"Faschismus" ist eigentlich die Bezeichnung für Mussolinis autoritäre Bewegung. Mittlerweile bedeutet der Begriff gar nichts mehr. Alles und jeder kann Faschist sein. Das verdanken wir auch Luigi Pantisano.
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Luigi Pantisano, der weithin unterschätzte Vorsitzende der Linkspartei, hat eine von der Öffentlichkeit bisher zu wenig bemerkte, von einigen sogar falsch verstandene kulturelle Großtat vollbracht, mehr noch, man wird ihn künftig Luigi, den Befreier nennen. Er hat uns erlöst von der Herrschaft eines niederdrückenden, eines deprimierenden und vor allem diskriminierenden und ja auch toxischen Begriffs, der übrigens umso toxischer war, je unschärfer er blieb. Doch nun ist aus dem hypercodierten, polysemantischen Begriff Faschismus oder Faschist, der Existenzen vernichtete, ein einfaches, ganz banales Schimpfwort geworden, sozusagen ein Schoßhündchen, das hin und wieder einmal knurrt.
Wer vor Pantisanos Befreiungstat Faschist genannt wurde, der stand plötzlich am Schandpfahl und in Verbindung mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das konnte ihn Arbeit, Reputation und Freunde kosten. Mit dem Sieg der Linken im Historikerstreit und mit ihrer Eroberung der Diskursherrschaft konnten die Rotgrünen ihren Totalitarismus von links verbergen, indem sie die Faschistenkeule schwangen, um den realen oder in den meisten Fällen vermeintlichen Totalitarismus von rechts zu brandmarken. Mehr noch, der Abbau von Demokratie und Freiheit bis hin zu Merkels rotgrüner Postdemokratie fand unter dem Label Kampf gegen Rechts statt, wobei „rechts“ synonym mit rechtsextrem, rechtsradikal oder faschistisch gebraucht wurde.
Dass der Begriff Faschismus ein KI-Fake war – KI nicht als Künstliche Intelligenz, sondern als Komintern –, wurde gern verschwiegen, weil die Rotgrünen wie schon die Kommunisten aller Länder in Moskau ein großes Problem damit hatten, dass zwar einerseits Hitler der Hauptgegner war, andererseits im Wort Nationalsozialismus das Wort Sozialismus vorkam, der wunderbare Gulag-Sozialismus, der doch in der Sowjetunion aufgebaut wurde und der in den Heimatländern der Kommunisten ebenfalls errichtet werden sollte.
Um korrekt zu bleiben, half der Begriff Faschismus sogar von 1939 bis 1941, dass man Antifaschist bleiben konnte, ohne gegen Hitler sein zu müssen, denn der war im Hitler-Stalin-Pakt plötzlich Stalins Verbündeter. Das trieb die deutschen Kommunisten zu den schlimmsten Verrenkungen und den kommunistischen Dichter Johannes R. Becher zu einem schaurigen Gedicht. Während Stalin deutsche Kommunisten im Moskauer Exil an Hitler auslieferte, die dann sofort im KZ verschwanden oder erschossen wurde, hymmte Becher tapfer:
An Stalin.
Du schützt mit deiner starken Hand
Den Garten der Sowjetunion.
Und jedes Unkraut reißt du aus.
Du, Mutter Russlands größter Sohn,
nimm diesen Strauß mit Akelei
zum Zeichen für das Friedensband,
das fest sich spannt zur Reichskanzlei.
Unter Faschismus konnte man und kann man historisch und begrifflich korrekt nur Mussolinis Bewegung verstehen. Heerschaaren von Historikern, Politologen, Soziologen oder Ornithologen politischen Gefieders mühten sich je nach eigener Weltanschauung oder nach eigener politischer Agenda ab, eine Definition zu finden, die letztlich mehr über sie aussagte als über die Problematik selbst.
Eigentlich geht das Wort auf das italienische Wort fascio zurück, das wiederum vom lateinischen fascis abstammt: Das hölzerne Rutenbündel, in dem ein Beil steckte, und das die Machthaber bei Etruskern und Römern symbolisierte. Im Römischen Reich trugen die Liktoren die fasces als Insignien der Macht hohen römischen Beamten voran. Im 19. Jahrhundert nutzte die Bewegung zur nationalen Einigung Italiens, aber auch die entstehende Arbeiterbewegung Italiens, dieses Symbol. So wurden beispielsweise die Fasci siciliani als Bund der sizilianischen Arbeiterbewegung 1889 in Messina gegründet.
Mussolini, der aus der Arbeiterbewegung kam, gründete 1919 die Fasci di combattimento, mit der die Geschichte des Faschismus als italienischer Faschismus begann. In ganz Europa entstanden nach dem Ersten Weltkrieg autoritäre und nationalistische Bewegungen oder Parteien.
Viele italienische Futuristen, wie Filippo Tommaso Marinetti, der Bildhauer Giacomo Balla oder die Maler Fortunato Depero und Gerardo Dottori, engagierten sich für Mussolinis Faschismus, in dem sie den Inbegriff der Moderne erblickten – ebenso, wie sich die russischen Futuristen wie Wladimir Majakowski oder David Burliuk für den Bolschewismus begeisterten. Bolschewismus und Mussolinis aus der Arbeiterbewegung stammender Faschismus verband die gleiche totalitäre Vorstellung von der Welt. Von daher hätte man mit Bezug auf den Bolschewismus auch vom linken oder roten Faschismus reden können.
Das alles führt zu dem gleichen Ergebnis, zu dem man in den unterschiedlichen Definitionen des Faschismus gelangt, nämlich zu nichts. In den zwanziger und auch dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts jedenfalls entstanden in Europa eine Vielzahl autoritärer Bewegungen, ob es die Faschisten waren, oder die Nationalsozialisten, die Falangisten oder die Pfeilkreuzer. Auch wenn sich einige gegenseitig beeinflussen und in manchen Punkten ähneln sollten, so unterschied sie auch nicht wenig voneinander. Wollte man für sie alle eine Definition finden, so wäre sie so allgemein gehalten, dass sie missbräuchlicher denn gebräuchlicher würde.
Kehren wir also nach Moskau in das Jahr 1935 zurück. Dringend benötigte die Komintern, die Stalins Werkzeug in der Weltpolitik war und letztlich als 5. Kolonne in ihren Heimatländern Stalin diente, eine Definition, die Nationalsozialismus und Faschismus unter einen Hut brachte, das Wort Sozialismus vermied und im Einklang mit der Klassenkampftheorie von Marx, Lenin und Stalin noch dogmatisch klärte, welcher Weltschurke hinter allem steckte. So verwundert es nicht, dass die Komintern 1935 folgende Definition ex cathedra zum Lehrsatz erhob, die bis heute wirkt und klar macht, dass Faschismus eine rein rechte Angelegenheit war und auch der politisch korrekte Begriff für den Nationalsozialismus ist.
So wütete Dimitrow auf dem VII. Weltkongress der Komintern 1935: „Die reaktionärste Spielart des Faschismus ist der Faschismus deutschen Schlages. Er hat die Dreistigkeit, sich Nationalsozialismus zu nennen, obwohl er nichts mit Sozialismus gemein hat. Der Hitlerfaschismus ist nicht bloß bürgerlicher Nationalismus, er ist ein tierischer Chauvinismus. Das ist ein Regierungssystem des politischen Banditentums, ein System der Provokationen und Folterungen gegenüber der Arbeiterklasse und den revolutionären Elementen der Bauernschaft, des Kleinbürgertums und der Intelligenz. Das ist mittelalterliche Barbarei und Grausamkeit, zügellose Aggressivität gegenüber den anderen Völkern und Ländern.“
Man könnte jetzt mit Karl Kraus sagen, was trifft, trifft zu, denn grosso modo konnte man das auch mutatis mutandis über den Stalinismus sagen. Doch was bis heute den Gebrauch des Begriffs Faschismus ausmacht, ist folgende Definition: „Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist, wie ihn das 13. Plenum des EKKI richtig charakterisiert hat, die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“
Von dieser Definition her lässt sich Pantisanos Diktum verstehen: „Letztlich gibt es gerade gar keinen Unterschied zwischen der CDU, die faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst.“ Denn es ist die CDU, die die Politik „der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ macht und die Faschisten selbst wären dann das Finanzkapital.
Doch Pantisano ist klüger als man glaubt, verschmitzter, ja schalkhafte, ein Hodscha Nasredin oder Till Eulenspiegel unserer Zeit, denn mit seinem burlesken Geniestreich führt er grandios vor, wie rückständig, wie reaktionär, wie veraltet das Denken der Linken ist, die alles Queere, Postkoloniale, Schwule und Diskriminierende unter der Tarnbezeichnung Antidiskriminierung braucht, um nicht als eine Partei von Vorvorgestern dazustehen, die geistig nie aus Stalins Komintern herausgefunden hat.
Doch noch eins ist Pantisano gelungen, da das Wort Faschismus nichts mehr aussagt, nur an eine ferne Definition von finsteren Gestalten für andere finstere Gestalten erinnert, die sich für kurze Zeit auch mal verbündet hatten: Faschist ist nur noch ein Schimpfwort, ein Synonym für einen Menschen oder eine Sache, die man widerlich oder ekelhaft findet. Auf diese Weise können wir alle, Sie und ich, plötzlich Faschisten sein, und können im Gegenzug auch alle anderen als Faschisten bezeichnen.
Sagte man früher „Sie Schuft, Sie“, kann man nach Pantisano jetzt sagen: „Sie Faschist, Sie“. Es wird im Sommer und Herbst faschistische Mücken geben und an der Ampel faschistische Rotphasen, wenn man es gerade eilig hat. Ein ranziger Käse schmeckt faschistisch und es wird auf der öffentlichen Toilette möglichweise faschistisch stinken, der Gärtner ärgert sich mit dem faschistischen Unkraut herum und das Arschloch, das uns die Vorfahrt nimmt, ist jetzt kein Arschloch mehr, sondern ein Faschist. Ich verfluche jetzt alles, was mir nicht passt, als faschistisch. Mein Schuh drückt faschistisch und die faschistische Bahn hat wieder Verspätung und zu allem Überfluss reißt auch noch der faschistische Schnürsenkel. Die befreiende Wirkung ist enorm. Probieren Sie es einmal! Es ist, als ob man sich ein Fisherman‘s Friend einwirft.
Vielleicht wechseln auch die Linken ihre Gesänge, damit es nicht so langweilig und eintönig wird und rufen im Wechsel: „Alerta, alerta fascista“ und „Alerta, alerta antifascista“.
Unter Luigi Pantisano könnte die Linke zum ersten Mal eine emanzipatorische Bewegung werden. Und wenn Sie jemand als Faschist beschimpft, antworten Sie locker darauf: „Angenehm, Meier.“


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