Von 68 nach Köln und zurück

Die Reaktionen mancher Alt-68er und ihrer geistigen Implantate auf die Vorgänge der Silvesternacht drängen Tomas Spahn ganz spontan den Eindruck auf, dass dieses anti-emanzipatorische Frauenbild nicht nur in deren männlichen, sondern auch in deren weiblichen Köpfen bis heute fest verankert ist.

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Als ich heute mit einigen Tagen Abstand noch einmal darüber nachdachte, was meinen von mir sehr geschätzten Bekannten Michael Gwosdz geritten haben mag, sich mit dem an Dämlichkeit (ich bitte vorsorglich um Entschuldigung, liebe weibliche Leser – leider kennt die deutsche Sprache dafür kein treffenderes Wort und „Herrlichkeit“ würde ohne Zweifel in eine falsche Richtung führen) nicht zu überbietenden Satz „alle Männer sind potentielle Vergewaltiger“ einem über Deutschland hinaus reichenden Shitstorm auszusetzen, kam mir zwangsläufig ein flüchtig gelesener Kommentar in den Sinn, der diesen Ausfall auf Sponti-Sprüche aus der Frühphase der damals noch als APO – außerparlamentarische Opposition – betrachteten, heute allerdings zur parlamentarischen Mainstream-Organisation mutierten „progressiven“ (Achtung! Nur eine linke Selbsteinschätzung damaliger Tage!) Garde der Revolution zurückführte.

Wie das mit Assoziationsketten manchmal so ist, waren prompt zwei weitere, damals ebenfalls ständig gepredigte Sponti-Sprüche im Kopf. Zum einen jenes demonstrativ getragene Banner der anti-amerikanischen Friedensbewegung, dieses scheinbar einen ewig-währenden Frieden fordernde „Fighting for peace is like fucking for virginity“. Zum anderen stand spontan das ultimativ von Rudi Dutschke bis Fritz Teufel deklarierte Manifest der sexuellen Befreiung im Raum, welches da lautete: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!“

Fighting for peace …

Als nun die Assoziationskette vor meinem geistigen Auge ablief, fiel es mir wie jene sprichwörtlichen Schuppen von den Augen! Alles das, was gerade hier an Sponti-Sprüchen aus den Tiefen der Erinnerung hochgespült worden war, hatte mit Sex zu tun. Mit männlichem Sex. Oder besser: Mit männlichen Sexfantasien.

Da wird bei jenem „Fighting for peace“ das damals noch ausschließlich vom Manne bediente Kriegswerkzeug zum männlichen Geschlechtsorgan. Oder umgekehrt. Der Penis – eine brutale Waffe, die irgend etwas herbeizwingen will und alles, was sich ihm dabei in den Weg stellt, aus dem Wege räumt.  Ein gefährliches, männliches Spielzeug, das anderen, im Verständnis jener Zeit zumeist Unschuldigen, seinen Willen erbarmungslos aufzwingt.

Das, worauf dieser Sponti-Spruch tatsächlich zielt, ist dabei nur scheinbar das in den 80ern populäre „Frieden schaffen ohne Waffen“. Denn hätte man den Spontispruch tatsächlich in seiner ganzen philosophischen Tiefe exekutieren wollen, dann hätte dieses in der Konsequenz bedeutet: Waffen in den Schredder, Schwanz ab! Zumindest aber hätten die Sprücheklopfer beides für alle Zeiten unzugänglich im Giftschrank verschließen müssen. Sex als die Gewalt potentieller Vergewaltiger gegen hilflose Frauen – logisch: Ebenso final zu unterbinden wie jeglicher Einsatz von militärischen Waffen!

Wenn man allerdings ganz genau hinschaut, dann geht es in diesem Spruch ja auch nicht wirklich um Frauen. Es geht um Jungfräulichkeit – jenes Mysterium männlicher Wünsche, das Mann selbst nie sichtbar besitzt und sich im ideellen Sinne beim ersten pubertären Onanieversuch für alle Zeiten zerstört. Das aber macht es eigentlich noch viel schlimmer. Denn Jungfrauen, das sind jene weiblichen, häufig fast noch Kinder, die erst zur Frau werden wollen. Virginity ist etwas, dass ein Mann der jungen Frau mit viel Zurückhaltung behutsam nehmen sollte, statt es mit brutaler Männergewalt nebst Mädchenpsyche zu vernichten. Mit „Fucking“ darf das, was sonst Entjungferung genannt wird, nicht das Geringste zu tun haben. Allein deshalb schon ist dieser Spontispruch mehr als entlarvend. Nicht nur, dass es spätestens mit dem ersten „fucking“ mit der Jungfrauenschaft defintiv vorbei ist – „fucking“ hat auch nichts mit Gefühl und Gegenseitigkeit zu tun. „Fucking“ reduziert Sex auf animalische Triebbefriedigung. Gerade deshalb aber spricht aus diesem Spruch eine tiefgreifende, männliche Verachtung der Frau. Denn der überzeugte Sponti (männlich) fightet eben nicht for Peace und fuckt nicht for Virginity. Wozu auch – einmal entjungfert, kann es richtig losgehen. Hat ja dann nichts mehr mit Gewalt zu tun, weil das lästige moralische Hindernis abgeräumt ist. Eben genau so, wie ich es einmal in Bayern auf einem Grabstein lesen durfte: „Gestorben war sie mit 16 Jahr, just als sie zu gebrauchen war.“

Wer zweimal mit derselben pennt …

Damit sind wir dann bei dem sinnfälligen Anti-Establishment-Spruch. „Wer zweimal mit derselben pennt …“ – kann man seine Frauenverachtung eigentlich noch deutlicher machen? Da geht es nicht um Gefühle oder gar um das, was manche Spätromantiker gern als „Liebe“ bezeichnen. Alles aus revolutionärer Sicht nur eine überflüssige, bürgerliche Sexbremse! Hier geht es einmal mehr nur um die animalische Triebbefriedigung wie mit einer Einwegdose. Nehmen, nutzen, wegwerfen.

Verantwortung für die Frau, die zu jenen Zeiten in diesen Kreisen selbstverständlich die Pille zu nehmen hatte und sich angesichts der damals auf dem Markt erhältlichen Produkte dem Risiko einer Embolie aussetzte: Das war nicht das Problem des aufrechten Kämpfers für die Weltrevolution!

Verpflichtungen für das Kind, das vielleicht dennoch aus diesen One-Night-Stands entsprang? Nicht doch für den wahren Revoluzzer, der die Nazi-verseuchte Republik vor den Springers und Kiesingers zu retten hatte! Soll die Revolutionärin doch Abtreiben, wenn sie zu blöd zum Verhüten ist! Oder den Balg anderen übergeben, wenn sie ein kleinbürgerliches Problem mit der Vernichtung des ungewollt in ihr entstehenden Lebens hat  – not my business! Muss man sich eigentlich ernsthaft wundern, dass in Folge dieser männlich-sexual-revolutionären Dynamik die Forderung nach Legitimation der Abtreibung ganz groß in Mode kam und der Revolutionär (männlich) seiner Teilzeitgespielin einredete, ihr Körper gehöre ihr – womit letztlich nur gemeint war, dass er ihm, dem Umstürzler, gehöre?

Und da der mit Hormonen vollgepumpte Jungrevolutionär der späten Sechziger seinen unstillbaren Trieb nicht nur einmal im Jahr oder einmal im Monat, sondern am besten tagtäglich ausleben wollte, hätten sich ihm im Jahr bis zu 360 Frauen bereitwillig zur Verfügung stellen müssen.  Soweit  ging es dann aber mangels Angebot allerdings doch nicht – weshalb mancher dieser männlichen Möchtegern-Revolutionäre schon mit sich haderte, weil er ja nun alles wollte, aber um alles in der Welt nicht zu Establishment gehören. Doch da half dann im Zweifel eine frisch belebte, alte Lebensweisheit: „Einmal ist keinmal!“.

Weil nun nach dem ersten Keinmal beliebig viele weitere Keinmals folgen konnten, war das revolutionäre Sponti-Gewissen befriedigt. Hauptsache, Frau hatte verstanden, dass es hier nur um animalischen Sex,  um männliche Begierde ging. Keine Bindung – keine Verantwortung – nur Lust. Männlich-revolutionäre Lust unter dem animalisch-verträumten Konterfei des großen Revolutionshelden Che! Nicht mehr! G-Punkt-Debatte war später. Da sind selbst – so bitter das klingt – die triebgesteuerten Gotteskrieger des „Islamischen Staats“ nicht nur konsequenter, sondern auch ehrlicher. Sie versklaven das Objekt männlicher Begierde und aus der Einwegdose wird eine Mehrwegflasche, die nach Gebrauch weiterverkauft werden kann.

Die Legende der 68er-Emanzipation

Hat sich also was mit sexueller Befreiung und Frauenemanzipation in den revolutionären Kreisen der 68er. Frau hat zur Verfügung zu stehen wie ein Gebrauchsgegenstand. Die Revolutionäre müssen ihren Hormonüberschuss abbauen – und da sie für den Bordellbesuch kein Geld haben und käuflicher Sex ohnehin nur etwas für diese verklemmten, oberpeinlichen Ehemänner der Spießbürger ist, fehlten eigentlich nur noch die Damen, denen man die kostenlos für einen gewalttätigen Machosexismus bereitzustellende Dienstleistung als revolutionäre Großtat verkaufen konnte.  Die Kommune – dieses damals in jenen Kreisen als ultima ratio progressiver Lebensentwürfe gefeierte multigeschlechtliche Zusammenleben Vieler – war sie vielleicht doch nichts anderes, als was sie von manchen bösartigen „Spießbürgern“ gehässig angeprangert wurde: Ein kostenloses Bordell der Lustbefriedigung junger Triebtäter?

Und tatsächlich: Es fanden sich  immer wieder Frauen, die diese Machospiele ihrer sexuellen Ausbeutung begeistert mitspielten. Vielleicht, weil man ihnen erzählt hatte, dass sie selbst ungemein „progressiv“ und „revolutionär“ sind, wenn sie sich zum Gebrauchsgegenstand der Revolutionäre machten? Wer weiß.

Wie auch immer – das liegt nun fast  fünfzig Jahre zurück. Wirrungen einer Übergangsphase, in der eine frische, aufrechte Jugend die alten Zöpfe abschnitt und jener Daniel-Cohn Bendit im Ausleben des „Fucking for peace“ schriftlich davon schwärmte, wie wunderbar Sex mit Minderjährigen sein kann.

Oder vielleicht doch nicht? Wenn ich mir die Reaktionen mancher Alt-68er und ihrer geistigen Implantate auf die Vorgänge der Silvesternacht anschaue, drängt sich mir ganz spontan der Eindruck auf, dass dieses anti-emanzipatorische Frauenbild nicht nur in deren männlichen, sondern auch in deren weiblichen Köpfen bis heute fest verankert ist. Denn sponti-revolutionär betrachtet:  Was anderes wollten denn die Kerle am Kölner Hauptbahnhof und anderswo als ihren persönlichen Sexspaß? Genau diesen verantwortungslosen, einmaligen Sex, den die Sponti-Generation sich auf ihre Fahnen geschrieben hatte? Und was können diese armen Jungs aus verklemmten Verhältnissen, die ähnlich den 68ern auf alle europäischen Konventionen pfeifen, nun dafür, dass die angefragten jungen Damen in die prüde Spießbürgerlichkeit ihrer Großeltern zurückgefallen sind? Wo doch die 68er selbst mit ihrem Siegeszug heute überall das große Wort schwingen! Weibliche Selbstbestimmung? Das hat schon 68 keinen echten, männlichen Revolutionär interessiert. Warum also heute?

Und plötzlich die Erkenntnis …

Dann kommt die Erkenntnis! Klar: Weil es anders als 1968 eben „nicht-weiße“ Männer waren, die hier nach den mittlerweile altrevolutionären Regeln leben wollten! Die erste, die das treffsicher erkannte, war unsere gemeinsame Bundestagsvizepräsidentin mit dem programmatischen Namen Claudia Roth. Die Frauen in Köln, auf der Reeperbahn und anderswo – alles klammheimliche Rassistinnen, die den revolutionären Elan der Roth-Generation verloren haben! Und deshalb  ist die Verweigerung dieser prüden Ischen (für Südler: Ladies) eigentlich nichts anderes ist als ein Verrat an den Idealen der 68er-Generation! Darf man heute nur nicht ganz so deutlich sagen, weshalb es im Nebel der Relativierungen verpackt wird.

Endlich, Frau Roth, habe ich die wahre Motivation Ihrer Einlassungen verstanden. Hier geht es gar nicht um die Selbstbestimmung der Frau, sondern darum, abschließend  die Ideale der Revolution auch auf sexuellem Gebiet zum selbstverständlichen Gesellschaftsmodell zu machen. Die „nicht-weißen“ Männer Nordafrikas als neue, dynamische Speerspitze der ewigen Revolution!

Nieder mit den rechten, weißen Rassistinnen und Rassisten, die freien und jederzeit verfügbaren Sex nur „weißen Männern“ zugestehen wollen, wenn diese dann, wie Möchtegern-Polemiker Jakob Augstein feststellte, auf den Wies‘n fröhlich vor sich hin grabschen. Logisch, dass Augstein das so sehen muss – er kann es gar nicht anders sehen! Denn in seinem Hirn spukt dieser power-macho-mäßige 68er-Revolutionsunsinn ja nach wie vor ohne jedwede Einschränkung und Weiterentwicklung …

Dann plötzlich reißt die Assoziationskette.  Das kann doch nicht wirklich so sein! Solche Verrücktheiten, solche Frauenverachtung in erwachsenen Köpfen?

Aber wer weiß. Vielleicht haben diese Männerfantasien, die sich dereinst in Spontisprüchen und bekifften Nächten Bahn brachen, tatsächlich bei manchen bis heute solch eine revolutionäre Wirkkraft, dass man diese Assoziationskette benötigt, um zu verstehen, was in den Köpfen von Augstein, Roth und Co abläuft.

Da nun aber – um zum Einstiegsimpuls zurück zu kehren – nehme ich meinen Bekannten Michael ausdrücklich aus. Viel zu jung, viel zu gleichberechtigt, viel zu empathisch, viel zu reflektiert. Und leider trotzdem nicht gefeit davor, in einer Situation der Übernächtigung auf einen dieser den männlich-revolutionären Dauersextrieb entschuldigen sollenden, saudämlichen Sponti-Sprüche zurückzugreifen. Vermutlich war es einfach nur ein kurzer Aussetzer, für den er sich glücklicherweise längst öffentlich entschuldigt hat. Aber trotzdem: Möglicherweise färbt zu langer Umgang mit den Altrevoluzzern irgendwann tatsächlich ein wenig ab …

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Kommentare {19}

  1. Ja, Ja die Spontisprüche. War eine verrückte Zeit, damals in West-Berlin.
    Wir waren jung und wollten es den alten Säcken einmal zeigen. Diesen widerwärtigen alten Nazis, diesen Eltern und Lehrern. Die von nichts gewusst haben. Diese Jammerlappen. Der Russe hat uns alles weggenommen. Wir haben nur unsere Pflicht getan, wir wären sonst im KZ gelandet. Bis morgens in der Kneipe diskutiert, dann in die WG pennen. Wir wollten anders sein, nicht bürgerlich. Irgendwann holt dich die Realität ein, Geld verdienen. Haare kurz, Anzug, Krawatte, Karriere, Eheweib, Kinder Urlaub. Und mit einemmal gehörst du zu den alten Säcken, zu denen du nie gehören wolltest. That’s Live.