Unbekannte greifen bei Jänschwalde einen zentralen Knotenpunkt des Stromnetzes an. Mehrere Leitungen werden beschädigt, weitere Sprengvorrichtungen müssen entschärft werden. Nach den Anschlägen der vergangenen Jahre bekommt die Verwundbarkeit der deutschen Energieversorgung eine neue Dimension.
picture alliance/dpa | Frank Hammerschmidt
Von einem „sicherheitsrelevanten Vorfall“ werden Netzbetreiber wahrscheinlich noch sprechen, wenn der erste Strommast bereits in der Landschaft liegt. Was am Umspannwerk Turnow-Preilack nahe dem brandenburgischen Kraftwerk Jänschwalde entdeckt wurde, lässt sich erheblich kürzer beschreiben: Jemand hat mit Sprengstoff bestückte Raketen auf das deutsche Stromnetz geschossen.
Die Polizei rückte am Dienstag zunächst wegen einer möglichen Sachbeschädigung an einer Leitung an. Vor Ort fanden die Einsatzkräfte mehrere sogenannte unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen. Spezialisten mussten sie entschärfen, das Landeskriminalamt übernahm die Ermittlungen. Nach Informationen der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ handelte es sich um mutmaßlich selbstgebaute Vorrichtungen, mit denen sprengstoffbestückte Raketen abgefeuert werden konnten.
Die MAZ berichtet aus Sicherheits- und Unternehmenskreisen, dass das Umspannwerk mehrfach getroffen worden sei. Das mutmaßliche Ziel: ein großflächiger Stromausfall. Der blieb glücklicherweise aus. Weitere Einzelheiten hat die Polizei bislang nicht vollständig bestätigt.
Netzbetreiber 50Hertz bestätigt allerdings Beschädigungen an mehreren Leitungen seines Übertragungsnetzes. Eine Leitung fiel kurzzeitig aus. Inzwischen seien sämtliche Verbindungen wieder in Betrieb, die allgemeine Stromversorgung sei nicht beeinträchtigt. Der Kraftwerksbetreiber Leag meldete keine Verletzten.
Damit ist auch ohne Spekulation über Täter und Motiv klar, worauf hier gezielt wurde. Das Umspannwerk Preilack verteilt den in Jänschwalde erzeugten Strom regional und überregional und bindet die Anlage an das 380-Kilovolt-Netz von 50Hertz an. Wer dort Leitungen mit Sprengsätzen angreift, beschädigt keinen beliebigen Industriezaun. Er trifft einen Knoten der Energieversorgung.
Vom Brandsatz zur Sprengstoff-Rakete
Die Methode verdient besondere Aufmerksamkeit. Anschläge auf die kritische Infrastruktur, auf Strommasten, Kabel und Schaltanlagen gehören inzwischen zur deutschen maroden Sicherheitsrealität. Mit Sprengstoff versehene Flugkörper gegen ein Umspannwerk markieren noch einmal eine andere technische Qualität. Die Täter müssen Vorrichtungen gebaut, zum Ziel gebracht und wenigstens teilweise erfolgreich eingesetzt haben. Weitere Exemplare lagen offenbar noch am Tatort.
Wer dahintersteht, ist derzeit offen. Es gibt bislang kein bekanntes Bekennerschreiben und keine belastbare politische Zuordnung. Gerade deshalb verbietet sich die reflexhafte Suche nach einem passenden Lager. Die Vorgeschichte der Region und die Entwicklung der vergangenen Jahre gehören trotzdem zur Lagebeschreibung.
Brandenburg hat bereits erlebt, wie wenig Aufwand nötig sein muss, um beträchtliche Teile einer modernen Wirtschaft lahmzulegen. Im März 2024 setzte eine linksextremistische „Vulkangruppe“ einen Hochspannungsmast bei Grünheide in Brand. Die Tesla-Fabrik verlor ihre Stromversorgung, umliegende Haushalte und eine Klinik waren ebenfalls betroffen. Allein Tesla bezifferte seinen Schaden auf mehrere hundert Millionen Euro. Der Verfassungsschutz stellte später ausdrücklich fest, dass die Täter erhebliche Folgen für Unbeteiligte billigend in Kauf genommen hatten.
Im September 2025 traf ein weiterer Brandanschlag das Berliner Stromnetz. Anfang Januar 2026 folgte der nächste schwere Angriff von Linksterroristen in Berlin-Lichterfelde. Rund 45.000 Haushalte sowie etwa 2.200 Gewerbekunden verloren dort ihre Versorgung; die vollständige Wiederherstellung dauerte ungefähr 100 Stunden. Zu dem Anschlag bekannte sich erneut eine „Vulkangruppe“. Der Brandenburger Verfassungsschutz ordnet diese Strukturen dem autonomen-anarchistischen Spektrum zu.
Schon nach dem Tesla-Anschlag hatte Brandenburgs damaliger Innenminister Michael Stübgen auf die Vielzahl ungeschützter neuralgischer Punkte hingewiesen. Polizei könne diese Anlagen nicht flächendeckend bewachen; Betreiber müssten unter anderem mit besseren Sicherungen und Ersatzsystemen vorsorgen. Das war im März 2024.


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