Wie italienische Politiker Weihnachten in Europa retteten

Die EU-Kommission legte im Oktober einen Leitfaden mit Sprachanweisungen vor. Erst einen Monat später griffen die Medien das Thema auf. Auch in Deutschland wurde berichtet, dass der Begriff Weihnachten zu vermeiden sei, um andere Religionen nicht zu diskriminieren. Doch dann erreichte die Meldung Italien.

IMAGO / Italy Photo Press
Matteo Salvini, Chef der Partei Lega

„Der Grinch fand Weihnachten fürchterlich. Fragt nicht warum, man weiß es nicht.“ So heißt es im Kinderbuch „Der Grinch oder die geklauten Geschenke“. Tatsächlich klingt der Versuch der Europäischen Union, das Weihnachtsfest aus dem Wortschatz zu streichen, wie nach einer Idee des Kinderbuchautors Doctor Seuss, Urheber des Kinderbuch-Klassikers. Die Kommission hatte bereits im Oktober einen Leitfaden vorgelegt, der sich an EU-Mitarbeiter wandte: „#UnionOfEquality. European Commission Guidelines for Inclusive Communication“. Dieses Handbuch für den inklusiven Sprachgebrauch stellte die maltesische Sozialistin Helena Dalli, EU-Kommissarin für Gleichstellung, am 26. Oktober vor.

Es dauerte jedoch einen ganzen Monat, bevor die Medien das Thema aufgriffen. Die 32 Seiten starke Broschüre besteht aus einer Liste von „Dos and Don’ts“, also Handlungsanweisungen, welche Sätze zu unterlassen seien, die inklusive Kritik daran sowie Vorschläge, was man besser sagen sollte. Dem Hauptteil sind dabei fettgedruckte Empfehlungen vorangestellt, etwa: „Verwenden Sie niemals geschlechtsspezifische Substantive wie Arbeiter, Polizisten oder männliche Pronomen (he, his) als eine Vorgabe“, oder „Stellen Sie bei der Verwendung einer Vielzahl von Bildern, Zeugnissen und Geschichten sicher, dass sie Vielfalt in allen ihren Sinnen widerspiegelt“. Abgeraten wird zudem von der Verwendung von Anreden wie Mr. oder Miss (vorgeschlagen wird Ms.), der Verwendung des Wortes „Bürger“ zur Adressierung aller Menschen oder der Begrüßungsformel „Damen und Herren“.

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Im Hauptteil folgt eine haargenaue Aufstellung von Alltagsphrasen, die auf jeden Fall zu vermeiden seien. Themenfelder: Gender, LGBTQI, Rassischer und Ethnischer Hintergrund, Kultur/Lifestyle/Glauben, Behinderungen und Alter. Vom erhobenen Zeigefinger über Worte wie „bemannt“ über die Belehrung über das richtige Pronomen bis hin zum vorgegebenen Satz ist alles drin. Statt zu sagen „Afrikanische Einwanderer können nur unqualifizierte Jobs suchen“, soll es lauten „Strukturelle Aspekte wie fehlende Chancengleichheit führen dazu, dass afrikanische Migranten in unqualifizierten Jobs überrepräsentiert sind“. Auch den politischen Standardsatz, dass Familien Kern der Gesellschaft seien, sollte man vermeiden, um Singles nicht zu diskriminieren. So weit, so inklusiv, so sprachdystopisch.

Mediale Aufregung erzeugte davon nur der anti-christliche Aspekt. Auch in Deutschland berichteten die Medien darüber, dass der Begriff Weihnachten zu vermeiden sei, um andere Religionen nicht zu diskriminieren, und in Beispielsätzen sollte darauf Acht gegeben werden, dass christliche Namen vermieden werden sollten – statt Maria und Johannes etwa Malika und Julio. Dass die Gründerväter der EU allesamt gläubige Christen waren und die Europäische Gemeinschaft in ihrer Grundursache ein „abendländisches“ Projekt gegen den materialistischen Kapitalismus und den gottlosen Kommunismus war, schien überall vergessen. Doch dann erreichte die Meldung Italien.

Hatten sich andere mit einer hochgezogenen Augenbraue begnügt, so entfachte die Abwertung des Geburtsfests Christi und die – vermeintliche – Cancel Culture an Maria und Josef (!) im Zentrum des römischen Katholizismus zentrifugale Kräfte. An vorderster Front schürte das konservative Il Giornale die Empörung, die Kommission wolle Weihnachten aus dem Sprachgebrauch ebenso tilgen wie Maria. Es folgten Wortmeldungen von Journalisten und Politikern in den sozialen Medien. Dass Lega-Chef Matteo Salvini die neue Brüsseler Frechheit aufspießte, erfolgte quasi mit Ansage: „Maria, die Mama, Josef, der Papa. Es lebe das heilige Weihnachten!“ Die Oppositionsführerin Giorgia Meloni sagte: „Im Namen einer finsteren Ideologie will die EU die Kultur eines Volkes unterdrücken.“

Schwung bekam die Affäre, als sich auch Antonio Tajani von Berlusconis Forza Italia einschaltete, dessen Wort als ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments besonderes Gewicht hatte. Der Leitfaden sei „absurd“, Inklusion bedeute nicht, dass man „die christlichen Wurzeln der EU leugnet“. Lega und Forza Italia sind Teil der Regierungskoalition von Premierminister Mario Draghi. Selbst der Vatikan – sonst in Angelegenheiten der EU sehr zurückhaltend, wenn nicht wohlwollend geneigt – meldete sich. Kardinalsstaatssekretär Pietro Parolin betonte, dass es richtig sei, Diskriminierungen zu beseitigen. Der von der EU eingeschlagene Weg sei aber nicht der richtige. „Denn am Ende besteht die Gefahr, dass sich das gegen die Person richtet und sie sozusagen annulliert“, sagte Parolin. Der Trend gehe zu einer alles umfassenden „Vereinheitlichung“, man verdränge das, was Realität sei.

Die Auseinandersetzung war damit kein reines Oppositionstheater, auch wenn linksliberale Blätter wie der Guardian die ganze Aktion gerne als Angriff von Rechtsaußen auf legitime Inklusionswünsche framen wollte. Das Land von Don Camillo und Peppone zeigte trotz seiner nur noch als Kulturkatholizismus überlebenden Identität die Zähne. Und das mit Wirkung. Der Protest sorgte dafür, dass sich die EU-Kommissarin genötigt sah, das Papier zurückzuziehen. Das noch vor einem Monat gelobte Stück galt nun nicht mehr als „adäquat“ für seine beabsichtigten Zwecke. Es sei kein „reifes Dokument“ und erreiche nicht die „Qualitätsstandards“ der Kommission.

Die Konservativen Italiens feierten. Tajani twitterte: „Lang lebe das Europa des gesunden Menschenverstandes!“ Hinter den Kulissen droht in Brüssel bereits Ärger. Das Magazin Politico beruft sich auf einen offiziellen Vertreter, der Dallis Kurs in Sachen Inklusivität stark kritisierte. Sie kompensiere ihren Mangel an politischem Gewicht in der Kommission mit einem solchen Papier. „Wir werden verrückt. Mit Dalli erleben wir Surrealismus.“

Provokativ zusammengefasst: Matteo Salvini hat Weihnachten gerettet. Das wäre allemal ein Kinderbuch wert – ohne inklusive Ansprüche.

Den kompletten „Guide“ für inklusive Sprache finden Sie hier.

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Kommentare ( 83 )

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mlw_reloaded
1 Monat her

Wie im letzten „Ausblick“ treffend festgestellt wurde: Ein Testballon hier, einer dort. Frei nach Juncker. Und nach und nach setzt die PC sich durch. Es beginnt mit Toleranz und endet in Unterwerfung.

Sembo
1 Monat her

Wer immer noch glaubt, diese EU sei reformierbar, mag weiter träumen. Aber das Erwachen wird um so schlimmer ausfallen. Dieser Guide ist ein Argument mehr für den DEXIT. Je früher je besser für Europa, ganz Europa.

Robert Tiel
1 Monat her

In den USA wird schon lange eine happy holiday season gewünscht, die ich immer mit Fröhliche Weihnachten beantworte.
Was auch immer geht, ist, dass Habeck und Baerbock wortgleich zum jüdischen Chanukkafest gratulieren. Zum diesjährigen gleichzeitigen 1.Advent – kein Wort.
Soviel zum Ursprung der Gedanken.

Konservativer2
1 Monat her

Solche Dokumente sowie die gesammelten woken Werke sind das Ergebnis von Geisteshaltungen, die vermutlich das Ergebnis gewisser psychischer Dispositionen sind (Stichwort „Selbsthass“).

Gibt es hierzu einschlägige Studien? Ich halte das alles nicht mehr für normal und bin völlig unfähig, mich solchen Dingen anzuschließen. Ich will nur endlich verstehen, was da nicht stimmt.

Hoffnungslos
1 Monat her

Die EU Zentrale in Brüssel tut wirklich alles, um nicht ernst genommen zu werden. Eine KITA für sog. „Young and Elder Global Leader“, die uns allen immer wieder beweist, wie viele geistig überforderte Männer und Frauen doch in allen europäischen Ländern ihr alimentiertes Unwesen treiben.

kb
1 Monat her

Eher erschreckend das nur Italien dieses Thema aufgenommen hat. Das Deutschland da zustimmend nickt – geschenkt. Aber Polen, Ungarn, Spanien etc. etc.

DELO
1 Monat her

Dalli kommt einfach zu spät. Die „geflügelte Jahresendfigur“ wurde schon im Kommunismus-Quark der DDR offeriert. Und Weihnachten war den Kommunisten wegen Christkind und Christbaum schon immer im Weg. Das jetzt in der EU solche Töne laut werden, zeugt von der absoluten Schwäche der Führungsfiguren.

Stefferl
1 Monat her
Antworten an  DELO

Oder es zeugt von der letztlich sozialistischen Gesinnung der hohen Politik um von der Leyen und Merkel herum.

HavemannmitMerkelBesuch
1 Monat her

Da der überall in der westlichen Hemisphäre auferstandene Kommunismus sein Zerstörungswerk an der Freiheit – auch der Freiheit des Wortes – und der Demokratie nie freiwillig aufgeben wird, wird er nun schnell seine Realitäten- und Wahrheitskosmetik über den Vorgang schminken, um ihn sodann etwas defiziler später fortzusetzen und letztlich zu vollenden. Das Böse gibt nie auf. Sozialistin aus Malta, hat noch jemand Fragen? Hätte diese ideologische Verbrecherin noch vor nur 30 Jahren eine Chance erhalten, uns mit ihrem roten Terror zu verschandeln? Was genau geht hier vor, welcher Putsch ist seit 16 Merkeljahren in Europa in Gange? Wir Freunde der… Mehr

Also sprach Zarathustra
1 Monat her

„Vorgeschlagen wird die Verwendung des Wortes „Bürger““. Geht leider nicht, weil böses generisches Maskulin. Ich weiß, vor allem im deutschen. Aber wer an die ganze EU Sprachvorgaben ausgibt, muss an sowas denken. Julio ist kein christlicher Name? Spanische Version von Julian bzw. Julius. Spanien ist ziemlich christlich und Latein die Amtssprache im Vatikan. Die bloße Erwähnung des Christentums ist diskrimminierend und gefährdet die Vielfalt. Aber etwas auszuschließen fördert die Vielfalt? Oder noch besser, ich soll das Christentum nicht erwähnen, aber die Namen aus christlichen Geschichten ersetzen. Ja was denn nun? Erst anderen vorschreiben wie man reden soll und dann zu… Mehr

Last edited 1 Monat her by Also sprach Zarathustra
Winnetou
1 Monat her

Solche dummen sinnbefreiten Richtlinien haben für mich keine Gültigkeit!