In der journalistischen Gesinnungsgemeinschaft hängt der Haussegen schief. „Correctiv“-Chef David Schraven will keinen Tarifvertrag für seine Leute. Jetzt machen die Kumpels der Journalistengewerkschaften Stress. Popcorn, bitte!
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Beim Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf. Und nicht nur die. Auch sorgsam und mit viel Aufwand gepflegte Fassaden von Anstand, Moral, Gerechtigkeitssinn und sozialem Gewissen zerbröseln in Rekordgeschwindigkeit zu Staub, sobald es um die Penunse geht.
Das selbsternannte Recherchekollektiv „Correctiv“ wehrt sich gegen einen Haustarifvertrag. Genauer: Gründer und Chef David Schraven wehrt sich dagegen. Jetzt sind die Gewerkschaften DJV (Deutscher Journalisten-Verband) und DJU (Deutsche Journalisten-Union) sauer. Sie überlegen, Schravens Mitarbeiter zum Streik aufzurufen.
Schraven wettert so vehement gegen die Forderung nach einem Haustarifvertrag, dass auch der geldgierigste Ausbeuter blass wird vor Neid. Das klingt dann so:
„Statt eines Haustarifs setzt Correctiv seit 2021 auf ein eigenes, fünfstufiges Gehaltsmodell. Es verbindet Berufserfahrung mit gezielter Kompetenzentwicklung und ist offen für unterschiedliche Berufswege.
(…)
Die Gehälter bei Correctiv orientieren sich – mit Blick auf andere gemeinnützige Organisationen und Medien-Start-ups – an branchenüblichen Standards.“
Was man halt so schreibt, wenn man seine Leute nicht nach Tarif bezahlen will.
Im November 2024 war noch alles in Butter. Da ließ der DJV-Landesverband Nordrhein-Westfalen David Schraven auf Nachwuchsjournalisten los. Er sollte einen Workshop über „alternative Herangehensweisen im Journalismus“ leiten.
„Correctiv“ hat sich auf die Fahnen geschrieben, Grenzen einzureißen – vor allem die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus. Dafür hat das „Medienportal“ sozusagen die Methode des „Spiegel“-Geschichtenerfinders Relotius perfektioniert. Unvergessen, wie Schravens Schreiber komplette Fantasieprodukte im Zusammenhang mit einem rechten Treffen in Potsdam als Tatsachen verkauften. Stichwort „Remigration“. Zwischenzeitlich war die Aussage gerichtlich erlaubt, das Portal verbreite „dreckige Lügen“.
Ausgerechnet mit dem Kopf dahinter sollten künftige Reporter über solche Fragen nachdenken: „Was sind Ansätze für den ‚Journalismus von morgen‘? Wie kann Journalismus neu gedacht und neugestaltet werden? Welche neuen Erzählweisen gibt es? Und was sollten viele Redaktionen wagen und ausprobieren, um noch spannender, noch vernetzter und noch innovativer zu werden?“
Kurz gesagt: „Correctiv“ gehört felsenfest zum linken Journalistenmilieu der Republik.
Doch jetzt ist Zoff in der Familie. Einstweilen wird Schraven von DJV und DJU absehbar keine Einladungen für Vorträge mehr bekommen. Aber nicht wegen seines Hangs zur Desinformation – sondern wegen seines Kriegs gegen einen Haustarifvertrag.
Den führt er in bester Tradition professioneller Desinformation. Schraven teilt mit, es habe erst kürzlich eine „strukturelle Gehaltserhöhung“ gegeben, „die deutlich über dem letzten Tarifabschluss der Gewerkschaften lag“.
Na ja – wenn man den Mitarbeitern von vorneherein viel weniger zahlt, als im Tarif vorgesehen ist, dann kann man die Gehälter zwischendurch auch mal stärker erhöhen, als der Tarif es verlangt. Für den Arbeitgeber bleibt das ein lohnendes Geschäft. Eine große Erhöhung von Wenig ist immer noch günstiger als eine kleine Erhöhung von Viel.
Dann drückt die „Correctiv“-Führung auf die Tränendrüse. Das darf bei Linken ja nie fehlen.
„Ein traditioneller Tarifvertrag würde auf das Finanzierungsmodell erheblichen Druck ausüben und passt aus Sicht der Geschäftsführung nicht zu der agilen Organisationsform.“
Es gehe darum, „die Innovationskraft unserer Organisation zu sichern und zu stärken. Ein Haustarif würde unsere Flexibilität einschränken.”
Das sind Sätze direkt aus dem Sprach-Baukasten „Der kleine Turbo-Kapitalist“.
David Schraven und sein auffälliges Sozialverhalten sind seit vielen Jahren Thema in der Branche. Schon 2014 gab es massive Kritik an seiner Personalführung: Da war er noch bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) und strich einem in Ungnade gefallenen Mitarbeiter schon mal öffentlich über „X“ (damals Twitter) Aufträge.
Sogar der ja nun selbst dezidiert linke „Deutschlandfunk“ sah sich dazu genötigt, diesen äußerst fragwürdigen Umgang mit Mitarbeitern als „getwitterten Arbeitsentzug“ zu bezeichnen.
Schraven kokettiert bisweilen damit, der „unbeliebteste Mensch im Raum“ zu sein. Das schafft er spielend. Vor knapp anderthalb Jahren warf seine damalige Co-Geschäftsführerin Jeannette Gusko das Handtuch und flüchtete.
„Correctiv“, schreibt der derart ums Mitarbeiterwohl besorgte Chef Schraven, finanziere sich zu 60 Prozent aus Privatspenden. Was er nicht schreibt: Es gibt auch einen stetigen Zufluss in seine Betriebskasse aus der Staatskasse. Seit Gründung im Jahr 2014 soll „Correctiv“ nach unbestätigten Berichten mindestens 2,5 Millionen Euro an Steuergeld erhalten haben – für „Projektförderung“.
Am vergangenen Donnerstag hat der Bundestag mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und Grünen das sogenannte Tariftreuegesetz verabschiedet. Demnach darf der Bund öffentliche Aufträge ab einer Gesamtsumme von 50.000 Euro künftig nur noch an Unternehmen vergeben, die ihre Mitarbeiter mit Tarifvertrag oder zu ähnlichen Bedingungen beschäftigen.
Das Gesetz, jubeln vor allem die Sozialdemokraten, schaffe bei Aufträgen des Bundes gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Unternehmen. Das verbinde Investitionen mit anständigen Löhnen und guten Arbeitsbedingungen. Die neue Regelung gilt zwar nicht für Lieferaufträge beim Einkauf von Fahrzeugen, Büromaterial oder IT-Hardware. Sehr wohl gilt sie aber für Bauaufträge – und für Dienstleistungen.
Nun fragt sich der unbefangene Zuschauer: Wird Schraven und seinem Laden jetzt die staatliche Förderung gestrichen?
„Correctiv“ sei offen für „unterschiedliche Berufswege“, steht auf der Internetseite. Vielleicht muss David Schraven ja demnächst einen neuen Berufsweg einschlagen.
Für ihn wäre das sicher ein Verlust. Für den Journalismus wäre es ein Gewinn.



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