Die Stadt, die Burg und der Euro

Die Europäische Zentralbank ist längst das größte Rettungsboot der Welt - ihr Billiggeld finanziert die Defizite der europäischen Staaten.

Erstaunlicherweise haben Straßenkünstler das als Erste begriffen: Der Bauzaun war jahrelang ein Volksfest der Sprayer, die sich Geld- und kapitalismuskritisch in grellen Farben auftrugen. Eine der letzen Karikaturen zeigte Mario Draghi mit der drei Meter langen Nase des Pinocchio, des Lügners. Das Unbehagen brach sich mit Spraydosen früh Bahn. Weniger wegen der Höhe des Baus, mehr wegen seiner unmissverständlichen Botschaft.
Denn an Hochhäusern ist in Frankfurt kein Mangel. Längst haben die Bürger damit ihren Frieden gemacht. Das gelegentliche Hochhausfestival zieht die Massen an und die Hessen sind auf ihre Riesendinger so stolz wie die Hamburger auf die Reeperbahn und die Münchner auf das Oktoberfest. Doch die Banken stehen als Bündel, hochkonzentriert zwischen Hauptbahnhof und Westenend und relativieren sich gegenseitig. Jeder will der Größte sein und wird dadurch klein. Protziges Gehabe ist ihnen dabei nicht fremd. Legendär ist das Herrenpissoir in der Commerzbank, ab Hüfthöhe mit einer gläsernen Fassade, sodaß man buchstäblich auf den etwas niedrigeren Bau der Deutschen Bank …naja, Pinkeln kann eben.

Architektur ist immer auch Demonstration einer Haltung zur Welt, die Architektur der EZB der pure Herrschaftsanspruch.

Und die EZB herrscht: Sie steht in vier Kilometer Entfernung vom enggedrängten Bankenviertel mit seinen wackligen Hochhausspargeln; größer, beeindruckender, ein Solitär, unvergleichlich und unvergleichbar. Dafür müßte die städtische Raumplanung mit ihrem Verdichtungskonzept geschreddert werden. Zwischen den am Horizon klein wirkenden Bankenhochhäusern und dem Palast der EZB, duckt sich die historische Stadt Frankfurt; klein ihr Kaiserdom wie ein winziger, scheuer Vogel im Gras, in die Zange genommen zwischen den hochfahrenden Türmen des Geldes. Dabei ist diese Botschaft vielleicht gar nicht die schlechteste – die EZB ist nicht Teil der Bankenwelt und ihres Viertels, sondern die Mutter aller Banken und neuerdings sogar ihr Kontrolleur, seit sie die Bankenaufsicht übernommen hat. Und sie ist ihre eigene Insel, abgetrennt vom Rest der Stadt: eine eigene Brücke zum Flughafen ermöglicht ihren Emissären den schnellen Weg von und in die fernen Provinzen des großen europäischen Geldreichs.

Was bei der Planung und auf den Modellen noch leicht, verspielt und transparent gewirkt hat – der lichte, in sich verdrehte Doppelturm der Architekten Coop Himmel(b)lau, ist in der gebauten Realität grau und abweisend. Von innen, wissen die ersten Besucher der Außenwelt zu berichten, von innen sei der Bau transparent, elegant und für seine Bewohner höchst komfortabel ausgestattet. Von außen sind die gläsernen Fronten kalt und uneinsehbar – von innen nach außen dagegen offenbart sich eine geradezu globale Weitsicht. Den Geldgöttern in ihrem Ratssaal im 41 Stock liegt zukünftig die Welt zu Füßen, deren Geschick sie lenken und leiten. Sie sind dort oben, göttergleich, den Wirrungen und Irrungen der Erdlinge enthoben durch ein fünffaches Sicherheitskonzept: Stählerne Poller als erster Schutzwall; ein Burggraben als zweiter, dann eine Prallmauer aus Beton, ein Stahlzaun bis 2.20 Meter und dahinter ein hügeliges Retrait: Die EZB ist gesichert, also ob sie das Geld, tatsächlich und buchstäblich in ihren unterirdischen Gelassen drucken würde und sich daher vor Panzerknackern und deren Schweißbrennern schützen müßte wie Dagobert Duck seinen Geldspeicher. Offenheit? Transparenz? Vermittlung? Fehlanzeige.

Dabei gaukelt die EZB Bürgernähe vor, wenn sie auf modernen Kanälen wie Twitter dazu einlädt, zeitgeistige Selfies zu fotografieren: „Ich und mein neuer 10-Euro-Schein“; die Portraits werden dann zu einem gigantischen Pixelschein winziger Bürgerköpflinge monitert.
Ihr Headquarter ist alles andere als bürgernah – während es in ihrem alten Gründungsturm wenigstens noch einen Andenkenshop mit geschnipselten D-Markscheinen gab, so ist der Bürger jetzt ausgesperrt.
Trotzdem – die Stadt Frankfurt und ihre Bürger lieben die EZB; sie wissen seit Goethe, dass am Gelde hängt und zum Gelde alles drängt. Die EZB bringt Geld in die Stadt; das Ballett der Baukräne tanzt fröhlich, obwohl die Bankenkrise weiter schwelt und Arbeitsplätze frißt.

„Gemüsedom“ nannten die Frankfurter einst ihre geliebte, gigantische Großmarkthalle. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang wurde mit verderblichen Südfrüchten gehandelt. Jetzt verschwindet der Gemüsedom im Schatten des  Geldlturms. Dort wird weiter mit verderblichen Südfrüchten gehandelt. Mit faulen Krediten südeuropäischer Banken.

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