Steigende Zinsen machen aus der Kreditaufnahme einen Sprengsatz, der Staaten zu zerreißen droht. Die Regierung von Merz und Klingbeil folgt dem Vorbild Frankreichs: Sonderschulden werden zum Normalfall.
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Am Mittwoch entschied die die US-Notenbank unter ihrem neuen Präsidenten Kevin Warsh, was alle Marktbeobachter erwartet hatten: sie hob den Leitzins zum ersten Mal seit 2023 an. Er steigt um 25 Basispunkte auf eine Bandbreite zwischen 3,75 und vier Prozent. Zum Jahresende dürfte eine zweite Steigerung um einen Viertelprozent-Punkt dazukommen. In der vergangenen Woche beschritt schon die EZB die Zinstreppe nach oben – hier ging es von 2,25 auf 2,50 Prozent aufwärts. Beide Zentralbanken versuchen damit, die Inflation zumindest zu dämpfen. Die Zeit des extrem billigen Geldes liegt inzwischen weit zurück. Null-Zinsen, wie sie lange um Euroraum herrschten? Auf lange Sicht unvorstellbar. Dass Geld wieder mehr Geld kostet (und umgekehrt mehr Zinsen bringt), mag Sparer erst einmal beruhigen, die um die Stabilität ihrer Währung fürchten. Zum großen Bild gehört allerdings eine Entwicklung, die nicht nur Politiker, sondern auch viele Bürger lieber verdrängen: Die weltweite Schuldenparty geht ungebrochen weiter – jetzt eben mit höheren Zinsen. Die Regierungen aller großen Industrieländer verschaffen sich gewohnheitsmäßig Spielraum durch eine stetige Zufuhr neuer Milliarden auf Kredit. Die Verschuldungskurve geht sogar noch steiler nach oben als zu den Zeiten, als die Zinsen noch bei null standen wie lange im Euroraum oder nur knapp darüber wie in den Vereinigten Staaten. Wenn Schulden- und Zinskurve gleichermaßen nach oben zeigen, dann bedeutet das: der Anteil des Schuldendienstes am Staatshaushalt bläht sich gefährlich auf. Die Finanzminister geben einen immer höheren Prozentsatz ihrer Einnahmen für die Zinszahlung aus. Um die restlichen Ausgaben zumindest auf gleichem Niveau zu halten oder sogar noch zu steigern, bleiben nur zwei Wege: höhere Steuern, noch mehr Schulden, im schlechtesten Fall beides. Diese Dynamik droht Regierungen und ganze Staaten regelrecht zu erwürgen, in Europa allen voran Frankreich. Dort beträgt die Verschuldung mittlerweile 118 Prozent der Wirtschaftsleistung, 2028 erreicht sie mindestens 121 Prozent. Vor gerade einmal zwanzig Jahren, 2006, lag sie noch bei moderaten 65,4 Prozent. Das hielt damals jeder für beherrschbar.
Das Beispiel Frankreich zeigt, wie die Kosten für den Schuldenrausch bei steigenden Zinsen explodieren: Im Jahr 2024 zahlte das Land noch 58 Milliarden Euro an Zinsen, 2026 verschlingt der Schuldendienst schon satte 74 Milliarden. Der EZB-Leitzins stellt für den Finanzminister in Paris nur eine Grundlage dar. Denn Frankreich muss, um seine Geldgeber bei Laune zu halten, noch einen beträchtlichen Risikoaufschlag bieten. Die Zinsen für einen französischen 10-Jahres-Bond liegen deshalb bei 3,9 Prozent. Und auch diese länderspezifischen Zinsen dürften zulegen, je wackliger sich die fiskalische und politische Lage gestaltet.
Vor kurzem ging ein leichtes Beben durch die Finanzwelt: die Schulden der Vereinigten Staaten überschritten erstmals die magische Marke von 40 Billionen Dollar. Das bedeutet: die US-Schulden wachsen derzeit um 7 Milliarden Dollar – pro Tag. Hier gilt wie in Frankreich und Japan: eine Trendwende ist unmöglich, eine noch steilere Schuldenkurve dagegen sehr wahrscheinlich.
Was bedeutet die Kombination von steigenden Zinsen, steigenden Schulden und explodierendem Schuldendienst für Deutschland? Grundsätzlich das gleiche wie in anderen Ländern. Für die Bundesrepublik kommt allerdings noch ein Problem dazu, das die Krise in den kommenden Jahren ganz wesentlich verschärfen dürfte: Obwohl der Staat Geld ausgibt wie noch nie, bleibt das Wachstum schwächlich – und vor allem davon abhängig, dass das Geld aus der Staatskasse weiter fließt wie bisher. Zunächst ein Blick auf die deutschen Zahlen: Trotz der 500 Milliarden Euro Sonderschulden, die Gewissermaßen zur Eröffnungsbilanz der Regierung Merz/Klingbeil zählen, plant der Finanzminister von 2026 bis 2030 noch einmal 972 Milliarden Euro neue Schulden ein. Das bedeutet: diese Bundesregierung nimmt insgesamt so viel Kredit auf wie alle anderen Bundesregierungen vor ihr. Was das unter den Verhältnissen steigender Zinsausgaben bedeutet, lässt sich an der Steuer-Zins-Quote ablesen, die angibt, welcher Anteil der Steuereinnahmen in den Schuldendienst fließt. Diese Quote lag 2025 noch bei 7,7 Prozent. Im Jahr 2030 erreicht sie nach Berechnungen des IW Köln 18,1 Prozent. Fast jeder fünfte Steuer-Euro geht dann also in Tilgung und Zinsen. Die reine Zinslast liegt 2030 bei 81 Milliarden Euro im Jahr.
Deutschland, heißt es bei den Verteidigern dieses politischen Wirtschaftens auf Pump, sei ja im Vergleich zu anderen Industriestaaten noch immer moderat verschuldet. Die explizite Schuldenrate – also ohne die Rentenansprüche – beträgt derzeit 65,2 Prozent der wirtschaftlichen Gesamtleistung – und damit viel weniger als die Raten von Frankreich, Italien, der USA und Japan. Die Quote entspricht allerdings auch fast exakt der französischen vor 20 Jahren. Deutschland befindet sich spätestens seit Merz auf dem gleichen Schuldenkurs wie der Nachbar links des Rheins. Die Schuldenlast sagt noch nicht alles über die Lage in Deutschland. Dazu gehören noch einige andere Zahlen. Trotz der Milliardenflut aus der Staatskasse sinkt nämlich die Investitionsquote im Kernhaushalt des Bundes – also ohne das „Sondervermögen“ zwischen 2026 und 2030 von 9,3 auf 7,7 Prozent. Die Sonderschulden fließen eben genauso wie Klingbeils Beinahe-Billion von 2026 bis 2030 nicht überwiegend in Infrastruktur-Investitionen, sondern versickern in allen möglichen Bereichen. Eine Schuldenaufnahme in dieser gewaltigen Dimensionließe sich aber nur rechtfertigen, wenn damit auch ein außergewöhnliches Wirtschaftswachstum gezündet würde. Davon kann keine Rede sein. Verschiedene Institute hatten vor Kurzem ihre Prognosen für 2026 angehoben – aber sie pendeln gerade zwischen 1,2 und 1,4 Prozent. Darin steckt auch der Effekt der Verteidigungsausgaben. Die schlagen sich volkswirtschaftlich nieder, erzeugen aber kein organisches Wachstum. Die Industrieproduktion lag im Juli um 1,6 Prozent niedriger als im Vorjahresmonat, die Zahl der Insolvenzen bewegt sich weiter auf hohem Niveau. Dazu kommt eine ungebrochene Abwanderung von Unternehmen. Jüngstes Beispiel: das britische Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline will seinen Dresdner Produktionsstandort nach Kanada verlegen – wegen der hohen deutschen Energiekosten.
Es lässt sich also absehen, wie es in der Bundesrepublik weitergeht – und zwar unabhängig davon, wer die nächste Bundesregierung stellt. Wenn schon Billionen Euro nur ein Wachstumsflämmchen hervorbringen, lautet die Argumentation der nächsten Jahre: dann dürfen die Staatsausgaben keinesfalls sinken, denn sonst würde es noch schlimmer. Der Begriff „Sondervermögen“ führt nicht nur in die Irre, weil es sich eben nicht um Vermögen handelt, sondern auch, weil er suggeriert, es ginge um eine vorübergehende Maßnahme. Stattdessen geschieht das Gleiche wie in den USA und Frankreich: Schulden ziehen noch größere Schulden nach sich, jeder Prozentpunkt der Zinsen treibt die Dynamik weiter voran. Ohne eine gewisse Zinshöhe würden die Staaten das Vertrauen des Geldmarkts verlieren. Der große Unterschied zwischen den extrem verschuldeten USA und Deutschland liegt zum einen darin, dass die Vereinigten Staaten zwar kein großes Wirtschaftswachstum aufweisen, aber mit etwa zwei bis 2,5 Prozent in diesem Jahr immerhin etwas mehr als die Bundessrepublik. Und zweitens, dass sich die USA in der weltweiten Reservewährung Nummer eins verschulden können. Diese Möglichkeit fehlt den Europäern generell.
Viele Ökonomen fragen sich mittlerweile, wie lange die globale Turboverschuldung noch gut geht. Eins steht jedenfalls fest: es handelt sich um ein System, das sich selbst beschleunigt, ähnlich wie eine Lawine. Wie eine Lawine lässt sie sich nicht aufhalten. Die Entwicklung reißt Deutschland, das sich lange Ausnahme betrachtete, gnadenlos mit sich. Das bleibt von Friedrich Merz‘ Kanzlerschaft: mit ihm kam die Bundesrepublik in den großen Club der Länder, die auf dem Vulkan tanzen.


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