Jan Böhmermann empfängt Wolodymyr Selenskyj im ZDF. Es gibt Schmeicheleien, Trump-Bashing und Musk-Schelte. Für unbequeme Fragen wie zu Wahlen in der Ukraine, zu Korruptionsfällen sowie zu Deutschlands Milliardenhilfen war da wohl leider einfach keine Zeit mehr.
Screenprint: ZDF
Böhmermann, den sich die dysfunktionalen Eliten Deutschlands als Wadenbeißer halten, der Opposition und Kritiker angreift, der Häme mit Humor und Kakophonie mit Kabarett verwechselt und dem Freiheit, Anstand und Niveau ein Gräuel zu sein scheinen, hat jüngst den Präsidenten der Ukraine zum launigen Gespräch im ZDF geladen. Denn, so könnte man auf Böhmermann-Niveau formulieren, lachen doch beide über die Deutschen. Was waren das noch für Zeiten, als das Publikum noch über die Clowns lachte und nicht wie jetzt die Clowns über das Publikum lachen.
Der Begriff „Clown“ wird nicht von uns im Zusammenhang mit Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj benutzt, sondern hier wird Böhmermann zitiert, der sein Gespräch mit dem mutmaßlichen Kollegen aus Kiew, das am Freitag in ZDF Royale ausgestrahlt wurde, so begann:
„Ich bin ein Clown. Ich habe im Fernsehen so lange versucht, Leute zum Lachen zu bringen und Blödsinn zu machen. Wir haben das beide gemacht.“
Über die Handvoll von Leuten, die Böhmermann zum Lachen bringt, darf man nicht spotten, das gehört sich nicht. Man muss sie, das gebietet die Menschlichkeit, gehörig bemitleiden. Unter Kabarettisten und Satirikern – auch unter Clowns – würde wohl niemand Böhmermann als Clown sehen, aber es gibt ja kaum noch Kabarettisten und Satiriker und kaum noch Clowns. Das Handwerk ist verödet.
Dafür zielen zahllose „Comedians“ – gern im öffentlich finanzierten, rotgrünen Fernsehen – auf unterste Atavismen, um die Leere des Denkens zu füllen und die schrecklich viele Zeit irgendwie mit Schlagworten totzuschlagen. Es ist die große Langeweile, wie Georg Büchner sie so genial und wirklich satirisch in „Leonce und Lena“ gestaltet hatte, die Leute zu Böhmermann treibt, in der Hoffnung, sich die Langeweile mit einem Quäntchen Häme zu vertreiben. Sie sind weiß Gott nicht anspruchsvoll. Böhmermann kann das leisten.
Was Selenskyj nun bewog, zu Böhmermann zu gehen, wollen wir hier nicht ergründen. Vielleicht floh der ehemalige Star von „Diener des Volkes“ auch zu Böhmermann, weil das die einzige Sendung ist, in die ihn der lange Friedrich trotz unermüdbarer Anhänglichkeit nicht begleiten würde, der sich, wenn er auf den wesentlich kürzeren Präsidenten trifft, stets müht, seine Länge zu verbergen. Aber das misslingt ihm, denn die Rührung, die Merz beim Treffen mit Selenskyj jedenfalls heimsucht, braucht Merzens ganze Länge, um sich auszubreiten.
Böhmermann nun wollte nach Herzenslust von Kollege zu Kollege ratschen:
„Ich bin ein Clown. Ich habe im Fernsehen so lange versucht, Leute zum Lachen zu bringen und Blödsinn zu machen. Wir haben das beide gemacht. Sie sind auch Entertainer mal gewesen. Und jetzt sitzen wir hier und müssen über Krieg sprechen. Was zur Hölle ist passiert?“
Hübsche Anwanzerei. Selenskyj nimmt es stoisch hin, denn bei Böhmermann hat sich sein Publikum versammelt. Doch Böhmermann hat in all den Jahren, da er auf Kosten der Zwangsgebührenzahler unter anderem Propaganda für Selenskyj macht, nicht bemerkt, dass Selenskyj längst das Rollenfach gewechselt hat.
Hatte Selenskyj als „Diener des Volkes“ begonnen, ist nun das Volk sein Diener. Deshalb belehrt Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj seinen Diener Böhmermann freundlich, aber kühl: „Der Krieg hat angefangen. Wir sprechen jetzt von ernsten Sachen.“ Dann hielt Selenskyj einen kleinen Vortrag, wie sich die Geschichte der Ukraine seit 2014 zugetragen haben soll, die schrittweise Besetzung des Landes. Und wäre Selenskyj noch ein Satiriker, dann hätte er jetzt Böhmermann den Kommentar vorgespielt, den Georg Restle am 20.01.2015 in den Tagesthemen durchzusarkasmen versuchte:
„Dass das europäische Parlament der ukrainischen Regierung ausgerechnet jetzt seine uneingeschränkte Solidarität ausspricht, macht wenig Hoffnung … Nein, die Ukraine braucht jetzt sicher keine uneingeschränkte Solidarität. Sie braucht kritische Partner, Partner, die die jüngsten Berichte der OSZE ernst nehmen, wonach beide Seiten den Konflikt eskalieren lassen …“
Doch Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj ist kein Satiriker mehr, kein „Clown“, wie Böhmermann eingangs mit seiner doch etwas sehr schmierigen Einleitung, mit der man tausend Kugellager hätte einölen oder einfetten können, unterstellte.
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj ist jetzt ein Staatsmann und erklärt seinem Böhmermann:
„Die Menschen sind frei und wählen ihren eigenen Lebensweg. Und diese Lebensordnung ist sehr schön. Deswegen wollte die Ukraine auch immer in die Europäische Union. Deswegen möchte die Ukraine auch diese Wahl haben.“
Jetzt hätte Böhmermann fragen können, wann denn in der Ukraine wieder eine Präsidentenwahl stattfindet, schließlich ereignete sich die letzte Präsidentschaftswahl am 31. März 2019. Doch Böhmermann spricht lieber über die Midterms, die Wahlen in den USA. Das ist für Böhmermann ein außerordentlich erfreuliches Thema, für Selenskyj auch, nur dass der seine Freude staatsmännisch zügelt, er könnte ja doch den einen oder anderen Republikaner, der ihm wohlgesonnen ist, verärgern. Und da man schon einmal bei Trump war, ist Musk nicht weit. Der hilft zwar mit seinem SpaceX der Ukraine, aber nicht so devot wie Friedrich Merz mit dem Geld seiner Untertanen. Was ihn an Musk stört, ist, dass der noch eine eigene Meinung besitzt. Deshalb stellt er eine Gefahr dar:
„Aber wir müssen da ganz klar sein: Natürlich gefällt uns seine Haltung zu diesem Krieg nicht.“
Und: „Der Einfluss von Elon Musk – was er in seinen Botschaften ausspricht, was er darüber denkt, wie Europa leben soll, wer in Deutschland die führende Rolle spielen soll, wer in der Ukraine an der Macht sein soll – das sind nicht nur Worte.“
Selenskyj, der seit 2019 im Amt ist und wohl, solange der Krieg noch dauert, im Amt ohne Wahl bleiben wird, scheint die Möglichkeit zu missfallen, dass in freien Wahlen andere vom Volk gewählt werden könnten, die nicht bereitwillig die Bürger verschulden, damit der Präsident der Ukraine nicht ohne weitere Millionen oder Milliarden – je nachdem – nach Kiew zurückkehrt.
Hier hätte Böhmermann etwas versuchen können, was er so gar nicht kann, wie er auch Satire nicht kann, nämlich informieren. Es steht nämlich zu befürchten, dass die EU bei den gemeinsamen Schulden für die Ukraine-Hilfe bald die 200-Milliarden-Euro-Grenze überschreitet. Da reden wir nicht über bilateral bereitgestellte Hilfen, bspw. aus Deutschland seit 2022 fast 100 Milliarden Euro. Zu den bisher allein aus Brüssel überwiesenen 166 Milliarden sollen zusätzlich weitere 40 Milliarden Euro kommen, wie Welt am Sonntag berechnet hat. Was die Schulden der EU betrifft, haften anteilmäßig die Mitgliedstaaten, jedenfalls so lange sie haften können, was heißt, dass Deutschland einen Teil des französischen Anteils übernehmen darf, wenn Frankreich einen Staatsbankrott vorzieht.
Böhmermanns Gast ist also ein teurer Gast, der stündlich teurer wird, der allmählich zu teuer wird für unser Land. Aber das ist Böhmermann auch. Der Clown, der nicht die Menschen zum Lachen bringt, sondern der über Menschen lacht – und das könnten die beiden im ZDF Royale gemeinsam haben, dass sie über die Deutschen lachen.
Zum Schluss fragte Böhmermann, ob Selenskyj beruflich wieder als Comedian und Fernsehsatiriker arbeiten wird. Was für eine Frage! Als ob Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj das dann noch nötig hätte, wenn er einmal nicht mehr Präsident sein sollte.


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