Von der Leyen blamiert: Alters-Kontroll-App floppt

Peinlich für die Europäische Kommission und Ursula von der Leyen: Nur wenige Stunden nach der Präsentation ihrer neuen Altersverifikations-App steht das Projekt massiv in der Kritik. IT-Sicherheitsexperten äußern erhebliche Zweifel an der technischen Reife und Sicherheit der Anwendung.

IMAGO / Anadolu Agency

Was als Fortschritt gedacht war, entwickelt sich zunehmend zu einer belastenden Debatte für Brüssel: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte die Anwendung in Brüssel vorgestellt und betont, sie sei „technisch bereit“ für den Einsatz. Die App soll es ermöglichen, das Alter von Nutzern im Internet zu bestätigen – etwa beim Zugang zu sozialen Netzwerken oder nicht jugendfreien Inhalten. Für die plötzlich großen politischen Bemühungen, Minderjährige besser vor Risiken im Netz zu schützen, gilt das Projekt als zentraler Baustein.

Doch unmittelbar nach der Veröffentlichung des Quellcodes auf der Plattform GitHub begannen Fachleute mit der Analyse und fanden schnell gravierende Schwachstellen. Der irische Sicherheitsberater Paul Moore erklärte öffentlich, er habe die Schutzmechanismen der App innerhalb von nur zwei Minuten umgehen können, berichtet dazu auch Politico. Seinen Angaben zufolge würden sensible Daten lokal auf dem Gerät gespeichert, ohne ausreichend abgesichert zu sein.

Sicherheitslücken

Ähnliche Kritik kommt auch aus Frankreich: Der bekannte Hacker Baptiste Robert bestätigte Sicherheitslücken und wies darauf hin, dass sogar biometrische Schutzmechanismen umgangen werden könnten. Damit wäre es theoretisch möglich, dass unbefugte Personen – etwa Minderjährige – die App nutzen, ohne die vorgesehenen Sicherheitsabfragen zu durchlaufen.

Auch der Kryptografie-Experte Olivier Blazy, der an einer französischen Taskforce für digitale Identitäten beteiligt ist, sieht ein grundlegendes Problem: Selbst wenn eine Person ihr Alter korrekt verifiziert, könnte ein Dritter das Gerät übernehmen und sich anschließend ebenfalls als volljährig ausgeben. Die technische Umsetzung biete somit keine verlässliche Garantie für den tatsächlichen Schutz von Minderjährigen.

EU-Spitze spricht jetzt von „Demoversion“

Die Europäische Kommission weist die Vorwürfe zurück – Sprecherin Paula Pinho erklärte, die App sei grundsätzlich einsatzbereit, räumte jedoch ein, dass Verbesserungen jederzeit möglich seien. Gleichzeitig relativierte Digitalsprecher Thomas Regnier die Situation, indem er die aktuell verfügbare Version als eine Art „Demoversion“ bezeichnete, die noch weiterentwickelt werde.

Diese widersprüchlichen Aussagen tragen zur Verunsicherung bei. Während Brüssel betont, dass es sich um ein transparentes Open-Source-Projekt handelt, kritisieren Experten, dass die veröffentlichten Codes nicht den üblichen Sicherheitsstandards für ein derart sensibles System entsprechen. Speziell bei Anwendungen, die persönliche Identitätsdaten betreffen, sei höchste Sorgfalt erforderlich.

Hinter der technischen Debatte steht noch ein tiefergehender politischer Konflikt: In ganz Europa wollen nun Regierungen Kinder und Jugendliche besser vor schädlichen Online-Inhalten schützen, Initiativen zur Alterskontrolle werden daher zunehmend vorangetrieben. So hatte etwa Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kürzlich mehrere europäische Regierungschefs zu Beratungen über strengere Regeln eingeladen. Auch Australien hat etwa Altersbeschränkungen für soziale Medien eingeführt.

Die Kritik an dieser plötzlichen Besorgtheit der Politik ist aber nachvollziehbar: Mit dem Absaugen der Daten könnten die Web-User die bisher von vielen geschätzte Anonymität verlieren – auch Whistleblower und die Regierung kritisierende Blogger.

Die jetzt präsentierte EU-App basiert auf dem sogenannten „Zero-Knowledge-Proof“-Prinzip. Dabei soll lediglich bestätigt werden, dass eine Person ein bestimmtes Alter erreicht hat, ohne weitere persönliche Daten preiszugeben. Nutzer können sich etwa mit Reisepass, Personalausweis oder über vertrauenswürdige Anbieter wie Banken identifizieren. Plattformen erhalten dann lediglich die Information, ob jemand alt genug ist – nicht aber zusätzliche Details. So wird das jedenfalls versprochen.

Trotz dieses datenschutzfreundlichen Ansatzes bleiben Zweifel: Kritiker argumentieren, dass die Technologie insgesamt noch nicht ausgereift sei. Zudem könnten Nutzer die Systeme leicht umgehen – etwa durch VPN-Dienste, die den eigenen Standort verschleiern.

Europaabgeordnete Markéta Gregorová (Grüne) warnte, der Prozess werde unter politischem Druck überhastet vorangetrieben. Selbst die deutsche Abgeordnete Birgit Sippel (SPD) bezeichnete die Anwendung als unausgereift und nicht im Einklang mit den eigenen Standards der EU. Noch schärfer äußerte sich der polnische Politiker Piotr Müller (PiS), der vor einem übermäßigen Eingriff in die Privatsphäre warnte und Parallelen zu stark regulierten Internetmodellen zog.

Bereits im März hatten mehr als 400 Experten in einem offenen Brief gefordert, die Einführung solcher Technologien vorerst auszusetzen. Sie plädieren für eine umfassendere wissenschaftliche Bewertung der Risiken und Chancen.

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Kommentare ( 27 )

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27 Comments
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Franz Schroeder
3 Stunden her

DIE APP IST TECHNISCH FERTIG UND DATENSICHER.

DIE IMPFUNG IST NEBEMWIRKUNGSFREI UND SCHÜTZ VOR WEITERGABE, ANSTECKUNG UND SCHWEREM VERLAUF….

NOCH FRAGEN?

Rob Roy
3 Stunden her

Die EU muss zurückgeschnitten werden wie verwuchertem ungepflegte Hecke. Zurück zu einer EG/EWG, die sich rein auf zollfreien Handel und visafreie Reisen für Euro-Bürger innerhalb Europas beschränkt, aber den Staaten ihre Autonomie und Souveränität nicht länger abspricht. Zurück zu eigenen Währungen, die die Leistungen der jeweiligen Länder repräsentieren.

LF
4 Stunden her

Ich denke, wir können alle froh sein, dass diese App ein Flop ist. Hoffentlich! Daran erkenne ich nichts trauriges.

Sozia
4 Stunden her

War nicht von der Leyen die gute Freundin jener Person, die Deutschland zu „Neuland“ erklärte? Also ist jetzt dank von der Leyen ganz Europa „Neuland“? Vielleicht sollte man die EU in NU umbenennen. Union der Neulandstaaten von von der Leyens Gnaden.

ralf12
4 Stunden her

Es geht doch nur um Zensur, nicht um den Schutz minderjähriger. Somit sind die Mängel der App irrelevant. Ja, wenn es gelingt die App zu hacken und als Minderjähriger daran vorbei ohne Altersübedrprüfung Fratzen Buch und Co zu nutzen, dann ist das ein vernachlässigbarer Schaden. Die Masse wird dadurch zensiert und wenn Zensurursulars befreundeteten Unternehmen (z.B. Google) noch ein paar personenbezogene Daten abgreifen können, ok, der Zweck heiligt die Mittel. Wie lange wollen wir uns von der noch auf der Nase herumtrampeln lassen? Die Frau gehört vor ein Gericht und abgeurteilt!

heinrich hein
5 Stunden her

Was um Himmels willen hat von der Leyen in ihrem politischen Leben hinbekommen? Mir fällt gar nichts ein. Überhaupt nichts.

Jan Usko
5 Stunden her

Hat UvdL schon ein einziges Mal etwas angepackt, was nicht gefloppt ist?
Aber für die Bürger der EU ist dieses Fiasko immer noch besser als von der Ungewählten dauerüberwacht zu werden.

Manfred_Hbg
5 Stunden her

Zitat 1: „von der Leyen hatte die Anwendung in Brüssel vorgestellt und betont, sie sei „technisch bereit“ für den Einsatz“ > Haha -…von unter anderem „technisch bereit“ hin zur „Demoversion“. – Sie sind sich in dem Leyen’schen Saftladen von EU-Brüssel für keine Entblödung zu schade. Mir fällt hierzu nur noch ein: Dieses gesamte EU-Brüssel ist eine „Demoversion“ und sollte dahin geschafft werden wohin es gehört: auf’m Müllhaufen der Geschichte. – – – – – Zitat 2: „Plattformen erhalten dann lediglich die Information, ob jemand alt genug ist – nicht aber zusätzliche Details.“ > Na klar, darauf würde ich „natürlich“ sofort… Mehr

Last edited 5 Stunden her by Manfred_Hbg
Johannes Stoller
5 Stunden her

Die Informatiker werden die App wasserdicht machen.
Für die ist das kein Problem.

AlexR
6 Stunden her

Der größte Flopp ist UvdL. Wie lange noch? Dann geht sie ohne Aussetzen sofort in das Amt des Bundespräsidenten einschließlich ihrer Berater und Visagisten.