Märchenonkel Schneider erklärt deutsche Energiewende zur Weltrettung

Umweltminister Carsten Schneider (SPD) schreibt Deutschlands Ausbau der Erneuerbaren zu, eine Erderwärmung um fünf Grad verhindert zu haben. Es ist nicht seine erste steile These: Deutschland habe mit Erneuerbaren „der Welt das größte Geschenk gemacht“. Die Rückkehr zur Kernkraft hingegen sei ein Mythos.

picture alliance / Andreas Gora

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat Deutschlands Bedeutung in der Welt noch einmal erheblich vergrößert: Exportweltmeister war gestern, Klima-Weltretter ist heute. Auf die Frage, ob sich der abenteuerliche, unbezahlbare, irrige deutsche Klimaschutz denn überhaupt lohne, erklärte der Politiker vor Journalisten, Deutschland habe die erneuerbaren Energien als wichtigste neue Energiequelle „miterfunden, marktgängig gemacht“. Ohne diese Leistung hätten wir heute „ein Szenario von 5 Grad Klimaerwärmung“. Aha. Inzwischen liege man bei 2,7 Grad, weil Klimaschutz und der Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien gewirkt hätten.

Das ist eine doch sehr bemerkenswerte Verkürzung der Weltklimageschichte auf die segensreiche Wirkung deutscher Energiepolitik. Schon die Zahlen, auf die Schneider sich beruft, sind keineswegs so eindeutig, wie er sie verkauft. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP bezifferte Ende 2025 die Erwärmung unter gegenwärtiger Politik auf 2,8 Grad und bei vollständiger Umsetzung der nationalen Klimazusagen auf 2,3 bis 2,5 Grad. Für den Vergleich mit dem Zeitpunkt des Pariser Abkommens nennt UNEP damalige Projektionen von 3 bis 3,5 Grad. Schneider selbst sprach bereits 2025 von vier bis fünf Grad vor Paris. Aus Modellrechnungen mit unterschiedlichen Annahmen wird beim deutschen Umweltminister inzwischen eine dringend benötigte politische Erfolgsgeschichte mit ziemlich eindeutig verteilten Verdiensten, nur leider unwahr wie so vieles.

Die Größenordnungen machen die Selbstzuschreibung noch erstaunlicher. Deutschland stand 2024 nach den Daten der EU-Kommissionsdatenbank EDGAR für 1,27 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. China kam auf 29,2 Prozent, die gesamte EU auf knapp sechs Prozent. Weltweit stiegen die Treibhausgasemissionen 2024 sogar um 1,3 Prozent auf 53,2 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente. Deutsche Förderung von Wind- und Solartechnik hatte zweifellos internationale Wirkungen, vor allem auf sich Taschen vollmachende Investoren. Daraus einen deutschen Anteil an der Abwendung einer vermeintlichen Fünf-Grad-Welt herauszurechnen, überlässt Schneider lieber der politischen Erzählkunst.

Schneider legte gleich noch nach: „Insbesondere wir in Europa leiden am meisten“, erklärte er zum Klimawandel und begründete damit Europas besondere Verantwortung. Auch diese absolute Rangordnung wirkt wie Klimapolitik aus dem Berliner Weltmittelpunkt. Der IPCC beschreibt gerade Afrika als Region mit überproportional hohen Risiken und verweist generell darauf, dass häufig ärmere Bevölkerungen die Folgen des Klimawandels am härtesten treffen. Europa sei stark betroffen. Aha. Vor allem vor behaupteten Klima- bzw. Wirtschaftsflüchtlingen aka Glückssuchern. Dass ausgerechnet Europa „am meisten“ leidet, ist eine politische Behauptung Schneiders, keine belastbare globale Rangliste der Klimawissenschaft.

Sprit zu teuer? Wechseln Sie eben das Auto

Der jüngste Ausflug Schneiders in die Weltklimarettung steht nicht allein. Im März dieses Jahres explodierten infolge des Iran-Krieges die Spritpreise. Im Bundestag wurde Schneider gefragt, ob die Bundesregierung angesichts der Belastungen die CO2-Bepreisung aussetzen solle. Seine Antwort war von jener besonderen sozialdemokratischen Bodenhaftung, die sich nur aus der Distanz zum Boden erklären lässt: Am besten fahre man ein batterieelektrisches Auto, „dann sind Sie nicht vom Benzinpreis abhängig“. Der Satz steht im offiziellen Plenarprotokoll.
Einen Tag später machte sein Ministerium daraus praktisch eine Regierungserklärung zur neuen Lebensführung. Wärmepumpen und Elektroautos machten Deutschland „stärker und sicherer“, Windräder und Solaranlagen machten es krisenfest, Klimaschutz sei der Ausweg aus der fossilen Energiekrise. Der Bürger, der am nächsten Morgen seinen Verbrenner benötigt, um zur Arbeit zu kommen oder seiner Arbeit überhaupt nachgehen zu können, tauchte in dieser großen Transformationsprosa nur noch als technologisch rückständiger Zwischenzustand auf. Steuern auf Kraftstoffe einfach mal aussetzen: Sowas kommt einem Politiker garantiert nicht in den Sinn. Was soll ein Bürger denn mit Entlastung? Das gibt der nur für Nonsens aus. Dabei weiß die Politik doch am besten, in welche Fässer ohne Boden sich die deutschen Steuermilliarden auf Nimmerwiedersehen versenken lassen.

Passend dazu hatte Schneider zuvor drei Milliarden Euro für eine neue E-Auto-Förderung mobilisiert. Als „sozialen Klimaschutz“ verkauft sein Haus Zuschüsse auch für kinderlose Doppelverdiener mit bis zu 80.000 Euro zu versteuerndem Einkommen. Auf die Frage, was daran ein Sozialprogramm sei, antwortete Schneider mit einem Satz von bemerkenswerter spezialdemokratischer Kaltschnäuzigkeit: Wer 20.000 Euro verdiene, werde sich „ohnehin keinen Neuwagen leisten“. Problem gelöst. Die wirklich kleinen Einkommen sind damit aus Schneiders sozialer Autowende logisch ausgenommen; gefördert werden die unteren 50 Prozent der Neuwagenkäufer. Sogar Plug-in-Hybride, die vollständig mit Benzin gefahren werden können, erhalten eine Basisprämie. Für rund 800.000 Fahrzeuge soll das Geld aber reichen.

Ein Verbrennerverbot, das keines sein darf

Auch sprachlich hat Schneider die Transformation weit vorangetrieben. Im Dezember 2025 erklärte er: „Es gab nie ein Verbrenner-Verbot.“ Es habe lediglich die Vorgabe gegeben, dass neue Autos ab 2035 keine CO2-Emissionen mehr produzieren dürften. Das ist ungefähr die politische Definition eines offenen Ausgangs bei bereits zugemauerter Tür. Wer eine Technologie nicht verbietet, sondern nur die für ihre Nutzung entscheidende Eigenschaft unzulässig macht, darf bei Schneider weiterhin stolz von Technologiefreiheit sprechen. Für zusätzliche Emissionen von Plug-in-Hybriden oder Range-Extendern schlug er unter anderem einen Ausgleich durch „grünen Stahl“ bei der Fahrzeugproduktion vor.

Sein Verhältnis zu Zielzahlen ist ähnlich, nun, zuversichtlich. Mitte Februar fragte der „Merkur“ Schneider, ob Deutschlands gesetzliches Ziel von 65 Prozent Emissionsminderung bis 2030 überhaupt noch realistisch sei. Schneider antwortete, er gehe „fest davon aus“, dass dieser Zwischenschritt gelinge. Genau einen Monat später veröffentlichte sein eigenes Ministerium die Klimabilanz für 2025: Die deutschen Emissionen waren gegenüber dem Vorjahr um ganze 0,1 Prozent gesunken. Verkehr und Gebäude hatten sogar mehr ausgestoßen. Um das 2030-Ziel noch zu erreichen, müssten die Emissionen von 2026 an im Durchschnitt jedes Jahr um 42 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente sinken. Aus einem Rückgang von knapp einer Million Tonnen muss also Jahr für Jahr ungefähr das Zweiundvierzigfache werden. Schneiders Zuversicht hält solche Kleinigkeiten aus.

Noch einmal deutlich eindrucksvoller ist sein Blick auf die Kernenergie. Im August 2025 ließ Schneiders Ministerium einen Gastbeitrag unter der Überschrift verbreiten: „Warum die Renaissance der Atomkraft ein Mythos ist“. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Internationale Energieagentur IEA bereits erklärt, die Kernenergie stehe vor einer „neuen Ära“. Für 2025 erwartete sie eine Rekordstromproduktion aus Kernkraft, weltweit befanden sich mehr als 70 Gigawatt neue Leistung im Bau (einer der höchsten Werte seit 30 Jahren), mehr als 40 Länder planten einen Ausbau der Kernenergie.

Dabei denkt der SPD-Minister über Deutschlands weltgeschichtliche Rolle schon länger in Kategorien, gegen die sein jüngster Fünf-Grad-Satz fast bescheiden wirkt. Im Dezember erklärte er über die erneuerbaren Energien, Deutschland habe sie „global marktfähig gemacht“. „Damit haben wir der Welt das größte Geschenk gemacht.“ Globaler Nikolaus sozusagen. Das größte Geschenk. Penicillin, Buchdruck, Elektrifizierung, moderne Landwirtschaft – alles Pustekuchen! Wind und Solar global marktfähig gemacht unter tatkräftiger deutscher Subventionsdruckbetankung Mitwirkung. Von diesem gedanklichen Phantasie-Ausgangspunkt ist es tatsächlich kein weiter Weg mehr bis zur Rettung der Erde vor fünf Grad Erwärmung. Der Erde, ach was: des Universums!

Und während Schneider gestern die deutsche Weltklimarettung bilanzierte, arbeitet er bereits am nächsten großen Projekt. Der Umweltminister will den Hitzeschutz zur Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Kommunen machen und dafür das Grundgesetz ändern. Der Bund brauche ausdrücklich mehr Kompetenzen für „Handlung, Taten, aber auch Ausgaben“, etwa für Klimaanlagen und Verschattung. Ja, immer raus mit der immer weniger zur Verfügung stehenden Kohle. Aber Erhöhung auf Umsatz-, Einkommens- und Mehrwertsteuer stehen schon in den Startlöchern, damit sich SPD-, Grünen- und Unionsfreunde noch schnell ihre Taschen vollstopfen, bevor der Laden Deutschland seine Türen schließt.

Gleichzeitig erklärte Schneider, mangelnder Klimaschutz koste die deutsche Wirtschaft jeden einzelnen Tag 500 Millionen Euro an Wirtschaftsleistung. Darauf muss man erstmal kommen. Da hat sich jemand so tief in dem Labyrinth seiner eigenen Märchenerzählungen verlaufen, dass er auch mit einem um den Bauch gebundenen Wollfaden nicht mehr rausfindet.

Die Antwort auf sommerliche Hitze lautet in Berlin damit folgerichtig: neue Bundeskompetenzen, neue Ausgabenmöglichkeiten und eine Verfassungsänderung.

Carsten Schneider verkörpert eine politische Methode, bei der das gewünschte Ergebnis zuerst feststeht und die Wirklichkeit anschließend passend beschrieben wird, unter tatkräftiger Ausbeutung der Steuerzahler, die den ganzen Mist überhaupt erst möglich machen. Noch.

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Kommentare ( 4 )

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Micci
36 Minuten her

Deutschland hat die Welttemperatur gerettet? Ganz allein?

Da habe ich zwei gute Nachrichten für den netten Herren von den Spezialdemokraten:

Erstens:
ein guter Seelenarzt kann so etwas behandeln.

Zweitens:
das bezahlt sogar die Krankenversicherung!

Andreas F
36 Minuten her

Sind in der SPD eigentlich nur noch Volldeppen unterwegs? (Rhetorische Frage)

roffmann
46 Minuten her

Die Sonne hat einen Durchmesser von rund 1,4 Millionen km und ist im Schnitt 150 Millionen km von der Erde entfernt.Sie bestimmt unser Wetter und K L I M A ! Die Erde misst etwa 12.742 km im Durchmesser. Der Mond hat einen Durchmesser von ca. 3.476 km und ist im Mittel rund 384.400 km von der Erde entfernt . Vom Volumen her passt die Erde 1,3 Millionen mal in die Sonne . Aber “ Wir“ ? die S PD ? haben 5 Grad eingespart ! ?Celsius, Fahrenheit ? oder Schneider ?

Haba Orwell
53 Minuten her

> Umweltminister Carsten Schneider (SPD) schreibt Deutschlands Ausbau der Erneuerbaren zu, eine Erderwärmung um fünf Grad verhindert zu haben.

Wenn britische Doktoren nicht mal das Lesen gelernt haben mussten, dafür drei Marathons täglich laufen, wieso nicht? Wunder im Katholizismus können kein Alleinstellungsmerkmal sein – Wokismus hat offenbar ebenfalls welche.

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