Postcode-Lotterie: Laschet und Leutheusser-Schnarrenberger entscheiden über Millionen für NGOs

Die Deutsche Postcode-Lotterie verteilt jährlich Millionen an linke NGOs. Im entscheidenden Beirat sitzen Armin Laschet von der CDU und die frühere FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

IMAGO / Michael Gstettenbauer

HateAid, Sea-Watch, Greenpeace oder die Deutsche Umwelthilfe verfügen über einen gemeinsamen Geldgeber, dessen Name in der öffentlichen Debatte über die Finanzierung politisch aktiver NGOs erstaunlich selten fällt: die Deutsche Postcode-Lotterie. Die staatlich genehmigte Soziallotterie gehört zu einem internationalen Lotteriekonzern, der seit 1989 nach eigenen Angaben mehr als 15 Milliarden Euro an Organisationen und Projekte ausgeschüttet hat. Hinter dem System steht der niederländische Medienunternehmer Boudewijn Poelmann.

Poelmann hatte zuvor unter anderem das Fundraising für den niederländischen Zweig von Oxfam übernommen. 1983 entwickelte er das Konzept einer Lotterie, die Glücksspiel mit der dauerhaften Finanzierung gemeinnütziger Organisationen verbindet. Dafür entstand die Novamedia Foundation in Amsterdam. Sie ist alleinige Eigentümerin der Postcode Lottery Group. Das Modell wurde von den Niederlanden nach Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Schweden und Kanada ausgeweitet. Poelmanns Vermögen wird auf rund 84 Millionen Euro geschätzt.

Die Dimensionen, die die Initiative „Transparente Demokratie“ in ihrer exklusiven Recherche aufdeckt, sind beträchtlich. In Deutschland erzielte die Postcode-Lotterie 2025 einen Umsatz von 302 Millionen Euro. Knapp ein Drittel der Einnahmen wird als Gewinne an die Teilnehmer ausgeschüttet. 30 Prozent gehen an gemeinnützige Organisationen. Damit standen im vergangenen Jahr rund 100 Millionen Euro für Förderungen zur Verfügung. Weltweit zählt das System 14 bis 15 Millionen Teilnehmer beziehungsweise aktive Lose, davon rund eine Million in Deutschland. Ein deutsches Los kostet 12,50 Euro und wird ausschließlich im Abonnement verkauft.

Die Werbung verkauft das Geschäft unter dem sympathischen Versprechen, Glücksspiel und gute Taten miteinander zu verbinden. Zu den deutschen Botschaftern gehören Kai Pflaume, Katarina Witt, Michael Patrick Kelly, Toni Kroos und Peter Maffay. International werben Prominente wie Bill Clinton, George Clooney, Emma Thompson, Rafael Nadal und Roger Federer für die Lotterien. Auch Freilichtmuseen und Nachbarschaftsprojekte dienen als freundliche Schaufenster des Fördermodells.

Die Postcode-Lotterie unterscheidet sich dabei von etablierten deutschen Soziallotterien. Aktion Mensch und Deutsche Fernsehlotterie konzentrieren ihre Förderung weitgehend auf soziale Zwecke. Die Glücksspirale arbeitet ebenfalls mit fest umrissenen gemeinnützigen Bereichen. Die Deutsche Postcode-Lotterie finanziert ausdrücklich große Umweltverbände und politisch tätige NGOs. Über deren Auswahl entscheiden eigene Fördergremien.

Vom Mauersegler bis zur politischen Kampagnenorganisation

Ein gemeinnütziger Verein kann bei der Lotterie einen Förderantrag stellen. Voraussetzung ist regelmäßig eine Mischfinanzierung. Weitere Gelder müssen von Stiftungen, Spendern oder staatlichen Stellen kommen. Die Projekte sollen unter anderem Chancengleichheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt oder Umwelt- und Naturschutz fördern.

Darunter finden sich unverdächtige Projekte. Müll wird aus dem Rhein geholt, Bäche werden gepflegt, bedrohte Tiere geschützt. Die gewöhnlichen Förderbeträge liegen dabei häufig im vier- oder fünfstelligen Bereich.

Eine ganz andere Liga bilden die sogenannten „Postcode Partner“. Aktuell führt die Lotterie 41 solcher Organisationen. Sie müssen keine einzelnen Projektanträge mehr stellen und erhalten über mindestens fünf Jahre eine institutionelle Förderung. Das Geld ist damit nicht an ein bestimmtes Einzelprojekt gebunden. Die Lotterie begründet diese privilegierte Stellung mit einem langfristigen Vertrauensverhältnis zu den betreffenden Organisationen. Hier wird es spannend.

In dieser Gruppe stehen einige der politisch einflussreichsten NGOs Deutschlands: HateAid, Sea-Watch, Amnesty International, die Deutsche Umwelthilfe und Greenpeace. Auch der WWF Deutschland sowie die Stiftung der früheren Grünen-Bundestagsabgeordneten Sarah Wiener gehören dazu.

Die Größenordnung zeigt, welche politische Infrastruktur hier finanziert wird. Greenpeace erhielt seit 2020 knapp zehn Millionen Euro. Beim WWF war es ebenfalls annähernd dieser Betrag. Sea-Watch kam auf knapp sieben Millionen Euro. An die Deutsche Umwelthilfe flossen rund 6,5 Millionen Euro. HateAid erhielt 2,8 Millionen Euro. Bei manchen Empfängern macht die Förderung mehr als zehn Prozent des gesamten Spendenaufkommens aus.

Das Geld ermöglicht damit Tätigkeiten, die weit in den politischen Raum hineinreichen. Von Postcode-Lotterien finanzierte Organisationen führen Klimaklagen und können kostspielige Verfahren über Jahre hinweg betreiben. Zu den Empfängern gehören zudem Amnesty International, Greenpeace, Human Rights Watch und das European Center for Constitutional and Human Rights. Einige dieser Organisationen werfen Israel Völkermord vor oder unterstützen Boykottforderungen gegen das Land. Die Lotterie organisiert darüber hinaus Netzwerktreffen ihrer Förderpartner, bei denen nach eigener Darstellung gemeinsame Strategien entwickelt werden.

Der Käufer zahlt 12,50 Euro für seine Gewinnchance. Ein Teil seines Einsatzes landet bei Organisationen, die mit Gerichtsverfahren auf Politik einwirken, öffentliche Kampagnen führen und staatliche Entscheidungen beeinflussen wollen.

Millionenvergabe mit CDU und FDP im Beirat

Wer dauerhaft in den Genuss dieser Finanzierung kommt, entscheidet bei der Deutschen Postcode-Lotterie ein sechsköpfiger Beirat. Das Gremium tagt zweimal jährlich. Es entscheidet über Fördermittel und darüber, welche Organisation den besonders lukrativen Status eines Postcode Partners erhält.

Dort sitzt Armin Laschet. Der CDU-Politiker war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Kanzlerkandidat der Union und CDU-Bundesvorsitzender. Neben ihm gehört Sabine Leutheusser-Schnarrenberger dem Gremium an. Die FDP-Politikerin war Bundesjustizministerin und führt heute den Vorsitz des Beirats. Ebenfalls Mitglied ist Peter Clever, früheres Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Leutheusser-Schnarrenberger folgte an der Spitze des Gremiums auf Rita Süssmuth. Die frühere CDU-Bundesministerin und Bundestagspräsidentin war bis zu ihrem Tod in diesem Jahr Ehrenpräsidentin der Deutschen Postcode-Lotterie.

Auch institutionell ist das Unternehmen bestens angeschlossen. Im aktuellen Lobbyregister des Deutschen Bundestages führt die Postcode Lotterie gGmbH den Wirtschaftsrat der CDU und das Wirtschaftsforum der SPD als Mitgliedschaften auf. Hinzu kommen inzwischen das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement und die Association of Charity Lotteries in Europe. Der Registereintrag weist für 2025 außerdem Aufwendungen von 10.001 bis 20.000 Euro für Interessenvertretung aus.

Der Eintrag verdeutlicht, dass die Lotterie selbst politische Interessenvertretung betreibt. Als Themen nennt sie unter anderem EU-Gesetzgebung, öffentliche Finanzen und Rechtspolitik. Auch „Politisches Leben, Parteien“ gehört zum Tätigkeitsfeld. Gespräche mit der Bundesregierung und Bundestagsabgeordneten zur politischen Gestaltung der Rahmenbedingungen gehören laut Lobbyregister zur Arbeit des Unternehmens.

Für die CDU wird der Vorgang besonders erklärungsbedürftig. Die Partei diskutiert seit Jahren über die politische Macht staatlich finanzierter NGOs. Ihre Politiker beklagen Kampagnen gegen die Union und sprechen über eine Überprüfung der öffentlichen NGO-Förderung. Einer ihrer bekanntesten Repräsentanten sitzt währenddessen in einem Gremium, das Organisationen wie HateAid oder der Deutschen Umwelthilfe den Zugang zu langfristigen Millionenzahlungen eröffnet.

Bei der FDP führt die Spur noch erheblich tiefer in jene NGO- und Stiftungslandschaft, über deren Finanzierung Leutheusser-Schnarrenberger bei der Postcode-Lotterie mitentscheidet. Die frühere Bundesjustizministerin gehört dem Beirat seit 2020 an und führt ihn inzwischen als Vorsitzende; das Gremium entscheidet mindestens zweimal jährlich über die Förderung von Projekten und Organisationen. Parallel sitzt Leutheusser-Schnarrenberger seit November 2024 im Stiftungsrat der Amadeu Antonio Stiftung, die sich mit Kampagnen, Petitionen und politischer Arbeit gegen Rechtsextremismus, „Hass“ und „Desinformation“ als gewichtiger Akteur der sogenannten Zivilgesellschaft versteht. Seit 2001 ist sie außerdem stellvertretende Vorsitzende der Theodor-Heuss-Stiftung. Diese zeichnete 2023 ausgerechnet HateAid und Correctiv mit der Theodor-Heuss-Medaille aus; Leutheusser-Schnarrenberger trat bei der Preisverleihung selbst als Laudatorin auf. HateAid wiederum gehört zu den Organisationen, die von der Postcode-Lotterie mit Millionenbeträgen gefördert werden.

Dazu kommt ein bemerkenswert dichtes Geflecht weiterer Funktionen: Leutheusser-Schnarrenberger gehörte bis März 2026 dem Vorstand der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung an, ist Mitglied des Stiftungsrats der Sebastian-Cobler-Stiftung, stellvertretende Vorsitzende des Förderkreises der Magnus-Hirschfeld-Stiftung, Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus und Vorsitzende des Rates der Agora Digitale Transformation der Stiftung Mercator. Früher war sie zudem Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland und gehörte dem Aufsichtsrat von AlgorithmWatch an.

Die Vorsitzende des Postcode-Beirats bewegt sich damit seit Jahren in einem engmaschigen institutionellen Umfeld aus Stiftungen und politisch tätigen Organisationen. Besonders aufschlussreich ist die Personalunion bei der Amadeu Antonio Stiftung: Dort überwacht sie als Stiftungsrätin die Einhaltung des Stifterwillens, während sie bei der Postcode-Lotterie an Entscheidungen über Millionenförderungen für NGOs beteiligt ist.

Die Transparenz wird geringer

Bis einschließlich 2023 ließ sich aus den Jahresberichten der Postcode-Lotterie noch detailliert nachvollziehen, welche Organisation wie viel Geld erhalten hatte. Seit 2024 werden Empfänger und Einzelbeträge nach Darstellung der Initiative Transparente Demokratie nicht mehr vollständig aufgeschlüsselt. Ältere Jahresberichte sind auf der Internetseite der Lotterie ebenfalls nicht mehr ohne Weiteres verfügbar und lassen sich unter anderem noch über Unterlagen im Lobbyregister des Bundestages nachvollziehen.

Ausgerechnet bei einem Förderapparat dieser Größenordnung soll deutlich erschwert werden, zu sehen, welche NGO wie viel Geld zugeschustert bekommt. Dabei fließen jährlich rund 100 Millionen Euro allein aus dem deutschen Lotteriegeschäft in den gemeinnützigen Bereich. Ein Teil davon erreicht Organisationen, die politischen Einfluss ausdrücklich zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben.

Das internationale Vorbild zeigt, welche Macht daraus entstehen kann. Die niederländische Publikation und TE-Partner „Wynia’s Week“ bezeichnete Gründer Boudewijn Poelmann wegen seines Einflusses bereits als einen der mächtigsten Männer der Niederlande. Seine Lotterien haben dort über Jahrzehnte ein weitreichendes Netz von Organisationen finanziert. Poelmann gelang es aufgrund seiner politischen und medialen Verbindungen zudem, die ursprünglich vorgeschriebene Ausschüttungsquote für gemeinnützige Zwecke von 50 auf 30 Prozent zu senken.

In Deutschland beträgt die Quote ebenfalls 30 Prozent. Damit erfüllt die Deutsche Postcode-Lotterie exakt die gesetzliche Mindestanforderung. Von den 302 Millionen Euro Umsatz des Jahres 2025 werden auf diesem Weg dennoch Summen bewegt, die einzelne NGOs dauerhaft auf eine finanzielle Grundlage stellen, von der gewöhnliche Vereine nur träumen können.

Armin Laschet und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger tragen als Mitglieder dieses Beirats Verantwortung für solche Förderentscheidungen. CDU und FDP können sich spätestens damit nicht als Zuschauer eines NGO-Komplexes präsentieren, dessen finanzielle Schlagkraft sie andernorts beklagen. Prominente Vertreter beider Parteien sitzen mitten in einem der Gremien, in denen über dessen Millionen entschieden wird.

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