Vielleicht verspüren insbesondere wir Deutschen aufgrund der Strapazen der vergangenen Jahrzehnte eine gewisse Müdigkeit und die Sehnsucht nach Ruhe. Wenn es sein muss, auch auf Kosten der Freiheit.
imago images / ITAR-TASS
Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts reiste ich durch die Staaten des Baltikums. Kreuz und quer durch Litauen, Lettland und Estland. Alles Staaten im Umbruch mit neuen demokratischen Strukturen auf dem mühseligen Weg zur Marktwirtschaft mit einem, im Vergleich zum satten Westen Europas, unvergleichlichen Optimismus, hoher Leistungsbereitschaft und beeindruckender Neugier auf die Welt von Morgen.
Mittlerweile ist die Geschichte schon weitergegangen: Russland hat zwei große Provinzen des mit dem Zerfall der Sowjetunion auch unabhängig gewordenen Georgien-Abchasien und Südossetien einfach besetzt und zu einem Teil Russlands erklärt. Westliche Protestnoten und der bloße Wille eine Verständigung zu erreichen sind ergebnislos geblieben.
2014 kam dann die Insel Krim an die Reihe: Mit Gewalt zurück zu Mütterchen Russland. Die rohstoffreiche Ostukraine folgte auf dem Fuß. Wieder gab es Proteste, ja sogar Sanktionen. Bewirkt haben auch diese nichts. Wenn man sich an die Worte des neuen Zaren, Wladimir Putin erinnert, dass für ihn die Auflösung der Sowjetunion die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen sei, folgt das russische Vorgehen einer klaren Logik – scheibchenweise Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Zumindest die andauernde Hochrüstung lässt nichts Gutes ahnen. Entsprechend beunruhigend sind die baltischen Staaten, aber auch Polen. Alles Länder, die in ihrer Geschichte grausame Erfahrungen mit beiden Nachbarn im Osten wie im Westen gemacht haben.
Nun wiederholt sich die Geschichte wirklich nicht eins zu eins. Eroberungen in der „näheren Nachbarschaft“ nicht eingeschlossen, plant Moskau heute keine Eroberungsfeldzüge Richtung Deutschland und Frankreich. Es reicht schon die Zerrüttung des Europäischen Verhältnisses zu den USA und die eigene nukleare Dominanz über den Rest Europas. Souveräne Staaten im vollwertigen Sinne werden die Länder westlich des neuen „groß Russlands“ aber nicht mehr sein.
Vielleicht verspüren insbesondere wir Deutschen aufgrund der Strapazen der vergangenen Jahrzehnte eine gewisse Müdigkeit und die Sehnsucht nach Ruhe. Wenn es sein muss, auch auf Kosten der Freiheit.




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