Gewohnt bescheiden haben die Berliner Verkehrsbetriebe eine neue Super-Straßenbahn in Betrieb genommen: den großen „Urbanliner“. Blöd nur: Wegen Fehlplanung fährt das Ding nur auf einer Linie – und nur in eine Richtung.
picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
So eine Straßenbahn ist eine coole Sache. Eigentlich. Man steigt ein und fährt von A nach B. Am Zielort angekommen, macht man seine Erledigungen. Dann steigt man wieder in die Tram und fährt zurück von B nach A. Eigentlich.
Überall auf der Welt funktioniert das so. Überall – außer in Berlin.
Dass unsere Hauptstadt Flughafen nicht kann, ist bekannt. Jetzt lernen wir mit Staunen, dass die Metropole auch mit Straßenbahn überfordert ist. Klingt komisch, is‘ aber so.
„Urbanliner“: So weltstädtisch haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die neue Zuggeneration genannt. Man darf getrost davon ausgehen, dass irgendeine Werbe-Agentur mit guten Kontakten zu den Berliner Regierungsparteien CDU und SPD an dieser Wortschöpfung ziemlich reich geworden ist.
Der Urbanliner kommt mit ein paar Jahren Verspätung. Das kennt man ja schon vom BER. Im Dezember 2020 wurde er bestellt. Der erste Zug wurde im Juli 2024 geliefert. Aus irgendeinem Grund sollte er erst Anfang 2025 erstmals eingesetzt werden, aber das klappte nicht: Technikprobleme. Die Jungfernfahrt wurde verschoben. Dann wurde sie noch einmal verschoben: Technikprobleme. Nun soll die Super-Tram Mitte Juli 2026 fahren. Jetzt dann aber wirklich, ehrlich.
Allerdings wird das Ding keineswegs überall dort fahren, wo es fahren sollte. Denn nach einer monatelangen Hängepartie hat die Aufsichtsbehörde zwar jetzt eine Zulassung erteilt – aber die gilt nur für sehr wenige Streckenabschnitte. Noch gravierender ist die Einschränkung, die in einer BVG-internen Dienstanweisung steht:
Der Zug darf nur in eine Richtung fahren.
Sie haben richtig gelesen. Die Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ zitiert, nun ja, durchaus genüsslich aus dieser Dienstanweisung. Da steht wörtlich: „Bis auf Weiteres dürfen die Urbanliner im Fahrgasteinsatz nur mit Fahrerstand A voran eingesetzt werden.“ Die Tram darf also nur in eine Richtung fahren. Warum darf der zweite Fahrerstand nicht benutzt werden?
Darüber schweigt sich die BVG bislang aus.
In der Folge fährt der Urbanliner bis auf Weiteres nur auf einer einzigen Linie: der M4. Denn dort gibt es an beiden Endhaltestellen Wendeschleifen. Auf der wichtigen Linie M10 zum Beispiel kann die neue Super-Tram nicht eingesetzt werden, weil da die Gleise jeweils an einem Prellbock enden. Der Zug kann nicht wenden.
Und zurückfahren darf er ja nicht.
Multimorbide Technik
Auch sonst erweist sich der neue Stolz der Verkehrsbetriebe eher als Sorgenkind.
Etwa auf der Hälfte des 200 Kilometer umfassenden BVG-Netzes darf die Super-Tram gar nicht fahren. Fast die gesamte Innenstadt ist komplett tabu. Auf einem größeren Teil der verbleibenden Netzhälfte darf der Zug nur ohne Fahrgäste fahren. Kein Witz. Und an manchen Haltestellen gilt, warum auch immer, ein Tempolimit von fünf Kilometern pro Stunde.
In Zahlen: 5 km/h, also Schrittgeschwindigkeit.
Die „Dienstliche Anordnung“ (Dano BS-26-0234) verfügt weitere Einschränkungen. So darf „die Einfahrt auf Werkstattgleise mit Dacharbeitsständen nur unter besonderer Vorsicht ggf. mit Einweisungspersonal erfolgen“. Anonyme Quellen haben dem „Tagesspiegel“ gesteckt, dass die Wagenkästen zu sehr schwanken. Das allerdings dementiert die BVG hörbar empört.
Wenn sowieso nichts funktioniert, dann muss ich auch nicht funktionieren – das hat sich offenbar die Elektronik der neuen Züge gedacht. Sie zickt ebenfalls. Die Dano vermerkt: „Erfolgt kurz nach Anfahrt aus einer Haltestelle mit Fahrgastwechsel eine Zwangsbremsung (Auslösung Mitschleiferkennung), muss sich das Fahrpersonal unmittelbar augenscheinlich versichern, dass keine Person oder kein Gegenstand in einer Tür eingeklemmt ist.“
Mit anderen Worten: Es kann passieren, dass die Elektronik automatisch eine Notbremsung auslöst – weil die Sensoren fälschlicherweise glauben, dass ein Mensch in einer der Türen festhängt und mitgeschleift wird. Dann muss der Zugführer alle Türen persönlich in Augenschein nehmen und sich davon überzeugen, dass – tja, dass die Elektronik halt spinnt.
Einweihung ohne Zulassung
Der Urbanliner ist typisches Berliner Kabarett, nur trauriger.
Im Februar hatte die BVG mit großem Bahnhof zur Jungfernfahrt eingeladen. Zwei Tage vor dem Festakt wurden alle Gäste wieder ausgeladen, der Regierende Bürgermeister und zwei Senatorinnen inklusive. Die Verkehrsbetriebe hatten zwar die Öffentlichkeit heiß gemacht, es lag aber noch gar keine Zulassung durch die Technische Aufsichtsbehörde (TAB) für die neue Bahn vor.
Die Unterlagen hatte die BVG nicht nur gerade mal zwei (!) Tage vor dem Festakt eingereicht; sie waren auch auf den ersten Blick nicht genehmigungsfähig. Jedenfalls genügte der Zulassungsbehörde ein kurzer Blick auf die Papiere, um die Jungfernfahrt sofort zu verbieten.
Das war auch gut so, denn die BVG hatte sich massiv verrechnet. Der Urbanliner ist gut 50 Meter lang und wiegt voll besetzt mit 312 Fahrgästen etwa 100 Tonnen. Die alten Züge wiegen maximal 70 Tonnen. Die TAB musste nicht lange rechnen, um festzustellen, dass die Super-Tram für die U-Bahn-Tunnel am Alexanderplatz, über die sie fahren sollte, schlicht viel zu schwer ist.
Oder anders: akute Einsturzgefahr.
Die BVG reagierte durchaus überraschend: Die über 100 Jahre alten Tunnel wurden mit Stahlstützen verstärkt, damit die Tunneldecken die Last der neuen Tram aushalten. Berlin modernisiert seine Straßenbahn, muss dafür aber den Untergrund unter den Gleisen extrem aufwändig neu abstützen. Man könnte das die archäologische Lösung nennen.
Menschliches Totalversagen
Für die mehr als peinliche Pannenserie hat der BVG-Chef auf typische Berliner Art um Entschuldigung gebeten. Henrik Falk sagte wörtlich: „Das haben wir nicht gut genug gemacht.“
Das hat der Mann wirklich gesagt.
„Nicht gut genug“ für ein komplettes Desaster auf allen Ebenen des von ihm geleiteten Unternehmens? Ja, das ist die Hauptstadt: Eine Verspätung ist eine „Anlaufphase“, liegengelassene Probleme sind „Herausforderungen“. Und wenn gar nichts mehr hilft, kommt die BVG mit ihrem Werbeslogan:
„Weil wir dich lieben.“
Damit kann man alles rosa eintünchen. Der Bus fällt aus? Weil wir dich lieben. Die Tram fährt nur in eine Richtung? Weil wir dich lieben. Der Fahrstuhl ist kaputt, die App spinnt, der Zug kommt nicht, der neue Zug kommt doch, aber nur halb, und über die Brücke darf er nicht? Weil wir dich lieben.
Berlin verklärt ruppige Unfähigkeit als lokalen Charme. Anderswo nennt man das völlig zurecht Schlamperei, hier ist es Folklore. Der Urbanliner passt perfekt zu Berlin. Eine „Super-Tram“, die zu groß gedacht ist, zu spät kommt, zu schwer ist, nur auf bestimmten Strecken eingesetzt werden darf und nur in eine Richtung fährt.
Mehr Hauptstadt geht nicht.

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