss mit der Angst hier! Ich kann euch allen versichern, dass der Tatort auch ohne Stromnetzspeichergrundsicherung noch laufen wird und wenn die Grünen dafür einen zweckgebundenen Dieselaggregator vor jede Haustür stellen müssen!

Bei allem Verständnis für den Rettungsversuch: die Kernkraft-Strategen sind mit ihrem CO2-Argument natürlich genauso schlecht beraten wie die Autoindustrie, die der Elektro-Mobilität erst passiv verweigernd aus dem Weg ging und jetzt auf den Knien herumrutschend hinterherkriecht. Im selbstverwalteten Irrenhaus punktet man bei den Irren nur durch gnadenloses Mitheulen und nicht durch Argumente. Ändern wird sich erst dann etwas, wenn sich endlich wieder Ärzte die Kittel anziehen und Medikamente verordnen. Industrievertreter und ihre Organisationen könnten am ehesten einen Beitrag zur Wiederherstellung der Herrschaft von Recht und Vernunft leisten, wenn sie bitte schließlich erkennen, dass man Durchgeknallten und Skrupellosen nicht mit Argumenten,… Mehr

Danke, Monsieur Macron.

In Zukunft werden wir also noch mehr Geld für die Energie bezahlen müssen, dabei uns aber gleichzeitig mit Stromausfällen bis hin zu einem Blackout „anfreunden“müssen, es ist nicht zu fassen. Einerseits scheint Dummheit das Sagen zu haben und andererseits ist es die Ablenkung von anderen gravierenden Problemen wie der Migrationspolitik und – nicht zu vergessen – das Milliardengeschäft mit der Energie-und Klimapolitik, das sich keiner der Verantwortlichen entgehen lassen will. Im Übrigen ist das Eingeständnis von Fehlern nicht die Sache der deutschen Politelite und ihrer treuen Medien, das Ganze wird durchgezogen bis zum bitteren Ende, alle Vorkehrungen sind getroffen, von… Mehr
Es war einmal, das Land der Tüftler und Denker. Es gab im Nachkriegs-Deutschland auch einmal Zeiten, in welchen die Regierenden (noch) wussten worauf es ankommt, um einen Industriestaat wie „D“ erfolgreich zu machen und nach dem vernichtenden Ausgang von WW2 wieder an die Weltspitze zu manövrieren. Das Rezept und die Zutatenliste waren recht übersichtlich: Investitionen in Bildung (Ingeniuers- und Hochschulen), Forschungsförderung, Industrie- und Mittelstandsförderung, Pflege einer Hochfinanz zur Finanzierung von Großinvestitionen (z.B. Deutsche Bank). Die Folge: Ein gelingender Wiederaufbau von „D“ mit der Folge der Entwicklung von absoluten Spitzenprodukten für Konsum, wie auch Infrastruktur und weltweiten Export. Beispiele: UKW-Rundfunk, PAL-System… Mehr

Haben Sie mal etwas mehr Vertrauen in die Vernunft dieser Menschen. Übergeben Sie denen alle Schlüssel für die Tagebaue, Kohle-, und Atomkraftwerke. Aber ganz sicher bin ich mir leider auch nicht, dass da nichts passiert.

Haben die guten Leutchen denn auch nach der Party brav den Strom bei sich zu Hause abgeschaltet? – Nein????
Diese Umwelt…!!!!!