Es gibt so Fotos, die sollten im Deutschen Historischen Museum ausgestellt werden. Der grüne Vizepräsident des Bundestages bekommt vom König der Niederlande einen Orden – und freut sich wie ein Kind zu Weihnachten.
picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka
„In Demut danke ich für diese große Ehre.“ So schreibt Omid Nouripour auf der Plattform LinkedIn. Der Anlass: „Ich wurde gestern von seiner Majestät, König Willem-Alexander der Niederlande zum Großoffizier des Ordens Oranien-Nassau ernannt.“ (Fehlendes Komma aus dem Original übernommen.)

Screenprint via LinkedIn / Omid Nouripour
Wer sich an den Mann nicht mehr erinnern kann: Nouripour ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit war er Co-Vorsitzender der Grünen – einer Partei, die jahrzehntelang gegen Autoritäten, Herrschaftsstrukturen, Monarchien, Orden, Uniformen und alles kämpfte, was nach Staat aussah.
Jetzt steht er geschniegelt und gebügelt im Frack beim Staatsempfang und strahlt dabei wie ein Sechsjähriger vor der Bescherung. Ein Orden, heißa! Nicht irgendein Orden übrigens, sondern einer, der vom niederländischen Königshaus verliehen wird – von einer Institution also, die der klassische Grüne ungefähr so sympathisch findet wie einen Kohlekraftwerksbetreiber mit Privatjet.
O tempora mutantur – wie sich die Zeiten ändern.
Aus einem rebellischen Straßenkämpfer gegen die Obrigkeit wird irgendwann nahezu zwangsläufig die Obrigkeit selbst. Aus einem Gegner von staatlichen Insignien wird ein Sammler. Aus einem Kritiker von Herrschaftsritualen wird ein enthusiastischer Teilnehmer.
Nouripour beweist in seiner Metamorphose eine bemerkenswerte Hingabe. Er bejubelt die Auszeichnung an sich selbst mit einer Mischung aus unterwürfiger Demutssimulation und unverstellter Selbstverliebtheit. So etwas kennt man sonst von Schauspielern bei der Oscarverleihung. Man könnte den Eindruck gewinnen, hier werde gerade der Friedensnobelpreis für die Rettung Europas entgegengenommen.
In Wahrheit bekommt natürlich nicht der Mensch den Orden, sondern die Amtsperson. Nouripour wird nicht als Privatmann geehrt, nicht als Wissenschaftler, Unternehmer, Erfinder oder Lebensretter. Er hat weder die Spanische Armada versenkt, noch die Pocken geheilt. Er bekommt die Auszeichnung als Vizepräsident des Deutschen Bundestages: als protokollarisch hochrangiger Repräsentant des deutschen Staates.
Mit anderen Worten: Der Orden wird dem Amt verliehen, der Amtsinhaber trägt ihn nur.
Umso bemerkenswerter ist die Inbrunst, mit der Nouripour den Vorgang öffentlich zelebriert. Andere Politiker erwähnen solche Ehrungen eher beiläufig. Sie wissen, dass Orden immer Ausdruck diplomatischer Gepflogenheiten sind. Dass sie etwas mit Ämtern, Funktionen und Repräsentation zu tun haben. Nouripour dagegen wirkt wie ein Mann, der gerade zum Ritter der Tafelrunde geschlagen wurde.
Man möchte ihm zurufen: Es ist nur ein Orden, Omid.
Und weil zur großen Bühne auch das richtige Kostüm gehört, erschien Nouripour selbstverständlich im Frack. Zu diesem klassischen und traditionsreichen Kleidungsstück gehören – sozusagen im Seidensaum eingenäht – allerdings auch ein paar wichtige Stilregeln. Eines dieser ungeschriebenen Gesetze, die seit Generationen in Diplomatenkreisen bekannt sind, lautet:
Zum Frack trägt man keine Armbanduhr. Nie.
Denn wer Frack trägt, der signalisiert damit auch, dass er Zeit hat und sich für seine Gesprächspartner Zeit nimmt; dass er nicht ständig auf die Uhr schauen muss; dass der Abend wichtiger ist als der Terminplan.
Davon freilich hat Omid Nouripour nichts gewusst. Und weil sich so ein erfahrener Berufspolitiker nicht gerne reinreden lässt, hat ihn auch niemand aus der Protokollabteilung des Bundestages informiert. Also blitzte am Handgelenk des frisch dekorierten Würdenträgers eine Armbanduhr – eine ziemlich fette sogar.
Sicher, es ist nur ein Detail. Aber oft erzählen eben die Details die eigentliche Geschichte. Die Geschichte eines Mannes etwa, der sich gleichzeitig als großer Staatsmann inszenieren möchte, aber die kleinen Regeln der Staatsrepräsentation nicht kennt. Und die Geschichte einer politischen Klasse, die jede Ehrung für das eigene Amt sofort als Ehrung der eigenen Person missversteht.
An dieses Bild werden wir uns erinnern: an Omid Nouripour im Frack, mit Orden, mit Uhr. Und mit breitem Lächeln. Ein ehemaliger Anti-Establishment-Politiker, der aussieht, als habe er gerade seine Aufnahme in den europäischen Hochadel erhalten. Der Ritter vom Orden wider den Klassenkampf.
Manchmal schreibt Satire keine Texte. Manchmal stellt sie sich einfach für ein Foto vor die Kamera.

Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Darf man den großen Staatenlenker und Fußball-Experten gemäß dem Orden jetzt eigentlich „Nassauer“ nennen?
> Zum Frack trägt man keine Armbanduhr. Nie.
Aha. Das größte Problem unserer Zeit präzise erkannt. (Ich nutze übrigens nur noch Handy als Uhr, da ich für immer teurere Batteriewechsel zu geizig bin.)
Er bleibt halt ein Uhripour.
Nur „poor“ scheint er nicht zu sein…
Denken Sie an Kant:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ wiki
.
Aber immerhin verstand er den Hinweis auf der Einladung und hat sich einen besorgt.
Wie wäre es mit einer mechanischen Uhr? Gäbe es auch mit automatischen werk. Vollkommen Batterielos. Natürlich eher was für Connaisseurs…
Es gibt spezielle Frackuhren. Die sind besonders klein und als Taschenuhr unterzubringen. Natürlich mechanisch – denn damals, als der Frack Eingang fand, gab es keine „automatischen“.
Oh, da muss ich Sie korrigieren, denn Uhren mit Automatikaufzug gibt es sein Mitte/Ende des 18. Jhdt. Damals als Taschenuhr (wegen des Platzbedarfs für den Rotor). Quasi zeitgleich zum Frack.
Ist der immer noch nicht geplatzt?
Ich halte nichts von Noripur und Grünen aller Art allgemein. Aber er ist der Bundestagsvizepräsident, der noch am Neutralsten gegenüber der AfD ist.
Und dass soll sein, was ihn auszeichnet?
Ist da nicht „normal“ – wenn auch in diesen Zeiten, wie es scheint, nicht mehr?
Wo schrieb ich irgend etwas von Auszeichnung?
Ein sich freuender Grüner, ist mir lieber, als die „Grünen“ Dauerschreier im Bundestag
Oh, ein Grünling im Ordensfrack! Das sollte die BILD-Zeitung mal bringen. Als Joschka Fischer Außenminister war, hat er es peinlich vermieden, sich in Frackgarnitur zu zeigen. Er wollte seine politischen Wurzeln nicht verleugnen.
Gemeinsamkeiten mit unseren Vorfahren? Äffchen kennen auch keine Gepflogenheiten, keinen Genierer, keine Manieren, keine Zurückhaltung und schon gar keinen Stiel! Äffchen halt, ok mit Blechorden kann man auch sie locken – vorübergehend zumindest, das ist beim Menschlein schon ein bisserl anders! Hat Menschlein mal einen Orden, lässt er das Stückchen bunten Blech nie mehr los, es wird gehegt, gepflegt, gewienert und gezeigt, das bunte Stückchen Blech, das so hohl klingt, so hohl wenn man draufklopft, so unendlich hohl, wie die Köpfchen, die sich über so ein Stückchen Blech so unendlich freuen können, ja sich damit sogar identifizieren. Irgendwie schlimmer als… Mehr
Im übrigen, die Grünen waren eine Erfindung der CIA. Divide et Impera. Ich hoffe sehr, dass die AfD, keine Erfindung der CIA sind. Ganz sicher bin ich nicht.
Sicher dürfte hingegen sein, diese Erfindung war kaum als Segen gemeint. Ob es die Begeisterung für das Land der Erfinder schmälern kann?
Die Bemerkung über die falsche Armbanduhr nehme ich dem Autor besonders übel. Denn entweder wächst man in den „hohen sozialen Schichten“ (Adel, „altes Geld“) auf, in denen Frack getragen wird, dann wird einem der „richtige“ Stil vom Kindermädchen eingeimpft. Oder eben nicht, dann wird man in Details immer „Fehler“ machen, die anzeigen, „er gehört nicht zu uns“.
Will also der Autor sagen, dass nur Menschen aus „unseren“ sozialen Schichten in die Politik gehen dürfen? Weil er sich bei den anderen die Nase rümpft?
Nein Herr Seiler, so ist das nicht. Es gab dereinst ein Protokoll für das Parlament – anhängend am Außenamt – erinnert sei stellvertretend an Erika Pappritz – und die hätte dafür gesorgt, dass man sich so eben nicht daneben benimmt: https://de.wikipedia.org/wiki/Erica_Pappritz Heute ist einer wie Nouripour auf Eigenrecherche angewiesen – und schon der Schneider oder Verleiher seines Fracks hätte ihm Auskunft geben können, was geht und was eben nicht: https://xuits.com/storys/wie-traegt-man-einen-frack/ Und das ist, was ich denen ankreide: dass sie weder beim Frack tragen noch sonst Kompetenz, die durchaus zu erreichen ist, einbeziehen, um zum Wohle aller agieren zu können. Eingeschlossen… Mehr
Es gibt den österreichischen Witz: Was ist die Höchststrafe für einen erfolgreichen Revolutionär (also: in Österreich)? Antwort: Das Erscheinen auf dem Opernball.
Scherz beiseite: Müssen die Repräsentanten einer neuen, freien Gesellschaft, die die alten Standesunterschiede (mit Recht!) ablehnt, sich Sitten unterwerfen, die einem Ständestaat entstammen, in denen alle, die „nicht einer von uns“ sind, naserümpfend verachtet werden? Ich meine: NEIN.
Das Problem mit Herrn Nouripour ist doch nicht seine Armbanduhr, es ist die Politik seiner Partei. So sachlich sollte man doch schon sein.
Herzallerliebst. Welch eine gelungene Integration in eine weit verbreitete deutsche Eigenart der Obrigkeitsgläubigkeit und des Spießertums.
Kleider machen Leute und Orden sind oft der Balsam der Anerkennung, nach dem eine arme, verirrte Seele in Wahrheit immer gelechzt hat.
Schade, das mit der Armbanduhr hat die Sache wohl etwas verdorben und der anwesende Connaisseur hat dabei sicherlich das Näschen gerümpft.