Wiedervereinigung: Doch blühende Landschaften

Alles wird gut - wie Freiheit und marktwirtschaftliche Reformen das sozialistische Elend überwinden

Die Feiern zum Mauerfall sind beendet – und eine gelassene Fröhlichkeit bleibt, ganz ohne Sekt: Auch wenn es schwer war – die Wiedervereinigung ist auch wirtschaftlich geglückt. Helmut Kohl hatte 1989 „ blühende Landschaften “ versprochen. Wie wurde er dafür verspottet! Es ging ja nicht über Nacht! Und über Nacht muss die Marktwirtschaft doch schaffen, was der Sozialismus in 40 Jahren nicht gepackt hat, mindestens, oder? Auch auf den großen Jubelfeiern war viel von Gefühl die Rede, aber wenig von Zahlen. Und doch – die Zahlen sprechen dafür, auch wenn viele es in Deutschland nicht wahrhaben wollen. Aber der britische Economist mit seinem kühlen, distanzierten Blick von außen rechnet vor: die heute noch bestehenden regionalen Unterschiede zwischen Ost und West sind nicht größer als die regionale Schere der wirtschaftlichen Unterschiede, beispielsweise in Belgien. Noch liegen die Einkommen in München höher als in Leipzig – aber Leipzig holt auf; und in der Kombination mit niedrigeren Mieten und geringeren Lebenshaltungskosten ist vermutlich im Osten vielerorts die Lebensqualität höher als im Westen.

Leuchttürme im Osten – Depression im Westen

Noch immer arbeiten die Unternehmenszentralen im Westen – aber die Gründerszene in Berlin, in Jena und Dresden lässt darauf hoffen, dass die Arbeitsplätze von morgen dort entstehen, und zwar ohne Subvention und Ansage aus dem Westen. Ost-Universitäten belegen Spitzenplätze. Der Speckgürtel rund um Berlin boomt und zeigt die Dynamik, die eigentlich nur das Gewicht der großen Zahl von Problemfällen in der Metropole Berlin statistisch gebremst wird. Längst belegen in den einschlägigen Untersuchungen Ost-Städte Spitzenplätze, wenn man die wirtschaftliche Dynamik untersucht. Ganz hinten, am finsteren Ende der Rangfolgen, geben sich westdeutsche Städte die rote Laterne in die Hand. Bochum, Bottrop, Herne, Oberhausen – die alten Ruhrgebiets-Städte führen nicht mehr die Reichtumslisten, sondern die Liste der Absteiger an, während Cottbus und Chemnitz aufsteigen. Schnell merkt man, dass die Frage nach „vollständigen Angleichung“ zwischen Ost- und West sinnlos ist: Auch im Westen gibt es die Notstandsgebiete im Saarland, Nordostbayern, in Niedersachsen und dem Ruhrgebiet. Man muß sich nur die Jammerei der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft anhören, jetzt sei „auch mal der Westen dran“: Daran spiegelt sich, dass die ostdeutschen „Leuchttürme“ nicht mehr nur Einzelfälle sind – sondern sich zu starken Regionen ausgewachsen haben; umgekehrt wird die Lage etwa des Ruhrgebiets immer trostloser. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt in den Neuen Bundesländern bei nur 71 Prozent des Westens; die Produktivität sogar nur bei 69 Prozent. Die Löhne sind im Osten dafür sogar vergleichsweise hoch – sie liegen bei 80 Prozent des Westniveaus. Das Verfügbare Einkommen liegt bei 82 Prozent des Westniveaus. Die Lücke zwischen Produktivität und daran gemessen zu hohem Einkommen wird über Transferleistungen geschlossen. Man könnte auch sagen: Gemessen an der Leistungsfähigkeit sind die Löhne im Osten zu hoch. Erfreulicherweise hat sich diese Schere geschlossen, der Osten gewinnt an Wettbewerbsfähigkeit – bis jetzt. Das ist keine statistische Zahlenschüttelei allein: Ein Drittel der Ostdeutschen verdient weniger als der Mindestlohn von 8,50 €. Die Befürchtung ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Mindestlohn die Arbeitslosigkeit in die Höhe treibt. Dann würde der Aufholprozess nicht nur gestoppt – sondern umgedreht. Ob es so kommt ist schwer zu prognostizieren – aber: Der Osten wird damit wieder zu einem gesamtgesellschaftlichen Groß-Labor über die Folgewirkungen von Mindestlöhnen.

Ein ungeheurer Erneuerungsprozess

Wer aber die eigentlich wirtschaftliche Leistung bewerten will, der sollte sich einmal zurückzulehnen: In den neues Bundesländern ist ein niegelnagelneues Land entstanden. Praktisch jede Straße, jedes Bahngleis sind neu; jedes Telefonkabel, fast jede Brücke, jede Wohnung, jedes Fenster; jede Fabrik und jede Schule sind nicht wiederzukennen; der Einheitsschrank wurde ebenso verschrottet wie Autos und sonstige Konsumgüter. Die triste Mangel-Warenwelt der DDR ist praktisch verschwunden; nicht umsonst wächst das Interesse an ostdeutschen Konsum- und Modemuseen. 25 Jahre sind eine lange Zeit. Aber 25 Jahre sind nur ein kurzer Augenblick, wenn man den Umfang der Erneuerung bedenkt – sowohl privat wie auch öffentlich. Die letzten Trabis, die stinkenden Zweitakter-Autos, werden heute liebevoll gepflegt als Andenken an eine Zeit, in der Otto Normalverbraucher 18 Jahre lang warten mußte auf die Lieferung eines Neuwagens, der zum Zeitpunkt der Auslieferung schon Jahrzehnte veraltet war. „Sie wollen nur zu den Bananen“ – mit diesem Satz hat der damalige Grünen-Politiker Otto Schily den Freiheitswunsch der Ostdeutschen denunziert. Aber ist es so verkehrt, statt Armut und Unfreiheit lieber Wohlstand und Freiheit einzutauschen, einen funktionierenden Rechtsstaat gegenüber einer Diktatur zu bevorzugen, und die Bananen mitzunehmen? Sicherlich ist nicht alles Gold, was glänzt, wo gibt es das Glück ohne jeden Schatten? Aber einige Bedingungen sollte man bedenken, die für die blühenden Landschaften notwendig waren: Helmut Kohls wirklich großer Verdienst ist es, die Einheit gegen die Nörgler und Bedenkenträger durchgesetzt zu haben. Oskar Lafontaine, damals Spitzenkandidat der SPD, hat vor den Kosten der Wiedervereinigung gewarnt und wollte die Freizügigkeit der DDR-Bürger nach dem Mauerfall blockieren. Diese Mauer des Westens gegen den Osten haben die Deutschen abgewählt. Die Kosten waren enorm; Schätzungen sprechen von 1.600 bis  2.000 Milliarden €; eine Zahl mit 12 Nullen. Aber gefühlt war es nicht zu viel, sondern gerade richtig. Und es geht nicht nur um Geld.

Lebensentwürfe werden abgewickelt

Viele Menschen im Osten mußten damit fertig werden, dass ihr Leben und mehr noch ihre Lebensentwürfe tiefgreifend umgekrempelt wurde – wer gestern noch ein Held war, wurde zum Verräter. Alte Ehren wie Karrieren wurden entwertet, fast alle Jobs gingen verloren; jeder Lebensbereich veränderte sich in rasender Geschwindigkeit. „Abwickeln“ war lange Jahre der Begriff dafür; im Osten wurde fast alles abgewickelt: Die Unternehmen, die Akademie der Wissenschaften, der Rundfunk, die Polikliniken – das gesamte vertraute Gefüge, zwischen dem sich das Leben abspielt. Das Neue mag meist besser, moderner sein – es war lange das Gefühl vorherrschend, zum Fremden im eigenen Land geworden zu sein. Die wachsende Zufriedenheit läßt sich auch darauf zurückführen, dass an die Stelle der Fremdheit Gewöhnung getreten ist; Normalität an die Stelle des ständig Neuen. Das ist eine ungeheure Leistung, eine ungeheure Veränderungsleistung.

Der große Treck – in beide Richtungen

„Stillstandland Deutschland“, titelt dagegen ein Wirtschaftsmagazin zum Mauerfall – eine grotesk falsche Floskel, die weit an der Wirklichkeit vorbei geht. Kaum ein Land ist mehr in Bewegung, und das wörtlich.

„Insgesamt verließen von 1989 bis einschließlich 2007 rund 3,7 Millionen Menschen den östlichen Teil Deutschlands. Saldiert man diese Zahl mit den gegenläufigen Wanderungsbewegungen in West-Ost-Richtung (ca. 1,97 Millionen Individuen), so erfuhr Ostdeutschland in diesem Zeitraum insgesamt einen Nettowanderungsverlust (kumulierte Nettoabwanderung) von etwa 1,73 Millionen Personen. Dies bedeutet, dass der öst- liche Teil Deutschlands über den Betrachtungszeitraum von 1989–2007 hinweg, allein durch Abwanderung, ungefähr 10,4% seiner ursprünglichen Bevölkerung vom Jahresanfang 1989 verloren hat,“, heißt es in einer Dissertation von Sascha Wolff zur Ost-West-Wanderung. Über die Wanderung nach Westen wird viel publiziert – aber gerne wird übersehen, dass bereits die Hälfte durch Umzugswägen in die andere Richtung ausgeglichen wurde.

Die Erfolgsfaktoren

Leichtfertig werden auch die wirtschaftlichen Bedingungen der Wiedervereinigung unter den Teppich gekehrt: Solide Währung und Marktwirtschaft heißt die Zaubermedizin. „Kommt die D-Mark, bleiben wir. Kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr,“   das war eine der Parolen, die die Wiedervereinigung der Wirtschaft erzwungen hat. Die Blechwährung der DDR, gesteuert durch die Partei und ihre Machtapparate, hat die Entwicklung des Landes gebremst. Ohne gesunde Währung ist kein erfolgreiches Wirtschaften möglich, denn das Zeitalter des Tauschhandels war und ist das Zeitalter des Elends. Aber wissen wir das noch – oder nehmen wir Manipulationen der Währung neuerdings klaglos hin? Und die staatliche Planbürokratie hat ein Übriges getan, Armut zu produzieren, obwohl alle arbeiten und die Umwelt zu zerstören – trotz zu wenig Wachstum und zu geringem Wohlstand. Aber wissen wir das noch – oder lassen wir zu, dass immer weitere Bereiche der Wirtschaft und des Lebens den neuen Plan-Beamten ausgeliefert werden, die angeblich alles besser wissen, aber es nicht verwirklichen? Die Mauer – sie war aber auch Existenznotwendigkeit für die sozialistische Planwirtschaft: Markt und Freiheit wurden ausgesperrt, die Menschen dahinter eingesperrt. Mit dem Fall der Mauer brach auch die sozialistische Zwangs- und Planwirtschaft endgültig zusammen.

Jetzt gehören Freiheit und Markt wieder zueinander.

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